Achtsame Sprache Teil 1 – Wörter, die wir vermeiden dürfen

Jedes Wort wirkt! Jedes Wort bewirkt etwas! Jedes Wort hat eine Auswirkung!

Worte sind kraftvoll, machtvoll, sie schwächen oder stärken, sie demotivieren oder sie motivieren, sie trennen und verbinden.

Wir geben den Kindern mit bewusst gewählten Worten halt weil sie genau wissen, was wir meinen. Deshalb sollten wir bewusst auf unsere Sprache und unsere Wortwahl achten.

Die Veränderung unserer Wortwahl braucht Zeit weil unser Gehirn bekannte Sprachmuster bevorzugt und neue Spracharten mühsam lernen muss. Deshalb ist es notwendig, dass wir die Nutzung der neuen Worte immer wieder üben. Dabei durchlaufen wir drei Phasen:

  1. Wahrnehmung: uns fällt auf, wie oft wird diese Wörter benutzen
  2. Anwendung: du versuchst Sätze umzuformulieren und Worte wegzulassen oder zu ersetzen. Das fällt am Anfang schwer und wird immer besser. Dabei fällt dir vielleicht irgendwann auf, wie oft andere dieses Wort benutzen und ärgerst dich evtl. sogar darüber.
  3. Integration: du wählst die Wörter nun ohne Anstrengung, automatisch und hast die Formulierungen integriert.

In diesem ersten Teil blicken wir nun darauf, welche Worte wir hinterfragen, uns ihre Wirkung bewusst machen und sie gegebenenfalls verändern. Wir schauen uns dabei die folgenden Wörter an:

liebnichtsollenDivaWenn…dannGleich
bravManmüssenMemmeMäuschenAber
gutSuperbösePrinzessinPüppiImmer
richtigSchönOrdentlichTrampelvorsichtigschnell
falschTollMackerZickeEntschuldigenIiiiiii
Wörter, die wir vermeiden dürfen

lieb, brav „lieb, dass du das Spielzeug teilst“

„Nur wenn du lieb bist, darfst du später auf der Hochebene schlafen“

„lieb, dass du das Spielzeug teilst“

„Lieb“, „brav“ und „artig“ sind Bewertungen des kindlichen Verhaltens. Lieb sein oder auch artig sein assoziieren wir mit einem Kind, das unsere Erwartungen erfüllt, das nicht aufmuckt, immer hört und nicht widerspricht. Lieb sein meint, dass die Kinder positive Gefühle zeigen sollen und keine negativen wie Wut oder Ärger. „Nur wenn du lieb bist, darfst du später auf der Hochebene schlafen“. Lieb bedeutet auch, dass Kinder nicht in den Konflikt mit mir oder einem anderen Kind gehen: „lieb, dass du das Spielzeug teilst“ auch wenn sie etwas anderes in sich spüren. Wenn Kinder alle verlangten Aufgaben ohne Widerstand erfüllen, wenn alles so funktioniert, wie wir uns das vorstellen, wenn Kinder nicht handgreiflich oder aggressiv werden oder in sonstiger Weise ein sozial unangemessenes Verhalten zeigen, dann bewerten wir ihr Verhalten als „lieb“. Mit braven Kindern ist vermutlich wirklich alles einfacher und funktioniert besser.

Das Problem dabei ist, dass Kinder dabei mehrere Botschaft erhalten, die für ihre sozial emotionale Entwicklung negative Folgen haben kann. Wenn sie immer wieder „lieb“ sein sollen, vermitteln wir ihnen, dass negative Gefühle wie Wut, Neid, Scham und Ärger nicht erlaubt sind: „sei lieb“. Das bedeutet unmittelbar, dass Kinder verstehen, „ich darf meine Grenze nicht deutlich machen“. Wenn dieses Empfinden über längere Zeit anhält, verlieren Kindern ihr Gefühl für Wut, Ärger, Widerstand und Abgrenzung. Immer brav und lieb sein ist allerdings schlicht nicht möglich weil wir ein natürliches Bedürfnis nach Abgrenzung, Autonomie und Selbstbestimmung haben. So kann es dazu kommen, dass die eigenen Gefühle verdrängt und somit die unerfüllten Bedürfnisse verleugnen werden. Kinder lernen auch, dass Konflikte nicht in Ordnung sind, sie sich besser anpassen, sich am Äußeren orientieren und weniger sich selbst vertrauen sollten. Auf lange Sicht ist ein solches Verhalten jedoch nicht gesund. Im Erwachsenenalter sind solche Verdrängungen und Verleugnungen von Bedürfnissen u.a. mit ursächlich für Depressionen oder Burnout.

In dem Artikel: „Wart ihr auch immer brav? Was brav sein für Kinder bedeutet“ findest du mehr dazu“

gut, richtig, super, schön, toll

Es handelt sich auch bei den Wörtern „gut“, „richtig“, „super“, „schön“ oder „toll“ um Bewertungen des kindlichen Verhaltens, wenn auch positiven Bewertungen. Im ersten Moment würde man sagen, ist doch ok, Kinder wollen doch Lob und Anerkennung?! Wenn ich dem Kind sage, dass es etwas schön oder toll macht, freut es sich sicher darüber. Manche Kinder sehnen sich sichtlich danach, Anerkennung und Lob zu bekommen:

  • „genau, du hast deine Kleider richtig zusammengelegt, super!“
  • „Oh, du hast eine schöne Burg gebaut!“
  • „toll, wie du geholfen hast aufzuräumen!“
  • „gut gemacht!“
  • „du hast deine Schuhe wieder richtig in das Fach gestellt!“

Lasst uns aber nochmal genauer hinschauen: es handelt sich bei den beschriebenen Wörtern um Beurteilungen, die wir als Erwachsene aufstellen, um das kindliche Verhalten zu bewerten, ähnlich wie mit einer Schulnote. In diesem Moment stellen wir uns über das Kind, um ihm zu sagen, wie es sein soll, ob es ausreicht und das alles aus meiner Beurteilungswarte heraus. Es kommt die Botschaft an, ich sage dir, wie du dich verhalten musst, damit du gut und richtig bist. Wenn ich sage, du machst das zu dem Zeitpunkt auf diese Weise toll, dann wird das Kind versuchen, in diesen Momenten mir zuliebe wieder genau das Verhalten erneut an den Tag zu legen. Dadurch dass wir das Kind bewerten besteht keine Gleichwürdigkeit zwischen dem Kind und mir.

Bewertungen hängen unmittelbar mit dem Selbstwert des Kindes zusammen. Das bedeutet das Kind versteht nicht nur, das was ich gerade tue, gefällt dem anderen, sondern ich bin richtig und gut weil ich den Auftrag so ausgeführt habe, wie ich es wollte.

Das Kind orientiert sich im Außen und verliert – bei häufigem Lob – den Kontakt zu sich selbst, sucht die Bestätigung im Außen und kann sogar süchtig danach werden. Für ein glückliches Leben ist es also notwendig, sich selbst einen Wert geben zu können und Dinge zu tun weil ich sie tun möchte. Mit einer angeborenen inneren Motivation (intrinsische Motivation) tun Kinder das Anfangs für gewöhnlich auch bis wir es ihnen abtrainieren, sich selbst genug zu sein.

Aber Kinder brauchen doch Orientierung? Ja genau, Führung, Halt und Orientierung sind wichtige Bedürfnisse von uns Menschen. So orientiert sich ein Kleinkind an uns als Bezugspersonen, um zu wissen, in welchen Situationen es wie handeln soll. Ach, da soll ich jetzt lieber stehen bleiben, wenn ich mich so und so verhalte, reagiert meine Bezugsperson, als ob ich das lieber sein lassen sollte usw. Wir können unsere Anliegen jedoch anders transportieren als über Bewertungen, nämlich über eine Auskunft unseres tatsächlichen Innenlebens: wir können unsere Gefühle, Bedürfnisse und Anliegen Preis geben, die Bedürfnisse, Gefühle und Grenzen der anderen Kinder verbalisieren und Auskunft über das Seelenlebens des betroffenen Kindes geben.

Anstatt „den Turm hast du aber toll gebaut“, können wir sagen:

„du hast aber einen hohen Turm gebaut, ich habe dich beobachtet, da hast du ganz schön lange dran gesessen“

„du bist vermutlich ganz stolz darauf, dass du so einen hohen Turm gebaut hast oder?“

„und ich habe gesehen, dass Clara den Turm vorhin umgeworfen hat und du hast dich sofort daran gemacht, ihn wieder aufzubauen. Ich bin wirklich beeindruckt!“

Ich zeige, dass ich bemerkt habe, wie das Kind den Turm gebaut hat und erfülle damit das Bedürfnis nach Anerkennung und Wertschätzung. Oft reicht auch ein. Ich honoriere zusätzlich die Anstrengung des Kindes und gehe mehr auf das Tun ein als auf das Produkt. Anstatt einer Bewertung kann ich auch das Gefühl des Kindes eingehen. Denn im Grunde möchte das Kind keine Wertung sondern drückt sich lediglich mit seinem Gefühl aus: nämlich Stolz. Durch die Verbalisierung des Gefühls gebe ich dem Kind Informationen darüber, wie es in ihm aussieht. Es lernt dadurch Selbsteinfühlung. Ich kann auch etwas über meine Gefühle erzählen: „ich freue mich mit dir“ „ich bin beeindruckt“ „ich freue mich wie stolz du bist“.

wenn ich sage, „du hast heute schön gegessen!“ bewerte ich das Kind von außen in seinem Essverhalten und nehme direkten Einfluss darauf. Diese Aussage ist jedoch auch sehr schwammig, denn was bedeutet es genau schön zu essen? Geht es um die Menge des Essens? War es zu viel? War es zu wenig? Oder ging es um das Verhalten des Kindes während des Essens? Es ist nicht klar, was mit „schön“ an der Stelle gemeint ist und das verunsichert Kinder sehr.

Anstatt „du hast schön gegessen“ können wir sagen:

„ich habe beobachtet, dass es dir geschmeckt hat“

„es war mir eine Freude zu beobachten, mit welcher Wonne du gegessen hast!“

Durch Bewertungen von außen lernt das Kind, ich bin richtig, ich bin gut, ich bin toll weil ich versucht habe, etwas so zu tun, wie meine Erzieherin es wollte.

falsch „das hast du falsch gemacht“

„das hast du falsch ausgeschnitten“

„du hast die Schuhe falsch an“

„du hast die Jacke falsch angezogen“

Auch hier handelt es sich um eine Bewertung des Kindlichen Verhaltens, allerdings um eine negative, die für das kindliche Selbst noch belastender sein kann als die positiven Bewertungen (s.o.). Auch hier ist es so, dass das Verhalten von außen durch einen normierten Maßstab bewertet wird. Je nach Häufigkeit dieser negativen Bewertung kann eine direkte Auswirkung auf den Selbstwert des Kindes wahrgenommen werden. Es kann sein, dass das Kind lustlos wird, demotiviert ist, Selbstzweifel entwickelt und innere Glaubenssätze wie: „ich mache eh alles falsch“ „nichts kann ich richtig machen“ aufbaut, die es für sein gesamtes Leben prägen.

Anstatt im Negativmodus zu verharren und das Augenmerk darauf zu legen, was falsch läuft, können wir unseren Fokus auf die Fähigkeiten des Kindes legen. Wir können die Ressourcen des Kindes betrachten und es darin bestärken. Wir können also die Perspektive verändern und mit positiver Haltung und in positiver Sprache auf das Wort „falsch“ verzichten. Wir können formulieren, was wir von dem Kind erwarten, über die Fehler hinwegsehen oder sogar die Fehler feiern (so wird es in Neuseeländischen Schulen praktiziert).

Anstatt „das hast du falsch ausgeschnitten“ können wir sagen:

„genau, schneide auf der Linie entlang“ oder einfach drüber hinwegsehen. Der Stolz und die Selbstwirksamkeit ist ein wichtigerer Wert als das korrekte Ausführen von Aufgaben.

Anstatt „du hast die Jacke falsch angezogen“ können wir sagen:

„schau mal der Ärmel hängt da unten. Hier kannst du reinschlüpfen“. Der Fokus liegt dann nicht mehr auf dem Fehler sondern auf der konkreten Unterstützung. Wir können das Kind jedoch auch mit der verdrehten Jacke rausgehen lassen und erst helfen, wenn es danach fragt.

Fehlerfreundlichkeit zu üben ist enorm wichtig. Für ein glückliches Leben brauchen wir das Wissen, dass wir nicht alles perfekt machen können und müssen. Es ist erlaubt Fehler zu machen, wir brauchen uns selbst nicht zu verurteilen, wenn wir Dinge nicht so gut konnten oder vermeintlich falsch gemacht haben. Wir können den Kindern dadurch vermitteln: du tust das beste was du kannst und das reicht aus! Fehler dürfen sein, du darfst freundlich mit dir selbst umgehen!“ Nur wenn wir in „Fehlermomenten“ freundlich mit den Kindern umgehen, können sie auch für sich integrieren: „ich darf freundlich zu mir sein auch wenn ich etwas nicht so gut kann“

böse „du haust andere, du bist böse“

„du schubst andere, das ist böse“

Wenn wir das positive Menschenbild Carl Rogers oder Marshall Rosenbergs betrachten, können wir sagen, alle Menschen sind gut, jeder tut in jedem Moment sein Bestes und jeder handelt so, wie er Strategien an der Hand hat, um sich unerfüllte Bedürfnisse zu erfüllen. „Böse“ ist eine Bewertung des Gegenübers, die dazu noch äußerst negativ ist. Wenn wir einen Menschen oder seine Handlungen als „böse“ bewerten, ist das eine Herabwürdigung, die weitreichende Folgen für den Selbstwert des Gegenübers haben kann.

Wenn wir einem Kind sagen, es sei „böse“ kann es diesen Glaubenssatz sein gesamtes Leben mit sich tragen. Diese Gedanken können in Selbstvorwürfen und Autoaggression münden, sowie sich unmittelbar in den Handlungen des Kindes ausdrücken z.B. auch durch aggressives Verhalten.

Mit dem Satz „du haust andere. Das ist böse“ wollen wir doch eigentlich ausdrücken, dass das Kind eine Verhaltensweise zeigt, die nicht sozial angemessen ist und wir uns wünschen, dass das Kind anders handelt, damit Kinder nicht verletzt werden. Das bedeutet, das Kind Kind braucht unsere Unterstützung, um sein Handeln zu verstehen und alternative Handlungsstrategien zu entwickeln.

Anstatt zu sagen „du haust andere. Das ist böse“ können wir sagen:

„Stopp, gehauen wird nicht! (schützende Grenze setzen) Du bist gerade ziemlich wütend weil du auch auf dem Platz sitzen wolltest (Bedürfnis benennen). Du kannst die Kathrin fragen, ob du auf diesem Platz sitzen darfst (Alternative Handlungsweise erarbeiten). Oder hast du eine andere Idee?“

nicht „fall nicht!“

„mache nicht die Füße auf den Tisch“

„nicht den Tom umfahren!“

„du sollst nicht hauen“

Positive Sätze kann das kindliche Gehirn deutlich besser aufnehmen,  verstehen und verarbeiten als negierende Sätze mit einem „nicht“. Wenn wir sagen: „denk nicht an den rosa Elefanten!“ denken wir erst recht an den rosa Elefanten oder?

