Gewaltvolles Verhalten durch pädagogische Fachkräfte – eine Sammlung

“Es kann nicht sein, was nicht sein darf” (Anke Elisabeth Ballmann)

1. Emotionale Gewalt

Kinder ignorieren

Augen rollen

böse, abwertende Blicke

Kinder als Bestrafung ohne Worte stehen lassen, alleine (stehen) lassen

Manipulation: “nur wenn du das aufisst, wirst du groß und stark”

“Wenn die Lara das Ei nicht bastelt, bekommen ihre Eltern halt kein Ostergeschenk”

“Wenn der Viktor nicht mit reinkommt, bekommt er eben kein Mittagessen”

Beschämung/ Bloßstellen: z.B. Kind hat während der Mittagsruhe eingepullert und wird von der Erzieherin vor den anderen Kindern bloß gestellt: “siehst du Lisa, ich hab’s dir gesagt! Wärst du vorhin auf’s Klo gegangen”. Zu den anderen Kindern: “also so wie der Jan das macht, geht das nicht. Bei ihm dürft ihr das euch nicht abschauen”

Angst machen: “wenn du nicht artig bist, holt deine Mama dich nicht ab”

“hör sofort auf, sonst kommt dein Schnuffi (Kuscheltier) weg”

2. Verbale Gewalt

Im Beisein des Kindes schlecht über es sprechen: mit den Eltern oder einer anderen Fachkraft. “Also die Lina ist ja echt schüchtern, schlimm, mit ihr kannst du nichts unternehmen. Das ist weil ihre Mutter sie noch stillt” (Während Lina mithörten kann)

Sarkasmus: “man du bist ja echt schlau” und meint eigentlich “man bist du dumm”

Widersprüchliche Aussagen (Double-bind): in höchst zynischem Ton: “na das hast du ja wunderbar gemacht”, “ganz toll!” “so ein kluges Kind bist du” wenn das Kind eigentlich etwas falsch gemacht hat.

Anschreien, Ausschimpfen: (in sehr lautem aufbrausenden Tonfall): “was steht ihr denn hier rum? Ihr solltet euch doch anziehen. Manuel, du sitzt ja nur da rum, mach, dass du dich anziehst. So wird das nie etwas mit dir werden”

verbale Abwertung: “bist du dumm”, “das schaffst du ja eh nicht”, “so wird nie etwas aus dir!”, “du stellst dich ja an”

3. Körperliche Gewalt

Fixieren: am Stuhl, Lätzchen unter Teller festklemmen, in Hochstuhl festsetzen ohne Bewegungsspielraum und die Möglichkeit aufzustehen, am Bett fixieren, auf dem Töpfchen/Klo festbinden

Zerren, Schubsen, ohne Ankündigung Herumreißen, Hochreißen (bei Krippenkindern)

4. Bestrafung

Strafen androhen
“Wenn du nicht sofort aufräumst, gehst du in die Krippe”

Strafen durchführen: Kind sozial isolieren: auf den stillen Stuhl, stille Treppe, alleine in die Garderobe schicken, Auszeit, Time-out

weitere Beispiele für Bestrafungen: das Kindergartenkind in die Krippe schicken, vor die Tür setzen, zur Strafe als letztes etwas auswählen dürfen, o.ä.

5. Zwang/ Nötigung

Kind zwingen z.B. seinen Schnuller abzugeben, zum Wickeln zwingen

Rigide Schlafenszeiten/ Schlafzwang: Schlafen müssen obwohl nicht müde, liegen bleiben müssen, “Bewachung” durch Fachkraft, Runterdrücken, Festbinden, still liegen müssen

Zum Essen drängen/ zwingen: Probieren müssen, zum Probieren drängen, aufessen müssen, etwas essen müssen bevor man etwas anderes darf (z.B. den Nachtisch, Aufstehen, Spielen gehen), zum Essen manipulieren: “nur wenn du das Fleisch isst, wirst du groß und stark”

Nötigung zum aufs Töpfchen/ Klo gehen: auf’s Klo gehen müssen, z.B. in der Toilette einsperren bis das Kind auf Toilette gegangen ist, mehrfaches Überreden auf’s Klo zu gehen, lange auf dem Töpfchen/ Klo sitzen müssen (bis etwas kommt)

6. Unterlassen von Hilfeleistung

Trost verweigern: Kind weint streckt die Arme nach der Erzieherin aus und sagt: “nein ich nehme dich nicht hoch. Das musst du lernen”

Verweigern von Nähe und Tragen obwohl das Kind deutliche Signale zeigt, dass es getragen werden möchte. Mehr dazu auch in folgendem Artikel: https://www.beduerfnisorientierte-kinderbetreuung.de/zu-viel-naehe-gibt-es-nicht-auch-nicht-im-paedagogischen-kontext

Bedürfnis nicht ernst nehmen und unbeantwortet lassen: “der will nur Aufmerksamkeit” und nötige Hilfe unterlassen “ach ja, der Leon, der macht immer einen Aufstand um nichts”

7. Diskriminieren

Lieblingskinder bevorzugen

Kinder in ihrem Beisein miteinander vergleichen
“schau mal, der Levi kann sich aber schon alleine anziehen. Das müsstest du auch längst können

Kinder diskriminieren:

8. Sexuelle Gewalt

Ungenügende Nähe-Distanz Regulation z.B. wenn Fachkräfte sich ihre eigenen Bedürfnisse nach Nähe und Zuwendung durch die Kinder befriedigen: z.B. kuscheln obwohl das Kind nicht will, das Kind küssen, eine Innigkeit herstellen, die über die Grenze des Kindes geht.

Diese Liste hat keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Es handelt sich um eine Sammlung von selbst erlebten Beispielen, berichteten Beispielen und Beispielen aus den angegebenen Büchern.

Wie es mir damit geht, Fehlverhalten in Kindertagesstätten zu beobachten und nicht zu wissen, wie ich damit umgehen soll, könnt ihr in diesem Artikel von mir nachlesen: https://www.beduerfnisorientierte-kinderbetreuung.de/gewalt-durch-paedagogische-fachkraefte-mein-dilemma-zwischen-hinsehen-und-wegsehen

Literaturangaben:

Jörg Maywald (2019): Gewalt durch pädagogische Fachkräfte verhindern.

Anke Elisabeth Ballmann (2019): Seelenprügel. Was Kindern in Kitas wirklich passiert.

https://www.donbosco-medien.de/gewalt-durch-paedagogische-fachkraefte-ein-tabu-broeckelt/b-1/484

Gewalt durch pädagogische Fachkräfte – (m)ein Dilemma zwischen Hinsehen und Wegsehen

Ich sitze gerade in einer Kita, begleite eine Erzieherfachschülerin in ihrem Praxisabschnitt. Ich war bis eben mit meiner Aufmerksamkeit ganz bei ihr.

Doch dann höre ich plötzlich wie es im Nachbarraum laut wird. Ich bekomme mit, wie dreijährige Kinder angeschrien werden. Ich höre wie die Erzieherin lautstark brüllt: 

“du bist ja immer noch nicht angezogen!” “Geh da sofort von der Tür weg” “alle anderen Kinder sind bereits angezogen und du stehst hier immernoch rum” “Das kann ja wohl nicht wahr sein” “so wird das mit der Schule aber nie was” 

Ich zucke zusammen. Das Blut gefeiert in meinen Adern. Mein Denken verschwindet, ich erstarre innerlich.

Mir geht es sehr schlecht. Ich fühle mich klein und ohnmächtig. 

Was soll ich tun?! 

Eins ist klar, das Kind braucht Hilfe!!!!

Ich grübele, wie muss es wohl dem Kind gehen, das so beschimpft und runtergemacht wird? Wenn ich schon so erschrecke, wie hilflos, schuldig und klein muss sich das Kind erst fühlen?

Schrecklich. Ich bin empört. Mein Puls steigt.

Das Kind ist so sehr abhängig von dieser Erzieherin.

Ich selbst habe jeder Zeit die Chance zu gehen, mich zu empören und die Einrichtung zu verlassen. Und das würde ich tun, wenn ich so angeschrien werde. Ich bin der Erzieherin nicht ausgeliefert, ich kann mich schützen. Ich gehe raus und fahre nachhause.

Aber das Kind kann sich nicht schützen, es kann sich nicht wehren. Wenn es sich empört, gerät die Erzieherin vermutlich erst richtig in Rage und sein Schmerz wird vermutlich noch verstärkt. Aus Angst lässt das Kind es lieber sein.

Es kennt die Situation womöglich gar nicht anders, hat diesen Umgangston vielleicht sogar bereits als normal verinnerlicht.

ETWAS BEGINNT IN MIR ZU BRODELN. Ganz leise, tief in meinem Bauch. Keiner bekommt es mit.

ICH WILL SOFORT aufstehen, zu der Erzieherin hingehen und sie schütteln, ich würde sie am liebsten an den Schultern fassen, ihr in die Augen blicken und sagen: “Sie tun dem Kind weh” “Sie üben Gewalt aus!” Sie sorgen dafür, dass das Kind seine Selbstachtung, seinen Selbstwert, sein Selbstbewusstsein, das Vertrauen zu sich und in seine Umwelt verliert!”

ICH WÜRDE AM LIEBSTEN sofort zur Leitung laufen und wutentbrannt erzählen, welch unsagbare Dinge in ihrer Einrichtung passieren. 

ICH WÜRDE AM LIEBSTEN zu meiner Fachschülerin gehen und sagen: “so bitte niemals handeln! Auf diese Art fügst du den Kindern enormes Leid zu”

ICH WILL SOFORT zu meiner Fachschule rasen und ihr befehlen, diese Einrichtung als Kooperationseinrichtung zu kündigen

ICH WILL SOFORT, das Kind in meine Arme schließen und es trösten. Ich würde ihm gerne sagen: “du trägst keine Verantwortung, du hast keine Schuld, du bist richtig wie du bist, du darfst weinen wenn du möchtest. Deine Erzieherin wollte dir eigentlich sagen, dass sie gerne mit euch raus gehen will und ihr euch dafür anziehen sollt. Sie ist ungeduldig weil sie so gerne raus möchte und es kaum abwarten kann. Sie konnte es dir gerade nur nicht anders sagen” 

ICH WÜRDE am liebsten sofort rausrennen und in die Luft schreien: “bitte liebe Eltern, schickt eure Kinder nicht in diese Einrichtung, zu dieser Erzieherin. Sie tut euren Kindern nicht gut!”

Nun sitze ich da. Das alles passiert in meinem Kopf, in meinem Herz.

Und jetzt?

Eigentlich sollte ich genau das alles, was ich fühle, was mein Bauch mir sagt, tun, sonst ändert sich nichts!!!

Doch irgendwas in mir lässt mich am Stuhl festfrieren, schubst mein Gesicht zurück zur Auszubildenden, lenkt meinen Blick auf das vor mir liegende Formular. Irgendetwas in mir lässt mich meinen Stift wieder in die Hand nehmen und fortfahren.

Alles geht so schnell, schwupps sind die Kinder draußen im Garten, die schreckliche Erzieherin irgendwo im Nirgendwo.

Alles beim Alten, wie immer, zurück zum Alltag, beobachten, schreiben, rückmelden.

War irgendetwas? VERDRÄNGT.

“es kann nicht sein, was nicht sein darf” (Anke E. Ballmann)

Ich verlasse das Gebäude, fahre nachhause. 

SCHULD steigt in mir auf. 

Es kann doch nicht sein, dass ich solche schrecklichen Dinge sehe und das beinahe wöchentlich und ich dabei nichts unternehme, “schimpfe ich innerlich mit mir”. Ich bin doch genau diejenige, die etwas ändern kann. Ich bin tagtäglich in Krippen, Kitas und Horten. Ich habe die Verantwortung. Ich sehe die Gewalt. Ich habe es in der Hand!!! 

Diese Schuldgefühle zermürben mich. Aber was soll ich tun?

Und vor allem: was hält mich davon ab etwas zu tun?

ANGST. ANGST. ANGST. ANGST. ANGST. ANGST. ANGST. ANGST. ANGST. ANGST.

Ich habe ANGST davor, andere vor den Kopf zu stoßen

Ich habe ANGST davor, andere anzukreiden

Ich habe ANGST davor, andere zu kränken

Ich habe ANGST davor, dass andere mich beschimpfen

Ich habe ANGST davor, dass andere meine Kompetenz anzweifeln

Ich habe ANGST davor, alleine da zu stehen

Ich habe ANGST davor, enttäuscht zu werden und dass trotz meiner Mühe alles beim Alten bleibt 

Ich habe ANGST davor, dass ich in meinem Selbstwert angegriffen werde

Ich habe ANGST davor, wieder in diese Einrichtung gehen zu müssen und von allen böse Blicke zu bekommen

Ich habe ANGST davor, dass ich nicht ernst genommen werden und ich den Fehler letztlich bei mir suche: “ich bin einfach zu sensibel”

Ich habe ANGST davor, verhört zu werden

Ich habe ANGST davor, mich der Erzieherin oder gar mehreren Erzieherinnen stellen zu müssen

Ich habe vor den Konsequenzen ANGST, die mich davon abhalten, zu sagen: “das ist Gewalt und darf nicht sein!”

Ich habe ANGST vor dem was kommt.

All das kann ich doch ganz einfach vermeiden, indem ich nichts sage. Das ist in jedem Fall der einfachere und bequemere Weg. Ich gehe wieder meiner Wege, komme in eine Einrichtung und gehe wieder. Schau mir das Handeln der Fachkräfte an und gehe wieder, stumpfe mit der Zeit ab, ertrage es schon irgendwie.

Dann ändert sich nur nichts!

Und die SCHULDGEFÜHLE bleiben

Ich habe nicht verändert, was verändert werden muss!

Also lasst uns alle MUTIG sein und hinschauen, verändern was nicht sein darf. Gemeinsam können wir verändern, was bisher als “normal” galt und doch so mies ist.

Gibt es ein zu viel an Nähe im pädagogischen Kontext?

Dieser Beitrag kann auch als Podcastfolge angehört werden

Es hält sich in der pädagogischen Praxis zum Teil immer noch hartnäckig der Glaube, dass zu viel körperliche und emotionale Nähe den Kindern schaden könnte. Die Angst ist groß, dass Kinder bei zu enger Bindung zu den Fachkräften viel weinen, sich nicht lösen und nicht selbständig werden könnten. Pädagogische Fachkräfte sollten die professionelle Distanz wahren, um ein Kind nicht zu sehr an sich zu binden. Zu viel emotionales “Gedusel” sei wenig professionell und würde das Kind in seiner Entwicklung hemmen, so immer wieder die Meinung.

Aber gibt es wirklich zu viel Nähe? Eine zu enge Bindung zwischen Fachkraft und Kind?

Im familiären Kontext hat es sich mittlerweile rumgesprochen, dass Kinder nur schwer verwöhnt werden können, dass sie von körperlicher und emotionaler Nähe profitieren, eine innere Stärke aufbauen, dass sie gesünder und stressresistenter sind als Kinder, die in emotional kühler Atmosphäre groß werden.

Pädagogische Fachkräfte sind verunsichert

Pädagogische Fachkräfte sind allerdings immer wieder verunsichert: wie viel Nähe darf ich zulassen? Wie viel Nähe ist in Ordnung, um immer noch professionell zu handeln, um die professionelle Distanz zu wahren? Schließlich bin ich nicht die Mutter oder der Vater. Ich arbeite doch nur ergänzend zur Familie und möchte den Eltern keine Konkurrenz machen. Auch werde ich sonst von meinen Kolleginnen komisch angeschaut.

“meine Kollegen sagen dann zu mir, ich wäre zu eng mit den Kindern weil sie weinen wenn ich in die Pause gehe”

Gibt es ein zu viel an körperlicher Nähe im beruflichen Kontext?”

“man muss doch die professionelle Distanz wahren. Aber wenn die Kinder immer wieder von mir auf den Arm genommen werden wollen?! Was soll ich dann tun?”

Nähe ist für die pädagogische Arbeit wichtig

Ich kann alle Zweifelden beruhigen, auch im pädagogischen Kontext gibt es kein zu viel an körperlicher und emotionaler Nähe. Ich spreche nicht von übergriffiger, sexualisierter Nähe, sondern einer Bedürfnis gerechten Nähe, die auf die Signale der Kinder angepasst ist – eine Nähe, die von Kuscheln, auf den Arm nehmen, gut zureden, zugewandt sein geprägt ist. Eine Nähe, bei der die Grenzen aller Beteiligten gewahrt werden (siehe dazu unten den Abschnitt : “zu viel Nähe gibt es nicht – drei Ausnahmen”)

Insbesondere im Krippenbereich sind kleine Kinder sogar auf die emotionale Zuwendung von Erwachsenen angewiesen. Sie bauen eine Bindung auf, die davon geprägt ist, dass die Bindungsperson ihre Signale versteht und ihnen diese Signale mit einer passenden Handlung beantwortet. Dabei zeigen Kleinkinder für gewöhnlich sehr häufig Zeichen, die darauf schließen lassen, dass sie körperliche Nähe benötigen. Es ist ihr Grundbedürfnis durch emotionale und körperliche Nähe zum Erwachsenen Sicherheit und Regulation zu erfahren. Auch durch pädagogische Fachkräfte.

Der Stress-Regulations-Behälter – je voller desto entspannter

Durch emotionale Regulation und Körperkontakt wird das Bindungshormon Oxytocin ausgeschüttet. Dieses Hormon wiederum sorgt dafür, dass Stress, also Cortisol im Blut, abgebaut wird (Onlinequelle)

Stellen wir uns vor, ein Kind hätte ein inneres Behältnis, das je nach Menge der Nähe und Zuwendung stark oder weniger stark gefüllt ist. Bekommt ein Kind viel Körperkontakt, ist das Behältnis gut gefüllt. Dieses gefüllte Behältnis ist gleichzusetzen mit innerer Entspannung und Ausgeglichenheit. Je voller das Glas also an Zuwendung ist, umso entspannter ist das Kind. Im Umkehrschluss bedeutet das, wenn ein Kind lange Zeit keine Co-Regulation z.B. durch Körperkontakt erfahren hat, bleibt sein Stress-Regulations-Becher leer und das Kind ist stark gestresst.

Nähe tanken = Stress regulieren = Entspannung

Emotionale und körperliche Nähe durch Fachkräfte tragen dazu bei, dass das innere Nähe-Behältnis des Kindes stets gut gefüllt ist und es somit entspannt durch den Tag kommt.

Man sollte bedenken, dass der Nähebedarf der Kinder sehr individuell ist. Das eine Kind hat z.B. insgesamt viel Bedarf an körperlicher Zuwendung und muss regelmäßig viel Körpernähe “tanken” durch Tragen, Kuscheln, Hautkontakt o.ä. Andere Kinder wiederum haben nur ein inneres schmales Reagenzglas, das sehr schnell wieder aufgefüllt werden kann, z.B. durch kurzes Drücken und ein paar schöne Worte. Sie brauchen im Kitaalltag also weniger Kontakt als andere Kinder.

Wenn kindlicher Nähebedarf verwehrt oder nicht bemerkt wird, kommt es dazu, dass Kinder nach und nach die Reserven ihres Nähehaushalts aus dem Behältnis aufbrauchen. Sie werden mit der Zeit dann immer gestresster und unglücklicher.

Kinder benötigen Fachkräfte, die ihr Nähebedürfnis feinfühlig wahrnehmen. Zeichen der Kinder dafür können vielfältig sein: sehr deutlich, unmissverständlich, zaghaft, undeutlich oder kaum wahrnehmbar.

Zeichen, die ein Nähebedürfnis zeigen

  • auf den Schoß klettern
  • Kinder sagen: “hoch” oder “Arm”
  • strecken die Arme aus
  • weinen und lassen sich durch Sprache o.ä. nicht beruhigen
  • wirken apathisch, gehemmt
  • sind wenig fröhlich
  • Spielen nicht
  • uvm.

Bindung und Trauer

wir gehen mit den Kindern als pädagogische Fachkraft eine “bindungsähnliche Beziehung” (Hörmann, 2013) ein. Die Fachkraft-Kind Beziehung ist von ähnlichen Merkmalen geprägt wie die Beziehung zwischen Eltern und Kind. Gleich ist, dass die Beziehung durch ein feinfühliges Verhalten der Erwachsenen aufgebaut wird und sie darüber ihre Qualität entwickelt. Auch bei der Fachkraft-Kind Beziehung entwickeln sich Bindungsqualitäten, die sicher oder unsicher sein können. 


Durch das feinfühlige Beantworten kindlicher Signale bauen wir als Fachkräfte eine bindungsähnliche Beziehung auf. Kinder zeigen auf ihre Art, wann sie emotionale oder körperliche Nähe benötigen um Stress zu regulieren und ihr inneres Gleichgewicht wiederzufinden.

Wenn die Signale des Kindes nach Nähe von Fachkräften immer wieder fehlinterpretiert und nicht mit Körperkontakt beantwortet werden, kann die Bindungsqualität zwischen Fachkraft und Kind unsicher sein.

Kinder brauchen also die feinfühlige und emotionale Nähe zur Fachkraft damit sie sich sicher fühlen, Vertrauen aufbauen und entspannt durch den Kitaalltag kommen.


Kinder trauern um ihre Bezugsperson

Wenn das Kind sich eine bestimmten Person in der Einrichtung als Bindungsperson ausgesucht hat, kann es vorkommen, dass es um diese trauert, wenn sie nicht da ist. Das ist ganz normal und sehr gesund. Das kann unter Umständen auch die Praktikantin sein oder eine Fachkraft, die eigentlich gar nicht als Bezugsperson vorgesehen war.

Wir Menschen weinen zum Abschied am ehesten bei Personen, die wir am meisten ins Herz geschlossen haben, die wir mögen, bei denen wir uns wohl fühlen, die uns helfen in der Not.

In den Einrichtungen suchen Kinder sich Bezugspersonen nach sehr unterschiedlichen Merkmalen aus. Häufig spielt Sympathie eine Rolle. Wichtig ist auch, wie feinfühlig die Person dem Kind Zuwendung, Wertschätzung und Verständnis entgegenbringen kann, ob sie das Kind “versteht”, seine Bedürfnisse wahrnimmt und beantwortet. Nicht zuletzt kommt es darauf an, wie die Fachkraft die Gefühle des Kindes auffangen und welchen Grad an Nähe sie zulassen kann.

In pädagogischen Einrichtungen müssen Kinder sich sehr oft von lieb gewonnenen, ihnen nahe stehenden Bezugspersonen verabschieden. An manchen Tagen warten Kinder vielleicht sogar vergeblich auf sie.

Szenarien, in denen die lieb gewonnene Bezugsperson für das Kind abwesend ist, können zum Beispiel folgende sein:

  • sie geht in die Pause
  • sie geht Vor- oder Nachbereitungen durchführen
  • sie muss in einer anderen Grupp aushelfen
  • sie ist im Urlaub
  • sie ist krank
  • sie ist selbst Auszubildende oder Paktikantin, die nur an bestimmten Tagen in der Einrichtung ist oder ihr Praktikum beendet

In solchen Situationen kann es vorkommen, dass Kinder weinen, schluchzen, verhaltener sind, nicht ins Spiel finden, traurig aussehen oder an keiner Aktivität teilnehmen wollen. Kurz gesagt, sie trauern um ihre für sie so wichtige Bezugsperson, eben wie bei den Eltern.

Diese Trauer um die Bindungsperson ist völlig in Ordnung und normal. Wir weinen auch am ehesten bei Menschen, die uns sehr nahe stehen als bei solchen, die uns nicht so wichtig sind.

Das bestätigt auch die Bindungsforschung: es hat sich gezeigt, Kinder, die sicher gebunden sind, weinen häufiger beim Weggang der Bindungsperson als unsicher gebundene Kinder.

Wenn ich als Fachkraft also in die Pause gehe und das Kind weint, ist das ein gutes Zeichen dafür, dass eine sichere Bindung zwischen mir und dem Kind besteht. Das Kind trauert um mich.

Diese Trauer ist völlig in Ordnung. Wichtig ist nur, dass das Kind eine andere ihm vertraute Person um sich hat, die sich um es kümmert, die es mit seiner Traurigkeit auffängt:

“die Christin ist jetzt in die Pause gegangen. Das macht dich ganz schön traurig stimmt’s? Das kann ich gut verstehen. Soll ich dich mal in den Arm nehmen und trösten? Schau mal, wenn der große Zeiger auf der 12 ist, dann kommt Christin wieder. Wollen wir solange ein Puzzle (oder was das Kind sonst gerne spielt) zusammen machen?”

Eine starke Beziehung bedeutet folglich also nicht, dass ich mit dem Kind zu eng bin und deshalb lieber weniger Nähe mit dem Kind aufbauen sollte. Der geringere Kontakt könnte zwar dazu führen, dass das Kind weniger traurig ist, gleichzeitig würde dem Kind eine verlässliche, Sicherheit bietende Bezugsperson fehlen. Man könnte die Trauer des Kindes also durch weniger Nähe vermeiden, allerdings hätte es folglich vermutlich keine tiefe, stabile, verlässliche, Trost spendende, regulierende Beziehung, die es so dringend braucht, um sich sicher in der Einrichtung bewegen zu können und entspannt durch den Kitaalltag zu kommen.

Falsch verstandene professionelle Distanz kann für’s Kind schädlich sein

Die professionelle Distanz gibt es in der Bedürfnisorientierten Kinderbetreuung nicht. In der Bedürfnisorientierten Kinderbetreuung treten Menschen unterschiedlichen Alters in Beziehung. Alle Beziehungspartner teilen (auf ihre Art) ihre Grenze mit und gehen achtsam mit der Grenze des jeweils anderen um. 

Ein Kind, das die Nähe der Erzieherin nicht mag, zeigt dies durch individuelle Signale, die die Fachkraft bemerkt, spiegelt und darauf adäquat reagiert.

Das Kind windet sich bspw. aus der Umarmung der Fachkraft.

Andersherum teilt die Fachkraft ebenso authentisch und klar ihre eigene Grenze mit.

die Fachkraft möchte bspw. vom Kind nicht auf den Po gehauen werden und sagt dem Kind deutlich mit einer Ich-Botschaft, dass sie das nicht will: “Ich will nicht, dass du mir auf den Popo haust”

Auch die Eltern des Kindes sind Teil des Beziehungsdreiecks. Sie haben ebenso ein Recht darauf, ihre Grenze zu kommunizieren und darin ernst genommen zu werden. Wenn sie es zum Beispiel nicht wollen, dass ihr Kind die Fachkraft küsst, sollte diese Grenze ebenso respektiert und eine gemeinsame Lösung gefunden werden.

Die Grenzen eines jeden Menschen verlaufen sehr unterschiedlich. Je nachdem welche Erfahrungen jemand mit Nähe-Situationen gemacht hat, reagiert er sensibel oder weniger sensibel auf Handlungen anderer Menschen, die mit Nähe zu tun haben. Aus diesem Grund ist eine pauschale Aussage darüber, an welcher Stelle die professionelle Distanz gewahrt werden muss und wo nicht, sehr schwer.

Reflexion: jede Fachkraft sollte für sich selbst reflektieren,

  • wann reagiere ich wie sensibel auf die Nähebedürfnisse der Kinder?
  • Wo verlaufen meine eigenen körperlichen Grenzen? Was will ich körperlich zulassen und was nicht? und warum?
  • Welche eigenen körperlichen Grenzen sind berechtigt oder an welcher Stelle könnte ich die Kinder mit meiner eigenen Körpersensibilität in ihrem Wohlbefinden und ihrer Entwicklung beeinträchtigen?


Falsch verstandene professionelle Distanz kann für ein Kind (insbesondere in der Krippe) durchaus negative Konsequenzen haben. 

Zum Beispiel wenn ein einjähriges Kind weint, auf den Arm und kuscheln möchte, die pädagogische Fachkraft unbewusst jedoch die Angst hat, das Kind zu verwöhnen oder sogar sexuell übergriffig zu sein. Sie möchte die pädagogische Distanz wahren.

In dem Fall bliebe das Kind mit seinem Kummer jedoch alleine und sein innerer Stress könnte nicht abgebaut werden. Wenn eine solche Situation häufiger auftritt und sich keine andere Fachkraft dem Kind annimmt, kann das zu chronischem Stress beim Kind führen. Jörg Maywald würde in seinem Buch “Gewalt durch pädagogische Fachkräfte verhindern” dieses Verhalten sogar als gewaltvoll einstufen – als unterlassene Hilfeleistung.

Zu viel Nähe gibt es nicht es gibt 3 Ausnahmen!

Neben der Aussage: “zu viel Nähe gibt es nicht” bestehen jedoch drei wichtige Ausnahmen:

1. Ausnahme: das Kind will die Nähe nicht

Körperliche Nähe ist dann nicht in Ordnung, wenn das Kind zeigt, dass es sie nicht haben will. Durch verschiedenste Signale macht das Kind auf seine Grenze aufmerksam: durch Mimik, Gestik, mit Worten, die deutlich oder auch sehr “leise” sein können. Es ist dann die Aufgabe der Fachkräfte diese Zeichen wahrzunehmen.

Fachkräfte, die sich z.B. ihr eigenes Nähebedürfnis durch die Kinder befriedigen, handeln tatsächlich nicht ausreichend professionell. In den folgenden zwei Beispielen wird deutlich, dass die Fachkraft die Abwehrzeichen des Kindes nicht wahrnimmt und ihr Bedürfnis nach Nähe über das des Kindes stellt.

Beispiel 1: ein Kind weint. Die Fachkraft zieht das Kind ohne es vorher anzukündigen oder zu “besprechen” auf ihren Schoß und knuddelt es. Sie drückt es an ihre Brust. Das Kind kann sich kaum wehren. Nur durch die Mimik wird deutlich, dass es diese Art des Tröstens nicht mag.

Beispiel 2: der Mann einer Fachkraft ist verstorben. Sie befindet sich in der Trauerphase und hat Anzeichen einer Depression. Sie bemerkt die Anzeichen jedoch nicht und geht weiter in der Kita arbeiten. Unbewusst verarbeitet sie ihre Trauer, indem sie einem Mädchen lange und hingebungsvoll die Zöpfe flechtet. Sie übersieht dabei die Zeichen des Kindes, die zeigen, “ich will das nicht”.

Die Fachkraft reguliert in beiden Beispielen mit ihrem Verhalten ihre eigene innere Unruhe, die mit dem Gefühl Trauer in Verbindung steht. Im übertragenen Sinne tröstet sie mit diesem Handeln eher sich als das Kind.

Die verstrickte emotionale Situation der Fachkraft verhindern, dass diese die Zeichen des Kindes wahrnimmt, Zeichen, die zeigen, meine Grenze ist überschritten. In diesem Fall ist der Körperkontakt also eine Grenzüberschreitung und die professionelle Distanz wird hier tatsächlich nicht gewahrt. 

2. Ausnahme: die Fachkraft will die Nähe nicht

in der Bedürfnisorientierten Kinderbetreuung stehen die Personen im Mittelpunkt, die miteinander in Beziehung treten. Das heißt, die Fachkraft trifft mit ihren Bedürfnissen, Gefühlen und Grenzen auf die Bedürfnisse, Gefühle und Grenzen des Kindes. Wenn das Kind sehr viel Nähe benötigt und dies durch verschiedene Anzeichen zeigt, gilt es abzuwägen, ob für mich als Fachkraft damit eine eigene körperliche Grenze überschritten ist.

Zum Beispiel:

  • das Kind will seine Hand in den Ausschnitt schieben
  • das Kind will die Brust anfassen
  • das Kind will mir einen Kuss geben
  • das Kind will mit mir aufs Klo kommen

Wenn das Kind eine dieser körperlich nahen Verhaltensweisen zeigt, gilt es sehr sensibel abzuwägen:

  1. welches Bedürfnis hat das Kind? Was steckt dahinter? Welches Gefühl steckt dahinter?
  2. Was möchte das Kind mir mit dem Verhalten sagen?
  3. Will ich das? Ich spüre in mich hinein und fühle, ob eine eigene Grenze erreicht ist.

Wenn meine körperliche Grenze vom Kind eindeutig überschritten wurde, ist es folglich meine Verantwortung als Fachkraft dem Kind (egal welchen Alters) diese Grenze offen, klar und freundlich zu kommunizieren und zu begründen.

“Lisa ich will nicht, dass du mich küsst. Das ist mir unangenehm”

Gleichzeitig gilt es immer abzuwägen wie schwer das Bedürfnis des Kindes nach körperlicher Nähe wiegt? Ist es unbedingt notwendig, dem Bedürfnis des Kindes nachzukommen? Stelle ich das Bedürfnis des Kindes vielleicht sogar über mein eigenes Bedürfnis nach Abgrenzung weil ich weiß, dass es die einzige Strategie des Kindes ist, sich effektiv zu beruhigen? Oder gibt es einen anderen Weg das Kind in seiner Regulation zu unterstützen und ich kann meine körperliche Grenze wahren

Nach Benennen der eigenen Grenze sollte das Kind in seinen darauf folgenden Gefühlen begleitet werden. Lese dazu auch gerne meinen Artikel zum Umgang mit Wut

Zum Beispiel kann das Kind wie folgt in seinen Gefühlen begleitet werden, wenn ich als Fachkraft meine Grenze deutlich gemacht habe:

“Du ärgerst dich ganz doll weil du so gerne mit mir kuscheln möchtest. Gleichzeitig mag ich nicht so gerne, wenn du deine Hand in meinen Ausschnitt steckst. Schau mal, vielleicht können wir einfach so miteinander kuscheln und ich streichele dir die Hand. Oder was hast du für eine Idee?”

3. Ausnahme: Die Eltern wollen die Nähe nicht

Bei sehr intimen Bedürfnissen des Kindes nach Körperkontakt (wie oben beschrieben) ist es unbedingt notwendig dieses Bedürfnis des Kindes mit den Eltern zu besprechen und zu fragen:

  1. Darf ich so nah an euer Kind ran?
  2. Wenn nein. Was ist eure Angst dahinter?
  3. Gibt es alternative Beruhigungsmöglichkeiten?
  4. Wie kann ich als Fachkraft mit dem Nähe-Bedürfnis des Kindes eurer Meinung nach umgehen?

Die Einbeziehung der Eltern in solche intimen Fragen schafft Nähe und Vertrauen.

Letztlich ist es egal ob zuhause oder in der Einrichtung, Kinder brauchen Menschen, die ihre Signale wahrnehmen und ihnen ihre Bedürfnisse erfüllen. Wenn das Bedürfnis der Kinder Nähe und Zuneigung ist, sollten wir ihnen dieses Bedürfnis erfüllen. Dann ist es egal ob wir die Eltern sind oder Fachkräfte in den Einrichtungen.

Hörmann, K. (2013): https://www.kita-fachtexte.de/de/fachtexte-finden/die-entwicklung-der-fachkraft-kind-beziehung (Letzter Zugriff am 22.02.2020)

Maywald, J. (2019): Gewalt durch pädagogische Fachkräfte verhindern: Herder Verlag. (Amazon)

Onlinequelle: https://www.brain-effect.com/magazin/oxytocin-wirkung

Nützliches Wissen zur Eingewöhnung Teil 2 – fünf Fehlannahmen einer abgeschlossenen Eingewöhnung

Während der Eingewöhnung werden oft Fehlannahmen getroffen, die eine abgeschlossene Eingewöhnung vermuten lassen. Es handelt sich jedoch häufig um Fehlinterpretationen der kindlichen Signale. Hier eine Zusammenfassung von fünf möglichen Fehleinschätzungen einer abgeschlossenen Eingewöhnung:

1. Das Kind spielt ununterbrochen

Das Kind spielt während der Eingewöhnung beinahe ununterbrochen. Es ist so sehr damit beschäftigt den Raum und die Spielsachen zu erkunden, dass es die Abschiede der Bezugsperson kaum wahrnimmt. Aus diesem Grund springt das Bindungsverhaltenssystem nicht oder kaum an. Das Interesse für das Neue steht in dem Moment im Zentrum und über der Trauer und dem Verlust der Bindungsperson. Man hat das Gefühl, das Kind bräuchte keine Eingewöhnung mehr. 

Das ändert sich jedoch, sobald der Raum ausreichend erkundet wurde und eine erste Langeweile aufkommt. Wenn die Bindungsperson für lange Zeit weg bleibt, kann der Abschiedsschmerz wieder aufflammen.

2. das Kind ist offen, zugänglich und kommunikativ

Die Fachkräfte freuen sich, wie offen, zugänglich und kommunikativ das Eingewöhnungskind ist. Schon vor der Eingewöhnung wird von vielen Seiten vermutet, dass das Kind schnell eingewöhnt sein wird. Dieses offene Verhalten zeigt das Kind allerdings nur, wenn die Bindungsperson (Mutter oder Vater) anwesend ist oder nur für kurze Zeit den Raum verlässt.

Dann kommt die Vermutung auf, die Eingewöhnung würde nicht lange dauern. Man bekommt als Fachkraft schnell den Eindruck, die Eingewöhnung sei fast abgeschlossen.

Der Fokus der Beobachtung in der Eingewöhnung sollte jedoch nicht auf den Momenten liegen, in denen die Mutter oder der Vater mit dabei sind, sondern vielmehr auf den Reaktionen des Kindes, wenn die Bezugsperson den Raum verlässt. Kann das Kind dann seine offene, kommunikative, zugängliche Art behalten oder wird es verschlossener, gehemmter und spielt weniger?

Diese offenen kommunikativen Kinder sollten über längere Zeit weiter beobachtet werden, um herauszufinden, ob die Eingewöhnung für sie tatsächlich abgeschlossen ist.

3. Die Trauerphase des Kindes setzt später ein

Es gibt Kinder, die reagieren während der Eingewöhnung nur wenig auf die Trennungen von ihren Bezugspersonen. Die Eingewöhnung scheint sehr gut zu laufen. Das Kind kann sich ohne große Widerstände zu zeigen, von seiner Bindungsperson trennen. Die Eingewöhnung scheint schnell zu gehen. Auch wenn die Eltern nach der Trennung wiederkommen, freut sich das Kind und begrüßt sie.

Es kann bei diesem Kind sein, dass der Trauerprozess erst später einsetzt. Vorher augenscheinlich “einfach” einzugewöhnende beginnen plötzlich viel zu weinen, zu wüten, werden aggressiver, beginnen zu beißen, werden anhänglicher.

Kinder, die eher abrupt eingewöhnt werden, zeigen häufig erst später Gefühle der Trauer so Beller (2002) in seiner Studie zur Eingewöhnung von Kindern. Lies dazu auch gerne meinen Blogartikel: Nützliches Wissen zur Eingewöhnung Teil 1: Wissenschaftliche Erkenntnisse aus der Transitionsforschung : https://www.beduerfnisorientierte-kinderbetreuung.de/nuetzliches-wissen-zur-eingewoehnung-wissenschaftliche-erkenntnisse-aus-der-transitionsforschung

Wenn der Trauerprozess des Kindes erst später einsetzt, kann es unter Umständen Sinn machen, die Eltern nochmal dazuzuholen und die Eingewöhnung zurückzuschrauben. Dazu ist eine auf das Kind und die individuelle Situation abgestimmte Entscheidung zu treffen.

4. Das Kind spielt nicht

Die Eingewöhnung scheint abgeschlossen zu sein, denn das Kind weint nur kurz bei der Übergabe, beruhigt sich dann aber schnell. Oft heißt es, das seien die Kriterien für eine abgeschlossene Eingewöhnung.

Es ist allerdings wichtig, das Kind über den gesamten Tag hinweg zu beobachten. Wenn auffällig ist, dass das Kind..

  1. viel (vor sich hin) jammert
  2. das Kind kaum oder gar nicht spielt
  3. viel schnullert
  4. dauerhaft auf den Arm genommen werden will

… dann ist die Eingewöhnung für das Kind noch nicht abgeschlossen. Es zeigt Stresszeichen, die auf ein erhöhtes Stresslevel hinweisen. Die Eltern sollten darauf hin informiert und wieder dazugeholt werden.

Zum Wohle des Kindes sollte dann eine gemeinsame Lösung gefunden werden zum Beispiel:

  • Eingewöhnung zurückdrehen
  • Krippenbesuch nach hinten verschieben
  • kürzere Trennungszeiten
  • Wenn keine Lösung mit den Eltern gefunden werden kann, das Kind durch intensiven Körperkontakt mit der Krippenerzieherin darin unterstützen den Stress zu regulieren. Das Kind sollte dabei so wenig wie möglich abgesetzt werden. Eine Erleichterung bietet dabei eine Babytrage. Darin fühlen sich die Kinder sicher.

5. Das Kind ist unsicher vermeidend an die Eltern gebunden

Das Kind scheint mit der Eingewöhnung keine Schwierigkeiten zu haben. Die Eltern verlassen den Raum ohne dass das Kind weint. Sie kommen wieder und das Kind spielt einfach weiter ohne die Eltern zu beachten. Es scheint ein Kind zu sein, dass sich problemlos an die Situation anpassen kann. 

Darin liegt jedoch die Tücke. Es kann sein, dass das Kind unsicher vermeidend an seine Eltern gebunden ist. In der Bindungsforschung ist das eine unsichere Bindungsqualität, die sich daran erkennen lässt, dass Kinder trotz innerer Anspannung diese nicht nach außen tragen. 

Zum Beispiel: wenn das Kind in der Eingewöhnung beim Abschied durch die Bezugsperson Angst, Trauer oder inneren Stress verspürt, kann es sie dennoch nicht nach außen tragen. Das Kind versucht, diese negativen Gefühle zu vermeiden, “herunterzuschlucken”. Es hat die Erfahrung gemacht, dass es seine tatsächlichen Gefühle lieber verdrängen sollte.

Man weiß allerdings aus der Bindungsforschung, dass Kinder, die unsicher vermeidend gebunden sind, innerlich am meisten Stress verspüren. Der Cortisolwert im Blut ist sehr hoch obwohl sie nach außen hin wenig gestresst wirken. 

In der Eingewöhnung lässt sich eine unsicher vermeidende Bindungsqualität meist daran erkennen, dass die Kinder beim Abschied der Eltern keine Bindungszeichen zeigen (Weinen, Klammern, Arme hoch, winken o.ä.). Noch deutlicher wird die unsicher vermeidende Bindungsqualität bei der Wiederkehr der Bezugsperson. Das Kind zeigt dann keine Freude über die Wiederkehr, meidet den Blickkontakt zur Bezugsperson, wendet sich eher ab und spielt weiter.

Wenn das Kind unsicher vermeidend gebunden ist, ist es umso wichtiger, dass die Eingewöhnung behutsam und ausgedehnt durchgeführt wird. Die betreuende Fachkraft kann dann die vermuteten Gefühle des Kindes spiegeln und verbalisieren:

“deine Mama geht jetzt. Vermutlich bist du traurig darüber?”

“macht es dir ein wenig Angst wenn dein Papa geht?” 

“das können wir gut verstehen”

“wir passen auf dich auf und trösten dich”

“wenn du magst, darfst du zu mir kommen und ich nehme dich in den Arm”

Eine bedürfnisorientierte kurze Eingewöhnung gibt es auch!

Selbstverständlich kann es auch sein, dass Eingewöhnungskinder und die Bezugspersonen sich gut voneinander lösen können. Das Kind ist offen, fasst schnell Vertrauen zu einer Bezugsperson und trauert kaum beim Abschied von der Bezugsperson. Die Eltern können ebenfalls gut loslassen und hadern kaum mit der Trennung von ihrem Kind. Bei weiterer Beobachtung des Kindes lässt sich feststellen, dass die Trennung auch langfristig für es in Ordnung ist.

Unter diesen Voraussetzungen kann es sein, dass eine Eingewöhnung auch bedürfnisorientiert kurz sein kann!

Wir sollten uns jedoch immer vor Augen halten, dass eine für die Bedürfnisse des Kindes nicht ausreichend gestaltete Eingewöhnung dazu führen kann, dass das Kind häufiger krank ist, viel jammert und es in seiner Entwicklung beeinträchtigt wird (Grosch/ Schmidt-Kolmer (1979).

Grosch, Ch./ Schmidt-Kolmer, E. (1979): Untersuchungen in der DDR. In: Schmidt-Kolmer, E (Hrsg.): die soziale Adaption der Kindern bei der Aufnahme in Einrichtungen der Vorschulerziehung. Berlin: Volk und Gesundheit.

Beller, K. (2002): Eingewöhnung in die Krippe. Ein Modell zur Unterstützung der aktiven Auseinandersetzung aller Beteiligten mit Veränderungsstress. Frühe Kindheit. 2(5), S. 9-14.

Nützliches Wissen zur Eingewöhnung Teil 1 – Wissenschaftliche Erkenntnisse aus der Transitionsforschung

Es wird immer noch häufig davon ausgegangen, dass Kinder sich sehr schnell in die Krippe eingewöhnen können. Man hört noch häufig, es wären nur die Eltern, die Angst hätten und nicht loslassen könnten.

Viele Eltern und Fachkräfte sprechen immer wieder voller Stolz darüber, dass Kinder bereits nach kurzer Zeit eingewöhnt seien:

“mein Kind brauchte fast keine Eingewöhnung”

“nach einer Woche war die Lisa schon eingewöhnt”

“der Ben wird nicht lange brauchen. Er ist ein so offenes freundliches Kind”

Es scheint häufig immer noch so zu sein, als würde eine schnelle Eingewöhnung als ein Qualitätsmerkmal der pädagogischen Fähigkeit der Fachkraft und der Charakterstärke des Kindes gesehen werden. Im Umkehrschluss bleibt immer wieder das Gefühl zurück, ein Kind, das lange braucht, sei eher schwierig.

Die Wissenschaft ist sich jedoch einig darüber, dass die Eingewöhnung von Kindern sehr gemächlich, individuell und mit viel Zeit durchgeführt werden sollte.

Was sagt die Kindheitsforschung zur Eingewöhnung?

  • Die Trennung der Kinder von ihren Eltern, die durch eine Eingewöhnung gefordert wird, gilt als der “wichtigste Stressor in der frühen Kindheit” (Griebel/ Niesel, 2016). Das heißt, die Eingewöhnung ist ein bedeutend einschneidendes Erlebnis für ein Kind, das mit Stress verbunden ist.
  • Der Eintritt in eine Kindertagesstätte wird für viele Kinder als belastend erlebt (Ahnert, 2004).
  • Die Trennung von vertrauten Bezugspersonen erzeugt bei Kindern einen deutlichen Anstieg des Stresshormons Cortisol (Ahnert, 2004). Das heißt, die Kinder sind nachweislich deutlich Stress belastet während der Eingewöhnung. Auch wenn die Stressbelastung nicht durch äußere Merkmale gesehen werden konnte, so konnte sie in Cortisolmessungen nachgewiesen werden.
  • Die Wiener Krippenstudie zeigt, dass die Eingewöhnung für Kinder mit großen emotionalen Belastungen verbunden ist. “So drohen Kinder von belasteten Gefühlen der Angst, des Verlorenseins, der Verzweiflung oder auch der Wut überschwemmt zu werden, ohne eine Möglichkeit zu haben, sich von diesen Gefühlen zu befreien” (Datler/ Hover-Reisner/ Fürstaller, 2010, S.161). Kinder sind also mit einer Achterbahn der Gefühle konfrontiert. Sie können sich ohnmächtig, hilflos, allein gelassen und verloren fühlen. Sie haben keine Möglichkeit zu überblicken, wann die Bezugsperson wiederkommt, wann Erleichterung eintritt.
  • In der Wiener Krippenstudie wird auch deutlich, dass die Dauer der Eingewöhnung in einem viel größeren Umfang sein müsste als bisher gedacht, um den individuellen Bedürfnissen der Kinder und Eltern gerecht zu werden (Datler/ Hover-Reisner/ Fürstaller, 2010).
  • Abrupt eingewöhnte Kinder zeigen in den ersten 18 Tagen weniger Stress und negative Gefühle als Kinder, die gemächlich eingewöhnt wurden. Grund dafür ist, dass allmählich eingewöhnte Kinder mehr Möglichkeiten hatten, sich aktiv mit dem Trennungsprozess auseinanderzusetzen. Abrupt eingewöhnte Kinder waren hingegen in ihrem Gefühlsausdruck gehemmter. Langfristig weinten jedoch die allmählich eingewöhnten Kinder seltener als abrupt eingewöhnte Kinder. Sie ließen sich zudem besser trösten und zeigten weniger Unwohlsein (Beller, 2002). Das bedeutet, je langsamer ein Kind eingewöhnt wird, desto mehr Möglichkeit hat es, die Bandbreite an aufkeimenden Gefühlen zu durchleben und zu verarbeiten. Bei guter Begleitung und ausreichender Tröstung zeigen Kinder der langsamen Eingewöhnung später dann weniger Stimmungsschwankungen und sind stabiler.
  • Eine für die Bedürfnisse des Kindes nicht ausreichend gestaltete Eingewöhnung kann dazu führen, dass das Kind häufiger krank ist, viel jammert und es in seiner Entwicklung beeinträchtigt wird (Grosch/ Schmidt-Kolmer (1979). Die Art der Eingewöhnung wirkt sich folglich auf die Gefühls- und Gesundheitslage eines Kindes in der Einrichtung aus. Wenn man sich bei der Eingewöhnung mehr Zeit lässt, wird das Kind später weniger Jammern, Weinen,aggressiv sein und ist seltener krank.

Es wird also deutlich, dass die Eingewöhnung eines Kindes nicht mal eben so nebenbei zu bewältigen ist. Kinder und Eltern brauchen Raum, Zeit, viel Verständnis und Zuwendung, um sich auf die neue Situation einstellen zu können. Die Trennung zwischen Mutter und Kind oder Vater und Kind sollte individuell, behutsam und mit viel Zeit gestaltet werden.

Dabei stehen die Bedürfnisse des Kindes aber auch der Eltern im Zentrum der Aufmerksamkeit

Literaturangaben

Ahnert, L. et. al. (2004): Transition to Child Care: Association With Infant-Mother Attachement, Infant Negative Emotion and Cortisol Elevation. In: Child Development. 75, S. 639-650.

Beller, K. (2002): Eingewöhnung in die Krippe. Ein Modell zur Unterstützung der aktiven Auseinandersetzung aller Beteiligten mit Veränderungsstress. Frühe Kindheit. 2(5), S. 9-14.

Datler, W., Hover-Reisner, N., Fürstaller, M. (2010): Zur Qualität von Eingewöhnung als Thema der Transitionsforschung. Theoretische Grundlagen und forschungsmethodische Gesichtspunkte unter besonderer Bezugnahme auf die Wiener Krippenstudie. In: BeckerStoll, F., Kalicki, B., Berkic, J. (Hrsg.): Bildungsqualität für Kinder in den ersten drei
Lebensjahren. Cornelsen: Berlin, 158-167

Griebel, W. /Niesel, R. (2016): Übergänge verstehen und begleiten. Transitionen in der Bildungslaufbahn von Kindern. Berlin: Cornelsen.

Grosch, Ch./ Schmidt-Kolmer, E. (1979): Untersuchungen in der DDR. In: Schmidt-Kolmer, E (Hrsg.): die soziale Adaption der Kindern bei der Aufnahme in Einrichtungen der Vorschulerziehung. Berlin: Volk und Gesundheit.


die Bedürfnisse des Menschen – eine Übersicht

Um in der Kinderbetreuung bedürfnisorientiert arbeiten zu können, kann es hilfreich sein, sich die wichtigsten Bedürfnisse eines jeden Menschen nochmal vor Augen zu führen.

Mit dem umfangreichen Themenkomplex Bedürfnisse des Menschen haben sich bereits mehrere Wissenschaftler auseinandergesetzt. Die bekanntesten sind: A. Maslow, T.B. Brazelton und M.B. Rosenberg. In Anlehnung an ihre Konzepte habe ich nachfolgend die wichtigsten Bedürfnisse des Menschen zusammengetragen.

Alle drei Fachleute sind sich darüber einig: wenn der Mensch sich einen oder mehrere Bedürfnisse über lange Zeit nicht erfüllen kann, wird er unglücklich oder krank. Bei bestimmten Bedürfnissen kann die nicht Erfüllung sogar zum Tod führen.

1. Physiologische Grundbedürfnisse: jeder Mensch hat das Bedürfnis nach Schlaf, Essen, Trinken, auf Toilette gehen, Gesundheit und Sexualität

2. Bedürfnis nach Beziehung: jeder Mensch braucht für sein Wohlbefinden beständige liebevolle Beziehungen. Bindung ist eines der grundlegendsten Bedürfnisse, die wir als Menschen haben. In unseren Beziehungen finden wir Schutz, Sicherheit und eine vertrauensvolle Person, die uns hilft, wenn es uns nicht gut geht. Wir können uns sicher sein, dass sie uns respektvoll behandelt, uns vertraut und uns unterstützt.

3. Bedürfnis nach Sicherheit: Jeder Mensch hat das Bedürfnis nach körperliche Unversehrtheit, Sicherheit und Schutz. Wir brauchen die Gewissheit in einer behaglichen Atmosphäre angstfrei sein zu dürfen

4. Bedürfnis nach Kontakt und Zugehörigkeit: wir Menschen sind “Herdentiere”. Wir suchen den Kontakt zu unserer sozialen Gruppe und wollen ein fester Bestandteil der Gruppe sein. Um uns wohl zu fühlen, brauchen wir ein Gefühl von Nähe, Liebe, Zusammensein und Gemeinschaft mit anderen. Freundschaften machen uns glücklich. Wenn wir mit Menschen zu tun haben, die ähnliche Interessen verfolgen, wir etwas mit ihnen teilen können, erfüllt das eines unserer wesentlichen Bedürfnisse.

5. Bedürfnis nach Erholung: nach Anstrengung, Stress oder vielen Eindrücken haben wir das Bedürfnis nach Ruhe und Erholung. Wir brauchen zwischendurch freie Zeit, die Möglichkeit etwas selbstbestimmt zu tun, sich körperlich und geistig „aufzutanken“ oder alleine zu sein. Menschen haben das Bedürfnis nach Urlaub und nach Ferien. Jeder Mensch nutzt andere Strategien, um sich zu entspannen.

6. Bedürfnis nach Grenzen und Strukturen: Menschen suchen nach Kontinuität. Sie nutzen Rituale, um ihr Leben zu strukturieren. Gleichbleibende Abläufe können uns Halt geben. Wir haben das Bedürfnis, die eigenen Möglichkeiten und Grenzen zu erfahren und zu verstehen.

7. Bedürfnis nach Autonomie: Wir Menschen wollen Erfahrungen machen, raus in die Welt, uns verwirklichen, unsere Potenziale entfalten, selbstbestimmt sein. Wir wollen uns ausdrücken und uns entwickeln. Dazu brauchen wir Möglichkeiten, Erfahrungen zu machen, die für uns und unsere Kompetenzen passend sind. Wir wollen Verantwortung übernehmen und so leben, wie wir möchten. Wir wollen uns selbst Ziele stecken, Träume entwickeln und uns selbst Werte wählen, die für uns passen. Wir brauchen das Recht auf Individualität, Freiräume für schöpferisches Arbeiten und Kreativität. Wir brauchen die Autonomie, um authentisch leben zu können.

8. Bedürfnis nach Anerkennung: Wir suchen danach, Anerkennung für unsere Leistung zu bekommen. Wir wollen wichtig sein, wertvoll sein, eine Geltung haben. Wir suchen nach Zustimmung und Resonanz. Anerkennung sollte nicht mit Belohnung verwechselt werden.

9. Bedürfnis nach Spiel: der Mensch hat das Bedürfnis nach Spiel, nach freiem, zweckfreiem Tun.

10. Bedürfnis nach Feiern und Spiritualität: wir Menschen wollen Freude erleben, lachen und die Schönheit des Lebens genießen. Wir haben das Bedürfnis über philosophische Fragen nachzudenken, die mit unserem Leben zu tun haben. Wir wollen beispielsweise darüber nachdenken, wie Leben entsteht oder was der Tod ist. Wir wollen uns mit den Themen Abschied Übergänge, Frieden und Glaube auseinandersetzen.

11. Bedürfnis nach Empathie: nach Rosenberg haben wir ein Bedürfnis nach Empathie. Das bedeutet, wir suchen nach einem Gegenüber, das uns versteht, sich in uns hineinfühlen kann, uns sieht und hört. Wir suchen danach, Verständnis und Wertschätzung von unserem Gegenüber für unsere Gefühle, für unser Handeln zu erhalten. Wir wünschen uns Respekt und Akzeptanz.

12. Bedürfnis nach Würde und Sinn: wir wollen uns in unserem Sein angenommen fühlen und uns selbst als wertvoll betrachten. Wir wollen in unserem Tun einen Sinn erkennen, einen Beitrag zum großen Ganzen leisten, etwas bewegen und unser Tun als bedeutend erleben. Der Mensch möchte gebraucht werden.

  • Brazelton, T. Berry, Greenspan, Stanley I. (2002): Die sieben Grundbedürfnisse von Kindern. was jedes Kind braucht, um gesund aufzuwachsen, gut zu lernen und glücklich zu sein. Weinheim [u.a.]: Beltz.
  • Maslow, A. (1943): A theory of human motivation. In: Psychological Review, 50(4), 370-396
  • Rosenberg, Marshall, B. (2016): Gewaltfreie Kommunikation: Eine Sprache des Lebens.

Umgang mit der Wut der Kinder in der bedürfnisorientierten Kinderbetreuung

Wütend ist jeder Mensch das ein oder andere Mal. Die Wut gehört zu uns wie Trauer, Freude und Angst. Die Frage ist nur, ob wir eine Wahrnehmung für unsere Wut haben, merken, wann sie in uns aufsteigt.

Zuerst beginnt vielleicht das Herz zu klopfen, der Magen verkrümmt sich und das Gefühl steigt erst langsam, dann immer schneller in uns auf. 

Wenn wir diese Zeichen nicht spüren, platzt die Wut zu einem späteren Zeitpunkt geballt aus uns heraus und wir wissen nicht mehr, wo kam die Wut denn genau her? Es ist schwer herauszufiltern, was genau die Auslöser waren.

Wut rechtzeitig wahrnehmen

Wenn wir es schaffen rechtzeitig zu merken, dass wir wütend werden, kann das oft verpönte Gefühl der Wut unter Umständen sehr nützlich sein.

Es zeigt, mir geht es nicht gut, irgendwas stimmt hier nicht, ich gehe über meine Grenze, jemand anders geht über meine Grenze, ein Bedürfnis ist nicht ausreichend erfüllt.

Auf dieser Basis habe ich dann die Möglichkeit, für mich eine persönliche Lösung zu finden, die dazu beiträgt, dass ich mein inneres Gleichgewicht wiederfinden kann. 

Ich gehe folglich verantwortlich mit meinem Gefühl um, bin nicht von Schuldgefühlen geplagt, muss nicht in den Kampf, die Aggression oder die Resignation gehen. 

Umgang mit der Wut der Kinder in der bedürfnisorientierten Kinderbetreuung

Dieser Umgang mit Wut ist ein wichtiger Baustein der Bedürfnisorientierten Kinderbetreuung. Wir Fachkräfte können die Kinder darin unterstützen, ihre Wut wahrzunehmen, die Ursachen für sie herauszufinden und gemeinsam mit ihnen Lösungsstrategien zu entwickeln. 

1) Wahrnehmung der Wut

Wir Fachkräfte begleiten die Kinder in der Wahrnehmung ihrer Wut, machen sie darauf aufmerksam: 

“schau mal, du bist gerade wütend”, 

“merkst du, wie sich das anfühlt?” 

“ein Groll steigt langsam in deinem Bauch empor oder wie fühlt sich das genau bei dir an?” 

2) Ursachen für die Wut ergründen

Wir können den Kindern helfen, die Ursache für ihre Wut und das Bedürfnis dahinter herauszufinden und zu verstehen. Sie schulen dadurch ihre Wahrnehmung für die Entstehung ihrer Wut.

“achso, du wolltest auch die Schaufel haben, verstehe”

“der Benni hat dir das Laufrad weggenommen, das macht dich so wütend”

“verstehe, du hast eine tolle Sandburg gebaut und die ist jetzt kaputt?”

 

3) Lösungsstrategien mit dem Kind entwickeln

Im dritten Schritt kann man gemeinsam mit dem Kind eine Strategie erarbeiten, wie es sich sein unbefriedigtes Bedürfnis erfüllen kann. 

“hast du eine Idee, wie du auch so eine Schaufel bekommen kannst?

“magst du Lara mal fragen ob du die Schaufel auch mal haben kannst?”

“du würdest dem Jan gerne sagen, dass du wütend bist weil er deine Sandburg kaputt gemacht hat?” “Magst du zu ihm hingehen?” Soll ich mitkommen?”

Umgang mit Wut als wichtige Sozialkompetenz

Durch diese drei Schritte lernt ein Kind, dass Wut gut ist und nichts bedrohliches. Es lernt, dass es seine Wut nicht wegschieben oder unterdrücken muss. Es lernt, dass es einen Weg gibt, das Gefühl konstruktiv zu nutzen. Es lernt, seine Wut rechtzeitig wahrzunehmen, ihren Ursprung zu verstehen und eine Lösung für seine Bedürfnisse, die hinter der Wut stehen, zu finden. 

Der Umgang mit Wut ist eine äußerst wichtige Sozialkompetenz, die Kinder bereits im Kindergartenalter lernen können. Denn Wut hilft uns für unsere eigenen Bedürfnisse einzustehen. Wir können ihre Energie nutzen um “Ja” zu sagen, “Nein” zu sagen, “bleibe” zu sagen oder “geh weg” zu sagen. Wir können die Wut als Motor unserer inneren Bedürfnisse verstehen und nutzen. Unausgelebte Wut führt hingegen dazu, dass wir traurig werden oder sogar depressiv (Deutschlandfunk Kultur).

Manche Kinder sind scheinbar nicht wütend

Manche Kinder zeigen keine Wut, so scheint es häufig. Das liegt allerdings nicht daran, dass sie nicht wütend sind, sondern dass sie keine Platftorm erhalten, auf der diesem negativen Gefühl Raum gegeben wird. Kinder merken schnell, bei wem Wut erwünscht ist und bei wem nicht. Sie passen sich an, schlucken ihre Wut runter, entfernen sich von sich selbst.

Zu oft erlebe ich es noch in Einrichtungen, dass die Wut der Kinder runtergespielt, nicht ernst genommen wird, nicht genutzt, überspielt oder unterdrückt wird. Ich höre noch viel zu oft die Sätze:

“jetzt beruhig dich mal”

“der bockt schon wieder”

“unser Wutzwerg mal wieder”

“komm wir schicken den Ziegenbock raus”

“und da fliegt die Wut aus dem Fenster”

Damit wird die Wut der Kinder nicht ernst genommen. Diese Sätze haben immer die gleiche Botschaft:

“wir wollen die Wut hier nicht haben” “tue etwas, damit du nicht mehr wütend bist”.

Verfolgen wir jedoch unbewusst oder bewusst als einziges Ziel, irgendwie die Wut der Kinder wegzuschieben, weg zu bekommen, hat das Kind wenig Möglichkeit sie zu spüren und für sich etwas über sich zu lernen. Denn wie soll ein Kind, das seine Wut nicht zeigen durfte, lernen, wie es mit ihr umgeht? Kinder unterdrücken folglich ihre Wut und entwickeln womöglich bei aufkommender Wut unbewusst Schuldgefühle.

Kinder mit ihrer Wut alleine lassen

In der Wut der Kinder haben wir oft das Bedürfnis zu flüchten. In uns steigt der Fluchtreflex aus dem Stammhirn empor und wir schaffen es nicht körperlich präsent und emotional in Verbindung mit dem Kind zu bleiben.

Kinder mit ihrer Wut alleine zu lassen, empfinden diese wie eine Bestrafung (s. Quelle)

Wenn sie wütend werden brauchen sie unsere Präsenz, das Gefühl, wir lassen sie nicht im Stich. Auch wenn sie wütend werden sind wir für sie da. Sie brauchen das Gefühl ich werde auch wahrgenommen, angenommen, respektiert und toleriert, wenn die Wut in mir aufsteigt. Es ist jemand da, der mich tröstet und bei mir ist. Das spendet Trost und verringert die Angst vor der nächsten Wut.

Passive Aggressivität im Erwachsenenalter

Wenn Kinder lernen, dass ihre Wut nicht willkommen ist, zeigen sie diese später im Erwachsenenalter häufig in passiv aggressiver Form. Sie haben verinnerlicht,

“offen sollte ich meine Wut lieber nicht zeigen. Das hat negative Konsequenzen für mich”.

Ihre passive Aggressivität zeigt sich beispielsweise im chronischen zu spät kommen, Augen rollen, körperlich wegdrehen, Herabwürdigung des anderen,  Ausweichen von Konfliktgesprächen, Intrigen spinnen, Ärgern, sich selbst schlecht reden uvm. Sie wissen einfach nicht, wann wurde ich warum wütend und wie kann ich meine Wut in ein konstruktives Handeln umwandeln.

Die Wut ist bei uns Menschen also da. Die Frage ist nur, wie gehen wir mit ihr um? Was lernen wir aus ihr? Erlauben wir ihr zum Ausdruck zu kommen und sie als Zeichen für uns selbst wahrzunehmen.

Heißen wir sie in den Betreuungseinrichtungen also jeder Zeit willkommen. Lernen wir gemeinsam mit den Kindern, wie wir sie feiern und für uns nutzen können.

“Juhuuu, wir sind wütend!” “Wut ist etwas tolles!”

Begleiten wir die Kinder in der Kinderbetreuung darin bedürfnisorientiert ihre Wut zu verstehen. Das ist die beste Vorbereitung auf ein glückliches, verantwortungsbewusstes Leben.

Deutschlandfunk Kultur: https://www.deutschlandfunkkultur.de/emotionsforschung-wer-wut-unterdrueckt-kann-depressiv-werden.976.de.html?dram:article_id=466223 (Letzter Zugriff: 19.01.2020)

Die Morgenkreis-Falle – für manche Kinder sind Morgenkreise eine Qual!

der Morgenkreis ist doch das A und O einer Kita! In jeder Kita werden Morgenkreise durchgeführt. Hat man das nicht schon immer so gemacht?! Kinder brauchen Rituale, Struktur sonst können sie sich nicht orientieren, fühlen sich nicht sicher. Ist das wirklich so?

Nein. All das sind Glaubenssätze, die ich schon oft zum Thema Morgenkreis gehört habe.


Ein Morgenkreis kann wirklich etwas Schönes sein … FÜR MANCHE KINDER

Ein Morgenkreis kann wirklich den Tag strukturieren
… FÜR MANCHE KINDER

Ein Morgenkreis kann wirklich etwas beinhalten, bei dem man etwas lernen kann
… FÜR MANCHE KINDERER

Ein Morgenkreis kann wirklich etwas interessantes sein
… FÜR MANCHE KINDERER

Ein Morgenkreis kann wirklich Spaß machen … FÜR MANCHE KINDER

…ABER lange nicht für ALLE KINDER!
Für manche Kinder ist der Morgenkreis eine QUAL. Sie müssen still sitzen obwohl sie längst ihre Idee von heute Morgen umsetzen wollen. Sie müssen still sitzen obwohl sie den inneren Drang haben das Spiel von gestern mit ihrem Freund weiterzuspielen. Sie sollen bei etwas zuhören, was sie überhaupt nicht interessiert. Sie sollen etwas lernen, das sie gerade nicht lernen wollen. Sie können nicht ruhig sitzen, sie können nicht zuhören, sie wollen nicht zuhören, sie denken schon die ganze Zeit an ihre Ritterburg im anderen Raum, an ihr Feenschloß im Garten oder ihren aufwendigen Papierdrachen im Atelier.


Sie werden folglich mehrfach ermahnt, werden umgesetzt, werden aus dem Zimmer geworfen. Und jetzt? Na das ist ja ein toller Morgen, schon jetzt eine miese Stimmung. Und das Kind bleibt zurück mit viel ÄRGER, FRUST und WUT. Am Ende sind alle entnervt, die Fachkräfte, das betroffene Kind und die anderen Kinder. Na ob das wirklich noch ein schöner Tag wird? Und das, obwohl der Morgenkreis doch eigentlich dazu da sein soll, den Tag schön zu beginnen oder?


Gibt es vielleicht auch eine andere Möglichkeit den Tag schön zu beginnen?Wie gestaltet ihr den Morgenkreis bedürfnisorientiert? Wie gestaltet ihr den Morgenkreis individuell?

Warum sich pädagogische Fachkräfte mit ihren eigenen Kindheitserfahrungen, Beziehungsmustern und Glaubenssätzen auseinandersetzen sollten

Ich frage mich seit geraumer Zeit, warum Psychotherapeuten viel mehr verpflichtende Selbsterfahrungsanteile in ihrer Arbeit und ihrer Ausbildung haben als ErzieherInnen. Eigentlich haben sie doch eine ähnliche Aufgabe wie Psychotherapeuten: sie begleiten Menschen dabei ihre Gefühle und Bedürfnisse zu verstehen, mit ihren Gefühlen umzugehen, Handlungsstrategien zu entwickeln, die sozial akzeptiert sind und das alles zu wesentlich schlechteren Konditionen als Psychotherapeuten.

Warum Therapeuten Selbsterfahrung brauchen

Psychotherapeuten sind in ihrer Ausbildung dazu verpflichtet sich selbst und ihr Schattenkind (Stahl, 2019) in den Blick zu nehmen, zu reflektieren und für sich anzunehmen. Selbsterfahrung und Supervision sind ein wesentlicher Teil ihrer Ausbildung und umfassen insgesamt ca. 270 Stunden (https://www.psychologie-studieren.de/ausbildungen/psychologischer-psychotherapeut/). Inhalte sind unter anderem der Blick in die eigene Lebensgeschichte, Emotionale Kompetenzen, Selbstwert, Tod, Trauer, Abschied.

Der GRUND für diese angeordnete Auseinandersetzung mit dem Selbst ist, dass ohne eine Aufarbeitung ungesunde Beziehungsmuster, unbewusste traumatische Erfahrungen und Glaubenssätzen in die Therapeuten-Klienten Beziehung getragen werden können. Bestimmte Klienten, Konflikte oder Gefühle wie Wut, Ärger oder Scham können – falls sie nicht aufgearbeitet und integriert wurden – den Therapeuten triggern und ihn in eine hilflose Situation bringen. Die daraus resultierende Unsicherheit oder Ohnmacht des Therapeuten kann dazu führen, dass dem Klienten nicht nur nicht geholfen, sondern geschadet werden kann.

Der Therapeut VERSTRICKT sich dann in die Beziehungsangelegenheiten des Klienten. Er vermag es folglich kaum ihm zu helfen sich zu beruhigen, die Lage aus einer anderen Perspektive zu sehen, ihm eine Regulationsstütze zu sein oder seine Gefühle in realistischer Weise zu betrachten. Es wird für ihn demnach schwer, die Gefühle des Klienten zu spiegeln weil ihn seine eigenen Gefühle überschwemmen oder sie nur noch verschwommen und konfus erlebt werden können. Der Kontakt, die Verbindung zum Klienten bricht schließlich für diesen Moment ab und es kann keine emotionale Unterstützung von Seiten des Therapeuten mehr gewährleistet werden.

Pädagogische Fachkräfte in Kindertageseinrichtungen führen ähnliche Aufgaben durch wie Psychotherapeuten

ErzieherInnen haben im Grunde die GLEICHEN AUFGABEN wie Psychotherapeuten. In den Kindertageseinrichtungen begeben sich Erwachsene in vertrauensvolle Beziehungen mit Menschen, um ihnen eine Stütze zu sein, ihre Gefühle, Bedürfnisse, Anliegen wahrzunehmen, zu begreifen und gemeinsam mit ihnen Handlungsstrategien zu entwickeln, die sozial angemessen und für ihr eigenes Seelenheil am gesündesten sind.

Fachkräfte sind der Anker, der HAFEN, der Fels in der Brandung, die Hilfestellung, der Ort des Trostes und der Motivation. Genau das sind auch die Aufgaben eines Therapeuten mit seinem Klienten. 

Es gibt allerdings einen gravierenden UNTERSCHIED: Pädagogische Fachkräfte begleiten nicht nur einen Menschen darin mit seinen Gefühlen umzugehen, sondern gleich mehrere auf einmal. Zudem sind Kinder in weiten Teilen von Erwachsenen und der Beziehung zu ihnen abhängig, sie können für gewöhnlich nicht aus der Beziehung aussteigen wie es ein Klient jeder Zeit könnte. Kinder haben keine Möglichkeit zu entscheiden, ob sie in der Kita bleiben oder nicht. 

Schlechte Rahmenbedingungen führen zu mehr Stress

Durch schlechte Rahmenbedingungen in Kindertageseinrichtungen kommt für die pädagogischen Fachkräfte die Erschwernis hinzu, dass Beziehungsarbeit SELTEN in RUHE, mit Muße, mit dem Fokus auf nur ein Kind möglich ist. Meist müssen sich PädagogInnen auf mehrere Kinder gleichzeitig konzentrieren, Lautstärke, Stress, Zeitdruck und Überforderung aushalten. Therapeuten hingegen haben meistens viel Zeit, können sich auf einen Klienten konzentrieren, der auch noch freiwillig zu ihnen in Beratung kommt. 

Das heißt, pädagogische Fachkräfte haben ÄHNLICHE AUFGABEN wie Psychotherapeuten, nur sie handeln zusätzlich unter enormem Druck und unter weitaus widrigeren Umständen

In stressigen Momenten greifen wir auf basale Verhaltensmuster zurück

Aus der Bindungsforschung ist bekannt, dass wir in stressigen Momenten am ehesten auf unsere innersten, bekanntesten Handlungsstrategien zurückgreifen (Fonagy/ Target, 2003), auch wenn wir rational gesehen diese Handlung nie gut heißen würden. Unter Druck handeln wir folglich so wie wir es viele Jahre in unserer Kindheit gelernt haben obwohl wir rational gesehen unter fachlichen Gesichtspunkten niemals so handeln würden. Stressige Momente bringen uns dazu, auf das unmittelbarste, bekannteste Verhaltensrepertoire zurückzugreifen. Das zeigt auch die Hirnforschung: in Angst besetzten Situationen reagiert unser Emotionalgehirn mit Flucht, Kampf oder totstellen. Das rationale Gehirn ist während dessen gänzlich ausgeschaltet (https://www.wopalm.com/stressreaktion/)

Gewalterfahrungen werden weiter getragen

Aus der Bindungsforschung weiß man auch, dass die Wahrscheinlichkeit steigt, dass ungünstige Beziehungsmuster (unsicher vermeidend, unsicher ambivalent, desorganisiert oder Bindungsstörungen) in der Interaktion mit Kindern auf sie ÜBERTRAGEN werde, also mit hoher Wahrscheinlichkeit transgenerational weitergegeben werden (Kißgen/ Suess 2005).

Die GEWALTFORSCHUNG zeigt ebenso, dass Menschen mit Gewalterfahrungen aus der eigenen Kindheit eine erhöhte Gewaltbereitschaft in neuen Beziehungen zeigen (Hohmann, 2018).

Das bedeutet, eine pädagogische Fachkraft trägt ihre unbewussten Erfahrungen, Einstellungen zu Kindern, ihre Beziehungserfahrungen, Konflikterfahrungen und tief verankerten Glaubenssätze – ebenso wie ein Therapeut – mit in die Interaktionen mit den Kindern. Sie haben somit einen unmittelbaren Einfluss darauf, welche Beziehungserfahrungen ein Kind macht, welche Glaubenssätze es entwickelt und welche Handlungsstrategien es in Konflikten entwickeln kann.

Reflexion eigener Anteile ist die Grundlage pädagogischer Arbeit

Es ist also unabdingbar, dass jede Fachkraft sich mit sich und ihren inneren Überzeugungen auseinandersetzt. Je nach Umfang und Dauer der Betreuung eines Kindes hat sie einen unmittelbaren Einfluss auf die Beziehungsmuster der Kinder. Denn innere Muster lassen sich – so Kißgen und Suess durch tiefgreifende Reflexionen aufarbeiten und verändern (2005). 

Wie kann ich mich reflektieren?

Wie kann es nun gelingen, das eigene Schattenkind (Stahl, 2019) zu ergründen? Es gibt einige Möglichkeiten. Ich schlage hier beispielhaft zwei Möglichkeiten vor:

Beobachten eigener Themen

nimm dir vor dich ganz genau im Alltag zu BEOBACHTEN. Achte darauf, in welchen Situationen werde ich unsicher, wann werde ich wütend und was macht mir Angst. Spüre in jeder Situation bewusst in dich hinein. Was triggert mich, wann fühle ich mich gar ohnmächtig? 

bekomme ich z.B. Angst, wenn …

… Kinder zu viel essen weil ich denke sie werden zu dick?

… Kinder kein “normales” Essen essen weil ich denke das ist ungesund und sie werden krank?

… Kinder sich streiten weil Konflikte mir Angst machen und ich Harmonie möchte?

… Kinder alleine in einem Raum bleiben weil ich Sorge habe sie könnten sich verletzen oder nicht alles komtrollieren kann?

… sie sich hauen weil ich denke sie werden sonst später aggressive Menschen?

… sie ihren Körper gegenseitig erkunden weil ich Angst vor Grenzüberschreitungen habe?

… Kinder weinen “obwohl doch gar nichts schlimmes passiert ist” weil ich denke sie werden dann “Jammerlappen”, die wegen allem weinen.

… Kinder “Nein” sagen weil ich Angst habe sie hören nicht und könnten mir auf der Nase herumtanzen. Es wäre eine Schmach für mich wenn ich es nicht schaffe die Kontrolle zu behalten.

… in der Eingewöhnung die Mutter geht und ich diesen Abschiedsschmerz kaum aushalte.

… 

Wenn du eine für dich immer wieder auftretende herausfordernde Situation ausfindig gemacht hast, weißt du, das ist eins deiner THEMEN, die du dir genauer anschauen darfst. Schreibe sie dir auf.

Wenn du das Thema/ die Themen beobachtet und aufgeschrieben hast, kannst du dich fragen, 

  1. woher kommt diese Angst? Durfte ich bspw. meine Wut in meiner Kindheit nicht so deutlich zeigen, sollte ich lieber brav, angepasst sein und nicht stören?
  2. Ist die Angst begründet? Ist sie realistisch? Z.B. was könnte im schlimmsten Fall passieren? Wenn Kinder sich alleine in einem Raum befinden, was könnte tatsächlich passieren? Wenn die Mutter in der Eingewöhnung geht, was kann schlimmsten Falls passieren?
  3. Sicherheit gewinnen: Man kann mit KollegInnen ins Gespräch gehen und fragen wie sie eine solche Situation handhaben. Es ist auch möglich ein Fachbuch dazu zu lesen
  4. Glaubenssätze ermitteln

Glaubenssätze ermitteln und umkehren

Glaubenssätze sind innere Überzeugungen, die wir aus unserer eigenen Kindheit verinnerlicht haben. Glaubenssätze stehen uns und unserer Entfaltung unter Umständen im Weg und können unsere Beziehungsgestaltung positiv oder negativ beeinflussen

Solche inneren Glaubenssätze können z.B. folgende sein: 

  • “ich bin nicht gut genug” 
  • “das muss ich alleine schaffen” 
  • “nicht meckern, machen!”
  • “ein Indianer kennt keinen Schmerz”

Schreibe dir deine Glaubenssätze auf und kehre sie um. So zum Beispiel: 

  • aus “ich schaffe das nicht durch den Tag zu kommen” 
  • wird “ich schaffe das weil ich an mich glaube”
  • aus “Konflikte zwischen Kindern machen mir Angst”
  • wird “Konflikte zwischen Kindern sind gut und wichtig”
  • aus “nicht meckern, machen!”
  • wird “(mir geht es nicht gut) ich darf mir Hilfe holen” oder “ich teile meine Grenze mit”
  • aus “ein Indianer kennt keinen Schmerz”
  • wird “Kinder dürfen zeigen wenn es ihnen nicht gut geht”
  • aus “immer ruhig bleiben”
  • wird “ich darf wütend sein” “Kinder dürfen wütend sein”

Mein Glaubenssatz war: “Konflikte sind bedrohlich”. Daraus habe ich für mich gemacht: “Konflikte sind gut und wichtig”. Diesen Satz sage ich mir mehrmals täglich und kann somit entspannter mit Konflikten umgehen.

Reflexion im Team und in der Ausbildung

Eine Bewusstwerdung und Aufarbeitung tief verankerter Glaubenssätze ist noch leichter mit einem vertrauten Gegenüber oder einer VERTRAUTEN GRUPPE möglich. Alleine bleibt man in der Reflexion eher an der Oberfläche, im Bereich des Bewussten. Ein vertrautes Gegenüber oder eine vertraute Gruppe schafft es hingegen, durch Spiegeln und Feedback womöglich Themen ans Licht zu bringen, die bisher verborgen oder verschüttet im Unterbewusstsein lagen. 

Im Grunde sollte es sich der Träger, die Einrichtungsleitung und das gesamte ErzieherInnenteam zur Aufgabe machen, die Reflexion mehr in den Fokus der Aufmerksamkeit zu rücken. Es gibt Einrichtungen, die bspw. mit SUPERVISIONEN oder Teamintervisionen arbeiten. Es ist auch möglich Teamsitzungen häufiger der BIOGRAFIEARBEIT und Selbstreflexion zu widmen und FORTBILDUNGEN zum Thema Erzieherpersönlichkeit/ Selbsterfahrung zu besuchen. Die tiefgreifendste Form der Selbstreflexion ist sicherlich in einem individuellen therapeutischen Rahmen möglich.

Supervisionen und Fallbesprechungen dürfen ein FESTER BESTANDTEIL in der pädagogischen Arbeit in Kindertageseinrichtungen sein! Genau so wie bei Psychotherapeuten.

Abschließend muss ich sagen, es ist mir ein Rätsel, warum Therapeuten so viele Selbstreflexionsanteile in ihrer Ausbildung haben und ErzieherInnen, die mit mehreren Kindern gleichzeitig über Jahre hinweg und in stark abhängiger Form in Beziehung treten, hingegen keine. Das muss sich ändern!

Der Biografiearbeit und Selbsterfahrung kann folglich auch in der AUSBILDUNG von Erzieherinnen und Erziehern eine viel höhere Priorität eingeräumt werden als bisher. 

“Wart ihr auch immer brav?” – was brav sein für Kinder bedeutet

In sicherlich mehr als 30 000 Kindertagesenrichtungen wurden Kinder in den letzten Wochen auf den WEIHNACHTSMANN vorbereitet. Kinderaugen begannen zu strahlen und ein Gefühl von Freude, etwas Geheimnisvollem und ein klein wenig Anspannung hat sich eingestellt. Und dann war da noch dieser Satz, den die ErzieherInnen immer wieder sagten: “wenn ihr lieb seid, kommt der Weihnachtsmann und bringt euch viele Geschenke”. Dann war der große Tag da, es gab eine kleine Weihnachtsfeier und der Weihnachtsmann (bei vielen vielleicht auch das Christkind) kam herein mit einem großen Sack voller Geschenke. Ein Gemisch aus Anspannung, Vorfreude und ein wenig Angst ist in den Augen mancher Kinder zu sehen. Und da ist er wieder dieser Satz: “und wart ihr auch immer brav?” Die Kinder nicken “artig” und hoffen nur, dass sie bald ihre Geschenke auspacken dürfen.

Was bedeutet es brav zu sein?

Aber was bedeutet eigentlich “LIEB sein”? Was bedeutet denn “BRAV sein”? Was bedeutet eigentlich “ARTIG sein”? Was meint der Weihnachtsmann damit? Was meinen die Erwachsenen damit?

Selbst für mich als erwachsene Frau ist es ziemlich schwer zu DEFINIEREN, was “lieb sein” oder “brav sein” denn meint. Wie schwer muss es für ein Kind wohl erst sein, zu begreifen, was die Erwachsenen von ihnen verlangen, wenn sie artig sein sollen.

Wenn man nach dem Begriff “brav” im Internet sucht findet man bspw. die folgende Definition: “sich so verhaltend, wie es die Erwachsenen erwarten oder wünschen; gehorsam; artig”. Als Synonyme dafür werden die Wörter “artig”, “folgsam”, “fügsam”, “gefügig” “gehorsam”, “gesittet” angebracht. Das hört sich irgendwie nicht schön an.

Ich versuche nun mal ein paar VERMUTUNGEN anzustellen, was sich Erwachsene vorstellen, wenn Kinder lieb/ brav/ artig sein sollen. Vielleicht bedeutet es in den Augen der Erwachsenen , dass Kinder …

  • hören und nicht widersprechen sollen
  • nur positive Gefühle und keine negativen (wie Wut oder Ärger) Gefühle zeigen sollen (keine Trotzanfälle)
  • alle von ihnen verlangten Aufgaben ohne Murren erfüllen, also funktionieren sollen
  • dem Tagesablauf (Spielen, Essen, Schlafen, raus gehen usw.) entsprechend der Vorstellung der Erwachsenen folgen sollen.
  • keine Handgreiflichkeiten, Aggressionen oder sonstiges sozial unangemessenes Verhalten zeigen sollen

Ich vermute, wenn Kinder diesen aufgezählten ERWARTUNGEN entsprechen, sind sie “artige, liebe Kinder” und die Erwachsenen sind zufrieden.

mit braven Kindern ist alles einfacher

Warum wollen viele Erwachsene eigentlich liebe und brave Kinder? Womöglich weil es einfacher ist, weil es weniger aufreibend ist, weil es besser FUNKTIONIERT, weil es weniger Konflikte gibt. Natürlich wäre alles einfacher wenn alle Kinder gehorchen, nur fröhlich, zufrieden sind und sie sich einfügen.

Auswirkungen des brav Seins auf die Kinder

Welche Auswirkungen kann es nun haben, wenn Kinder brav sein sollen und alles dafür tun, die Geschenke zu bekommen.

  1. Zunächst sind die Kinder durch diesen Satz einem enormen DRUCK und einer UNSICHERHEIT ausgesetzt. Sie wissen nicht “was bedeutet denn lieb/brav sein überhaupt?”. “ich muss etwas erfüllen, bei dem ich nicht genau weiß, was gemeint ist. Wie muss ich mich denn nun genau verhalten?” Die Begriffe “lieb/brav/ artig bleiben unspezifisch und sind für Kinder nicht unmittelbar umsetzbar.
  2. KEINE NEGATIVEN GEFÜHLE wie Wut und Ärger zu zeigen ist ziemlich schwer, nahezu unmöglich. Negative Gefühle sind ein natürlicher Teil unserer Gefühlspalette. Wir können sie nicht weg rationalisieren oder unterdrücken. Insbesondere Kindergartenkinder können ihre Gefühlsimpulse noch nicht ausreichend kontrollieren und zurück halten. Wenn wir ehrlich sind, können das viele Erwachsene auch nicht (anschreien, Türen knallen). Allzu oft verlangen wir von Kindern alle negativen Impulse zu unterdrücken, schaffen es meistens jedoch selbst nicht. Negative Gefühle sind da und lassen sich allenfalls verdrängen. Folglich ist diese Erwartung keine negativen Gefühle zu zeigen erfüllbar.
  3. Wenn Kinder immer nur das tun, was von ihnen verlangt wird, VERLEUGNEN sie ihre eigenen BEDÜRFNISSE. Denn das Bedürfnis eines Kindes wird nur sehr selten genau dem Bedürfnis der Fachkräfte entsprechen. Über kurz oder lang kollidieren diese beiden Bedürfnisse und es entsteht ein Konflikt. Bedeutet es nun, da das Kind lautstark seine Position vertritt und einen Konflikt mit verursacht, dass es nicht “lieb” oder “brav” ist? Kinder, die widersprechen sind zwar nicht lieb aber sie stehen selbstbewusst für ihre Bedürfnisse ein und das sind doch Eigenschaften, die sich die meisten für unsere Kinder wünschen. Widersprechen bedeutet also, dass sie für sich und ihre Bedürfnisse einstehen.
  4. Wenn man vom POSITIVEN MENSCHENBILD Carl Rogers und Marshall Rosenbergs ausgeht, so versucht jeder Mensch zu jedem Zeitpunkt das beste Verhalten zu zeigen, das ihm möglich ist. Das bedeutet, wenn ein Kind aggressive oder sonstige sozial unangemessene Verhaltensweisen zeigt, macht es das nicht mit böser Absicht, um Jemanden zu verletzen, sondern weil ihm zu dem Zeitpunkt keine anderen Mittel zur Verfügung stehen. Es handelt aus seinem Impuls heraus und hat keine andere Methode, um Konflikte friedvoll zu klären. Diese Kinder brauchen Unterstützung und Zuwendung. Sie zu bestrafen weil sie nicht “lieb” sind, wäre verheerend und würde das unpassende Verhalten eher stärken.
  5. Kinder, die dauerhaft genau die Aufgaben erfüllen, die Erwachsene von ihnen verlangen, haben nur wenig Chance ihre eigenen individuellen Lern- und ENTWICKLUNGSAUFGABEN zu verfolgen. Wenn sie ständig Aufgaben der Erwachsenen erfüllen sollen (etwas bestimmtes basteln o.ä.) fehlen ihnen die tiefgreifenden Spielmomente, die ihnen ein Flow-Erleben ermöglichen, bei dem sie tatsächlich lernen. Alle Aufgaben, die Erwachsenen von Kindern verlangen (Anziehen, Aufräumen, Hygiene…) sind meist Bedürfnisse der Fachkräfte und nicht der Kinder. Wenn sie lieb sind und nur die Erwartungen der Fachkräfte erfüllen, verfolgen sie also nicht ihre eigenen Interessen sondern nur die der Erwachsenen.
  6. Kinder, die brav folgsam den TAGESABLAUF der Fachkräfte einhalten, tun dies um sich anzupassen und keinen Ärger zu machen. Es ist kaum vorstellbar, dass alle Kinder zum gleichen Zeitpunkt hungrig oder müde sind, raus gehen oder spielen wollen. Wenn ein Kind sich gegen das Schlafen, gegen das Essen auflehnt und folglich wenig “lieb/brav” reagiert, ist das eigentlich sein gutes Recht!

“brav sein” als kaum erfüllbare Erwartung

Wenn ich es also genau bedenke, ist brav, lieb und artig sein ganz schön schwer zu erfüllen. Eigentlich müsste man sagen, es ist kaum erfüllbar. Kinder wären Maschinen, die funktionieren, Aufgaben erfüllen, Gefühle verdrängen, sich ausschließlich äußeren Erwartungen anpassen und sich weit von sich selbst entfernen. Also ein großer Preis für ein paar Geschenke.

Ein neuer Weihnachtsmann?

All das sollte nicht das Ziel der Fachkräfte in den Kindertageseinrichtungen und auch nicht Ziel des Weihnachtsmanns sein. Ich finde, ab nächstem Jahr sollte es einen neuen Weihnachsmann geben. Ein Weihnachtsmann, der fragt:

“durftet ihr immer für euch einstehen?” Durftet ihr alle eure Gefühle zeigen auch wenn ihr traurig, wütend, ärgerlich wart?”

“Durftet ihr Regeln hinterfragen, die für euch unpassend erschienen?”

“durftet ihr eure Grenzen wahren?”

“durftet ihr eure Bedürfnisse zeigen und habt sie erfüllt bekommen?”

… dann habt ihr euch selbst ein Geschenk gemacht: ein selbstbestimmtes, authentisches und glückliches Leben!