„Wart ihr auch immer brav?“ – was brav sein für Kinder bedeutet

In sicherlich mehr als 30 000 Kindertagesenrichtungen wurden Kinder in den letzten Wochen auf den WEIHNACHTSMANN vorbereitet. Kinderaugen begannen zu strahlen und ein Gefühl von Freude, etwas Geheimnisvollem und ein klein wenig Anspannung hat sich eingestellt. Und dann war da noch dieser Satz, den die ErzieherInnen immer wieder sagten: „wenn ihr lieb seid, kommt der Weihnachtsmann und bringt euch viele Geschenke“. Dann war der große Tag da, es gab eine kleine Weihnachtsfeier und der Weihnachtsmann (bei vielen vielleicht auch das Christkind) kam herein mit einem großen Sack voller Geschenke. Ein Gemisch aus Anspannung, Vorfreude und ein wenig Angst ist in den Augen mancher Kinder zu sehen. Und da ist er wieder dieser Satz: „und wart ihr auch immer brav?“ Die Kinder nicken „artig“ und hoffen nur, dass sie bald ihre Geschenke auspacken dürfen.

Was bedeutet es brav zu sein?

Aber was bedeutet eigentlich „LIEB sein“? Was bedeutet denn „BRAV sein“? Was bedeutet eigentlich „ARTIG sein“? Was meint der Weihnachtsmann damit? Was meinen die Erwachsenen damit?

Selbst für mich als erwachsene Frau ist es ziemlich schwer zu DEFINIEREN, was „lieb sein“ oder „brav sein“ denn meint. Wie schwer muss es für ein Kind wohl erst sein, zu begreifen, was die Erwachsenen von ihnen verlangen, wenn sie artig sein sollen.

Wenn man nach dem Begriff „brav“ im Internet sucht findet man bspw. die folgende Definition: „sich so verhaltend, wie es die Erwachsenen erwarten oder wünschen; gehorsam; artig“. Als Synonyme dafür werden die Wörter „artig“, „folgsam“, „fügsam“, „gefügig“ „gehorsam“, „gesittet“ angebracht. Das hört sich irgendwie nicht schön an.

Ich versuche nun mal ein paar VERMUTUNGEN anzustellen, was sich Erwachsene vorstellen, wenn Kinder lieb/ brav/ artig sein sollen. Vielleicht bedeutet es in den Augen der Erwachsenen , dass Kinder …

  • hören und nicht widersprechen sollen
  • nur positive Gefühle und keine negativen (wie Wut oder Ärger) Gefühle zeigen sollen (keine Trotzanfälle)
  • alle von ihnen verlangten Aufgaben ohne Murren erfüllen, also funktionieren sollen
  • dem Tagesablauf (Spielen, Essen, Schlafen, raus gehen usw.) entsprechend der Vorstellung der Erwachsenen folgen sollen.
  • keine Handgreiflichkeiten, Aggressionen oder sonstiges sozial unangemessenes Verhalten zeigen sollen

Ich vermute, wenn Kinder diesen aufgezählten ERWARTUNGEN entsprechen, sind sie „artige, liebe Kinder“ und die Erwachsenen sind zufrieden.

mit braven Kindern ist alles einfacher

Warum wollen viele Erwachsene eigentlich liebe und brave Kinder? Womöglich weil es einfacher ist, weil es weniger aufreibend ist, weil es besser FUNKTIONIERT, weil es weniger Konflikte gibt. Natürlich wäre alles einfacher wenn alle Kinder gehorchen, nur fröhlich, zufrieden sind und sie sich einfügen.

Auswirkungen des brav Seins auf die Kinder

Welche Auswirkungen kann es nun haben, wenn Kinder brav sein sollen und alles dafür tun, die Geschenke zu bekommen.