Deshalb dürfen wir Negativ-Sätze mit „nicht“ in positive Sätze umwandeln. Dadurch wissen Kinder besser, was wir meinen, was wir von ihnen erwarten und welche alternative sozial angemessene Handlungsweisen sie anwenden können.

Anstatt zu sagen: „mach nicht die Füße auf den Tisch“ können wir sagen:

„Lass die Füße unterm Tisch!“

Anstatt „nicht den Tom umfahren!“ können wir sagen:

„Fahre an Tom vorbei!“

Anstatt zu sagen: „du sollst nicht hauen“ können wir sagen:

„Stopp, behalte die Hände bei dir!“ oder „Stopp! Wenn du den Stift haben möchtest, frage den Lukas!“

Man “das macht man nicht”

„man haut nicht”

man spielt nicht mit dem Essen”

„wie sagt man?“

Wer ist eigentlich dieser „Man“? Irgendein großer Unbekannter, der weiß wie wir uns verhalten sollen? Durch das Wörtchen „man“ tun wir so, als gäbe es eine unbekannte Person, einen moralischen Grundsatz, an den wir uns zu halten hätten, allgemeine Regeln, die für alle gelten, die der „man“ aufgestellt hat. Sehr seltsam. Durch das Wort „man“ wird die verbale Interaktion unpersönlich und es übernimmt keiner die Verantwortung. Das einzige, was wir beim Kind auslösen können, ist Angst vor dem ominösen „Man“, den keiner kennt.

Was können wir anstatt dessen sagen? Wir dürfen das Wörtchen „man“ durch „Ich“ ersetzen und übernehmen damit die Verantwortung für unser Gesagtes, unsere Haltung, unsere Werte und unsere Bedürfnisse. Dadurch teilen wir uns ehrlich mit und können beim Kind so Empathie und Verständnis hervorrufen.

Anstatt „man haut nicht“ könnte ich sagen:

  • „Stopp, ich will nicht, dass du haust!“
  • „Stopp, behalte die Hände bei dir!“
  • „du ärgerst dich gerade sehr weil du auch gerne rutschen willst, stimmt’s?“

Beim Satz „man spielt nicht mit dem Essen!“ kann ich mich erstmal fragen, warum möchte ich das eigentlich nicht? Weil mein Bedürfnis nach Ordnung und Sauberkeit verletzt ist oder weil ich einen Glaubenssatz von „weil man das nicht macht“ in mir trage? Dann reflektiere genau, woher dieser Glaubenssatz kommt und ob du ihn so beibehalten möchtest. Wenn dir die Sauberkeit wichtig ist, könntest du sagen :

Anstatt „man spielt nicht mit dem Essen!“ könnte ich sagen:

„behalte deine Nudeln auf dem Teller! Ich möchte, dass der Boden sauber bleibt!“

Beim Satz „wie sagt man?“ sollen die Kinder für Gewöhnlich dazu angehalten werden, sich zu bedanken. Diesen Satz können wir insgesamt ablegen weil Kinder erst sehr spät den Wert Dankbarkeit zu verstehen. Sie beginnen erst mit vier Jahren die Perspektivenübernahme zu entwickeln und können sich davor nicht in andere Menschen hineinversetzen. Das bedeutet, wenn wir aus erzieherischen Maßnahmen heraus den Kindern beibringen, „man sagt danke“ werden sie das lernen aber nur Floskel artig dahersagen ohne zu wissen, was sich dahinter verbirgt. Das ist ähnlich wie beim Thema „Entschuldigen“ (s.u.).

Auf den Satz „wie sagt man?“ kann ich gänzlich verzichten, da es den „Man“ nicht gibt und ich lediglich meine Verantwortung an etwas/ jemanden anders abgeben möchte. Wenn es mir wichtig ist, mich zu bedanken, kann ich das anstatt des Kindes tun. Dann übernehme ich die Verantwortung für meinen Wunsch Dankbarkeit ausdrücken zu wollen und nicht das Kind. Durch unser Vorbild lernen Kinder früh genug „Danke“ zu sagen. Da dürfen wir den Kindern vertrauen.

Memme, Macker, Trampel, Prinzessin, Zicke, Diva

Jedes dieser Worte sind beurteilende Zuschreibungen, die mit bestimmten negativen Verhaltensweisen assoziiert werden: eine Memme ist weinerlich, der Macker ist laut und sich selbst darstellend, der Trampel tut anderen weh weil er nicht aufpasst und macht Sachen kaputt, eine Prinzessin lässt sich bedienen, die Zicke will vieles nicht, sagt oft „nein“ und die Diva ist arrogant. All das sind vorurteilsbezogene Beurteilungen, die wir Kindern auferlegen, wenn wir sie so nennen. Diese Worte beschreiben meistens Eigenschaften, die negativ sind und Kinder in eine Schublade stecken, sie werden stigmatisiert. Dadurch kann es auch zu einer Selbststigmatisierung kommen, die es den betroffenen Kindern schwer macht, anders über sich zu denken als im Rahmen der Zuschreibung. „Ich bin eine Memme, ich weine immer!“.

Wir Fachkräfte nutzen die zuschreibenden Worte wie Memme, Zicke usw., um die Verantwortung für eine unsichere Situation und starke Gefühle von uns weg den Kindern zu übergeben. „Wenn Lukas ein Macker ist, kann ich da als Fachkraft wenig machen!“, „Jenny ist halt eine Memme, da kann man nichts machen!“.

Jedes Kind kommt mir unterschiedlichem Temperament, unterschiedlichen Erfahrungen und Hintergründen in die Kindertageseinrichtungen. Unser Aufgabe als Fachkraft ist es die einzelnen Kinder mit ihren individuellen Wesen wahrzunehmen, zu begleiten und die Schätze an den Tag bringen. Wenn wir sie immer wieder in eine Ecke drängen, haben sie kaum eine Chance aus ihr herauszukommen. Das bedeutet, sie glauben irgendwann selbst, sie seien eine Memme, ein Macker oder eine Zicke.

Mäußchen, Süße, Püppi, Schätzchen

Wir verwenden in pädagogischen Einrichtungen häufig Kosenamen wie „Mäußchen“, „Süße“, „Püppi“ und „Schätzchen“. Es rutscht uns so raus, die Kleinen sind ja auch zu süß. Viele denken, Kinder mögen es, so benannt zu werden. Auf diese Art schaffe ich es doch Nähe zu den Kindern aufzubauen oder? Das Gegenteil ist oft der Fall. Für viele Kinder handelt es sich bei der Liebkosung mit Kosenamen um eine Grenzüberschreitung. Wenn wir sie fragen ob sie so benannt werden wollen, antworten die meisten Kinder mit Nein. Verständlich, denn wir behandeln sie in dem Moment, als wären sie ein Kuscheltier, etwas Kleines, Niedliches, ein Objekt, das liebkost wird.

Kinder wollen jedoch GLEICHWERTIG als vollwertige Persönlichkeiten gesehen werden, als Subjekte, die ihr Leben selbst gestalten können, die über sich selbst bestimmen können. Sie wollen als Karl, Louis, Mia, Fred und Emma gesehen und geschätzt werden und nicht als kleine süße Püppchen behandelt oder wie Objekte betätschelt werden. Sie wollen wie sie SELBST behandelt werden – mit all ihren Interessen, Fähigkeiten und Persönlichkeitseigenschaften. 

Wir können Kinder FRAGEN, ob sie die Liebkosungen mögen. Manche Kinder verlangen vielleicht sogar danach. Wenn sie ihr Einverständnis dafür geben, sind die verniedlichenden Bezeichnungen keineswegs zu kritisieren. Aber wenn Kinder sie nicht mögen, sollten wir sie sein lassen. Und wenn uns doch eine gut gemeinte Liebkosung über die Lippen rutscht, haben wir die Möglichkeit unser BEDAUERN darüber auszudrücken.

“Oh ich weiß, eigentlich magst du so nicht genannt werden. Ich bedauere, dich “Mäuschen” genannt zu haben weil ich weiß, dass du das nicht magst. Ich versuche nächstes Mal darauf zu achten, denn mir ist es wichtig, dass deine Grenzen respektiert werden”

Im Artikel: „Na Süße… wenn Fachkräfte Kinder mit Worten liebkosen“ kannst du mehr dazu lesen.

Entschuldigen („entschuldige dich!“)

„entschuldige dich!“

„Entschuldigung, dass ich vorhin nicht mehr zu dir gekommen bin“

Das Wort „Entschuldigen“ enthält das Wort „Schuld“. In Rosenbergs positivem Menschenbild gibt jeder Mensch in jedem Moment sein Bestes und möchte zum Wohle der Gemeinschaft beitragen. Es kann also keinen Schuldigen geben, nur Menschen, die Strategien anwenden um sich Bedürfnisse zu erfüllen. Kein Mensch macht etwas falsch oder trägt gar die Schuld für etwas, das er getan hat, sondern verwendet ihm verfügbare Strategien, um sich seine unerfüllten Bedürfnisse zu erfüllen. Es kann sein, dass die gewählten Strategien sozial unangemessen sind und der Mensch in dem Moment keine passenden Strategien zur Verfügung hat. Kinder haben entwicklungsbedingt oft noch keine Strategien zu Hand, die wir als angemessen ansehen würden (Hauen, Beißen, Schubsen usw.). Sie tragen dadurch keine Schuld und brauchen unsere Unterstützung.

Aus den genannten Gründen ist es weder nötig, dass Kinder sich entschuldigen, noch ist es notwendig, dass wir als Erwachsene uns für unser Verhalten bei den Kindern entschuldigen. Keiner trägt die Schuld an einem entstandenen Konflikt.

Was wir aber tun können, ist unser Bedauern darüber ausdrücken, dass wir nicht so gehandelt haben, wie wir es uns selbst gewünscht hätten. Wir haben gegen unsere Werte gehandelt und wollen das dem Kind deutlich machen.

Anstatt „Entschuldigung, dass ich vorhin nicht mehr zu dir gekommen bin“ kann ich sagen:

„ich bedauere sehr, dass ich vorhin nicht mehr zu dir gekommen bin obwohl ich es versprochen hatte. Mir ist es wichtig Versprechungen einzuhalten. Ich versuche mich nächstes Mal daran zu halten. Vielleicht kannst du mir auch dabei helfen?“

Anstatt mit einem „entschuldige dich!“ eine Entschuldigung zu erzwingen, kann ich mit den Kindern darüber ins Gespräch gehen, was sie dazu bewegt hat, so zu handeln. Ich kann den Kindern helfen ihre Gefühle zu verstehen und ihre Bedürfnisse zu begreifen. Auf diese Weise ermögliche ich den Kindern, sich in den anderen hineinzuversetzen und zu verstehen, dass der andere nicht aus böser Absicht gehandelt hat, sondern weil er ein Bedürfnis hatte. Kinder lernen dadurch echte Empathie und keine erlernte leere Floskel.

Wir dürfen Vertrauen in die Kinder haben, dass sich ihr Mitgefühl mit der Zeit entwickeln wird. Kinder lernen ihr Mitgefühl und ihr Bedauern auszudrücken, wenn sie kognitiv und emotional in der Lage dazu sind. Wir Erwachsenen können den Kindern das Trösten, gegenseitige Helfen und Bedauern vorleben.

Au Weia, Oh oh: „au weia hör sofort auf“

„oh oh (mahnend) hör auf den Pepe zu hauen“

„au weia Lisa“

Der Ausruf „Au Weia“ und „Oh oh“ werden oft in Zusammenhang mit einer Mahnung ausgesprochen. Es ist hier gemeint, wenn wir mit der Wortnutzung ein Fehlverhalten eines Kindes kommentieren.

Die Worte „au weia“ und „oh oh“ können je nachdem welchen Tonlaut ich verwende, äußerst bedrohlich wirken und Kindern Angst machen. Ich habe in Kitas häufig beobachten, wie Kinder förmlich zusammenzucken, wenn Fachkräfte ihr Handeln mit diesen Lauten kommentieren. In den Gesichtern der Kinder war zu lesen: „oh Gott, ich habe etwas falsch gemacht“. Es schließt sich wiederum die Übertragung an, dass das Kind nicht nur hört: „ich habe etwas falsch gemacht“, sondern „ich bin falsch“ und überträgt es direkt auf seinen Selbstwert (Lies dazu auch gerne weiter oben zum Wort „falsch“). Wenn die Lautäußerungen durch die Fachkräfte „Au Weia“ oder „Oh oh“ ohne weitere Erklärungen im Raum stehen bleiben, geraten die Kinder zusätzlich in einen Zustand großer Verunsicherung. Sie wissen nicht, was sie genau falsch gemacht haben.

Anstatt „oh oh hör auf den Pepe zu hauen“ können wir sagen:

„Stopp. Aufhören zu hauen! (schützende Grenze, wenn notwendig auch liebevoll körperlich einschreiten). Du willst die Puppe haben, mit der Pepe gerade spielt oder? (Bedürfnis benennen). Schau mal, wir haben hier noch eine Puppe. Dann kannst du gemeinsam mit Pepe und dem Puppenwagen fahren“ (Lösungsvorschlag).

Anstatt „au weia Lisa“ (sie geht aus der Tür raus, was sie nicht soll) können wir sagen:

„Bleib hier Lisa!Was suchst du denn draußen? Wolltest du nach den anderen Kindern gucken? Wollen wir mal gemeinsam schauen gehen?

Versuchen wir also die Ausdrücke „Au Weia“ und „Oh oh“ aus unserem Wortschatz zu streichen weil sie auf Kinder bedrohlich wirken und ihnen keine Möglichkeit gibt, zu verstehen, was sie tun können.

Gleich „ich komme gleich“

Kindergartenkinder leben im Hier und Jetzt. Sie haben kaum eine Zeitwahrnehmung. Diese beginnt bei Kindern erst zwischen drei und sechs Jahren. Das bedeutet Zeitangaben sind generell eine schwer greifbare Größe für Kinder. Wenn wir sagen: „gestern“, „morgen“, „letzte Woche“, „gerade eben“ usw. haben Kindergartenkinder meist noch keine wirkliche Vorstellung davon, was wir damit meinen und vor allem wie lang es sich genau anfühlt. Das Zeitempfinden ist bei uns Menschen sowieso höchst unterschiedlich und sehr subjektiv. Der eine empfindet eine bestimmte Zeitspanne als lang, der andere als kurz.

Neben dem noch wenig ausgeprägten Zeitempfinden ist die Zeitangabe „gleich“ oder auch „bald“ sehr schwer greifbar. Sie ist sehr unklar und schwammig. Was bedeutet „gleich“? Wie lange ist „gleich„? Manchmal kommt die Erzieherin sofort wenn sie „gleich“ sagt, manchmal dauert es länger und manchmal kommt sie auch gar nicht. Es ist für Kinder und im übrigen auch für Erwachsene, schwer nachvollziehbar, was wir mit „gleich“ meinen. Wann ist denn „gleich“?

Das Wort „gleich“ dürfen wir also aus unserem Wortschatz streichen und durch genaue (Zeit-)Angaben ersetzen:

„wenn ich mein Brot aufgegessen habe, komme ich zu dir, versprochen!“

„wenn der große Zeiger oben ist, dann komme ich aus der Pause wieder“

„wenn wir geschlafen und gevespert haben, dann kommt deine Mama wieder und holt dich ab“

Unsere Versprechen sollten wir dann unbedingt einhalten, sonst lernt das Kind, dass Warten sich nicht lohnt und es sich auf die Erzieherin nicht verlassen kann. Das zeigt auch der berühmte Marshmallow-Test. Kinder warten dann häufiger und länger, wenn die Belohnung eines zweiten Marshmallows auch eintritt. Wenn die Belohnung ausbleibt, warten sie nicht mehr und essen den Marshmallow schnell auf.

Aber „Du willst noch weiterspielen aber wir gehen jetzt raus“

  • „ja super machst du das, aber du musst noch aufräumen“
  • „ich verstehe, dass du toben möchtest aber jetzt ist Ruhezeit!“

Wenn wir das Wort Aber“ benutzen, drücken wir eine vermeintliche Akzeptanz des kindlichen Bedürfnisses aus. Es handelt sich jedoch nur um eine Pseudoakzeptanz, denn wenn wir uns einen Aber-Satz genau anhören, merken wir, alles was vor dem „Aber“ steht, wird weggewischt, also ungültig. Das Bedürfnis des Kindes zählt dann nicht mehr und nur das eigene steht im Mittelpunkt.

Damit drücken wir aus, dass unsere Meinung, unser Bedürfnis wichtiger sei als das des Kindes. Das Wörtchen „Aber“ ist also ein Verbindungskiller, es sorgt dafür dass die Verbindung verloren geht und behindert den echten Dialog.

Anstatt das Wort „Aber“ zu verwenden, können wir die Wörter „und“ oder „gleichzeitig“ benutzen. Denn sie zeigen, dass die Bedürfnisse beider Parteien relevant sind und nebeneinander existieren dürfen. Dadurch schätzen wir beide Bedürfnisse und damit beide Menschen des Konflikts wert.

Anstatt „du willst noch weiterspielen aber wir gehen jetzt raus“ könntest du sagen:

„du möchtest gerne hier drinnen bleiben weil du deinen Turm fertig bauen willst. Gleichzeitig wollen die anderen Kinder alle raus und ich möchte die anderen Kinder beaufsichtigen“

Anstatt „ich verstehe, dass du toben möchtest aber jetzt ist Ruhezeit!“ könntest du sagen:

„du brauchst gerade viel Bewegung und die anderen Kinder wollen sich gerade ausruhen, sie brauchen Ruhe“

Immer: „Immer musst du andere ärgern“

  • „immer lässt du deinen Teller stehen!“
  • „immer schmeißt du deine Schuhe auf den Boden!“

Kein Mensch zeigt immer ein bestimmtes Verhalten. Das ist schlicht unwahr und eine Übertreibung. Mit dem Wort „immer“ formulieren wir negative Erwartungen und manchmal auch unbewusste Stigmatisierungen.

Wir nutzen das Wort „immer“, um unserer Haltung Nachdruck zu verleihen und unseren Ärger auszudrücken. Gleichzeitig werten wir dadurch das Kind jedoch ab. Es ist sehr verletzend, wenn eine andere Person davon ausgeht, dass ich immer das gleiche negative Verhalten zeige.

Deshalb dürfen wir das Wort „immer“ aus unserem Wortschatz streichen. Wir können den Fokus auf Positives lenken und unsere eigene Wahrnehmung schulen. Ist das wirklich so, dass das Kind immer dieses Verhalten zeigt? Wie häufig kommt das Verhalten wirklich vor? Ich kann auch Strichlisten dazu führen. Dann stelle ich wahrscheinlich sehr schnell fest, das Kind zeigt das Verhalten viel seltener, als ich es selbst angenommen habe und „immer“ wird der Beschreibung in keinem Fall gerecht.

Was wir nicht vergessen dürfen ist, dass Verhalten von Kindern sich oft auch genau auf die Weise zeigt, wie wir es erwarten. Gemäß dem Motto self-fulfilling-prophecy.

Anstatt das Kind mit „immer“-Sätzen herabzuwürdigen, können wir den Fokus darauf lenken, was gut läuft. Das Kind z.b. Beim gut Sein erwischen. Wir können beobachten, wann das Kind genau das Verhalten an den Tag legt, das ich mir wünsche. Wir können den Fokus darauf lenken, in welchen Momenten das Kind korporiert und zugewandt ist. Dann können wir darüber unsere Freude ausdrücken.

„Ich habe gesehen, du hast deine Schuhe gerade eben direkt in das Regal gestellt. Darüber freue ich mich sehr!“

Wir können auch unsere Erwartungen formulieren. In einer ruhigen Minute im Vieraugengespräch können wir sagen:

„ich wünsche mir, dass du nach dem Essen deinen Teller auf den Wagen stellst!“

Ordentlich: „setz dich ordentlich hin“

  • „Stell die Kiste ordentlich in das Regal!“
  • „Stell den Stuhl ordentlich an den Tisch!“
  • „Räume ordentlich auf!“

das Wort ordentlich ist sehr unkonkret und unspezifisch. Wenn wir dem Kind sagen, es soll etwas ordentlich tun, weiß es immer noch nicht, was es genau tun soll. „Ordentlich“ ist eine unklare Aussage, bei der der Handlungsauftrag nicht klar ersichtlich ist. Das verunsichert ungemein. Das Kind weiß nicht, was es tun soll, um die Fachkraft zufrieden zu stellen.

Anstatt „setz dich ordentlich hin!“, können wir sagen:

  • „zieh den Stuhl an den Tisch ran“
  • „nimm das Besteck in die Hand“
  • „halte deine Beine stimm“

Anstatt „räum ordentlich auf“, können wir sagen:

  • „nimm die Kiste mit den Legosteinen und stell sie neben die grüne Kiste“

Es ist also wichtig, dass wir klare Sätze formulieren, bei denen die Kinder genau wissen, was wir meinen. Das Wort „ordentlich“ lässt viel Raum für Spekulationen und Interpretation. Das verunsichert Kinder. Sie brauchen unsere ganz konkrete Anleitung.

Sollen, Müssen „du musst noch deine Sachen aufhängen“

  • „du musst noch die Bauklötze einräumen“
  • „das musst du lernen“
  • „du musst dich entschuldigen“

Bei dem Wort „muss“ oder „müssen“ baue ich automatisch Druck auf den Adressaten auf. Und Druck erzeugt ja bekanntlich Gegendruck. Auch wenn wir unseren Worten durch dadurch Nachdruck verleihen möchten, erzielen wir das Gegenteil von dem, was wir erreichen wollen, nämlich Abwehr und Trotz.

Ihr könnt dazu mal ein Experiment mit euren Freunden, Arbeitskollegen oder Partnertnern durchführen. Nutzt in Gesprächen immer wieder das Wort „müssen“ oder „muss“ und beobachtet die Reaktionen der anderen. „Du musst noch den Müll rausbringen!“ „du musst noch den Gruppenraum fegen!“. Ihr könnt euch denken, wie eure KollegInnen reagieren würden.

Wenn wir einem Kind etwas auferlegen, in dem wir das Wort „müssen“ verwenden, unterliegt es einer Pflicht, einem Gehorsam. Weil wir Menschen jedoch Wesen sind, die das Bedürfnis nach Selbstbestimmung und Autonomie haben, kommt eher Wut und Ärger auf, um die eigene Autonomie wiederzuerlangen und sich nicht ausgeliefert zu fühlen.

Das, was wir sagen, wird zur inneren Stimme der Kinder. Wenn Kinder schon früh mit den Wörtern sollen und müssen konfrontieren, kann das dazu führen, dass sie eine sehr kritische innere Stimme von „müssen“ entwickeln, die immer wieder von innen Druck auf sie ausübt.

Wir können das Wort „Sollen“ und „Müssen“ durch die direkte Verwendung des Verbs vermeiden. Wir können aber auch dürfen oder können verwenden.

  • du darfst
  • du kannst
  • du hast die Chance.
  • du hast die Möglichkeit.
  • du kannst dich entscheiden

Anstatt „müssen“ zu verwenden, können wir auch klare eigene Erwartungen formulieren darüber, was wir brauchen und was unser Bedürfnis ist.

  • „ich bitte dich, deine Jacke an den Haken zu hängen!“
  • „ich will, dass du die Jacke an den Haken hängst, damit wir nachher genügend Platz hier in der Garderobe haben und nicht auf die Jacke treten“

Auch ich selbst darf freundlich mit mir sein und mir selbst kein „müssen“ oder „sollen“ auferlegen. Dadurch bin ich ein gutes Vorbild für die Kinder. Wie oft sagen wir: „ich muss noch…“ und „dann muss ich noch …“

Wenn… dann: „wenn du nicht aufräumst, gibt es kein Mittagessen“

„Wenn du jetzt nicht den Joe in Ruhe lässt, setze ich dich weg“

„wenn du nicht sofort herkommst, brauchst du nicht mehr anzukommen“

Die Wenn…dann-Drohung ist in unserer Erziehung noch immer vielerorts ein verbreitetes Erziehungsmittel. Sie funktioniert auch. Allerdings ist vielen nicht bewusst, welche emotionalen Auswirkungen diese kleine Satzzusammensetzung bei Kindern bewirken kann.

Durch die Wenn…dann Drohung nutzen wir das Mittel der Angst um Kinder zu dem Verhalten zu bringen, das wir von ihnen wollen. Es handelt sich also um eine Form der Manipulation. Nur wenn das Kind sich so verhält wie ich es will, erhält es das, was es braucht. Wir knüpfen unsere Unterstützung zur Bedürfniserfüllung des Kindes also an Bedingungen. Wir helfen nur, wenden uns nur zu, geben ihnen nur Nähe, erfüllen ihr Bedürfnis nach Nahrung nur, wenn sie meine Erwartungen erfüllen. Kinder lernen so, nur wenn ich so bin, wie es meine Erzieherin/ mein Erzieher von mir verlangt, gibt er/sie mir das, was ich eigentlich brauche. Es entsteht ein ungesundes Abhängigkeitsverhältnis und das Kind verliert das Gefühl für sich und seine eigenen Bedürfnisse.

Als Erwachsene haben wir jeder Zeit die Möglichkeit uns selbst unsere Bedürfnisse zu erfüllen z.B. nach Essen, Trinken, auf Toilette gehen und tun dies für gewöhnlich auch prompt. Wenn wir uns unsere Bedürfnisse nicht sofort erfüllen können, werden wir unruhig und ungehalten. Kinder hingegen sind von uns abhängig und brauchen unsere Unterstützung, um sich ihre eigenen Bedürfnisse zu erfüllen. Wenn die eigene Not dann nicht gesehen wird und ihre Bedürfniserfüllung von bestimmten Voraussetzungen abhängt, können Kinder in echte Verzweiflungsmomente geraten, aus denen sie selbst nicht herauskommen können.

Wenn…dann- Sätze enthalten meist Negationen, die das kindliche Gehirn nur schwer verarbeiten kann. Das Kind erhält nur eine Botschaft darüber, wie es sich nicht verhalten soll aber keine darüber, wie es sich verhalten soll (siehe oben beim Wort „nicht“).

Wir verwenden oft „wenn…dann“-Sätze, wenn wir nicht mehr weiter wissen, wir in einer Ohnmacht gefangen sind, uns hilflos fühlen, keine Möglichkeit zur Hand haben, die Situation anders zu lösen. Eigentlich wollen wir so nicht mit den Kindern sprechen, wissen aber nicht, was wir anstatt dessen tun sollen. Gegenüber unserem Partner oder unseren Freunden würden wir vermutlich niemals eine solche „wenn… dann“ Drohung verwenden, gegenüber den Kindern scheint es jedoch noch Gang und Gäbe zu sein.

Was können wir nun tun? In diesem Fall gibt es keine einfachen alternativen Sätze, die wir verwenden können. Vielmehr handelt es sich um eine grundsätzliche Entscheidung, ob ich machtvoll und manipulativ handeln möchte oder nicht. Wenn ich mich dagegen entscheide, braucht es viel Reflexionsarbeit und Auseinandersetzung mit der eigenen Biografie um eigene Triggerpunkte und innere Glaubenssätze verstehen und verändern zu können. Warum bringt mich genau diese eine Situation immer wieder so auf die Palme, dass ich mich so ohnmächtig fühle? Was hat das mit mir selbst zu tun? Habe ich in diesem Zusammenhang Kränkungen erlebt? Für jede Situation, in der wir wenn…dann Drohungen benutzen gibt es individuelle Lösungen. Ich versuche nun Lösungsansätze für das obige Zitat mit dem Aufräumen zu finden, die in der einzelnen Situation eventuell jedoch andere Lösungen braucht. Ein effektiver Weg ist jedoch immer wieder die Bedürfnisse, Gefühle und Grenzen des Kindes im Blick zu haben und meine Bedürfnisse dabei auch nicht aus den Augen zu verlieren.

Anstatt zu sagen „wenn du nicht aufräumst, gibt es kein Mittagessen“ können wir sagen:

„Ich wünsche mir, dass wir alle zusammen aufräumen, damit wir morgen hier wieder gemeinsam spielen können. Wenn wir alle kräftig mithelfen, sind wir schneller fertig und wir können uns an den Mittagstisch setzen“

„du willst nicht mit aufräumen, stimmt’s? Du findest das lästig? Hast du schon so dolle Hunger, dass du nicht mehr mithelfen kannst?“ (Wir dürfen auf Spurensuche gehen, was das unerfüllte Bedürfnis des Kindes ist, warum es nicht mithelfen kann und will)

Wir dürfen uns vor Augen halten, dass Aufräumen ein Bedürfnis von uns Erwachsenen ist. Die wenigsten Kinder haben das Bedürfnis nach Ordnung im Sinne von Aufräumen. Viele Kinder überfordert es schlicht, wenn viele Dinge im Raum liegen, sie zu sortieren und ordnungsgemäß an ihren Platz zu bringen. Wir können die Kinder dann im wahrsten Sinne des Wortes an die Hand nehmen und sie detailliert anleiten „du bringst die Puppen in die Puppenecke und du sammelst alle blauben Dinge zusammen“. Wir können also spielerische Elemente einbauen.

Es ist grundsätzlich wichtig, dass wenn Kinder sich weigern mitzuhelfen, ihr „Nein“ respektiert werden sollte. Lies dazu auch gerne den Artikel „Nein sagen dürfen“. Wir können unser Bedürfnis zwar deutlich machen, die Kooperation des Kindes können wir allerdings nicht erzwingen und müssen wir auch nicht. Wenn die Sorge tatsächlich eintritt, dass dann kein Kind mehr mithilft, was relativ unwahrscheinlich ist, gibt es ein neues Problem, das einer neuen Lösung bedarf. Die Spielsachen liegen rum und das Spielen ist nicht mehr möglich. Das ist dann die natürliche Konsequenz. Eine Lösung kann gemeinsam in der Gruppe erarbeitet werden. Ich als Fachkraft bin dann nicht in der Verantwortung alles alleine aufzuräumen, wenn ich das nicht will. Anstatt dessen kann ich die Kinder dazu anregen, eine gemeinsame, kreative Lösung zu finden. Dabei lernen die Kinder enorm viel: Empathie, Gemeinschaftssinn, Kreativität, Problemlösungsstrategien zu entwerfen uvm. Wenn wir nur sagen: „wenn du nicht mithilfst, dann bekommst du kein Mittagessen“ hingegen hinterbleibt beim Kind die Botschaft: der Mächtigere gewinnt, ich muss mich unterwerfen, wir können andere manipulieren, mein Bedürfnis zählt nicht, ich werde mit meinem Bedürfnis und meiner Angst nicht gesehen usw.

Vorsichtig „bitte lauf vorsichtig“

„Vorsicht an der Straße“

„Vorsichtig essen, sonst fällt das Essen runter“

„vorsichtig beim klettern“

Aussagen wie diese sind inhaltlich schwer zu greifen und bleiben sehr unkonkret. Für Kinder ist nicht nachvollziehbar, was mit dem Wort „vorsichtig“ genau gemeint ist. „Lauft vorsichtig“ trifft keine genaue Aussage darüber, wie Kinder anstatt dessen laufen sollen. Anstatt „vorsichtig“ braucht es an der Stelle die Formulierung einer exakten Erwartung durch die Fachkraft. Anderenfalls fällt es den Kindern schwer, die Erwartung im Kopf der Fachkraft zu erfüllen.

Anstatt „bitte lauf vorsichtig“ könnte ich je nach Situation sagen:

„bleib auf dem Weg!“ oder „lauft um die spitzen Steine herum“

„Vorsicht sonst fällst du“ enthält bereits eine Annahme, die die Fachkraft getroffen hat, was passieren könnte. Durch die ausgedrückte Unsicherheit und Angst der Fachkraft überträgt sich die Unsicherheit auf das Kind weil es die Reaktionen der Fachkräfte als Orientierung nutzt. Mit dieser Aussage wird das Kind also unnötig stark verunsichert und eine Verletzung wird dadurch viel wahrscheinlicher, denn das kindliche Gehirn nimmt diese Aussage unter Umständen als Aufforderung wahr.

Anstatt „Vorsicht sonst fällst du“ könnten wir sagen:

„Halte dich gut am Seil fest“

Iiiiii: „Iiiiiii, du stinkst“

Wenn Krippenkinder in die Windel machen, ist das Windeln wechseln nicht immer angenehm und kann unter Umständen zu einer echte Herausforderung werden. Manchmal überkommt uns dann ein Ekelgefühl und es rutscht uns so raus: „iiiiii, du stinkst!“

Wenn wir diesen Ausruf immer wieder vor dem Kind verwenden, kann es diesen als Abwertung seiner eigenen Person verstehen – insbesondere wenn wir sagen: „du stinkst“. Allerdings auch schon ein einfaches ausgerufenes „Iiiii“ hat eine abwertende Wirkung auf Kinder. Also sollten wir uns dabei beobachten, ob wir diese Ausdrücke vor den Kindern verwenden und sie unterlassen.


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Gewalt von Fachkräften gewaltfrei verhindern

Gastbeitrag von Barbara Leitner

Im Herbst 2019 erschienen gleich zwei Bücher, die auf Übergriffe und Grenzverletzungen durch pädagogische Fachkräfte gegenüber Kindern in der Kita aufmerksam machten. Sie brachen gewissermaßen ein Tabu und eröffneten in der Fachwelt die Auseinandersetzung zu dem Thema und machen eine bisher nicht ausreichende beantworte Frage dringlicher: Wie kann Gewalt gegen Kinder gewaltfrei verhindert und der Kreislauf von Gewalt und Gegengewalt unterbrochen werden? Was heißt tatsächlich Gewaltfreiheit in der Kita?


Über „Gewaltfreiheit“ wird in Kitas seit einigen Jahren gesprochen. Zum einen wurde mit der Änderung im Bürgerlichen Gesetzbuch aus dem Jahre 2000 das Recht von Kindern, gewaltfrei erzogen zu werden, unterstrichen. Dieses Recht gilt natürlich uneingeschränkt in der Kita. Diese Gesetzesänderung, das daraufhin verabschiedete Kinderschutzgesetz und die Veränderungen im SGBVIII sensibilisieren pädagogische Fachkräfte und andere Beteiligte deutlich für die Formen von Gewalt und Übergriffen gegenüber Kindern. In den Auseinandersetzungen wird deutlich, wie viel zu tun bleibt, um für ein gleichwürdiges Verhältnis zwischen Kindern und Erwachsenen auch in der Kita zu sorgen.


Zum anderen ist auch das Modell der Gewaltfreien Kommunikation (GFK) von Marshall Rosenberg seit einigen Jahren in vielen Kitas bekannt. Pädagogische Fachkräfte lernen das auf der humanistischen Psychologie beruhende Vier-Schritte-Modell, um sich gegenüber Kindern, Eltern und den Kolleginnen auszudrücken und ihnen zuzuhören: Was ist Dir wichtig? Was mir? Wo können wir verbindende Linien finden? Damit ist jedoch das Potenzial der GFK und das der Gewaltfreiheit für die Kita noch lange nicht erschöpft. Es lohnt sich, sich den Quellen der GFK zuzuwenden. Seitdem ich mich damit befasse, umschreibe ich das Herangehen von Marshall Rosenberg nicht mehr eher verschämt als wertschätzende, verbindende oder empathische Kommunikation, um die Negation „Gewaltfrei“ im Begriff zu vermeiden. Vielmehr betone ich nunmehr: „Ja, ich wünsche mir eine gewaltfreie Kita!“ In dieser Betonung liegt meines Erachtens eine Kraft, die der frühpädagogischen Landschaft gut tut.

Was heißt Gewaltfreiheit?

Das Wort „Gewalt“ leitet sich vom Althoch-deutschen „waltan“ „stark sein, beherrschen“ ab. Gewalt auszuüben heißt, jemanden den eigenen Willen zu unterwerfen und diesen Menschen in seinem Potenzial einzuschränken. Gewaltfreiheit heißt für mich dann auch, allen Beteiligten zu ermöglichen, ihr tatsächliches Potenzial zu leben. Marshall Rosenberg nannte seinen Ansatz in Reverenz zu Mahatma Gandhi „Gewaltfreie Kommunikation“. Der indische Freiheitskämpfer bekam den Namen „Mahatma“ („Große Seele“), weil er mit gewaltlosen Aktionen für die Anliegen der unterdrückten indischen Bevölkerung stritt. Er wollte mit „Satyagraha“ überzeugen, mit „Gütekraft“. Dieses Wort wurde später mit Gewaltfreiheit übersetzt. Gandhi war davon überzeugt, dass eine Person sich selbst schädigt, wenn sie passiv bleibt und nichts gegen Unrecht tut. Zum einen, weil sie Unrecht an sich selbst zulasse. Zum anderen, weil sie sich mit Selbstvorwürfen plage. Er definiert „Gewaltfreiheit“ als „Festhalten an der Wahrheit, Kraft der Wahrheit“ oder „Liebes- oder Seelenkraft“. Sie verlange, dem Gegner keine Gewalt anzutun. „Er muss vielmehr durch Geduld und Mitgefühl von seinem Irrtum abgebracht werden.“ Dafür war Gandhi bereit, einiges auf sich zu nehmen: „dass man die Wahrheit verteidigt, indem man nicht dem Gegner, sondern sich selbst Leiden zufügt“ (Gandhi 1991, 6). „Leid“ auf sich nehmen, weil man seinen ganzen Mut zusammennimmt, Ängste und Unsicherheiten überwindet, vielleicht auch Einsamkeit oder Anfechtungen aushält, um sich zu zeigen und für eine Sache zu streiten. Ähnlich beschrieb der afro-amerikanische christliche Prediger Martin Luther King sein friedvolles Handeln. Er nahm die Rassentrennung in den USA nicht widerstandslos hin, sondern führte während der Rassenauseinandersetzung in den USA der 1960er Jahre den Widerstand ohne Gewalt an. Dabei setzte er auf „Agape“, uneigennützige Liebe. Sie sucht das Beste in den anderen, löst sich vom Freund-Feind-Denken und entwickelt Mitgefühl selbst für die Peiniger: „Bringt so viel Liebe auf, dass ihr Böses hinunterschlucken könnt, und so viel Verständnis, dass aus Feinden Freunde werden⌊ ⌋… Wir sind in einem unentrinnbaren Netz wechselseitiger Abhängigkeit verfangen und in ein einziges Gewand gemeinsamen Schicksals verwoben. Was den einen unmittelbar betrifft, betrifft alle anderen mittelbar“ (zitiert nach Härtel 2009, 47 sowie 65 – aus King Freiheit, 132). King war wie Gandhi davon überzeugt, „dass Gewaltlosigkeit nicht unfruchtbare Passivität ist, sondern eine mächtige moralische Kraft, die gesellschaftliche Wandlungen herbeiführt“ (zitiert nach ebenda, 106). Gewaltfreiheit ist nicht einfach die Abwesenheit von Gewalt. Gewaltfreiheit bedeutet für mich, diese moralische Stärke zu nutzen und eine große, vor allem innere Kraft aufzubringen, um auf das Gegenüber einzuwirken. Gelingt es, in dem anderen Menschen seinen positiven Wesenskern zu berühren und ihn in seiner Würde anzusprechen, damit auch er im Interesse der Verbundenheit und des Wohlergehens der Gemeinschaft umdenkt und anders handelt?

Gelingt es, die gewaltvoll handelnde Fachkraft als Subjekt zu sehen?

Was bedeutet diese Definition für die Auseinandersetzung mit der Gewalt durch pädagogische Fachkräfte in der Kita?

Aus Sicht der GFK ist als erstes eine authentische Selbstmitteilung gegenüber der/dem gewaltvoll handelnden Kollegin notwendig. Es gilt, auszusprechen, was wir wahrnehmen und dieses Verhalten nicht mehr schweigend hinzunehmen. Diese Rückmeldung wird wirkungsvoller sein und eher gehört werden können, wenn sie ehrlich, aus einem friedlichen Herzen, ohne Anspannung und Ärger ausgesprochen wird, vielleicht in den vier Schritten.

Beispielsweise:
„Ich sehe oder höre, wie Du Max aufforderst, Spinat zu essen, obwohl er gesagt hat, dass er den nicht mag (Beobachtung)
Ich bin ziemlich durcheinander (Gefühl), weil mir Respekt vor dem Willen des Kindes und seine Selbstbestimmung (Bedürfnis) wichtig sind.“

Dazu gehört außerdem, eine Bitte zu äußern. Das kann eine Handlungsbitte sein:
„Kannst Du einfach mal durchatmen…/Ist es Dir lieber, wenn ich hier übernehme?
Oder eine Beziehungsbitte: „Ich würde gern wissen, wie es Dir gerade geht.“

Vielleicht muss ich auch ehrlich zugeben, dass ich gerade so empört bin, dass ich meine Urteile kaum in Zaum halten kann, es auch nicht schaffe, mit ruhiger Stimme zu sprechen, weil dieses Handeln so meinen Werten widerspricht.
In diesem Sinne wird die Mitteilung auf jeden Fall deutlicher ausfallen, wenn ein Übergriff beobachtet wurde, wenn Kinder von Fachkräften geschupst, gezogen, gestoßen, gehänselt wurden o.ä.. Dann braucht es das klare Stopp und Nein, schützende Macht im Interesse des Lebens, mit eindeutiger Stimme gesprochen:

„So geht es nicht. Mir ist körperliche und seelische Unversehrtheit wichtig. Lass das Kind los/ tritt einen Schritt zurück/sei still…“ 

Es ist eine riesige Herausforderung, nicht in der Entrüstung stecken zu bleiben, sie vielmehr zu verwandeln, in das, was mir wichtig ist und eine Bitte zu formulieren, die nicht besserwisserisch ist und nun die Würde jener Fachkraft verletzt.
Dabei ist das nur der Anfang. So wichtig und notwendig es ist, übergriffiges und grenzverletzendes Verhalten zu stoppen, ist es aus der Warte der GFK nämlich nicht das Ziel, dass sich eine Person mit seiner Position durchsetzt. Vielmehr geht es darum, nach dem Stopp in solch eine Verbindung miteinander zu kommen, dass die Bedürfnisse beider Seiten gesehen und berücksichtigt werden können und Frieden möglich ist.

Das könnte auch durch empathisches Zuhören geschehen: „Du hättest so gern, dass Max den Spinat isst. Das wäre so viel leichter für Dich, stimmt das?“


In doppelter Hinsicht ist deshalb jene Person, die eingreift und sich für Gewaltfreiheit einsetzt, herausgefordert, „Leid“ auf sich zu nehmen und Stärke zu beweisen.
Zum einen geht es darum, sich ehrlich durch eine Mitteilung oder das Zuhören zu zeigen – und eben nicht zuzulassen, dass Gewalt tabuisiert und hingenommen wird, sondern aktiv für Kinder einzutreten. Bereits hier gibt es viel Unsicherheit und Angst, wenig Übung, nicht nur in der Kita. (lies dazu gerne auch den Artikel „Gewalt durch pädagogische Fachkräfte – (M)ein Dilemma zwischen Hinsehen und wegsehen“). Zum anderen sind wir darüber hinaus herausgefordert, „Geduld und Mitgefühl“, wie es bei Gandhi heißt, für jene Fachkraft aufzubringen, die gewaltvoll handelte. Ihr gewaltfrei gegenüber zu treten verlangt, „negative Einstellungen, die uns beherrschen, in positive Einstellungen umzuwandeln“, wie Arun Gandhi, der Enkel von Mahatma Gandhi schreibt (Rosenberg 2004, 10).


Wir würden Gewalt mit Gegengewalt beantworten, wenn wir jene Fachkräfte, die Kinder zum Essen zwingen, hänseln, schupsen, beleidigen oder in anderer Form ihre Macht missbrauchen, ebenso gewaltvoll als Objekt behandeln und entmenschlichen, indem wir sie nur zurückweisen und ihnen Einhalt gebieten. Deshalb braucht es das Empowerment der Gewaltfreiheit für die Kollegin, Leiterin, Fachberaterin, Trainerin und alle anderen Beteiligten, um auch die Gefühle und Bedürfnisse der gewaltvoll handelnden Fachkraft sehen zu können. Gewaltfreiheit heißt hier, sie mit Mitgefühl zur Umkehr zu bewegen. Das geht nicht auf die Schnelle. Auf dem Weg dahin sind häufig Urteile und Bewertungen zu überwinden.

Grenzsetzung in Würde

Was denken wir für gewöhnlich über eine Fachkraft, die gewaltvoll handelt? Betrachten wir sie als rücksichtslos, unwürdig, grob, verletzend, unfähig, starr, lernunwillig, schwach…. Oder welche anderen Zuschreibungen gibt es? Bemerken wir, dass wir damit die andere Person zu einem Objekt machen und nicht mit Würde behandeln? Hinter unseren Zuschreibungen verbergen sich Urteile, die auf eigene, unerfüllte Bedürfnisse verweisen und zu einer inneren Anspannung führen.
Wie wäre es, rücksichtsvoll, würdig, feinfühlig und aufmerksam, fähig, beweglich, lernbereit und stark zu sein und genau mit diesen Qualitäten der Fachkraft zu begegnen? Gelingt es, wie Marshall Rosenberg sein eigenes Modell beschrieb, „unser einfühlendes Wesen“ zu entfalten, „wenn die Gewalt in unserem Herzen nachlässt“ (Rosenberg 2004, 22).

Sind wir bereit, einer Fachkraft tief zuzuhören, die will, dass ein Kind den ungeliebten Spinat ist? Was ist ihr wichtig? Können wir für sie offen sein und ihr ermöglichen, über sich zu sprechen. Dabei geht es nicht um eine Rechtfertigung. Vielmehr könnten wir ihren unbewussten Handlungsgrund berühren, verstehen und auflösen. Vielleicht musste sie selbst als Kind Spinat essen, ob sie wollte oder nicht. Oder ist sie unsicher, was sie den (für das Essen in der Kita zahlenden) Eltern sagen soll, wenn die Mahlzeit unberührt bleibt. Oder sie ist überzeugt, dass dieses Kind auch etwas Gesundes essen soll. Sicher hat sie für sich einen „guten Grund“.

An dieser Stelle höre ich Kita-Leiterinnen argumentieren:

Darüber haben wir nun wirklich lang und breit gesprochen. Die Debatte ist für mich beendet. Hier gelten die Kinderrechte. Wir halten uns an die Konzeption.

So wahr das ist, ist diese Realität womöglich bei der/dem betreffenden Kollegin noch nicht voll und ganz angekommen. Möglicherweise haben sie das Wissen, jedoch nicht die innere Überzeugung und Bereitschaft, vielleicht auch nicht die Fähigkeit, genau in der konkreten, auch ange- spannten Situation danach zu handeln. Diese Tatsache zu ignorieren ist genauso Gewalt. Die Kita-Leiterinnen bringen hier ihre Macht zur Geltung und setzen nicht auf Verbindung und Empathie. Sie wollen eine Regel und gesetzliche Verpflichtung durchsetzen, ohne auf die Fachkraft zu blicken.

Akzeptanz für das was ist

Hier kommt eine weitere Quelle für Marshall Rosenberg bei der Entwicklung der GFK ins Spiel: Carl Rogers, der die klientenzentrierte Gesprächstherapie entwickelte. Rogers machte darauf aufmerksam, dass es notwendig ist, etwas zu akzeptieren, ehe es sich ändern kann.

Ist es möglich, erst einmal in einer Situation anzukommen und die Wahrnehmung zu schärfen – dafür wie es dem Kind und der pädagogischen Fachkraft geht? Statt schon wieder zu handeln, zunächst aufmerksam zu werden: Kann die Fachkraft sehen, wie das Kind auf dem Stuhl sitzt, vielleicht wie eingefroren, vielleicht wütend? Kann sie spüren, was das eigene Handeln ausgelöst hat und das auf sich wirken lassen? Was passiert dann? Möglicherweise wird ihr dann bewusst, dass sie eine Grenze über-schritten hat. Oder fällt es ihr schwer, die Kinder feinfühlig in ihrer Befindlichkeit sehen, weil sie müde und erschöpft von der Arbeit am Vormittag ist? Würde es ihr helfen, darüber zu reden, was sie anstrengt, nicht schafft, welches Kind sie auf die Palme bringt und wo sie mit sich selbst unzufrieden ist? Vielleicht ist es möglich, gemeinsam Tempo aus dem Alltag zu nehmen und dem Wunsch, funktionieren zu wollen und stattdessen zusammen achtsam auf die kleinen Momente im Miteinander zu blicken.
Wie viel Zeit bleibt in einer Kita für die Auseinandersetzung mit Fragen, Zweifeln, Ängsten, Widerständen? Gibt es genügend Aufmerksamkeit und Wertschätzung für die Energie, die Fachkräfte aufbringen, um in einem zwar vorstrukturierten, gleichwohl ständig neuen Alltag mit den Kindern spontan und kompetent zu handeln?

Wie unterstützen sich Kolleginnen im Team miteinander zu lernen und an manchen Stellen quasi auch „nachzureifen“, um den Anspruch der Kinderrechtskonvention nach einer Begegnung in gleicher Würde gerecht zu werden? Gerade im Interesse einer gewaltfreien, würdevollen Beziehung zwischen Kindern und pädagogischen Fachkräften müssen dazu meiner Meinung nach diese innersubjektiven Fragen nach Haltungen und Handlungen immer wieder neu und konkret beachtet und besprochen werden. Denn durch den Alltag mit den Kindern werden immer wieder neue, tiefere Schichten der Persönlichkeit auch einer Fachkraft berührt und angesprochen und wollen oft auch geheilt werden. In Kitas, in denen es dafür eine entsprechende Teamkultur gibt, werden Fachkräfte freundlich und klar miteinander sprechen und sich unterstützen, präsent, offen und empathisch gegenüber den Kindern zu sein. Häufig jedoch wird die „richtige“ Haltung nur vorausgesetzt und gefordert, als könne man in sie einfach hineinschlüpfen wie in ein Kleid von der Stange. Wie oft fehlt der Raum zum Lernen und zum Austausch, um die für den Menschen und die Situation passende Haltung immer wieder zu finden und zu überprüfen? Hier geht es um Maßschneiderei in der Beziehungsarbeit.

Gemeinsames Eintreten für bessere Bedingungen in der Kita

Seitdem 2001 die Ergebnisse der ersten PISA-Studie veröffentlich wurden, prasselt eine Forderung nach der anderen auf die Kitas ein. Längst ist das „Umsetzungsdilemma“ benannt, das dadurch entstanden ist: Die Verbesserung der Rahmenbedingungen hält nicht mit den Anforderungen Schritt. Daran ändert auch das Gute-Kita-Gesetz, vor allem in den neuen Bundesländern kaum etwas. Jetzt komme ich mit dem Wunsch nach Gewaltfreiheit dazu. Der betrifft für mich eine Grundfeste der Pädagogik: dass eine freundliche, wohlwollende Atmosphäre in der Kita herrscht, damit Kinder gern, frei und froh all das lernen können, was das Leben ausmacht. Dafür ist es notwendig, nach den Fachkräften zu schauen, die dies umsetzen. Wie geht es ihnen? Welchen Bedingungen finden sie für ihre Arbeit in ihrer Kita, bei ihrem Träger, ihrem Land vor? Wie viel Wertschätzung lebt ein Team miteinander? Wie frei und offen sind die Fachkräfte für ihre Arbeit? Ich kenne Kitas, in denen ich gern noch einmal Kind sein würde, weil es spannende Räume, viel Freiraum und dazu eine neugierige, freundliche Begleitung durch die Fachkräfte gibt. Und ich kenne Teams, in denen eine Fachkraft fünf, sechs, sieben von den jüngsten, mit der Kita vollkommen unvertraute Kinder in den Alltag eingewöhnen und sie gleichzeitig beim Essen, Spielen, Schlafen, Anziehen begleiten soll, Einrichtungen, in denen die Fachkräfte nicht wissen, wie sie den Tag überstehen sollen, weil viele Kolleginnen ausgebrannt und krank sind und kein Ersatz da ist.
Gewiss ist hier ein Punkt, die Organisation der Arbeit in der Kita zu überprüfen und sich für neue Formen der Zusammenarbeit zu öffnen. Sich allerdings auch zu öffnen für die Überforderung und Gewalt, die Fachkräften sich unter diesen Umständen antun oder ihnen angetan wird.

Laut einer Umfrage fühlen sich 40 Prozent der Fachkräfte durch die Anzahl der Arbeitsaufgaben überfordert und meinen 33 Prozent der Befragten, keine Pause machen zu können (Kunz 2014). In einem Interview mit Kindern fragte ich einmal, ob sie sich vorstellen könnten, Erzieher*in zu werden. „Nein“, war die Antwort der meisten Sechs bis Achtjährigen. Eine sagte: „Das ist so anstrengend, auf viele Kinder aufzupassen, dass die keinen Quatsch machen.“ Die Kinder erkannten, dass die Fachkräfte an die Grenze kommen und deshalb über ihre Grenzen gehen. Welch fatale Botschaft für die Jüngsten: Mit ihnen zusammen zu sein ist eine Last! Für Gewaltfreiheit in der Kita einzutreten heißt für mich deshalb vor allem, sich gegenseitig zu stärken und sich um die Situationen zu kümmern, in denen Fachkräfte unter Druck geraten und nicht offen für die Kinder sein können. Diese sollten deutlich und gleichzeitig empathisch angesprochen werden und dabei kann die GFK helfen. Für mich geht es aber noch weiter. Wir sollten auch über gute gewaltfreie Aktionen nachdenken, um die Öffentlichkeit und die vor allem die Politik davon überzeugen, dass pädagogische Fachkräfte unbedingt bessere Arbeitsbedingungen brauchen und dass mehr, besser ausgebildetes und bezahltes Personal für die Kinder im Alltag präsent sein muss.


Barbara Leitner ist Trainerin für Gewaltfreie Kommunikation (CNVC) und arbeitet als Prozessbegleiterin und Coach in Berlin und Umgebung. Sie unterstützt vor allem Kita- und Schulen mit den Mittel der GFK bei der Team- und Qualitätsentwicklung und unterstützt Menschen, die mit Kindern arbeiten und leben, ihre Beziehungen mit den Heranwachsenden würdevoll zu gestalten. Sie koordiniert die Kita-Fachtexte und von ihr erscheint gerade im Junfermann-Verlag das Buch „Gewaltfreie Kommunikation in der Kita“

Kontakt: www.gfk-in-kita-und-schule.de und barbaraleitner.de


Quellen:
Gandhi, M. K. (1991): Satyagraha. Navajivan Press, Ahmedaba 14
Härtel, K. D. (2009): Martin Luther King ‚Ich habe einen Traum‘. Brunnen: Gießen. 3. überarbeitete Auflage
Kunz, T. (2014): Psychische Belastungen und Beanspruchungen in
Kindertageseinrichtungen – und was man dagegen tun kann. Verfügbar unter:http://www.universum.de/uploads/607/Psychische_Belastungen_und_Beanspruchungen_in_Kindertageseinrichtungen.pdf, Zugriff am 2.10.2018.
Rosenberg, M.B. (2004): Gewaltfreie Kommunikation. Eine Sprache des Lebens. Paderborn: Junfermann, 5. Überarbeitete und erweiterte Auflage.

Die Rückkehr der Kinder in die Kinderbetreuung bedürfnisorientiert gestalten – einige Fragen

Zu diesem Beitrag gibt es auch einen passenden Podcast

Nehmen wir mal an, in den nächsten Wochen öffnen die Krippen, Kindergärten und Tagespflegestätten wieder. Alle Kinder dürfen wieder in die Kinderbetreuung und alle Eltern dürfen ihre Kinder wieder in die Kinderbetreuung bringen.

Für mich stehen dabei einige FRAGEN im Raum, die ich euch als Fachkräfte, als Eltern aber insbesondere den Kindern gerne stellen würde.

Nehmt die Fragen gerne als REFLEXIONSGRUNDLAGE, um die Bedürfnisse und Perspektiven aller Beteiligten beim Wiedereinstieg berücksichtigen zu können.

Fragen an die Kinder

  • Möchtest du wieder in die Kinderbetreuung oder tut dir das Zuhausesein gut?
  • Vermissst du die Kita und freust dich wieder dort hin gehen zu können oder wird dir die Rückkehr schwer fallen?
  • Wäre ein schneller Wiedereinstieg für dich in Ordnung oder würde er dir etwas ausmachen?
  • Brauchst du eine gemächliche, allmähliche Wiedereingewöhnung?
  • Würde es dir helfen, erstmal ein paar Stunden in die Einrichtung zu kommen und die Zeit dort nach und nach auszuweiten?
  • Sollen Mama oder Papa zu Beginn einige Tage wieder mit in der Einrichtung bleiben? Würde dir das helfen?
  • Brauchst du für den Wiedereinstieg eine/n bestimmte BezugserzieherIn und ist diese/r zum Zeitpunkt der Rückkehr in der Einrichtung?
  • Würde es dir die Rückkehr erleichtern, wenn ein bestimmter Freund in der Einrichtung ist, wenn du wiederkommst?
  • Würde dir der Wiedereinstieg erleichtert, wenn du ein Übergangsobjekt (z.B. Kuscheltier, Schnuffeltuch) mitnehmen darfst
  • Was würde dir helfen, um den Wiedereinstieg leicht nehmen zu können?

Fragen an euch pädagogische Fachkräfte

  • Was kannst du tun, um den einzelnen Kindern den Wiedereinstieg zu erleichtern?
  • Was kannst du in der Raumgestaltung für Anreize schaffen, um die Ankunft der Kinder in die Kindertagesbetreuung spannend zu gestalten und damit zu erleichtern?
  • Was kannst du vorbereiten, um den Kindern möglichst viel Wiedererkennungswert in der Einrichtung zu bieten? bekannte Lieder, Reime, Abläufe usw.?
  • Kannst du flexible Wiedereingewöhnungen anbieten? Kannst du den Kindern je nach Alter, Charakter und Temperament eine individuelle Wiedereingewöhnungszeit einräumen, in der du als BezugserzieherIn ausschließlich für das Kind präsent bist?
  • Könnt ihr ermöglichen, dass die entsprechenden BezugserzieherInnen für die Kinder da sind, um ein Ankommen zu erleichtern?
  • Kannst du mit den Eltern ein Gespräch vereinbaren, in dem die Quarantäne-Zeit reflektiert und die Rückkehr des Kindes in die Einrichtung gemeinsam geplant wird?

Fragen an euch Eltern

  • möchtest du dein Kind wieder in die Kinderbetreuung bringen oder hast du das Zuhausesein genossen und möchtest etwas an der Betreuungssituation ändern?
  • möchtest du dein Kind wieder in die Einrichtung bringen oder musst du dein Kind wieder in die Einrichtung bringen?
  • Gibt es die Möglichkeit, den Wiedereinstieg in die Kinderbetreuung für dein Kind bedürfnisorientiert, flexibel, gemächlich und kindzentriert zu gestalten?
  • Kannst du dir dafür genügend Zeit einplanen? z.B. Urlaub nehmen?
  • Wie kannst du den Wiedereinstieg für dein Kind vorbereiten? Z.B. den Wiedereinstieg besprechen, von Freunden und den BezugserzieherInnen sprechen, ein Bild/ Brief für den/die ErzieherIn malen, etwas Gebasteltes aus der Quarantäne-Zeit mitbringen?

 

Was denkt ihr, welche Fragen sollten noch berücksichtigt werden, wenn die Kinder nach einer solch langen Zeit wieder in die Einrichtungen zurückkehren?

 

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Warum werde ich ErzieherIn und was der Berufswunsch mit mir selbst zu tun hat.

Warum will ich ErzieherIn werden? Warum bist du ErzieherIn geworden? Was meinst du? Hast du dir dazu schonmal Gedanken gemacht?

Viele würden vielleicht antworten „na klar weiß ich das, schließlich war das eine Frage, die ich in meinem Motivationsschreiben und in meinem Aufnahmegespräch zur Erzieherin/ zum Erzieher beantworten musste“:

“ich will etwas mit Kindern machen”, “ich möchte etwas mit Menschen machen”, „man kann Kindern etwas beibringen“, “Kinderaugen strahlen einen immer so freundlich an” “Kinder sind immer so ehrlich” “Kinder geben mir so viel” “Kinder bereiten einem einfach Freude”

Das sind zumindest häufige Antworten von angehenden ErzieherInnen. Das zeigt auch eine Befragung von Auszubildenden, warum sie den Erzieherberug gewählt haben (Knauf, 2009).

Was treibt uns wirklich an?

Aber ich frage mich immer was ist es, das uns WIRKLICH ANTREIBT? Warum wählen so viele den Erzieherberuf? Wo hat der Wunsch angefangen, ErzieherIn werden zu wollen und warum? Was ist wirklich unser innerster, unbewusster Antrieb? Was steckt hinter den oberflächlich benannten Motiven?

WAS IST ES?

Um diese Frage klären zu können, müssen wir einen Schritt in unser Seelenleben wagen. Wir dürfen uns in unsere eigene Biografie hineindenken, unseren Gefühlen und unseren eigene Bedürfnissen Raum geben. Unser Unbewusstes weiß eine Antwort aber wissen wir es wirklich auch? Sarah hat im Podcast zu diesem Thema gesagt: „ich wusste da nicht gleich eine Antwort“. Wenn wir uns öffnen und in uns hineinschauen, finden wir vielleicht eine Antwort. Was treibt dich an?

… Vielleicht gibt es dir ein gutes Gefühl, wenn du dich um andere kümmern kannst? Wenn andere dich brauchen? Wenn du dich um andere kümmerst, kümmerst du dich gleichzeitig immer ein wenig auch um dich? Du magst es gebraucht zu werden. „Wenn sie [Kinder] glücklich sind, fühle ich mich wohl“. Dir gibt es ein gutes Gefühl dich für andere aufzuopfern, andere glücklich zu sehen.

… Ganz tief in dir drin sehnst du dich vielleicht nach (körperlicher) Nähe, nach Zuwendung und nach Jemandem, der dir zuhört. Kinder können dir diese Nähe geben, denn sie brauchen deine Nähe und sind auf deine Nähe angewiesen. Du kannst mit den Kindern kuscheln und sie herzen. Es fühlt sich für dich wohlig warm an, wenn Kinder eine innige Nähe zu dir aufbauen, die dir sonst oft fehlte?!

… Hast du vielleicht manchmal das Gefühl, du kannst der Welt nicht trauen?! Erwachsene lügen dich an, du musst immer auf der Hut sein? Sehnst du dich manchmal nach einem vertrauensvollen Umfeld, nach Jemandem, der ehrlich und authentisch zu dir ist?! „Kinder sind immer ehrlich“, sie zeigen dir ein authentische Reaktion. Das magst du sehr und fühlst dich deshalb immer wieder von Kindern angezogen? Endlich musst du nicht mehr mutmaßen, was dein Gegenüber wirklich fühlt?!

… Fühlst du dich wohl, wenn du anderen etwas beibringen kannst, wenn du dich schlau, wissend und kompetent fühlen kannst? Kinder sind aufmerksame Zuhörer, interessiert und geben dir das Gefühl, viel zu wissen und viel zu können. Kinder können dir das Gefühl geben, gut, richtig und kompetent zu sein. Das Gefühl gut genug, wissend genug, kompetent genug zu sein kam dir sonst eventuell öfter mal abhanden?!

… Wenn du ganz ehrlich mit dir selbst bist, magst du es manchmal mächtig zu sein? Wir Erwachsene sind körperlich und intellektuell betrachtet den Kindern in jedem Fall überlegen. Wir können über Kinder bestimmen, sagen was zu tun und zu lassen ist. Dieses machtvolle Handeln gibt dir eventuell Sicherheit? Du hast das Gefühl die Kontrolle bewahren und Herr der Lage sein zu können. Vielleicht ganz anders als du es als Kind erlebt hast?!

… Kann es sein, dass es sich für dich ziemlich gut anfühlt, von den Kindern Respekt verlangen zu können?! Du selbst respektierst und akzeptierst dich nicht immer und auch als Kind wurde nur selten deine Meinung respektiert. Du hattest zu gehorchen. Als ErzieherIn kannst du dir von den Kindern vielleicht das Gefühl zurückholen, Respekt verdient zu haben.

… Bist du manchmal traurig und es schleichen sich immer wieder negative Gedanken in deinen Kopf? Grübelst du viel und gelangst immer wieder in eine depressive Stimmung? Das Zusammensein mit Kindern ist für dich ein Segen. Denn Kinder schaffen es immer wieder dich aufzuheitern oder?! Du willst wahrscheinlich so gerne ErzieherIn werden oder bist es geworden weil “Kinder so fröhlich sind“?

… Abeitest du als ErzieherIn und bist auf der Suche nach dir selbst? Hast du den Erzieherberuf gewählt weil du mit den Kindern „an Reife gewinnen“ (Knauf, 2009) und dich persönlich entwickeln kannst? Bist du als ErzieherIn tagtäglich mit den Kindern zusammen und merkst, eigentlich bist du auf der Suche nach deinem eigenen inneren Kind? Du möchtest dich mit deinem inneren Kind versöhnen? Dich mit deinem Schattenkind konfrontieren und dein Sonnenkind suchen? (Stahl, 2015)

Selbsterkenntnis als Chance nutzen

Hast du dich in einer der oben beschriebenen tiefer liegenden Motivationen erkannt? Lösen die Beschreibungen gar Widerstand in dir aus? Das kann durchaus sein und zeigt, dass eine Korrespondenz vorhanden sein kann, dass dich etwas in deinem Unbewussten berührt, das mit dir selbst zu tun hat.

Mir ist es wichtig zu sagen, dass es grundsätzlich keine Schande ist, eine oder mehrere der beschriebenen Motivationen in sich zu tragen. Ich finde es nicht abartig, mächtig sein zu wollen, sich durch Kinder aufheitern zu lassen, sich durch Kinder einen Sinn zu geben, sich eigene Bedürfnisse mithilfe der Kinder zu erfüllen. Irgendwie tun wir das alle, um uns unseren Selbstwert zu erhalten oder zu erhöhen. Wir als Menschen sind alle in gewisser Weise bedürftig, brauchen Bestätigung, Wertschätzung und Anerkennung.

In einer Befragung von Auszubildenden zu der Frage, warum sie ErzieherIn werden wollen, zeigt sich ebenso, dass ihre Haupt Motivation darin liegt, etwas von den Kindern zurückzubekommen (Knauf, 2009). Dieses Ergebnis zeigt, wie wichtig es uns als ErzieherInnen ist, emotional etwas von den Kindern zu erhalten, durch sie genährt zu werden. Es zeigt sich, wie bedürftig wir an vielen Stellen sind.

Anke Ballmann drückt diese Bedürftigkeit von Erwachsenen in ihrem Buch „Seelenprügel“ noch deutlich drastischer aus und sagt: “soziale Einrichtungen sind kein Auffangbecken für erwachsene Kinder!” (Seelenprügel 2019).

Reflexion der tiefer liegenden Motivation

Etwas von den Kindern zurückzubekommen, sich mächtig fühlen zu können oder sich durch die Kinder eine heitere Umgebung zu schaffen „darf eine schöne Begleiterscheinung sein“ so Sarah Bohnes im Podcastinterview. Allerdings darf es nicht aus einem Mangel heraus entstehen oder aus einem grundlegenden unerfüllten Bedürfnis der Fachkraft“.

Deshalb ist es so wichtig, tief zu schauen. Denn wir sind uns oft nicht bewusst darüber, welche unbefriedigten Bedürfnisse eigentlich in uns schlummern. Wir haben bereits Bewältigungsstrategien entwickelt, mit unseren unerfüllten Bedürfnissen umzugehen. Das bedeutet, wir sind uns oft nicht bewusst darüber, wie wir uns eigentlich unbefriedigte Bedürfnisse erfüllen. Ein Weg kann es sein, die Unbefangenheit, Freude und Resonanz der Kinder für sich zu nutzen.

Gehen wir also diesen Schritt und fragen uns wirklich, was treibt mich an, den Erzieherberuf zu ergreifen? Denn wenn ich meine Motivation nicht reflektiere, wenn wir unseren tatsächlichen inneren Antrieb nicht wahrnehmen können, kann es passieren, dass die Kinder zu Marionetten werden, die unsere unerfüllten Bedürfnisse befriedigen. Das darf nicht sein. Wenn wir uns unseren eigentlichen Motiven nicht bewusst sind, kann es passieren, dass wir uns mit den Kindern verstricken, unsere Machtausübung nicht kontrollieren lernen und die Grenzen der Kinder nicht wahrnehmen können.

Meine Feinfühligkeit kann dadurch geschmälert werden. Ich vermag es nicht mehr, passend auf die Signale der Kinder zu reagieren. Dadurch können Kinder eine unsichere Bindungsqualität zu uns als pädagogischen Fachkräften entwickeln und eine unsichere oder sogar desorganisierte (traumatische) Bindung kann weitreichende Einflüsse auf das Selbstbild sowie den Stresshaushalt eines Kindes nehmen.

Deshalb sollten wir uns als pädagogische Fachkräfte immer wieder fragen:

  • wie bedürftig bin ich momentan selbst?
  • Was erwarte ich von den Kindern?
  • Was sollen sie mir geben?
  • Was und wieviel kann ich ihnen momentan geben?
  • Wie stabil und gewachsen bin ich selbst momentan in meiner Persönlichkeit?

Kinder sind wie ein Spiegel, sie konfrontieren dich mit deinem Innersten, auch mit deinen Wunden. Das kann schmerzhaft sein aber auch Heilung bringen.

Unsere Bedürfnisse als Fachkräfte wahrnehmen

Bereits in der Ausbildung sollten wir uns dazu Gedanken machen, welche unerfüllten Bedürfnisse habe ich selbst? Und nach was suche ich genau?

  • Was brauche ich, um mich gut mit mir selbst zu fühlen?
  • Welche Stärken habe ich? Welche Stärken kann ich sehen?
  • Wie kann ich dafür sorgen, mich unabhängig zu fühlen?
  • Habe ich die Möglichkeit, mich selbstwirksam zu fühlen?
  • Habe ich die Möglichkeit nach einem empathischen Gegenüber, das mir zuhört?

Es gibt unzählige Bedürfnisse, die dabei eine Rolle spielen können. Weitere mögliche Bedürfnisse findest du im Artikel: „die Bedürfnisse des Menschen

Eines dürfen wir nicht vergessen, unsere Aufgabe als Erzieherinnen und Erzieher ist es, für die Kinder da zu sein, sie in ihrer Persönlichkeitsentwicklung zu unterstützen, sie in ihrem SEIN zu sehen, mit all ihren Gefühlen, Bedürfnissen und Grenzen. Die Kinder sind nicht dafür da, uns unsere unerfüllten Bedürfnisse zu stillen.

Ballmann, A.E. (2019): Seelenprügel

Knauf, H. (2009): Ich will Erzieher/in werden. Warum brandenburgische Fachschülerinnen und -schüler sich für den Beruf der/des Erziehers/in entscheiden. In: Kita aktuell, 3/2009, Carl Link Verlag. S. 52-54.

Stahl, S. (2015): Das Kind in dir muss Heimat finden. Der Schlüssel zur Lösung (fast) aller Probleme. Kailash Verlag: München.


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Kinder missachten Regeln nicht aus Böswilligkeit

Kinder brechen Regeln, halten sich nicht an Vereinbarungen und hören nicht zu. Wenn wir sie darum bitten, die Regeln einzuhalten, grinsen sie nur frech und ignorieren uns. Das stimmt.

Und es könnte einen selbst zur WEISSGLUT bringen. 
“Was fällt dem Kind ein? Wie ignorant, provokant, frech und aufmüpfig. Wo soll das nur hinführen?!” “dann halte ich mich eben auch nicht mehr an seine Regeln” schwirrt es mir bockig im Kopf herum.

Ich bin verärgert, zornig, empört, 
“DAS KANN JA WOHL NICHT WAHR SEIN!”
.
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STOPP!!!, innehalten.
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Einmal tief durchatmen…

Sie tun es NICHT mit ABSICHT, nicht, um uns zu ärgern, nicht um uns zu provozieren!

In dem Moment ging es nicht anders, der IMPULS war STÄRKER als der Kontrollmechanismus, das steuernde Gefühl drängender als die stoppende Beherrschung. Lucas Empörung darüber, dass Isabell seinen Turm umgestoßen hat war präsenter als die rationale Überlegung sich an die vereinbarte Regel zu halten.

Die Regel “wir hauen und treten nicht” fällt Isabell erst viel später wieder ein als ihr Ärger verflogen ist.

Regeln sind dazu da, eine friedvolle Gemeinschaft einzuüben. Und die Betonung liegt auf ÜBEN! Und beim Üben passieren uns immer und immer wieder FEHLER. Das liegt in der Natur der Sache. Wir können ein Verhalten nicht sofort kontrollieren; das ist so beim Fahrradfahren Üben, beim Schreiben Üben, beim Üben des friedlichen Miteinanders und beim Üben der Impulskontrolle.

Sich an Regeln halten ist also ÜBUNGSSACHE!!!

Und zum Üben gehört es dazu, FEHLER zu MACHEN und machen zu dürfen, sonst könnte man ja schon, was man übt und würde das Üben überflüssig machen.

Wenn Kinder also Regeln missachten, dann weil sie die Regel schlicht nicht einhalten konnten.

Vergessen wir nicht, JEDER MENSCH TUT in jedem Moment DAS BESTE, WAS ER KANN. Das sagte Carl Rogers, das sagte Marshall Rosenberg und wie sie alle heißen. Und wenn ein Kind es in dem Moment nicht schafft, sich an die vereinbarte Regeln (z.B. nicht zu hauen) zu halten, dann nur weil es etwas gibt, das es davon abhält.

GRÜNDE dafür gibt es viele und sie variieren von Kind zu Kind und von Situation zu Situation: weil das Kind gekränkt ist, weil es ein unerfülltes Bedürfnis gibt, weil es eine innere Unruhe gibt, weil es überfordert ist, weil es sich nicht verstanden fühlt, weil es so sehr mit sich und seiner Emotion beschäftigt ist, dass die Regel in den Hintergrund rückt – einfach abgekappt ist.

Wenn ein Kind sich nicht an die Regel hält, sollte es also NICHT BESTRAFT werden. Das hilft nicht, es schadet.

Vielmehr sollten wir ihm VERSTÄNDNIS und Wohlwollen entgegenbringen und sagen:
“du weißt, wir haben diese Regel. Ich weiß, dass du weißt, dass es diese Regel gibt. Und wir beide wissen, jetzt gerade war es für dich nicht möglich, dich an die Regel zu halten. Das ist in Ordnung. Fehler passieren, wir üben alle zusammen, uns an die Vereinbarung zu halten. Wir unterstützen uns dabei, du hilfst mir und ich helfe dir, in Ordnung?”

Denn WAS SOLL DAS KIND DENN LERNEN?

Wollen wir, dass es aus der Situation mitnimmt: “ich muss mich an die Regeln halten koste es was es wolle” “”bloß keine Fehler machen” “ich bin schuld, dass ich mich nicht an die Regel halten konnte” “ich bin falsch”, “wenn ich nicht das tue, was von mir verlangt wird, kann es schmerzhaft für mich werden”????

Oder ist es uns lieber, wenn die Kinder für sich mitnehmen: “eine Regel soll eine Unterstützung sein”, “sie hilft uns allen” “ich bin ok auch wenn ich es mal nicht schaffe mich an eine Regel zu halten”, “ich trage keine Schuld”, “ich bekomme Unterstützung, wenn mir etwas noch nicht gelingt”, “wir sind alle Lernende”, “ich bin fähig etwas zu lernen”, “Fehler machen ist ok”??!!

Wir können also BERUHIGT sein. Wenn Kinder sich nicht an vereinbarte Regeln halten, dann nur weil es gerade nicht ging. Wir dürfen entspannt sein und sagen: “na gut, diesmal hat es nicht geklappt, wir üben weiter”. Genauso wie beim Fahrrad fahren.

Es ist NICHT unsere SCHULD, dass das Kind noch nicht Fahrrad fahren kann. Genauso wenig ist es unsere Schuld, wenn das Kind es noch nicht schafft, sich an unsere gemeinsamen Regeln zu halten. Aber wir können üben!

Und seien wir mal ehrlich, schaffen wir es immer uns an die vereinbarten Regeln zu halten?! Sind wir also fehlerfreundlich mit uns und fehlerfreundlich mit den Kindern.

Alles Liebe,
eure Lea


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Das Kind in seinem Bedürfnis wahrzunehmen ist oft noch wichtiger als die Erfüllung selbst

Grundbedürfnisse wie Essen, Trinken, Schlafen und Bindung erlauben häufig keinen Aufschub und brauchen eine sofortige Erfüllung. Je nach Alter und Temperament, schaffen Kinder es weniger oder mehr diese Grundbedürfnisse aufzuschieben. Ein sechs monatiges Kind braucht z.B. bei Hunger unmittelbar etwas zu essen, ein fünfjähriges Kind schafft es unter Umständen noch einen Moment zu warten.

Wir Menschen haben noch viele weitere Bedürfnisse, die zu unserem Seelenheil, unserer inneren Zufriedenheit und unserem Glück beisteuern. Eine Auflistung dieser Bedürfnisse sind hier zu finden: https://www.beduerfnisorientierte-kinderbetreuung.de/die-beduerfnisse-des-menschen-eine-uebersicht

Sehr oft ist es so, dass Kinder gar nicht danach streben, sich ein offensichtliches Bedürfnis direkt zu erfüllen. Viel entscheidender ist, dass ihr Bedürfnis wahrgenommen wird. Das zeigt sich auch in folgenden zwei Situationen in einer Kindertagesstätte:

Beispiel Pia und Beispiel Jan

Beispiel 1 (Pia):

Pia sitzt im hinteren Eck des Gartens einer Kindertagesstätte und weint. Die Fachkraft läuft hin. Von weitem zeigt sie mit ihrer Mimik, dass sie mit Pia mitfühlt. Pia erkennt am Gesichtsausdruck der Fachkraft, dass sie verstehen kann, wie sie sich fühlt. Das beruhigt sie bereits ein wenig.

Die Erzieherin vermutet, Pia wird traurig oder verärgert sein oder vielleicht hat sie sich verletzt?!

Die Fachkraft kommt bei Pia an und tröstet sie. “Soll ich dich mal in den Arm nehmen?”. “JA!”. Sie tröstet Pia und hält sie im Arm bis sie sich ein wenig beruhigt. 

Erzieherin: “Was war denn passiert?” “Hast du dich verletzt?” 

Pia: “JA”

Erzieherin: “Wurdest du gehauen?”

Pia: “Nein geschubst. Die Anne hat mich geschubst”

Erzieherin: “Och man. Und jetzt bist du wütend auf sie?”

Pia: “JA!”

Pia hört schlagartig auf zu weinen, spannt auf dem Schoß der Fachkraft ihren Körper an und bekommt einen wütenden Gesichtsausdruck.

Erzieherin: “ich verstehe. Du bist ziemlich sauer auf Anne weil sie dich umgeschubst hat?”

Pia: “JA!”

Erzieherin: “willst du ihr sagen, dass du dich darüber ärgerst, dass sie dich umgeschubst hat?” Und wollen wir sie mal fragen, warum sie das gemacht hat?”

Pia: Nein schon gut. 

Pia springt vom Schoß auf und geht zurück zu ihrer Freundin, um mit ihr fröhlich weiterzuspielen.

Beispiel 2 (Jan):

Jan wird sehr aufbrausend als Lina ihm das Spielpferd aus der Hand reißt, mit dem er gerade gespielt hatte. Er beginnt zu schimpfen und zu meckern und ist kurz davor, Lina vor Wut zu hauen. 

Erzieherin: “Stopp Jan!”. 

Sie geht zu ihm hin, geht in die Hocke auf Augenhöhe, wendet sich ihm freundlich zu und sieht ihn mitfühlend an. Ihre Mimik lässt erkennen, dass sie ihm wohlgesonnen ist und Verständnis für ihn hat.

Erzieherin:du bist ziemlich verärgert weil Mara dir das Pferd aus der Hand genommen hat oder?” 

Jan: “JA!”

Erzieherin: “Du hast gerade etwas so Wichtiges mit dem Pferd gespielt stimmt’s?”

Jan: “JA!”

Erzieherin: “Ich habe das gesehen, du wolltest mit dem Pferd Bauernhof spielen, richtig?

Jan: “JA und jetzt geht das nicht mehr. Ich brauche das Pferd für meinen Pflug”

Erzieherin: “das ist echt ärgerlich”. “Soll ich dich mal in den Arm nehmen und trösten?” oder “wollen wir die Lina fragen, ob sie dir das Pferd zurück gibt?”

Jan: “Nein. Ist nicht so schlimm. Ich nehmen einfach die Kuh”

In beiden beschriebenen Szenen kommt es den Kinder weniger darauf an, sofort eine Lösung zu finden, Vergeltung zu üben oder einen Ausgleich zu schaffen. 

Es gibt noch viele weitere Situationen, die dieses Phänomen beschreiben könnten:

Robert will ein bestimmtes Spielzeug haben

Philipp will dass seine Mama kommt

Frieda will nicht mit raus in den Garten

Lutz mag das Essen nicht

 

Das Bedürfnis hinter dem Bedürfnis

Viel eher brauchen sie Einfühlung und Verständnis. Sie benötigen Jemanden, der sich in sie einfühlt, der einen Versuch unternimmt, ihre Lage zu verstehen und ihnen Trost spendet. Es reicht ihnen sichtlich aus, dass sie in ihrem Bedürfnis wahrgenommen werden. Sie benötigen dabei keine direkte Lösung, keinen Richter, keinen Ritter, keine unmittelbare Aktion, die daraus folgt. Sie benötigen nicht die Erfüllung des im Vordergrund stehenden Bedürfnisses z.B. das Pferd wieder zu bekommen oder Anne wegen des Schubsens zur Rede zu stellen.

Indem wir in den tröstenden Situationen unsere Verbundenheit  und unser Mitgefühl ausdrücken, erfüllen wir bereits ein fundamentales menschliches Bedürfnis, nämlich das Bedürfnis nach Empathie. 

  • Wir wünschen uns, dass jemand mit unserem Gefühl mitschwingt
  • Wir wünschen uns, dass uns jemand zuhört
  • Wir wünschen uns, dass wir verstanden werden
  • Wir wünschen uns, dass wir gesehen werden.
  • Wir wünschen uns, in unsere Situation akzeptiert zu werden
  • Wir wünschen uns Verbundenheit

So auch Pia und Jan.

Hinter einem zunächst vermuteten, offensichtlichen Bedürfnis z.B. nach Gerechtigkeit oder einer konkreten Konfliktlösung, liegt also häufig ein viel tiefer liegendes, emotionales Bedürfnis: das Bedürfnis nach Wertschätzung, Empathie und Gesehen werden. Durch die Wahrnehmung und Spiegelung des vermuteten Bedürfnisses werden also im Hintergrund andere, weniger offensichtliche, viel wichtigere Bedürfnisse des Kindes gestillt, nämlich nach Verbindung und Anerkennung.

Das heißt auch das Verbalisieren eines offensichtlichen Bedürfnisses, erfüllt dem Kind unter Umständen ein anderes viel tiefer liegendes Bedürfnis.


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Gewaltvolles Verhalten durch pädagogische Fachkräfte – eine Sammlung

„Es kann nicht sein, was nicht sein darf“ (Anke Elisabeth Ballmann)

1. Emotionale Gewalt

Kinder ignorieren

Augen rollen

böse, abwertende Blicke

Kinder als Bestrafung ohne Worte stehen lassen, alleine (stehen) lassen

Manipulation: „nur wenn du das aufisst, wirst du groß und stark“

„Wenn die Lara das Ei nicht bastelt, bekommen ihre Eltern halt kein Ostergeschenk“

„Wenn der Viktor nicht mit reinkommt, bekommt er eben kein Mittagessen“

Beschämung/ Bloßstellen: z.B. Kind hat während der Mittagsruhe eingepullert und wird von der Erzieherin vor den anderen Kindern bloß gestellt: „siehst du Lisa, ich hab’s dir gesagt! Wärst du vorhin auf’s Klo gegangen“. Zu den anderen Kindern: „also so wie der Jan das macht, geht das nicht. Bei ihm dürft ihr das euch nicht abschauen“

Angst machen: „wenn du nicht artig bist, holt deine Mama dich nicht ab“

„hör sofort auf, sonst kommt dein Schnuffi (Kuscheltier) weg“

2. Verbale Gewalt

Im Beisein des Kindes schlecht über es sprechen: mit den Eltern oder einer anderen Fachkraft. „Also die Lina ist ja echt schüchtern, schlimm, mit ihr kannst du nichts unternehmen. Das ist weil ihre Mutter sie noch stillt“ (Während Lina mithörten kann)

Sarkasmus: „man du bist ja echt schlau“ und meint eigentlich „man bist du dumm“

Widersprüchliche Aussagen (Double-bind): in höchst zynischem Ton: “na das hast du ja wunderbar gemacht”, “ganz toll!” “so ein kluges Kind bist du” wenn das Kind eigentlich etwas falsch gemacht hat.

Anschreien, Ausschimpfen: (in sehr lautem aufbrausenden Tonfall): „was steht ihr denn hier rum? Ihr solltet euch doch anziehen. Manuel, du sitzt ja nur da rum, mach, dass du dich anziehst. So wird das nie etwas mit dir werden“

verbale Abwertung: „bist du dumm“, „das schaffst du ja eh nicht“, „so wird nie etwas aus dir!“, „du stellst dich ja an“

3. Körperliche Gewalt

Fixieren: am Stuhl, Lätzchen unter Teller festklemmen, in Hochstuhl festsetzen ohne Bewegungsspielraum und die Möglichkeit aufzustehen, am Bett fixieren, auf dem Töpfchen/Klo festbinden

Zerren, Schubsen, ohne Ankündigung Herumreißen, Hochreißen (bei Krippenkindern)

4. Bestrafung

Strafen androhen
„Wenn du nicht sofort aufräumst, gehst du in die Krippe“

Strafen durchführen: Kind sozial isolieren: auf den stillen Stuhl, stille Treppe, alleine in die Garderobe schicken, Auszeit, Time-out

weitere Beispiele für Bestrafungen: das Kindergartenkind in die Krippe schicken, vor die Tür setzen, zur Strafe als letztes etwas auswählen dürfen, o.ä.

5. Zwang/ Nötigung

Kind zwingen z.B. seinen Schnuller abzugeben, zum Wickeln zwingen

Rigide Schlafenszeiten/ Schlafzwang: Schlafen müssen obwohl nicht müde, liegen bleiben müssen, „Bewachung“ durch Fachkraft, Runterdrücken, Festbinden, still liegen müssen

Zum Essen drängen/ zwingen: Probieren müssen, zum Probieren drängen, aufessen müssen, etwas essen müssen bevor man etwas anderes darf (z.B. den Nachtisch, Aufstehen, Spielen gehen), zum Essen manipulieren: „nur wenn du das Fleisch isst, wirst du groß und stark“

Nötigung zum aufs Töpfchen/ Klo gehen: auf’s Klo gehen müssen, z.B. in der Toilette einsperren bis das Kind auf Toilette gegangen ist, mehrfaches Überreden auf’s Klo zu gehen, lange auf dem Töpfchen/ Klo sitzen müssen (bis etwas kommt)

6. Unterlassen von Hilfeleistung

Trost verweigern: Kind weint streckt die Arme nach der Erzieherin aus und sagt: „nein ich nehme dich nicht hoch. Das musst du lernen“

Verweigern von Nähe und Tragen obwohl das Kind deutliche Signale zeigt, dass es getragen werden möchte. Mehr dazu auch in folgendem Artikel: https://www.beduerfnisorientierte-kinderbetreuung.de/zu-viel-naehe-gibt-es-nicht-auch-nicht-im-paedagogischen-kontext

Bedürfnis nicht ernst nehmen und unbeantwortet lassen: „der will nur Aufmerksamkeit“ und nötige Hilfe unterlassen „ach ja, der Leon, der macht immer einen Aufstand um nichts“

7. Diskriminieren

Lieblingskinder bevorzugen

Kinder in ihrem Beisein miteinander vergleichen
„schau mal, der Levi kann sich aber schon alleine anziehen. Das müsstest du auch längst können

Kinder diskriminieren:

8. Sexuelle Gewalt

Ungenügende Nähe-Distanz Regulation z.B. wenn Fachkräfte sich ihre eigenen Bedürfnisse nach Nähe und Zuwendung durch die Kinder befriedigen: z.B. kuscheln obwohl das Kind nicht will, das Kind küssen, eine Innigkeit herstellen, die über die Grenze des Kindes geht.

Diese Liste hat keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Es handelt sich um eine Sammlung von selbst erlebten Beispielen, berichteten Beispielen und Beispielen aus den angegebenen Büchern.

Wie es mir damit geht, Fehlverhalten in Kindertagesstätten zu beobachten und nicht zu wissen, wie ich damit umgehen soll, könnt ihr in diesem Artikel von mir nachlesen: https://www.beduerfnisorientierte-kinderbetreuung.de/gewalt-durch-paedagogische-fachkraefte-mein-dilemma-zwischen-hinsehen-und-wegsehen

Literaturangaben:

Jörg Maywald (2019): Gewalt durch pädagogische Fachkräfte verhindern.

Anke Elisabeth Ballmann (2019): Seelenprügel. Was Kindern in Kitas wirklich passiert.

https://www.donbosco-medien.de/gewalt-durch-paedagogische-fachkraefte-ein-tabu-broeckelt/b-1/484


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Gewalt durch pädagogische Fachkräfte – (m)ein Dilemma zwischen Hinsehen und Wegsehen

Ich sitze gerade in einer Kita, begleite eine Erzieherfachschülerin in ihrem Praxisabschnitt. Ich war bis eben mit meiner Aufmerksamkeit ganz bei ihr.

Doch dann höre ich plötzlich wie es im Nachbarraum laut wird. Ich bekomme mit, wie dreijährige Kinder angeschrien werden. Ich höre wie die Erzieherin lautstark brüllt: 

„du bist ja immer noch nicht angezogen!” “Geh da sofort von der Tür weg“ “alle anderen Kinder sind bereits angezogen und du stehst hier immernoch rum” “Das kann ja wohl nicht wahr sein” “so wird das mit der Schule aber nie was“ 

Ich zucke zusammen. Das Blut gefeiert in meinen Adern. Mein Denken verschwindet, ich erstarre innerlich.

Mir geht es sehr schlecht. Ich fühle mich klein und ohnmächtig. 

Was soll ich tun?! 

Eins ist klar, das Kind braucht Hilfe!!!!

Ich grübele, wie muss es wohl dem Kind gehen, das so beschimpft und runtergemacht wird? Wenn ich schon so erschrecke, wie hilflos, schuldig und klein muss sich das Kind erst fühlen?

Schrecklich. Ich bin empört. Mein Puls steigt.

Das Kind ist so sehr abhängig von dieser Erzieherin.

Ich selbst habe jeder Zeit die Chance zu gehen, mich zu empören und die Einrichtung zu verlassen. Und das würde ich tun, wenn ich so angeschrien werde. Ich bin der Erzieherin nicht ausgeliefert, ich kann mich schützen. Ich gehe raus und fahre nachhause.

Aber das Kind kann sich nicht schützen, es kann sich nicht wehren. Wenn es sich empört, gerät die Erzieherin vermutlich erst richtig in Rage und sein Schmerz wird vermutlich noch verstärkt. Aus Angst lässt das Kind es lieber sein.

Es kennt die Situation womöglich gar nicht anders, hat diesen Umgangston vielleicht sogar bereits als normal verinnerlicht.

ETWAS BEGINNT IN MIR ZU BRODELN. Ganz leise, tief in meinem Bauch. Keiner bekommt es mit.

ICH WILL SOFORT aufstehen, zu der Erzieherin hingehen und sie schütteln, ich würde sie am liebsten an den Schultern fassen, ihr in die Augen blicken und sagen: “Sie tun dem Kind weh” “Sie üben Gewalt aus!” Sie sorgen dafür, dass das Kind seine Selbstachtung, seinen Selbstwert, sein Selbstbewusstsein, das Vertrauen zu sich und in seine Umwelt verliert!”

ICH WÜRDE AM LIEBSTEN sofort zur Leitung laufen und wutentbrannt erzählen, welch unsagbare Dinge in ihrer Einrichtung passieren. 

ICH WÜRDE AM LIEBSTEN zu meiner Fachschülerin gehen und sagen: “so bitte niemals handeln! Auf diese Art fügst du den Kindern enormes Leid zu”

ICH WILL SOFORT zu meiner Fachschule rasen und ihr befehlen, diese Einrichtung als Kooperationseinrichtung zu kündigen

ICH WILL SOFORT, das Kind in meine Arme schließen und es trösten. Ich würde ihm gerne sagen: “du trägst keine Verantwortung, du hast keine Schuld, du bist richtig wie du bist, du darfst weinen wenn du möchtest. Deine Erzieherin wollte dir eigentlich sagen, dass sie gerne mit euch raus gehen will und ihr euch dafür anziehen sollt. Sie ist ungeduldig weil sie so gerne raus möchte und es kaum abwarten kann. Sie konnte es dir gerade nur nicht anders sagen” 

ICH WÜRDE am liebsten sofort rausrennen und in die Luft schreien: “bitte liebe Eltern, schickt eure Kinder nicht in diese Einrichtung, zu dieser Erzieherin. Sie tut euren Kindern nicht gut!”

Nun sitze ich da. Das alles passiert in meinem Kopf, in meinem Herz.

Und jetzt?

Eigentlich sollte ich genau das alles, was ich fühle, was mein Bauch mir sagt, tun, sonst ändert sich nichts!!!

Doch irgendwas in mir lässt mich am Stuhl festfrieren, schubst mein Gesicht zurück zur Auszubildenden, lenkt meinen Blick auf das vor mir liegende Formular. Irgendetwas in mir lässt mich meinen Stift wieder in die Hand nehmen und fortfahren.

Alles geht so schnell, schwupps sind die Kinder draußen im Garten, die schreckliche Erzieherin irgendwo im Nirgendwo.

Alles beim Alten, wie immer, zurück zum Alltag, beobachten, schreiben, rückmelden.

War irgendetwas? VERDRÄNGT.

“es kann nicht sein, was nicht sein darf” (Anke E. Ballmann)

Ich verlasse das Gebäude, fahre nachhause. 

SCHULD steigt in mir auf. 

Es kann doch nicht sein, dass ich solche schrecklichen Dinge sehe und das beinahe wöchentlich und ich dabei nichts unternehme, „schimpfe ich innerlich mit mir“. Ich bin doch genau diejenige, die etwas ändern kann. Ich bin tagtäglich in Krippen, Kitas und Horten. Ich habe die Verantwortung. Ich sehe die Gewalt. Ich habe es in der Hand!!! 

Diese Schuldgefühle zermürben mich. Aber was soll ich tun?

Und vor allem: was hält mich davon ab etwas zu tun?

ANGST. ANGST. ANGST. ANGST. ANGST. ANGST. ANGST. ANGST. ANGST. ANGST.

Ich habe ANGST davor, andere vor den Kopf zu stoßen

Ich habe ANGST davor, andere anzukreiden

Ich habe ANGST davor, andere zu kränken

Ich habe ANGST davor, dass andere mich beschimpfen

Ich habe ANGST davor, dass andere meine Kompetenz anzweifeln

Ich habe ANGST davor, alleine da zu stehen

Ich habe ANGST davor, enttäuscht zu werden und dass trotz meiner Mühe alles beim Alten bleibt 

Ich habe ANGST davor, dass ich in meinem Selbstwert angegriffen werde

Ich habe ANGST davor, wieder in diese Einrichtung gehen zu müssen und von allen böse Blicke zu bekommen

Ich habe ANGST davor, dass ich nicht ernst genommen werden und ich den Fehler letztlich bei mir suche: “ich bin einfach zu sensibel”

Ich habe ANGST davor, verhört zu werden

Ich habe ANGST davor, mich der Erzieherin oder gar mehreren Erzieherinnen stellen zu müssen

Ich habe vor den Konsequenzen ANGST, die mich davon abhalten, zu sagen: „das ist Gewalt und darf nicht sein!“

Ich habe ANGST vor dem was kommt.

All das kann ich doch ganz einfach vermeiden, indem ich nichts sage. Das ist in jedem Fall der einfachere und bequemere Weg. Ich gehe wieder meiner Wege, komme in eine Einrichtung und gehe wieder. Schau mir das Handeln der Fachkräfte an und gehe wieder, stumpfe mit der Zeit ab, ertrage es schon irgendwie.

Dann ändert sich nur nichts!

Und die SCHULDGEFÜHLE bleiben

Ich habe nicht verändert, was verändert werden muss!

Also lasst uns alle MUTIG sein und hinschauen, verändern was nicht sein darf. Gemeinsam können wir verändern, was bisher als „normal“ galt und doch so mies ist.


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Gibt es ein zu viel an Nähe im pädagogischen Kontext?

Dieser Beitrag kann auch als Podcastfolge angehört werden

Es hält sich in der pädagogischen Praxis zum Teil immer noch hartnäckig der Glaube, dass zu viel körperliche und emotionale Nähe den Kindern schaden könnte. Die Angst ist groß, dass Kinder bei zu enger Bindung zu den Fachkräften viel weinen, sich nicht lösen und nicht selbständig werden könnten. Pädagogische Fachkräfte sollten die professionelle Distanz wahren, um ein Kind nicht zu sehr an sich zu binden. Zu viel emotionales “Gedusel” sei wenig professionell und würde das Kind in seiner Entwicklung hemmen, so immer wieder die Meinung.

Aber gibt es wirklich zu viel Nähe? Eine zu enge Bindung zwischen Fachkraft und Kind?

Im familiären Kontext hat es sich mittlerweile rumgesprochen, dass Kinder nur schwer verwöhnt werden können, dass sie von körperlicher und emotionaler Nähe profitieren, eine innere Stärke aufbauen, dass sie gesünder und stressresistenter sind als Kinder, die in emotional kühler Atmosphäre groß werden.

Pädagogische Fachkräfte sind verunsichert

Pädagogische Fachkräfte sind allerdings immer wieder verunsichert: wie viel Nähe darf ich zulassen? Wie viel Nähe ist in Ordnung, um immer noch professionell zu handeln, um die professionelle Distanz zu wahren? Schließlich bin ich nicht die Mutter oder der Vater. Ich arbeite doch nur ergänzend zur Familie und möchte den Eltern keine Konkurrenz machen. Auch werde ich sonst von meinen Kolleginnen komisch angeschaut.

“meine Kollegen sagen dann zu mir, ich wäre zu eng mit den Kindern weil sie weinen wenn ich in die Pause gehe”

Gibt es ein zu viel an körperlicher Nähe im beruflichen Kontext?”

“man muss doch die professionelle Distanz wahren. Aber wenn die Kinder immer wieder von mir auf den Arm genommen werden wollen?! Was soll ich dann tun?”

Nähe ist für die pädagogische Arbeit wichtig

Ich kann alle Zweifelden beruhigen, auch im pädagogischen Kontext gibt es kein zu viel an körperlicher und emotionaler Nähe. Ich spreche nicht von übergriffiger, sexualisierter Nähe, sondern einer Bedürfnis gerechten Nähe, die auf die Signale der Kinder angepasst ist – eine Nähe, die von Kuscheln, auf den Arm nehmen, gut zureden, zugewandt sein geprägt ist. Eine Nähe, bei der die Grenzen aller Beteiligten gewahrt werden (siehe dazu unten den Abschnitt : „zu viel Nähe gibt es nicht – drei Ausnahmen“)

Insbesondere im Krippenbereich sind kleine Kinder sogar auf die emotionale Zuwendung von Erwachsenen angewiesen. Sie bauen eine Bindung auf, die davon geprägt ist, dass die Bindungsperson ihre Signale versteht und ihnen diese Signale mit einer passenden Handlung beantwortet. Dabei zeigen Kleinkinder für gewöhnlich sehr häufig Zeichen, die darauf schließen lassen, dass sie körperliche Nähe benötigen. Es ist ihr Grundbedürfnis durch emotionale und körperliche Nähe zum Erwachsenen Sicherheit und Regulation zu erfahren. Auch durch pädagogische Fachkräfte.

Der Stress-Regulations-Behälter – je voller desto entspannter

Durch emotionale Regulation und Körperkontakt wird das Bindungshormon Oxytocin ausgeschüttet. Dieses Hormon wiederum sorgt dafür, dass Stress, also Cortisol im Blut, abgebaut wird (Onlinequelle)

Stellen wir uns vor, ein Kind hätte ein inneres Behältnis, das je nach Menge der Nähe und Zuwendung stark oder weniger stark gefüllt ist. Bekommt ein Kind viel Körperkontakt, ist das Behältnis gut gefüllt. Dieses gefüllte Behältnis ist gleichzusetzen mit innerer Entspannung und Ausgeglichenheit. Je voller das Glas also an Zuwendung ist, umso entspannter ist das Kind. Im Umkehrschluss bedeutet das, wenn ein Kind lange Zeit keine Co-Regulation z.B. durch Körperkontakt erfahren hat, bleibt sein Stress-Regulations-Becher leer und das Kind ist stark gestresst.

Nähe tanken = Stress regulieren = Entspannung

Emotionale und körperliche Nähe durch Fachkräfte tragen dazu bei, dass das innere Nähe-Behältnis des Kindes stets gut gefüllt ist und es somit entspannt durch den Tag kommt.

Man sollte bedenken, dass der Nähebedarf der Kinder sehr individuell ist. Das eine Kind hat z.B. insgesamt viel Bedarf an körperlicher Zuwendung und muss regelmäßig viel Körpernähe „tanken“ durch Tragen, Kuscheln, Hautkontakt o.ä. Andere Kinder wiederum haben nur ein inneres schmales Reagenzglas, das sehr schnell wieder aufgefüllt werden kann, z.B. durch kurzes Drücken und ein paar schöne Worte. Sie brauchen im Kitaalltag also weniger Kontakt als andere Kinder.

Wenn kindlicher Nähebedarf verwehrt oder nicht bemerkt wird, kommt es dazu, dass Kinder nach und nach die Reserven ihres Nähehaushalts aus dem Behältnis aufbrauchen. Sie werden mit der Zeit dann immer gestresster und unglücklicher.

Kinder benötigen Fachkräfte, die ihr Nähebedürfnis feinfühlig wahrnehmen. Zeichen der Kinder dafür können vielfältig sein: sehr deutlich, unmissverständlich, zaghaft, undeutlich oder kaum wahrnehmbar.

Zeichen, die ein Nähebedürfnis zeigen

  • auf den Schoß klettern
  • Kinder sagen: „hoch“ oder „Arm“
  • strecken die Arme aus
  • weinen und lassen sich durch Sprache o.ä. nicht beruhigen
  • wirken apathisch, gehemmt
  • sind wenig fröhlich
  • Spielen nicht
  • uvm.

Bindung und Trauer

wir gehen mit den Kindern als pädagogische Fachkraft eine „bindungsähnliche Beziehung“ (Hörmann, 2013) ein. Die Fachkraft-Kind Beziehung ist von ähnlichen Merkmalen geprägt wie die Beziehung zwischen Eltern und Kind. Gleich ist, dass die Beziehung durch ein feinfühliges Verhalten der Erwachsenen aufgebaut wird und sie darüber ihre Qualität entwickelt. Auch bei der Fachkraft-Kind Beziehung entwickeln sich Bindungsqualitäten, die sicher oder unsicher sein können. 


Durch das feinfühlige Beantworten kindlicher Signale bauen wir als Fachkräfte eine bindungsähnliche Beziehung auf. Kinder zeigen auf ihre Art, wann sie emotionale oder körperliche Nähe benötigen um Stress zu regulieren und ihr inneres Gleichgewicht wiederzufinden.

Wenn die Signale des Kindes nach Nähe von Fachkräften immer wieder fehlinterpretiert und nicht mit Körperkontakt beantwortet werden, kann die Bindungsqualität zwischen Fachkraft und Kind unsicher sein.

Kinder brauchen also die feinfühlige und emotionale Nähe zur Fachkraft damit sie sich sicher fühlen, Vertrauen aufbauen und entspannt durch den Kitaalltag kommen.


Kinder trauern um ihre Bezugsperson

Wenn das Kind sich eine bestimmten Person in der Einrichtung als Bindungsperson ausgesucht hat, kann es vorkommen, dass es um diese trauert, wenn sie nicht da ist. Das ist ganz normal und sehr gesund. Das kann unter Umständen auch die Praktikantin sein oder eine Fachkraft, die eigentlich gar nicht als Bezugsperson vorgesehen war.

Wir Menschen weinen zum Abschied am ehesten bei Personen, die wir am meisten ins Herz geschlossen haben, die wir mögen, bei denen wir uns wohl fühlen, die uns helfen in der Not.

In den Einrichtungen suchen Kinder sich Bezugspersonen nach sehr unterschiedlichen Merkmalen aus. Häufig spielt Sympathie eine Rolle. Wichtig ist auch, wie feinfühlig die Person dem Kind Zuwendung, