48 – Konflikte im Team lösen. Ein Interview mit Martina Kohrn

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Lea Wedewardt
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Martina Kohrn

Konflikte im Team ist wohl eines der brisantesten Themen, die es in der Kinderbetreuung gibt. Beinahe jede pädagogische Fachkraft kann vermutlich ein Lied davon singen. Mit der Konflikttrainerin Marina Kohrn tausche ich mich darüber aus, welche Formen von Konflikten in Kitas am häufigsten auftreten, was Konflikte mit uns selbst zu tun haben und wie wir Konflikte lösen können. Wir sprechen über Werte, Rollen und Teamentwicklung. Und erneut habe ich die Frage gestellt, was wir tun können, wenn wir mit unseren Werten auf Fachkräfte stoßen, die eine ganz andere Pädagogik leben. Viel Freude beim Anhören!

Ich danke euch an der Stelle nochmal recht herzlich für die vielen Fragen an Martina. Die ein oder andere konnte ich ihr auch stellen.

Kontakt zu Martina: www.martinakohrn.com/konflikttrainerin

Meine Webseite: www.beduerfnisorietnierte-kinderbetreuung.de

5 Alternativen für eine Auszeit als Strafe

Bekannte und manchmal noch angewandte Formen der Auszeit sind beispielsweise das “time out”, der  Auszeitstuhl, die Auszeit in der Garderobe oder die Auszeit vor der Tür. Diese Erziehungsmethoden sind eine Form der Bestrafung, für die kindliche Psyche ungesund und für die kindliche Entwicklung schädigend. Begründungen dafür beschreibe ich in meinem Artikel: „die Auszeit in der Garderobe ist Kindeswohlgefährdung!“. Um eine Auszeit als Bestrafung zu vermeiden können nun folgende Alternativen in der Praxis angewandt werden:

  1. Klares Signal und Schutz

Bei körperlichen oder psychischen Übergriffen sollte ein klares Signal gesendet („Stopp!“) und schützend eingegriffen werden (Kind und sich selbst schützen). Dabei eine wertschätzende, wertfreie, zugewandte Haltung einnehmen. Nicht aus dem Kontakt gehen.

  1. Gefühle und Bedürfnisse sehen

Die Gefühle des/der Kinde/r verbalisieren („du scheinst dich sehr zu ärgern“) und die Bedürfnisse hinter dem Verhalten entschlüsseln („kann es sein, dass du das Auto haben wolltest?“). Bei der Erfüllung der Bedürfnisse unterstützung anbieten („wollen wir mal gemeinsam fragen, ob du das Auto haben darfst?!“).

  1. Hilfe holen

Den eigenen Notstand wahrnehmen und erkennen. Eine andere Fachkraft fragen, ob sie helfen kann/ übernehmen kann? Achtsam das innere Stresslevel wahrnehmen (an innerem Ampelssystem ablesen: „bin ich auf gelb oder schon auf rot?!“, einführen von Codewörtern: wenn ich „Tannenbaum“ sage, brauche ich unbedingt deine Hilfe!“

  1. Selbstfürsorge

In Situationen, in denen Strafen verhängt werden wollen, sind Erwachsene selbst voller Wut. Diese Wut macht auf ein eigenes unerfülltes Bedürfnis aufmerksam. Dann sollten die Erwachsenen sich um sich selbst kümmern, tief durchatmen und sich wertfrei fragen: Wie geht es mir? Was fühle ich? Was denke ich? Was brauche ich? Ich darf mir selbst eine Auszeit gönnen und mir erlauben eine Pause zu machen.

  1. Eigene Triggerpunkte reflektieren

Die Vehaltensweisen der Kinder sind nicht die Ursache für die heftige Reaktion des Erwachsenen, nur der Auslöser. Deshalb sollten Erwachsene sich im Nachhinein reflektieren: “welche Situationen bringen mich an meine Grenzen und warum, welche Situationen triggern mich? Sind es immer wieder die gleichen Situationen? Und womit hat das zu tun, dass an der Stelle so ein innerer Knopf gedrückt wird? Mit eigenen konflikthaften Themen, Erfahrungen in der eigenen Biografie?”


Dir hat der Artikel gefallen und du möchtest mir deine Wertschätzung ausdrücken? So würde ich mich über eine Spende freuen. Ich schreibe alle Artikel ehrenamtlich und bin dankbar für deine Unterstützung.

42 – Umgang mit den eigenen Gefühlen der Angst und Trauer als Fachkraft. Ein Gespräch mit Teresa Miss. Teil 1

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Lea Wedewardt
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Teresa Miss

In dieser Folge spreche ich mit Teresa Miss darüber, wie pädagogische Fachkräfte mit ihren eigenen Gefühlen von Angst, Trauer und Wut in der Kinderbetreuung umgehen können. Wir überlegen, in welchen Situationen diese Gefühle der Fachkräfte in der Kinderbetreuung ausgelöst werden können, sammeln und analysieren Beispiele. Wir fragen uns, wie authentisch Fachkräfte ihre Gefühle in die Betreuung einbringen dürfen, wann und wie eine klare Kommunikation über die eigenen Gefühle sinnvoll ist? Und wie Fachkräfte damit umgehen können, wenn in ihnen Angst aufsteigt, sie traurig oder wütend werden.

Viel Spaß beim Anhören!

40 – Bedürfnisorientierte Kinderbetreuung. Was ist das genau? Ein Gespräch mit Kathrin Hohmann.

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Lea Wedewardt

Was ist die bedürfnisorientierte Kinderbetreuung (BOK) eigentlich ganz genau? Worauf liegt der Fokus? Heißt Bedürfnisorientierung, dass alle Wünsche erfüllt werden? Welche Rolle spielen Gefühle? Auf welcher theoretischen Grundlage fußt die BOK? Wo beginnt die BOK und wo hört sie auf? Welche Haltung und welche Rolle nimmt die pädagogische Fachkraft im bedürfnisorientierten Modell genau ein? Diese und weitere Fragen stellen sich Kathrin Hohmann von Kindheiterleben und ich in einem Brainstorming Gespräch. Viel Spaß beim Hören!

Kontakt zu Kathrin Hohmann: www.kindheiterleben.de, https://www.facebook.com/mitkindernheiterleben

Meine Webseite: www.beduerfnisorientierte-kinderbetreuung.de

27 – Bedürfnisorientierte Eingewöhnung Teil 2 – ein Interview mit Stefanie von Brück

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Stefanie von Brück

In dieser Podcastepisode spreche ich mit Stefanie von Brück über eine bedürfnisorientierte und bindungsstarke Eingewöhnung. In diesem zweiten Teil gehen wir unter anderem den Fragen nach, wie man es als pädagogische Fachkraft schafft, dass Eltern Vertrauen aufbauen können? Wir sprechen darüber, wer eigentlich den Abschiedsmoment gestaltet, warum Kinder in der Eingewöhnungsphase häufig weinen und diskutieren, ob es eine tränenfreie Eingewöhnung gibt.