  1. Zunächst sind die Kinder durch diesen Satz einem enormen DRUCK und einer UNSICHERHEIT ausgesetzt. Sie wissen nicht „was bedeutet denn lieb/brav sein überhaupt?“. „ich muss etwas erfüllen, bei dem ich nicht genau weiß, was gemeint ist. Wie muss ich mich denn nun genau verhalten?“ Die Begriffe „lieb/brav/ artig bleiben unspezifisch und sind für Kinder nicht unmittelbar umsetzbar.
  2. KEINE NEGATIVEN GEFÜHLE wie Wut und Ärger zu zeigen ist ziemlich schwer, nahezu unmöglich. Negative Gefühle sind ein natürlicher Teil unserer Gefühlspalette. Wir können sie nicht weg rationalisieren oder unterdrücken. Insbesondere Kindergartenkinder können ihre Gefühlsimpulse noch nicht ausreichend kontrollieren und zurück halten. Wenn wir ehrlich sind, können das viele Erwachsene auch nicht (anschreien, Türen knallen). Allzu oft verlangen wir von Kindern alle negativen Impulse zu unterdrücken, schaffen es meistens jedoch selbst nicht. Negative Gefühle sind da und lassen sich allenfalls verdrängen. Folglich ist diese Erwartung keine negativen Gefühle zu zeigen erfüllbar.
  3. Wenn Kinder immer nur das tun, was von ihnen verlangt wird, VERLEUGNEN sie ihre eigenen BEDÜRFNISSE. Denn das Bedürfnis eines Kindes wird nur sehr selten genau dem Bedürfnis der Fachkräfte entsprechen. Über kurz oder lang kollidieren diese beiden Bedürfnisse und es entsteht ein Konflikt. Bedeutet es nun, da das Kind lautstark seine Position vertritt und einen Konflikt mit verursacht, dass es nicht „lieb“ oder „brav“ ist? Kinder, die widersprechen sind zwar nicht lieb aber sie stehen selbstbewusst für ihre Bedürfnisse ein und das sind doch Eigenschaften, die sich die meisten für unsere Kinder wünschen. Widersprechen bedeutet also, dass sie für sich und ihre Bedürfnisse einstehen.
  4. Wenn man vom POSITIVEN MENSCHENBILD Carl Rogers und Marshall Rosenbergs ausgeht, so versucht jeder Mensch zu jedem Zeitpunkt das beste Verhalten zu zeigen, das ihm möglich ist. Das bedeutet, wenn ein Kind aggressive oder sonstige sozial unangemessene Verhaltensweisen zeigt, macht es das nicht mit böser Absicht, um Jemanden zu verletzen, sondern weil ihm zu dem Zeitpunkt keine anderen Mittel zur Verfügung stehen. Es handelt aus seinem Impuls heraus und hat keine andere Methode, um Konflikte friedvoll zu klären. Diese Kinder brauchen Unterstützung und Zuwendung. Sie zu bestrafen weil sie nicht „lieb“ sind, wäre verheerend und würde das unpassende Verhalten eher stärken.
  5. Kinder, die dauerhaft genau die Aufgaben erfüllen, die Erwachsene von ihnen verlangen, haben nur wenig Chance ihre eigenen individuellen Lern- und ENTWICKLUNGSAUFGABEN zu verfolgen. Wenn sie ständig Aufgaben der Erwachsenen erfüllen sollen (etwas bestimmtes basteln o.ä.) fehlen ihnen die tiefgreifenden Spielmomente, die ihnen ein Flow-Erleben ermöglichen, bei dem sie tatsächlich lernen. Alle Aufgaben, die Erwachsenen von Kindern verlangen (Anziehen, Aufräumen, Hygiene…) sind meist Bedürfnisse der Fachkräfte und nicht der Kinder. Wenn sie lieb sind und nur die Erwartungen der Fachkräfte erfüllen, verfolgen sie also nicht ihre eigenen Interessen sondern nur die der Erwachsenen.
  6. Kinder, die brav folgsam den TAGESABLAUF der Fachkräfte einhalten, tun dies um sich anzupassen und keinen Ärger zu machen. Es ist kaum vorstellbar, dass alle Kinder zum gleichen Zeitpunkt hungrig oder müde sind, raus gehen oder spielen wollen. Wenn ein Kind sich gegen das Schlafen, gegen das Essen auflehnt und folglich wenig „lieb/brav“ reagiert, ist das eigentlich sein gutes Recht!

„brav sein“ als kaum erfüllbare Erwartung

Wenn ich es also genau bedenke, ist brav, lieb und artig sein ganz schön schwer zu erfüllen. Eigentlich müsste man sagen, es ist kaum erfüllbar. Kinder wären Maschinen, die funktionieren, Aufgaben erfüllen, Gefühle verdrängen, sich ausschließlich äußeren Erwartungen anpassen und sich weit von sich selbst entfernen. Also ein großer Preis für ein paar Geschenke.

Ein neuer Weihnachtsmann?

All das sollte nicht das Ziel der Fachkräfte in den Kindertageseinrichtungen und auch nicht Ziel des Weihnachtsmanns sein. Ich finde, ab nächstem Jahr sollte es einen neuen Weihnachsmann geben. Ein Weihnachtsmann, der fragt:

„durftet ihr immer für euch einstehen?“ Durftet ihr alle eure Gefühle zeigen auch wenn ihr traurig, wütend, ärgerlich wart?“

„Durftet ihr Regeln hinterfragen, die für euch unpassend erschienen?“

„durftet ihr eure Grenzen wahren?“

„durftet ihr eure Bedürfnisse zeigen und habt sie erfüllt bekommen?“

… dann habt ihr euch selbst ein Geschenk gemacht: ein selbstbestimmtes, authentisches und glückliches Leben!


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“NEIN” sagen (dürfen)! Wie Kinder lernen sich abzugrenzen

ich habe vor kurzem ein tolles Zitat gelesen. Leider habe ich vergessen woher es stammt. Es lautete in etwa so: 

wir gehen ständig über die Grenzen der Kinder. Gleichzeitig versuchen wir ihnen beizubringen, dass sie ihre Grenzen wahren sollen

Das ist doch wirklich absurd. Oder?

ZUERST fordern wir Kinder dazu auf, 

… sich zu entschuldigen obwohl sie keine Schuld tragen

… aufzuessen obwohl sie satt sind

… zu probieren obwohl sie sich ekeln

… zu schlafen obwohl sie nicht müde sind

… Fachkräfte zu umarmen obwohl es ihnen unangenehm ist

… Spielsachen zu teilen obwohl sie sehr wichtig für ihr Spiel sind

… immer im Sichtfeld zu bleiben obwohl sie sich Ruhe wünschen

… mit einem bestimmten Kind zu spielen obwohl sie nicht mit diesem Kind spielen wollen

… zu grüßen obwohl es ihnen vielleicht unangenehm ist

… mit Kosenamen zu rufen obwohl sie das nicht mögen

… über ihre Köpfe zu streicheln obwohl sie es nicht mögen

… an ihren Wangen zu kneifen obwohl sie es nicht mögen

wir manipulieren Kinder, nehmen ihre Gefühle und Bedürfnisse oft nicht ernst, übergehen sie und sprechen ihnen ihre Gefühle ab (“da muss man doch keine Angst haben”, “jetzt hab dich nicht so”). Alles in allem gehen wir also – oft unbewusst – immer wieder sowohl über die physischen als auch die psychischen GRENZEN der Kinder hinweg. 

UND GLEICHZEITIG wollen wir, dass Kinder

… alle Grenzen der anderen Kinder wahren

… nie die Grenzen der Erwachsenen überschreiten 

… lernen NEIN oder Stopp zu sagen

… an Anti-Aggressionsprogrammen teilnehmen

… usw.

Ist es nicht ein enormer innerer Konflikt, wenn ich die GRENZEN der anderen wahren soll, ich jedoch ständig selbst erlebe, wie über meine eigenen Grenzen hinweggegangen wird?!

Das NEIN der Kinder akzeptieren

Nur wenn wir ein NEIN der Kinder akzeptieren, lernen sie auch, dass sie IHRE GRENZEN wahren und vertreten dürfen. Wir sollten deshalb die NEINs der Kinder wahrnehmen, akzeptieren, respektieren und tolerieren.

NEINs drücken sich bei Kindern entsprechend ihres Temperaments in unterschiedlicher Form und Klarheit aus: 

  • sie sagen verbal „NEIN
  • sie schütteln (verschüchtert) den Kopf
  • sie schauen weg
  • ziehen sich in sich zurück
  • werden wütend
  • schreien
  • schubsen weg

Es gibt also vielfältige Ausdrucksmöglichkeiten des NEINs und wir Erwachsene sind in der Verantwortung diese NEINs zu deuten.

Wenn ein Kind sagt, es möchte nicht probieren, sollten wir das NEIN akzeptieren und nicht noch 10 mal nachfragen, ob es nicht doch probieren möchte. Wenn ein Kind alleine auf Toilette gehen möchte, sollten wir das respektieren, wenn ein Kind nicht den Weihnachtsmann basteln möchte weil es momentan für sich sinnvollere Aufgaben hat, sollten wir das NEIN respektieren. Wenn ein Kind von einer bestimmten Fachkraft nicht ausgezogen werden will, sollten wir das respektieren ohne es persönlich zu nehmen. Ich könnte solche Beispiele endlos fortsetzen (kennt ihr noch Beispiele?)

Nur wenn wir dem Kind mit der HALTUNG gegenübertreten, ein NEIN ist in Ordnung, spürt es auch: “ich darf NEIN sagen”. Sehr feinfühlige Kinder merken sehr bald, bei welcher Fachkraft ein NEIN in Ordnung ist und bei welcher Fachkraft man lieber JA anstatt NEIN sagen sollte.

JA sagen wo NEIN gemeint war

Genau an diesem Punkt, wenn Kinder JA sagen müssen, wo eigentlich ein NEIN authentisch gewesen wäre, beginnen sie jedoch ihr Innerstes zu verleugnen und ihre inneren und äußeren Grenzen verschiwimmen. Sie nehmen ihre tatsächlichen Bedürfnisse immer verschwommener wahr. 

Menschen, die auf Dauer lernen, ich sollte lieber immer JA sagen anstatt einem passenderen NEIN leben kein authentisches Leben, sie leben im außen und wenig bei sich, wenig in der eigenen Kraft. Menschen, die nicht NEIN sagen können, geben sich selbst eher auf und haben Angst vor Konflikten. Ein Dauerhaftes nicht NEIN sagen können, schlägt sich in negativer Weise langfristig auf das körperliche und seelische Wohlbefinden nieder. Es kann sogar Depressionen fördern (https://www.angst-panik-hilfe.de/angst-nein-zu-sagen.html) All das wollen wir für unsere Kinder jedoch nicht!

Fachkräfte sind Vorbilder

Neben dem Akzeptieren der NEINs der Kinder können wir gute Vorbilder für die Kinder sein. Wir können authentisch mit unseren eigenen NEINs umgehen.

Dazu bedarf es ein klares, reflektiertes Selbst. Ich brauche KLARHEIT für für das, was mir und der Kita wichtig ist. Es geht folglich um die eigenen Werte und die Werte der Einrichtung. 

  1. Bsp: Wenn ein Kind gerade Schwierigkeiten hat seine Schuhe zu finden und es fragt: “kannst du mir helfen?” Könntest du dich – je nach Fähigkeit des Kindes – sagen: “Nein, ich brauche noch Zeit um die Jacke von Pia zuzumachen. Du wirst deine Schuhe sicherlich alleine finden”. Das Kind wird evtl. frustriert sein, vielleicht schimpfen und ärgerlich auf dich sein. Gleichzeitig bekommt das Kind jedoch die Möglichkeit zu erleben, dass auch ein NEIN als Antwort möglich ist. Dabei hat es die Chance, seinen Frust zu überwinden, sich weiterzuentwickeln und doch selbstständig erfolgreich und stolz zu sein.
  2. Bsp: Ein Kind kommt zu uns und möchte mit uns spielen. Ich spüre in mich rein und merke, ich brauche noch einen Moment, um in Ruhe mein Wasser zu trinken. Ich kann sagen: “Nein, ich brauche noch 2 Minuten. Schau, wenn der große Zeiger auf der 6 ist, komme ich zu euch und dann können wir zusammen spielen”.

Was wir durch unsere NEINS bewirken

Durch unsere NEINs geben wir den Kindern die Möglichkeit 

  1. mit Frust umzugehen
  2. zu wachsen
  3. Konflikte zu üben
  4. Lösungen zu suchen
  5. Charakterstärke zu üben

Ich sage als Fachkraft NEIN um meiner selbst Willen. Das Ziel ist nicht eine erzieherische Maßnahme nach dem Motto: “Kinder brauchen Grenzen und müssen erzogen werden”. Vielmehr gehe ich achtsam und authentisch mit meinen eigenen Bedürfnissen und Grenzen um und sage NEIN. Dadurch können alle Beteiligten der Einrichtung lernen respektvoll mit den eigenen und den Grenzen der anderen umzugehen.

Fragen provozieren ein NEIN der Kinder

Durch meine Fragetechnik kann ich der Wichtigkeit des Bevorstehenden Ausdruck verleihen. Ich mache durch die Art der Frage oder der Aussage deutlich, was mir wie sehr wichtig ist. Ich kann also beeinflussen, wie viel gefühlten Spielraum es für die Kinder gibt mit „NEIN“ zu antworten. Ich stelle Fragen wenn etwas verhandelbar ist und mache Ansagen wenn etwas indiskutabel ist. Eine konkrete Ansage verleiht der bevorstehenden Aktion eine größere Bedeutung. Wenn ich sage: „wir gehen jetzt auf den Spielplatz, zieht euch alle an“ wird ganz klar nicht nach einer Diskussion gefragt.

Fragetechnik wenn ich zeigen möchte, das ist mir jetzt sehr wichtig.

  1. keine Fragen stellen z.B. „wollt ihr auf den Spielplatz gehen?“ wenn es keine Option gibt. Auf eine Frage kann man mit NEIN antworten.
  2. Keine Suggestiv-Fragen: „ihr wollt doch zum Spielplatz oder?“
  3. Eine Bitte kann abgelehnt werden „zieht euch bitte an wir gehen jetzt zum Spielplatz“. Darauf können Kinder mit NEIN antworten.
  4. Nur Sätze, die nicht mit Ja oder Nein beantwortet werden können „zieht euch jetzt an!“
  5. Eine konkrete Anweisung aussprechen: Wir gehen jetzt auf den Spielplatz. Die Kinder wissen was zu tun ist und sie werden nicht überfordert.
  6. Anweisung bei Bedarf begründen „mir ist es wichtig, dass wir alle zusammen etwas machen“

Nur weil ich eine Ansage gemacht habe, heißt das nicht, dass alle Kinder mit meinem Bedürfnis einverstanden sind. Das müssen sie auch nicht. Ich habe die Wichtigkeit des Vorhabens (mein Bedürfnis) deutlich gemacht: „wir gehen alle zum Spielplatz!“. Wenn ein Kind dagegen rebelliert zeigt es: „ich bin aber nicht damit einverstanden!“ Das ist sein gutes Recht und gut, dass er seinem Bedürfnis Ausdruck verleiht. Nun steht Bedürfnis gegen Bedürfnis.

Wenn ich das NEIN des Kindes nicht akzeptieren kann

Im pädagogischen Alltag treten immer wieder Situationen auf, in denen etwas ansteht, bei dem das Kind nicht NEIN sagen kann. Es ist zum Beispiel klar, dass alle Kinder gemeinsam auf den Spielplatz gehen. Tom möchte aber nicht mit auf den Spielplatz und äußert das deutlich auf seine Art: er beginnt, Unruhe in der Garderobe zu stiften, Quatsch zu machen, Kinder zu ärgern. Er zieht sich in der Garderobe nicht an. Als alle Kinder bereits fertig angezogen sind, hat er immer noch nicht seine Schuhe angezogen. Er sagt auf seine Art NEIN ich will nicht zum Spielplatz“. Was kann ich tun?

Was kann ich konkret tun, wenn das Kind „NEIN“ sagt?

Zunächst kann ich wertschätzen, dass er mir sein Bedürfnis, nicht mit auf den Spielplatz zu wollen, mitgeteilt hat: „gut, dass du mir das sagst, sonst hätte ich gar nicht gewusst, dass du nicht mit möchtest“. Auf diese Weise lernt Tom, dass sein „NEIN“ gehört wird und eine Relevanz erfährt. Die Wertschätzung eines Wunsches bedeutet aber nicht unbedingt, dass dem Wunsch nachgekommen werden muss!

  1. Beschreibung der Situation: „ich sehe du machst hier ganz viel Quatsch und möchtest dich gar nicht anziehen“
  2. Sich einfühlen: „kann es sein dass du lieber hier im Kindergarten bleiben möchtest?“ „Bist du nicht gerne auf dem Spielplatz?“. Dabei darauf achten, welche Sätze bei ihm Anklang finden um herauszufiltern, was sein tatsächliches Anliegen ist. Ob er wirklich nicht mit möchte oder etwas anderes sein Bedürfnis ist.
  3. Gründe herauszufinden: „was magst du auf dem Spielplatz nicht?“ Vielleicht hat das Kind vor etwas Angst? Oder es friert? Oder es gibt etwas auf dem Weg dort hin, das ihm Angst macht?! Mit ihm gemeinsam Gründe herausfinden.
  4. Alternativen/Kompromisse/Lösungen mit dem Kind gemeinsam Lösungen oder Kompromisse herausfinden. z.B. kann das Kind in einer anderen Gruppe bleiben? Er kann immer an der Hand der Erzieherin bleiben wenn er Angst hat? Kinder sind oft äußerst kreativ dabei Lösungen zu finden. Vielleicht hat er selbst gute Vorschläge?! Ansonsten Ideen vorschlagen.
  5. Gefühle begleiten: wenn die Entscheidung der Fachkraft feststeht und kein Kompromiss möglich ist (das ist durchaus legitim), kann man das Kind in seinen Gefühlen (Frust/Ärger/Wut) begleiten. „Ich kann verstehen, dass du enttäuscht/sauer bist. Ich habe gleichzeitig keine andere Möglichkeit.“ Tränen dürfen sein! Dann trösten. Gewöhnlicherweise wirken Kinder wesentlich „aufgeräumter“ nachdem sie weinen und ihrem Frust Luft machen konnten.


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„du hast so schön…“ – Sensibler Umgang mit Sprache

“du hast so schön ruhig gelegen, du darfst früher aufstehen”

“du hast so schön aufgegessen, du darfst schon einen Nachtisch haben”

“du hast so schön aufgeräumt, du darfst als erster das Essen bekommen”

“du hast dich so schnell angezogen, du darfst als erster rausgehen”

All diese Sätze sind Alltag in deutschen Kindergärten. Sie haben alle dasselbe Ziel: das Kind zu einem bestimmten Handeln zu bewegen. Ich möchte, dass das Kind in der Schlafenszeit ruhig ist, schnell isst, alles aufisst, sich schnell anzieht usw. 

Ich kann gut nachvollziehen, dass es häufig eine Herausforderung ist, den Tagesplan einzuhalten. Wenn Kinder nicht mitmachen wollen und nach der eigenen Vorstellung handeln, kann der Ablauf schon mal hinken. Wahrscheinlich ist man sehr hilflos und muss sich etwas einfallen lassen, um den Ablauf reibungsloser hinzubekommen. Ich finde es allerdings wichtig sich die möglichen Folgen der oben beschriebenen Sätze klar zu machen: 

Mögliche Folgen: 

  1. das Kind verhält sich entsprechend der VORGABE der Fachkraft: schneller, ruhiger usw. 
  2. das Kind lernt, nur wenn ich das mache, was die Fachkräfte von mir wollen, BIN ICH RICHTIG. Nur wenn ich ruhig liege, mich schnell anziehe, aufessen etc. bin ich gut.
  3. Es geht nicht darum, was ich IN MIR FÜHLE, sondern darum, was das Umfeld von mir verlangt. Es ist wichtig die Vorgaben einzuhalten.
  4. Möglicherweise VERLIERT das Kind das GEFÜHL zu seinen eigenen Bedürfnissen (ruhig liegen obwohl der Körper sagt, ich bin nicht müde; mehr essen als der Bedarf, schneller essen als der Bedarf, hetzen obwohl ich Zeit brauche um mich auf die neue Situation einzustellen, innerer Stress.
  5. Dadurch dass ein Kind “BELOHNT” wird, fühlen sich die anderen Kinder automatisch herabgesetzt. “ich bin nicht so gut weil ich langsamer esse, ich habe nicht so gute Fähigkeiten weil ich mich langsamer anziehe und nicht ruhig liegen kann”. Das beeinflusst das Selbstwertgefühl des Kindes. 
  6. Dadurch können WUT/ ÄRGER auf das belohnte Kind oder auf die Fachkraft entstehen. Auch FRUST darüber, dass man noch keinen Nachtisch bekommt oder NEID weil das andere Kind bereits einen Nachtisch haben durfte können die Folge sein. Man fördert dadurch negative Gefühle und Streit.
  7. Förderung des LEISTUNGSGEDANKE und des KONKURRENZKAMPFES unter den Kindern. Sie lernen schnell, es geht darum, wer etwas am besten kann und wer nicht (Meistens sind das immer die gleichen Kinder: zB. die Ältesten gewinnen, die Jüngeren verlieren). Das schafft bereits in diesem Moment eine Chancenungleichheit. Am ehesten bestehen kann derjenige, der die Anforderungen der Fachkräfte erfüllt. Entweder du kannst dich gut anpassen oder du bist nicht so wertig wie die anderen weil du es nicht so “schön” nach den Wünschen der Pädagogen erfüllen kannst. Es gibt dadurch bereits im Kindergarten auf den ersten Blick nur schwer erkennbare Leistungs- und Persönlichkeitsbewertung.

Was soll jedoch das Ziel unseres Handelns als Fachkräfte in Krippe, Kita und Hort sein? Wollen wir angepasste Menschen hervorbringen, die ihr Leben nur danach ausrichten, was andere von ihnen verlangen, wie andere sie bewerten, ob sie etwas richtig, falsch, schnell oder langsam getan haben?! Wollen wir, dass Menschen gegeneinander arbeiten, sich gegenseitig neiden? 

Mir wäre es viel lieber, glückliche Menschen zu haben, die aufeinander acht geben, individuelle Eigenheiten und Fähigkeiten tolerieren lernen (langsames Essen, langsames Anziehen), die sich Zeit und Raum geben, die sich gegenseitig helfen, die sich ihren Bedürfnissen bewusst sind. Das macht glückliche Menschen doch aus oder?

Mir ist es wichtig die Komplexität dieser eben mal schnell daher gesagten Sätze deutlich zu machen. Liebe Grüße, Lea


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“Na Süße…” wenn Fachkräfte Kinder mit Worten liebkosen

“Na Süße…” so nannte ein Erzieher ein vierjähriges Mädchen. Spontan musste ich mich innerlich schütteln. Es kam ein Gefühl von EKEL in mir auf. Habe nur ich diese Abscheu gespürt oder auch das Mädchen selbst? Hätte ich mich vielleicht nicht so geekelt wenn es eine Erzieherin und kein Erzieher gewesen wäre?! Bin ich doch etwas zu sensibel? Warum reagierte ich so? Fragen, Fragen, Fragen. 

Eines beobachte ich jedenfalls immer wieder: Kinder werden in der Kindertagesbetreuung beinahe inflationär mit Kosenamen benannt:

“Püppi”, “Mäuschen”, “Schätzchen”, “Hase”, “Schnecke” usw.

Es rutscht uns plötzlich raus, die Kleinen sind ja auch zu süß, wir meinen es doch nur gut. Kennt ihr das? 

Die meisten denken sich nichts dabei, meinen es nicht böse, ist doch nur nett gemeint und schafft Nähe zum Kind. Das mögen die Kinder doch und mich mögen sie dann auch lieber. Auf diese Weise kann ich eine Beziehung aufbauen, die für die pädagogische Arbeit doch so wichtig ist. Aber ist das wirklich so? 

Kinder mögen meist keine Kosenamen

Die meisten Kinder, die ich frage, ob sie Kosenamen mögen, antworten mir mit einem klaren NEIN! Es wird dabei ihre Grenze überschritten.

Ihre Mimik, Gestik, ihr Verhalten, ein Wegdrehen, ein Gesicht verziehen, ein danach schnell Wegrennen lässt dann vermuten, dass ihnen diese Art der sprachlichen Zuwendung zu eng und grenzüberschreitend ist.

Wenn Kinder mit “Süße” oder “Püppi” angesprochen werden, hat das für mich doch ein wenig etwas von einem Kuscheltier, von etwas Kleinem, Niedlichen, einem Objekt, das liebkost wird.

Kinder wollen gleichwertig behandelt werden

Kinder wollen jedoch GLEICHWERTIG als vollwertige Persönlichkeiten gesehen werden, als Subjekte, die ihr Leben selbst gestalten können, die über sich selbst bestimmen können. Sie wollen als Karl, Louis, Mia, Fred und Emma gesehen und geschätzt werden. Sie wollen hingegen nicht als kleine süße Püppchen behandelt oder wie Objekte betätschelt werden. Sie wollen wie sie SELBST behandelt werden – mit all ihren Interessen, Fähigkeiten und Persönlichkeitseigenschaften. 

Wir können Kinder FRAGEN, ob sie die Liebkosungen mögen. Manche Kinder verlangen vielleicht sogar danach. Wenn sie ihr Einverständnis dafür geben, sind die verniedlichenden Bezeichnungen keineswegs zu kritisieren. Aber wenn Kinder sie allerdings nicht mögen, muss das respektiert werden! 

Und wenn es uns doch passiert?

Wenn uns doch eine gut gemeinte Liebkosung über die Lippen rutscht, haben wir die Möglichkeit unser BEDAUERN darüber auszudrücken.

“Oh ich weiß, eigentlich magst du so nicht genannt werden. Das kann ich gut verstehen. Ich bedauere dich “Mäuschen” genannt zu haben weil ich weiß, dass du das gar nicht magst. Ich versuche nächstes Mal darauf zu achten, denn mir ist es wichtig, dass deine Grenzen respektiert werden”

Auf dieser Grundlage können tolle Gespräche entstehen, die Kinder für ihr Leben bereichern. Ich kann mit dem Kind über seine eigenen GRENZEN und über das Wahrnehmen eigener Grenzen sprechen. Anhand dieses Alltagsbeispiels haben wir die Möglichkeit, Kinder darin zu bestärken, ihre eigenen Grenzen zu wahren und NEIN zu sagen.

Mehr zum Thema Grenzen und Wahrnehmung von kindlichen Grenzen findest du hier: https://www.beduerfnisorientierte-kinderbetreuung.de/nein-sagen-duerfen


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