Viel Spaß beim Hören.

Kontakte und Infos zu Stefanie von Brück:

Online-Fortbildung für pädagogische Fachkräfte am 22. August 2020 „beziehungsstarke Eingewöhnung leicht gemacht“ https://stefanievonbrück.de/kita-eingewoehnung-paedagogische-fortbildung/

1:1 Beratung für Eltern Happy Kita Start https://stefanievonbrück.de/happy-kita-start-erfolgsprogramm/

Instagram: https://www.instagram.com/stefanievonbrueck.de/:

Facebook: https://www.facebook.com/beziehungsstarkeKitaFamilien/

Zum Weiterhören und -lesen von Lea

1. Teil der Podcastfolge findest du hier: https://www.beduerfnisorientierte-kinderbetreuung.de/26-beduerfnisorientierte-eingewoehnung-teil-1-ein-interview-mit-stefanie-von-brueck

Link zum Weiterhören: https://www.beduerfnisorientierte-kinderbetreuung.de/19-eingewoehnung-in-der-peer-group

Zum Weiterlesen: Nützliches Wissen zur Eingewöhnung Teil 1 – Wissenschaftliche Erkenntnisse aus der Transitionsforschung

Zum Weiterlesen: Nützliches Wissen zur Eingewöhnung Teil 2 – fünf Fehlannahmen einer abgeschlossenen Eingewöhnung

26 – Bedürfnisorientierte Eingewöhnung Teil 1 – ein Interview mit Stefanie von Brück

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Stefanie von Brück

In dieser Podcastepisode spreche ich mit Stefanie von Brück über eine bedürfnisorientierte und bindungsstarke Eingewöhnung. Wir betrachten in diesem ersten Teil die Sinnhaftigkeit von Eingewöhnungskonzepten und legen den Fokus auf die Bedürfnisse aller Beteiligten der Eingewöhnung: der Eltern, Kinder und Fachkräfte. Uns ist es dabei gelungen, etwas tiefer zu blicken und die möglichen emotionalen sowie persönlichen Anliegen während eines Eingewöhnungsprozesses unter die Lupe zu nehmen. Viel Spaß beim Hören.

Kontakte und Infos zu Stefanie von Brück:

Online-Fortbildung für pädagogische Fachkräfte am 22. August 2020 „beziehungsstarke Eingewöhnung leicht gemacht“ https://stefanievonbrück.de/kita-eingewoehnung-paedagogische-fortbildung/

1:1 Beratung für Eltern Happy Kita Start https://stefanievonbrück.de/happy-kita-start-erfolgsprogramm/

Instagram: https://www.instagram.com/stefanievonbrueck.de/:

Facebook: https://www.facebook.com/beziehungsstarkeKitaFamilien/

Zum Weiterhören und -lesen von Lea

Link zum Weiterhören: https://www.beduerfnisorientierte-kinderbetreuung.de/19-eingewoehnung-in-der-peer-group

Zum Weiterlesen: Nützliches Wissen zur Eingewöhnung Teil 1 – Wissenschaftliche Erkenntnisse aus der Transitionsforschung

Zum Weiterlesen: Nützliches Wissen zur Eingewöhnung Teil 2 – fünf Fehlannahmen einer abgeschlossenen Eingewöhnung

Aufruf zur Wende in der Frühbetreuung von Kindern

Die Eltern gehen zur Arbeit, die Kinder in die Kita, schon die ganz Kleinen. Das ist der allgemeine Trend in unserer heutigen Gesellschaft und das wird aus verschiedenen Gründen von Politik und Wirtschaft gefördert und gefordert.
Die institutionelle Betreuung, bereits vom Krippenalter an, scheint die ideale Lösung für alle zu bieten. “Frühe Förderung”, “Kinder brauchen Kinder” ist in aller Munde und Eltern wollen das Beste für ihre Kinder.


Was aber sind die Grundbedürfnisse der Kleinkinder?

Und können sie unter den heutigen Bedingungen in der Krippe befriedigt werden – als Voraussetzung für eine gute kindliche Entwicklung?
Zahlreiche  Psychotherapeuten und Ärzte, darunter angesehene Wissenschaftler, weisen auf Gefahren für die Persönlichkeitsentwicklung von Säuglingen und Kleinkindern in den Kitas hin. Sie zeigen auf, dass vor allem unter 3-Jährige i.d.R. zu früh und zu lange in qualitativ unzureichend ausgestatteten Einrichtungen betreut werden, was mittel- und langfristig mit Risiken für ihre psychische Gesundheit verbunden ist. 
Der Aufruf, der von der Politik eine Wende in der Frühbetreuung von Kindern fordert, befasst sich mit der derzeitigen Situation der Kitas, der Erzieher*innen, der Kinder unter 3 Jahren und ihrer Eltern sowie mit notwendigen Konsequenzen.
Die Arbeitsgruppe Frühbetreuung in der Vereinigung Analytischer Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeuten Deutschland hat diesen Aufruf initiiert.
Erstunterzeichner sind diverse Fachverbände sowie über 200 teilweise namhafte Experten aus den Fachbereichen Psychotherapie, Medizin, Neurobiologie und Pädagogik. 

Die Arbeitsgruppe fordert angesichts des massiven Ausbaus der außerfamiliären (U3-) Betreuung in den letzten Jahren, einem damit verbundenen gesellschaftlichen Kontextwandel für das Aufwachsen in den ersten Lebensjahren und den daraus resultierenden psychischen, körperlichen und sozialen Auswirkungen auf die nachwachsenden Generationen rasch wirksame und fachlich fundierte Veränderungen der Rahmenbedingungen in den Kitas.

Die Situation der Kitas

Die einzigen zwei größer angelegten Studien, die es in den vergangenen Jahren über die Qualität in deutschen Kitas gibt, offenbaren alarmierende Missstände:
Schon bevor der Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz ab einem Jahr umgesetzt wurde, stellte die NUBBEK-Studie aus dem Jahr 2012 fest, dass lediglich 3,2% der Kitas für unter 3-Jährige einen guten bis sehr guten Qualitätsstandard aufwiesen.
Zum Deutschen Kitaleitungskongress (DKLK) im März 2019 und im März 2020 wurden die sogenannten DKLK-Studien veröffentlicht, zu denen jeweils 2.628 bzw. 2795 Kita-Leitungen aus ganz Deutschland zur Qualität ihrer Einrichtungen befragt wurden. Die Personalsituation in deutschen Kitas wird als dramatisch bezeichnet. Mehr als 90 % mussten in den vergangenen 12 Monaten zumindest zeitweise mit einer bedenklichen Personalunterdeckung arbeiten, sodass die Aufsichtspflicht nicht mehr gewährleistet war. Die Ergebnisse der Studien zeigen weiter, dass ein Großteil der Erzieherinnen an ihrer Belastungsgrenze arbeiten. Fast 70% bezeichnen die Arbeitsbelastung als akut gesundheitsgefährdend (DKLK 2020). In dieser Situation verbringen Babys und Kleinkinder viel Zeit – häufig acht Stunden und mehr – in zu großen Gruppen mit häufig wechselnden Erzieherinnen.
Die Studien zeigen, dass die tatsächliche Fachkraft-Kind-Relation bei unter 3-Jährigen in den letzten beiden Jahren bei weit über 90% schlechter war als die wissenschaftlich geforderte Zielgröße von 1:3. Insgesamt habe sich der Fachkräftemangel in der Frühpädagogik im letzten Jahr weiter verschärft.
In der Praxisrealität wird häufig der Begriff „Personalschlüssel“ verwendet. Dieser aber lässt außer Acht, dass mind. 1/3 der Arbeitszeit der Erzieherinnen nicht der unmittelbaren Beschäftigung mit dem Kind zu Gute kommt, sondern sich aufgrund von Krankheitszeiten Urlaub, Fortbildungen, Elterngesprächen, Verwaltungsaufgaben, Dokumentation, Vor- und Nachbereitung, Teambesprechungen, Übergabe und Anleitung von Mitarbeiterinnen deutlich verringert. Daher bildet die Zahl auf dem Papier nicht die Wirklichkeit der realen Fachkraft-Kind-Relation ab.
Wissenschaftliche Studien zeigen: Eine feinfühlige, verlässliche Beziehung zwischen Erzieher*in und Kind ist der zentrale Faktor für eine gute Betreuungsqualität.
Aus entwicklungspsychologischen Gründen ist es daher notwendig, dass die Fachkraft- Kind Relation von 1:3 für Kinder unter 3 Jahren nicht überschritten und möglichst ohne Betreuerwechsel bei einer Gruppengröße von 6, höchstens 8 Kindern gewährleistet wird.

Die Situation der Erzieherinnen

Die grundsätzliche Problematik des Fachkräftemangels wurde in den letzten Jahren vor allem durch die rasche Erweiterung der Krippenplätze, aber auch durch vergleichsweise geringe Bezahlung und anhaltenden Stress am Arbeitsplatz verursacht. Der hohe Krankenstand, die große Fluktuation und das häufige Aufgeben des Berufs sprechen für sich. Bisher gibt es keine verlässliche Perspektive für eine Lösung des massiven Erzieherinnen Mangels.
Nach einer Studie des Deutschen Jugendinstituts (DJI) mit der TU Dortmund 4 wird es bis 2025, selbst ohne Qualitätsverbesserungen, voraussichtlich eine Personallücke von insgesamt fast 330 000 Erzieherinnen geben. Wenn Qualitätsverbesserungen eingerechnet werden, wäre es sogar eine Personallücke von insgesamt ca. 600 000 Erzieherinnen.
Wörtlich heißt es in der Studie: „… Es wären fast genauso viele, wie es heute schon gibt (…) eine Größenordnung, die unter den heutigen Rahmenbedingungen nicht wirklich vorstellbar ist.“
Die Wirkung des Gute-Kita-Gesetzes wird von den Kita-Leitungen als kritisch bewertet, weil oft falsche Prioritäten gesetzt würden. Für die Mehrheit ist das Gute-Kita-Gesetz nur „ein Tropfen auf den heißen Stein“ (DKLK 2020).
Aufgrund des Personalmangels mussten u.a. 75% der Befragten im vergangenen Jahr auf Fort- und Weiterbildung verzichten.

Eine gute Qualität in Krippen hängt neben regelmäßigen, auch internen Weiterbildungen, hauptsächlich von einer verlässlichen, bedürfnisorientierten Begleitung der Kinder durch die Erzieherinnen ab.

Unbenommen ihrer pädagogischen Kompetenz, wie der Fähigkeit zu Empathie, Geduld, Übersetzung der kindlichen Sprache, sind die Erzieherinnen auf Rahmenbedingungen angewiesen, die ihnen ermöglichen, sich sowohl auf einzelne Kinder als auch auf die Gruppe zu konzentrieren. Sie müssen Zeit und Raum haben, die Kinder kennenzulernen und sich ihnen individuell zuwenden zu können. Nur so sind sie fähig, die Stress-Signale des Kindes zu erkennen und diese möglichst zeitnah und angemessen zu regulieren. Dies ist unter den derzeitigen Rahmenbedingungen kaum möglich.

Von außen ist die Qualität der pädagogischen Arbeit für Eltern nicht einfach zu beurteilen: z.B. ob das Kind als Persönlichkeit wahrgenommen und individuell auf seine Bedürfnisse und Emotionen eingegangen wird.

Die Situation der Kinder

Ein elementares, stabiles Selbstgefühl sowie die emotionale Sicherheit eines Menschen
entsteht am Anfang des Lebens durch eine sichere Bindung an erwachsene Bezugspersonen. Die damit verbundenen emotionalen Erfahrungen prägen im Kind intensiv und nachhaltig alle körperlichen und psychischen Systeme, wie z.B. die Fähigkeit zur Selbst- und Affektregulation, das Interesse an der Welt und die Auseinandersetzung mit anderen
Menschen und Dingen. Entwicklung, Lernen und Bildung können nur dann gelingen, wenn die Kleinsten der Gesellschaft emotional reguliert und ohne Stress ihre soziale, kulturelle und sachliche Umwelt erleben und erkunden können.
Die bedeutenden Entwicklungsschritte im zweiten Lebensjahr gehen gleichzeitig mit emotionaler Verunsicherung einher und brauchen weiterhin intensive Zuwendung und dyadischen Austausch mit erwachsenen Personen, die dem Kind vertraut sind und die das Kind gut kennen. Insbesondere die Umwandlung von primitiven körperlichen Stressreaktionen in Gefühle, die später gedanklich und sprachlich bewusst gesteuertes Verhalten ermöglichen, wird in dieser frühen Zeit im Umgang mit einfühlsamen und vertrauten Bezugspersonen gebahnt.

Eine sichere Bindung zu wenigen, verlässlichen und feinfühligen erwachsenen
Bezugspersonen in den ersten drei Lebensjahren fördert:

  • Entstehung und Stabilisierung von Urvertrauen
  • Regulation der noch überwältigenden emotionalen Zustände
  • Entwicklung eines eigenen Gefühls- und Stressregulations-Systems
  • Aufbau eines positiven Selbstwertgefühls
  • Entwicklung von nachhaltiger Autonomie mit Interesse an anderen Menschen, an den Dingen und an der Welt
  • Entwicklung von Empathie und Sozialkompetenz
  • die Chancen für Eltern, Erzieher und Lehrer die Entwicklung der Kinder positiv zu begleiten (Erziehung und Bildung)
  • Hinsichtlich des veränderten Aufwachsens in den ersten Lebensjahren in außerfamiliärer Gruppenbetreuung bleibt aus entwicklungspsychologischer Sicht ein Mangel, der in der neurobiologischen Besonderheit des Babys bzw. Kleinkindes und in der besonderen Beziehung von Eltern und Kind liegt.
  • Die emotionalen Bedürfnisse, die u.a. zu Selbst- und Stressregulation sowie zu Empathiefähigkeit führen, lassen sich in einem Gruppenkontext auch mit großem materiellen und personellen Einsatz kaum befriedigen.
  • Der massive Erzieher*innen-Mangel in den Krippen verschärft diese Problematik noch.
  • Unbenommen der Anregung durch Gleichaltrige können sich Babys und Kleinkinder gegenseitig noch nicht das notwendige Sicherheitsgefühl und die emotionale Stabilität geben, die eine erwachsene Bezugsperson in einer dyadischen Beziehung vermitteln kann.
  • Durch einen zu frühen und zu lang andauernden Aufenthalt in einer Krippe sind die Unter Dreijährigen anhaltendem frühkindlichen Stress ausgesetzt. Das sind die Ergebnisse der Neurobiologie und vieler Studien, die sich auf objektive Messungen des Stresshormons Cortisol beziehen. Hinzu kommen die Erkenntnisse aus der Entwicklungspsychologie und Bindungsforschung, die auf die Problematik von (zu) früher Trennung hinweisen. Diese zählt zu einem der wichtigsten Stressoren in der frühen Kindheit und kann für das Kleinkind einen bedrohlichen Verlust der Lebenssicherheit bedeuten.

Im Blick auf das gesamte Leben werden so ungünstige Stressverarbeitungsgrundlagen gelegt, die die körperliche und untrennbar verbunden, die psychische Gesundheit nachhaltig beeinträchtigen können.

Uns Ärzte und Therapeuten beunruhigen zutiefst die grundsätzlichen Mängel in der öffentlichen Frühbetreuung, weil wir forschend und behandelnd Einblicke in Lebensanfänge und frühe Erfahrungen erhalten und die Wirkungen einer zu frühen, zu langen und unzureichenden außerfamiliären Betreuung kennen lernen mit den Risiken für eine stabile und gesunde Persönlichkeitsentwicklung. Die Fähigkeit von Säuglingen und Kleinkindern zu enormen Anpassungsleistungen kann über die innerpsychische Problematik mit ihren möglichen späteren Folgen vorerst hinwegtäuschen.

Unmittelbar können Verhaltensmuster beobachtet werden, wie anhaltende Trennungsängste, eine beschleunigte Autonomieentwicklung, Lockerung der Bindung gegenüber den Eltern, Distanzlosigkeit gegenüber Fremden, motorische Unruhe mit Aufmerksamkeitsdefiziten, impulsives Verhalten und Aggressivität, verminderte Konzentrationsfähigkeit, gesteigerte Ängstlichkeit und depressives Rückzugsverhalten.

Zu den Langzeitfolgen gehören z.B. eine erhöhte Anfälligkeit für Angststörungen und Depressionen, eine geringere Lebenszufriedenheit, sowie eine Reihe körperlicher Erkrankungen, die die Lebenserwartung einschränken können. Ausdrücklich sei auf die psychischen, körperlichen und gesundheitlichen Langzeitfolgen und die damit verbundenen Kosten hinzuweisen.

Die Situation der Eltern


Die Sicherung der Existenz, die Gefahr ins berufliche und persönliche Abseits zu geraten, drohende Altersarmut besonders für Frauen, der gesellschaftliche Druck sowie die einseitige, meist unkritische Darstellung von Vorteilen einer frühkindlichen außerfamiliären Betreuung in den Medien und sozialen Netzwerken veranlassen Eltern, ihr Kind nach Ablauf des Elterngeldes bereits mit ca. einem Jahr oder auch früher in außerfamiliäre Betreuung zu geben. Für manche Kinder aus belasteten Lebensverhältnissen, mag diese Entscheidung vorteilhaft sein. Eine sinnvolle Unterstützung von Eltern und Kindern gelingt aber nur mit qualitativ gut ausgebildeten Betreuungskräften und entsprechenden Rahmenbedingungen.
Mit der Ankunft eines Kindes erleben Mütter und Väter eine radikale Wandlung ihres Lebens. Denn sie übernehmen von nun an die (Mit)Verantwortung für ein weiteres Leben. Diese Verantwortung kann als Belastung erlebt werden, ist aber gleichzeitig eine Entwicklungschance für die Eltern. Die damit verbundenen emotionalen und sozialen Prozesse benötigen ausreichend Zeit.
Die frühe und umfangreiche außerfamiliäre Betreuung schränkt die Möglichkeit für Eltern und Kinder, durch gemeinsame Erfahrungen zu lernen und miteinander vertraut zu werden sowie sich mit den natürlichen Problemen zu Beginn der Elternschaft auseinander zu setzen, bedenklich ein. Das behindert den Aufbau einer sicheren und stabilen Bindung zwischen Eltern und Kind. So beobachten Pädiaterinnen, Kinderpsychotherapeutinnen, Erzieher*innen und Hebammen, dass die intuitive Fähigkeit der Eltern, Bedürfnisse kleiner Kinder zu erkennen sowie die Bereitschaft und Ausdauer sich zu engagieren, erheblich abnehmen.
Im Sinne einer nachhaltigen frühen Förderung für Kinder ist es deshalb sinnvoll, auch die Eltern-Kompetenzen zu stärken. Ein Beispiel dafür sind die seit vielen Jahren bestehenden staatlich geförderten Playcenter-Einrichtungen in Neuseeland und in Japan für Eltern und Kinder. In der Schweiz ist die entwicklungspsychologische Begleitung der Eltern traditionell, weit verbreitet und unentgeltlich.
In Deutschland könnten auch bereits vorhandene, wissenschaftlich gut fundierte und erprobte Angebote in größerem Umfang gefördert werden.

Notwendige Konsequenzen In Kurzform

  • Beginn der außerfamiliären Betreuung möglichst erst ab 24. Lebensmonat für wenige Stunden am Tag. Das könnte neben dem Entwicklungsaspekt auch eine zeitnahe Entspannung der derzeitigen Situation in Kita und Krippe bedeuten.
  • Verlängerung des vollen Elterngeldes oder eines angemessenen Grundgehalts auf mindestens 2 (besser 3) Jahre. (Man bedenke, dass ein Krippen-Platz derzeit ca.1300€ im Monat kostet – reine Betriebskosten, also deutlich höher liegt als das durchschnittliche Elterngeld).
  • Finanzielle und soziale Anreize für Väter, die Versorgung und Erziehung der Kinder mit zu verantworten im Sinne eines neuen Rollenverständnisses.
  • Entwicklungspsychologische Begleitung und Beratung von Müttern/Vätern zur Stärkung ihrer Elternkompetenz von der Schwangerschaft an (wie kostenlose Gruppenarbeit und individuelle Eltern-Kind-Angebote).
  • Flexible Arbeitszeiten von Arbeitgeberseite, wie Erleichterung von Teilzeitarbeit für Eltern und Home-Office-Arbeitsplätze bei gleichzeitigem Karriereschutz.
  • Leichterer Zugang zu praktischen Hilfen, wie Haushaltshilfen für Notsituationen und erziehungsbegleitende Familienhilfen.
  • Rahmenbedingungen in Kitas, welche die Grundbedürfnisse der Kinder berücksichtigen. Bei unter 3-Jährigen bedeutet das z.B. möglichst keine Betreuerwechsel, Gruppengröße von 6, höchstens 8 Kindern und einer realen ErzieherInnen-Kind-Relation von höchstens 1:3.
  • Verbesserte Arbeitsbedingungen für pädagogische Fachkräfte wie z.B. obligatorische, regelmäßige Fall- und Teamsupervisionen, begleitende Selbsterfahrung, Aufwertung sozialer Berufe u.a. durch bessere Bezahlung, sowie hochwertige Aus- und Fortbildung.
  • Ausweitung der Studiengänge für Frühpädagogik (bzw. entsprechende Weiterbildungen )und Familien- und Elternbildung.
  • Förderung psychophysiologischer und sozialer Forschung in fachübergeifenden Forschungsprojekten über die Auswirkungen früher institutioneller Betreuung auf die Persönlichkeitsentwicklung, psycho-somatische Gesundheit und Stabilität in Stresssituationen.

Ihre Zustimmung zum Aufruf können Sie datengeschützt abgeben auf unserer webseite
www. wende-in-der-fruehbetreuung.de

Die Literaturnachweise zum Aufruf findest du hier

Kontakte:
Dr.med. Agathe Israel, Fachärztin für Neurologie/Psychiatrie/Kinder-u. Jugendpsychiatrie,
Psychosomatische Medizin/Psychoanalytikerin DGPT/VAKJP; kontakt@fruehbetreuung.de
Gisela Geist, analytische Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeutin, Stuttgart; VAKJP;
kontakt@fruehbetreuung.de

23 #Habitus, die Haltung macht den Unterschied – ein Interview mit Silke Zeyen – Teil 2

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Lea Wedewardt
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Silke Zeyen

In dieser Episode spreche ich mit Silke Zeyen vom Habitus Institut für Haltungsentwicklung und nachhaltige Bildung über das Thema “pädagogische Haltung”. Wir tauschen uns darüber aus wie man pädagogische Haltung definieren kann, was sie für die pädagogische Arbeit bedeutet und welch hohe Relevanz die Reflexion dieser Haltung für eine qualitativ hochwertige pädagogische Arbeit hat. 
Weil wir uns so viel zu sagen hatten wurde das eigentlich zusammenhängende Interview in zwei Episoden geteilt. Das ist der zweite Teil. Thematisch kann man sagen, dass im ersten Teil mehr über die pädagogische Haltung in Bezug auf die Kinder und das Bild vom Kind gesprochen wurde und im zweiten Teil sind wir auf die pädagogische Haltung gegenüber den Eltern und Kolleginnen und Kollegen eingegangen. Viel Spaß beim Hören.

Das Habitus Institut von Silke findet ihr hier:

Hier Podcastfolge „gibt es ein zu viel an Nähe im

Hier findet ihr den Artikel „Gibt es ein zu viel an Nähe im pädagogischen Kontext“

22 #Habitus, die Haltung macht den Unterschied – ein Interview mit Silke Zeyen – Teil 1

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Silke Zeyen

In dieser Episode spreche ich mit Silke Zeyen vom Habitus Institut für Haltungsentwicklung und nachhaltige Bildung über das Thema „pädagogische Haltung“. Wir tauschen uns darüber aus wie man pädagogische Haltung definieren kann, was sie für die pädagogische Arbeit bedeutet und welch hohe Relevanz die Reflexion dieser Haltung für eine qualitativ hochwertige pädagogische Arbeit hat. 
Weil wir uns so viel zu sagen hatten wurde das eigentlich zusammenhängende Interview in zwei Episoden geteilt. Thematisch kann man sagen, dass im ersten Teil mehr über die pädagogische Haltung in Bezug auf die Kinder und das Bild vom Kind gesprochen wurde und im zweiten Teil sind wir auf die pädagogische Haltung gegenüber den Eltern und Kolleginnen und Kollegen eingegangen. Viel Spaß beim Hören.

Das Habitus Institut von Silke findet ihr hier:

Wiff-Expertise: file:///home/lea/Downloads/WiFF_Expertise_Nentwig-Gesemann.pdf

Gewalt von Fachkräften gewaltfrei verhindern

Gastbeitrag von Barbara Leitner

Im Herbst 2019 erschienen gleich zwei Bücher, die auf Übergriffe und Grenzverletzungen durch pädagogische Fachkräfte gegenüber Kindern in der Kita aufmerksam machten. Sie brachen gewissermaßen ein Tabu und eröffneten in der Fachwelt die Auseinandersetzung zu dem Thema und machen eine bisher nicht ausreichende beantworte Frage dringlicher: Wie kann Gewalt gegen Kinder gewaltfrei verhindert und der Kreislauf von Gewalt und Gegengewalt unterbrochen werden? Was heißt tatsächlich Gewaltfreiheit in der Kita?


Über „Gewaltfreiheit“ wird in Kitas seit einigen Jahren gesprochen. Zum einen wurde mit der Änderung im Bürgerlichen Gesetzbuch aus dem Jahre 2000 das Recht von Kindern, gewaltfrei erzogen zu werden, unterstrichen. Dieses Recht gilt natürlich uneingeschränkt in der Kita. Diese Gesetzesänderung, das daraufhin verabschiedete Kinderschutzgesetz und die Veränderungen im SGBVIII sensibilisieren pädagogische Fachkräfte und andere Beteiligte deutlich für die Formen von Gewalt und Übergriffen gegenüber Kindern. In den Auseinandersetzungen wird deutlich, wie viel zu tun bleibt, um für ein gleichwürdiges Verhältnis zwischen Kindern und Erwachsenen auch in der Kita zu sorgen.


Zum anderen ist auch das Modell der Gewaltfreien Kommunikation (GFK) von Marshall Rosenberg seit einigen Jahren in vielen Kitas bekannt. Pädagogische Fachkräfte lernen das auf der humanistischen Psychologie beruhende Vier-Schritte-Modell, um sich gegenüber Kindern, Eltern und den Kolleginnen auszudrücken und ihnen zuzuhören: Was ist Dir wichtig? Was mir? Wo können wir verbindende Linien finden? Damit ist jedoch das Potenzial der GFK und das der Gewaltfreiheit für die Kita noch lange nicht erschöpft. Es lohnt sich, sich den Quellen der GFK zuzuwenden. Seitdem ich mich damit befasse, umschreibe ich das Herangehen von Marshall Rosenberg nicht mehr eher verschämt als wertschätzende, verbindende oder empathische Kommunikation, um die Negation „Gewaltfrei“ im Begriff zu vermeiden. Vielmehr betone ich nunmehr: „Ja, ich wünsche mir eine gewaltfreie Kita!“ In dieser Betonung liegt meines Erachtens eine Kraft, die der frühpädagogischen Landschaft gut tut.

Was heißt Gewaltfreiheit?

Das Wort „Gewalt“ leitet sich vom Althoch-deutschen „waltan“ „stark sein, beherrschen“ ab. Gewalt auszuüben heißt, jemanden den eigenen Willen zu unterwerfen und diesen Menschen in seinem Potenzial einzuschränken. Gewaltfreiheit heißt für mich dann auch, allen Beteiligten zu ermöglichen, ihr tatsächliches Potenzial zu leben. Marshall Rosenberg nannte seinen Ansatz in Reverenz zu Mahatma Gandhi „Gewaltfreie Kommunikation“. Der indische Freiheitskämpfer bekam den Namen „Mahatma“ („Große Seele“), weil er mit gewaltlosen Aktionen für die Anliegen der unterdrückten indischen Bevölkerung stritt. Er wollte mit „Satyagraha“ überzeugen, mit „Gütekraft“. Dieses Wort wurde später mit Gewaltfreiheit übersetzt. Gandhi war davon überzeugt, dass eine Person sich selbst schädigt, wenn sie passiv bleibt und nichts gegen Unrecht tut. Zum einen, weil sie Unrecht an sich selbst zulasse. Zum anderen, weil sie sich mit Selbstvorwürfen plage. Er definiert „Gewaltfreiheit“ als „Festhalten an der Wahrheit, Kraft der Wahrheit“ oder „Liebes- oder Seelenkraft“. Sie verlange, dem Gegner keine Gewalt anzutun. „Er muss vielmehr durch Geduld und Mitgefühl von seinem Irrtum abgebracht werden.“ Dafür war Gandhi bereit, einiges auf sich zu nehmen: „dass man die Wahrheit verteidigt, indem man nicht dem Gegner, sondern sich selbst Leiden zufügt“ (Gandhi 1991, 6). „Leid“ auf sich nehmen, weil man seinen ganzen Mut zusammennimmt, Ängste und Unsicherheiten überwindet, vielleicht auch Einsamkeit oder Anfechtungen aushält, um sich zu zeigen und für eine Sache zu streiten. Ähnlich beschrieb der afro-amerikanische christliche Prediger Martin Luther King sein friedvolles Handeln. Er nahm die Rassentrennung in den USA nicht widerstandslos hin, sondern führte während der Rassenauseinandersetzung in den USA der 1960er Jahre den Widerstand ohne Gewalt an. Dabei setzte er auf „Agape“, uneigennützige Liebe. Sie sucht das Beste in den anderen, löst sich vom Freund-Feind-Denken und entwickelt Mitgefühl selbst für die Peiniger: „Bringt so viel Liebe auf, dass ihr Böses hinunterschlucken könnt, und so viel Verständnis, dass aus Feinden Freunde werden⌊ ⌋… Wir sind in einem unentrinnbaren Netz wechselseitiger Abhängigkeit verfangen und in ein einziges Gewand gemeinsamen Schicksals verwoben. Was den einen unmittelbar betrifft, betrifft alle anderen mittelbar“ (zitiert nach Härtel 2009, 47 sowie 65 – aus King Freiheit, 132). King war wie Gandhi davon überzeugt, „dass Gewaltlosigkeit nicht unfruchtbare Passivität ist, sondern eine mächtige moralische Kraft, die gesellschaftliche Wandlungen herbeiführt“ (zitiert nach ebenda, 106). Gewaltfreiheit ist nicht einfach die Abwesenheit von Gewalt. Gewaltfreiheit bedeutet für mich, diese moralische Stärke zu nutzen und eine große, vor allem innere Kraft aufzubringen, um auf das Gegenüber einzuwirken. Gelingt es, in dem anderen Menschen seinen positiven Wesenskern zu berühren und ihn in seiner Würde anzusprechen, damit auch er im Interesse der Verbundenheit und des Wohlergehens der Gemeinschaft umdenkt und anders handelt?

Gelingt es, die gewaltvoll handelnde Fachkraft als Subjekt zu sehen?

Was bedeutet diese Definition für die Auseinandersetzung mit der Gewalt durch pädagogische Fachkräfte in der Kita?

Aus Sicht der GFK ist als erstes eine authentische Selbstmitteilung gegenüber der/dem gewaltvoll handelnden Kollegin notwendig. Es gilt, auszusprechen, was wir wahrnehmen und dieses Verhalten nicht mehr schweigend hinzunehmen. Diese Rückmeldung wird wirkungsvoller sein und eher gehört werden können, wenn sie ehrlich, aus einem friedlichen Herzen, ohne Anspannung und Ärger ausgesprochen wird, vielleicht in den vier Schritten.

Beispielsweise:
„Ich sehe oder höre, wie Du Max aufforderst, Spinat zu essen, obwohl er gesagt hat, dass er den nicht mag (Beobachtung)
Ich bin ziemlich durcheinander (Gefühl), weil mir Respekt vor dem Willen des Kindes und seine Selbstbestimmung (Bedürfnis) wichtig sind.“

Dazu gehört außerdem, eine Bitte zu äußern. Das kann eine Handlungsbitte sein:
„Kannst Du einfach mal durchatmen…/Ist es Dir lieber, wenn ich hier übernehme?
Oder eine Beziehungsbitte: „Ich würde gern wissen, wie es Dir gerade geht.“

Vielleicht muss ich auch ehrlich zugeben, dass ich gerade so empört bin, dass ich meine Urteile kaum in Zaum halten kann, es auch nicht schaffe, mit ruhiger Stimme zu sprechen, weil dieses Handeln so meinen Werten widerspricht.
In diesem Sinne wird die Mitteilung auf jeden Fall deutlicher ausfallen, wenn ein Übergriff beobachtet wurde, wenn Kinder von Fachkräften geschupst, gezogen, gestoßen, gehänselt wurden o.ä.. Dann braucht es das klare Stopp und Nein, schützende Macht im Interesse des Lebens, mit eindeutiger Stimme gesprochen:

„So geht es nicht. Mir ist körperliche und seelische Unversehrtheit wichtig. Lass das Kind los/ tritt einen Schritt zurück/sei still…“ 

Es ist eine riesige Herausforderung, nicht in der Entrüstung stecken zu bleiben, sie vielmehr zu verwandeln, in das, was mir wichtig ist und eine Bitte zu formulieren, die nicht besserwisserisch ist und nun die Würde jener Fachkraft verletzt.
Dabei ist das nur der Anfang. So wichtig und notwendig es ist, übergriffiges und grenzverletzendes Verhalten zu stoppen, ist es aus der Warte der GFK nämlich nicht das Ziel, dass sich eine Person mit seiner Position durchsetzt. Vielmehr geht es darum, nach dem Stopp in solch eine Verbindung miteinander zu kommen, dass die Bedürfnisse beider Seiten gesehen und berücksichtigt werden können und Frieden möglich ist.

Das könnte auch durch empathisches Zuhören geschehen: „Du hättest so gern, dass Max den Spinat isst. Das wäre so viel leichter für Dich, stimmt das?“


In doppelter Hinsicht ist deshalb jene Person, die eingreift und sich für Gewaltfreiheit einsetzt, herausgefordert, „Leid“ auf sich zu nehmen und Stärke zu beweisen.
Zum einen geht es darum, sich ehrlich durch eine Mitteilung oder das Zuhören zu zeigen – und eben nicht zuzulassen, dass Gewalt tabuisiert und hingenommen wird, sondern aktiv für Kinder einzutreten. Bereits hier gibt es viel Unsicherheit und Angst, wenig Übung, nicht nur in der Kita. (lies dazu gerne auch den Artikel „Gewalt durch pädagogische Fachkräfte – (M)ein Dilemma zwischen Hinsehen und wegsehen“). Zum anderen sind wir darüber hinaus herausgefordert, „Geduld und Mitgefühl“, wie es bei Gandhi heißt, für jene Fachkraft aufzubringen, die gewaltvoll handelte. Ihr gewaltfrei gegenüber zu treten verlangt, „negative Einstellungen, die uns beherrschen, in positive Einstellungen umzuwandeln“, wie Arun Gandhi, der Enkel von Mahatma Gandhi schreibt (Rosenberg 2004, 10).


Wir würden Gewalt mit Gegengewalt beantworten, wenn wir jene Fachkräfte, die Kinder zum Essen zwingen, hänseln, schupsen, beleidigen oder in anderer Form ihre Macht missbrauchen, ebenso gewaltvoll als Objekt behandeln und entmenschlichen, indem wir sie nur zurückweisen und ihnen Einhalt gebieten. Deshalb braucht es das Empowerment der Gewaltfreiheit für die Kollegin, Leiterin, Fachberaterin, Trainerin und alle anderen Beteiligten, um auch die Gefühle und Bedürfnisse der gewaltvoll handelnden Fachkraft sehen zu können. Gewaltfreiheit heißt hier, sie mit Mitgefühl zur Umkehr zu bewegen. Das geht nicht auf die Schnelle. Auf dem Weg dahin sind häufig Urteile und Bewertungen zu überwinden.

Grenzsetzung in Würde

Was denken wir für gewöhnlich über eine Fachkraft, die gewaltvoll handelt? Betrachten wir sie als rücksichtslos, unwürdig, grob, verletzend, unfähig, starr, lernunwillig, schwach…. Oder welche anderen Zuschreibungen gibt es? Bemerken wir, dass wir damit die andere Person zu einem Objekt machen und nicht mit Würde behandeln? Hinter unseren Zuschreibungen verbergen sich Urteile, die auf eigene, unerfüllte Bedürfnisse verweisen und zu einer inneren Anspannung führen.
Wie wäre es, rücksichtsvoll, würdig, feinfühlig und aufmerksam, fähig, beweglich, lernbereit und stark zu sein und genau mit diesen Qualitäten der Fachkraft zu begegnen? Gelingt es, wie Marshall Rosenberg sein eigenes Modell beschrieb, „unser einfühlendes Wesen“ zu entfalten, „wenn die Gewalt in unserem Herzen nachlässt“ (Rosenberg 2004, 22).

Sind wir bereit, einer Fachkraft tief zuzuhören, die will, dass ein Kind den ungeliebten Spinat ist? Was ist ihr wichtig? Können wir für sie offen sein und ihr ermöglichen, über sich zu sprechen. Dabei geht es nicht um eine Rechtfertigung. Vielmehr könnten wir ihren unbewussten Handlungsgrund berühren, verstehen und auflösen. Vielleicht musste sie selbst als Kind Spinat essen, ob sie wollte oder nicht. Oder ist sie unsicher, was sie den (für das Essen in der Kita zahlenden) Eltern sagen soll, wenn die Mahlzeit unberührt bleibt. Oder sie ist überzeugt, dass dieses Kind auch etwas Gesundes essen soll. Sicher hat sie für sich einen „guten Grund“.

An dieser Stelle höre ich Kita-Leiterinnen argumentieren:

Darüber haben wir nun wirklich lang und breit gesprochen. Die Debatte ist für mich beendet. Hier gelten die Kinderrechte. Wir halten uns an die Konzeption.

So wahr das ist, ist diese Realität womöglich bei der/dem betreffenden Kollegin noch nicht voll und ganz angekommen. Möglicherweise haben sie das Wissen, jedoch nicht die innere Überzeugung und Bereitschaft, vielleicht auch nicht die Fähigkeit, genau in der konkreten, auch ange- spannten Situation danach zu handeln. Diese Tatsache zu ignorieren ist genauso Gewalt. Die Kita-Leiterinnen bringen hier ihre Macht zur Geltung und setzen nicht auf Verbindung und Empathie. Sie wollen eine Regel und gesetzliche Verpflichtung durchsetzen, ohne auf die Fachkraft zu blicken.

Akzeptanz für das was ist

Hier kommt eine weitere Quelle für Marshall Rosenberg bei der Entwicklung der GFK ins Spiel: Carl Rogers, der die klientenzentrierte Gesprächstherapie entwickelte. Rogers machte darauf aufmerksam, dass es notwendig ist, etwas zu akzeptieren, ehe es sich ändern kann.

Ist es möglich, erst einmal in einer Situation anzukommen und die Wahrnehmung zu schärfen – dafür wie es dem Kind und der pädagogischen Fachkraft geht? Statt schon wieder zu handeln, zunächst aufmerksam zu werden: Kann die Fachkraft sehen, wie das Kind auf dem Stuhl sitzt, vielleicht wie eingefroren, vielleicht wütend? Kann sie spüren, was das eigene Handeln ausgelöst hat und das auf sich wirken lassen? Was passiert dann? Möglicherweise wird ihr dann bewusst, dass sie eine Grenze über-schritten hat. Oder fällt es ihr schwer, die Kinder feinfühlig in ihrer Befindlichkeit sehen, weil sie müde und erschöpft von der Arbeit am Vormittag ist? Würde es ihr helfen, darüber zu reden, was sie anstrengt, nicht schafft, welches Kind sie auf die Palme bringt und wo sie mit sich selbst unzufrieden ist? Vielleicht ist es möglich, gemeinsam Tempo aus dem Alltag zu nehmen und dem Wunsch, funktionieren zu wollen und stattdessen zusammen achtsam auf die kleinen Momente im Miteinander zu blicken.
Wie viel Zeit bleibt in einer Kita für die Auseinandersetzung mit Fragen, Zweifeln, Ängsten, Widerständen? Gibt es genügend Aufmerksamkeit und Wertschätzung für die Energie, die Fachkräfte aufbringen, um in einem zwar vorstrukturierten, gleichwohl ständig neuen Alltag mit den Kindern spontan und kompetent zu handeln?

Wie unterstützen sich Kolleginnen im Team miteinander zu lernen und an manchen Stellen quasi auch „nachzureifen“, um den Anspruch der Kinderrechtskonvention nach einer Begegnung in gleicher Würde gerecht zu werden? Gerade im Interesse einer gewaltfreien, würdevollen Beziehung zwischen Kindern und pädagogischen Fachkräften müssen dazu meiner Meinung nach diese innersubjektiven Fragen nach Haltungen und Handlungen immer wieder neu und konkret beachtet und besprochen werden. Denn durch den Alltag mit den Kindern werden immer wieder neue, tiefere Schichten der Persönlichkeit auch einer Fachkraft berührt und angesprochen und wollen oft auch geheilt werden. In Kitas, in denen es dafür eine entsprechende Teamkultur gibt, werden Fachkräfte freundlich und klar miteinander sprechen und sich unterstützen, präsent, offen und empathisch gegenüber den Kindern zu sein. Häufig jedoch wird die „richtige“ Haltung nur vorausgesetzt und gefordert, als könne man in sie einfach hineinschlüpfen wie in ein Kleid von der Stange. Wie oft fehlt der Raum zum Lernen und zum Austausch, um die für den Menschen und die Situation passende Haltung immer wieder zu finden und zu überprüfen? Hier geht es um Maßschneiderei in der Beziehungsarbeit.

Gemeinsames Eintreten für bessere Bedingungen in der Kita

Seitdem 2001 die Ergebnisse der ersten PISA-Studie veröffentlich wurden, prasselt eine Forderung nach der anderen auf die Kitas ein. Längst ist das „Umsetzungsdilemma“ benannt, das dadurch entstanden ist: Die Verbesserung der Rahmenbedingungen hält nicht mit den Anforderungen Schritt. Daran ändert auch das Gute-Kita-Gesetz, vor allem in den neuen Bundesländern kaum etwas. Jetzt komme ich mit dem Wunsch nach Gewaltfreiheit dazu. Der betrifft für mich eine Grundfeste der Pädagogik: dass eine freundliche, wohlwollende Atmosphäre in der Kita herrscht, damit Kinder gern, frei und froh all das lernen können, was das Leben ausmacht. Dafür ist es notwendig, nach den Fachkräften zu schauen, die dies umsetzen. Wie geht es ihnen? Welchen Bedingungen finden sie für ihre Arbeit in ihrer Kita, bei ihrem Träger, ihrem Land vor? Wie viel Wertschätzung lebt ein Team miteinander? Wie frei und offen sind die Fachkräfte für ihre Arbeit? Ich kenne Kitas, in denen ich gern noch einmal Kind sein würde, weil es spannende Räume, viel Freiraum und dazu eine neugierige, freundliche Begleitung durch die Fachkräfte gibt. Und ich kenne Teams, in denen eine Fachkraft fünf, sechs, sieben von den jüngsten, mit der Kita vollkommen unvertraute Kinder in den Alltag eingewöhnen und sie gleichzeitig beim Essen, Spielen, Schlafen, Anziehen begleiten soll, Einrichtungen, in denen die Fachkräfte nicht wissen, wie sie den Tag überstehen sollen, weil viele Kolleginnen ausgebrannt und krank sind und kein Ersatz da ist.
Gewiss ist hier ein Punkt, die Organisation der Arbeit in der Kita zu überprüfen und sich für neue Formen der Zusammenarbeit zu öffnen. Sich allerdings auch zu öffnen für die Überforderung und Gewalt, die Fachkräften sich unter diesen Umständen antun oder ihnen angetan wird.

Laut einer Umfrage fühlen sich 40 Prozent der Fachkräfte durch die Anzahl der Arbeitsaufgaben überfordert und meinen 33 Prozent der Befragten, keine Pause machen zu können (Kunz 2014). In einem Interview mit Kindern fragte ich einmal, ob sie sich vorstellen könnten, Erzieher*in zu werden. „Nein“, war die Antwort der meisten Sechs bis Achtjährigen. Eine sagte: „Das ist so anstrengend, auf viele Kinder aufzupassen, dass die keinen Quatsch machen.“ Die Kinder erkannten, dass die Fachkräfte an die Grenze kommen und deshalb über ihre Grenzen gehen. Welch fatale Botschaft für die Jüngsten: Mit ihnen zusammen zu sein ist eine Last! Für Gewaltfreiheit in der Kita einzutreten heißt für mich deshalb vor allem, sich gegenseitig zu stärken und sich um die Situationen zu kümmern, in denen Fachkräfte unter Druck geraten und nicht offen für die Kinder sein können. Diese sollten deutlich und gleichzeitig empathisch angesprochen werden und dabei kann die GFK helfen. Für mich geht es aber noch weiter. Wir sollten auch über gute gewaltfreie Aktionen nachdenken, um die Öffentlichkeit und die vor allem die Politik davon überzeugen, dass pädagogische Fachkräfte unbedingt bessere Arbeitsbedingungen brauchen und dass mehr, besser ausgebildetes und bezahltes Personal für die Kinder im Alltag präsent sein muss.


Barbara Leitner ist Trainerin für Gewaltfreie Kommunikation (CNVC) und arbeitet als Prozessbegleiterin und Coach in Berlin und Umgebung. Sie unterstützt vor allem Kita- und Schulen mit den Mittel der GFK bei der Team- und Qualitätsentwicklung und unterstützt Menschen, die mit Kindern arbeiten und leben, ihre Beziehungen mit den Heranwachsenden würdevoll zu gestalten. Sie koordiniert die Kita-Fachtexte und von ihr erscheint gerade im Junfermann-Verlag das Buch „Gewaltfreie Kommunikation in der Kita“

Kontakt: www.gfk-in-kita-und-schule.de und barbaraleitner.de


Quellen:
Gandhi, M. K. (1991): Satyagraha. Navajivan Press, Ahmedaba 14
Härtel, K. D. (2009): Martin Luther King ‚Ich habe einen Traum‘. Brunnen: Gießen. 3. überarbeitete Auflage
Kunz, T. (2014): Psychische Belastungen und Beanspruchungen in
Kindertageseinrichtungen – und was man dagegen tun kann. Verfügbar unter:http://www.universum.de/uploads/607/Psychische_Belastungen_und_Beanspruchungen_in_Kindertageseinrichtungen.pdf, Zugriff am 2.10.2018.
Rosenberg, M.B. (2004): Gewaltfreie Kommunikation. Eine Sprache des Lebens. Paderborn: Junfermann, 5. Überarbeitete und erweiterte Auflage.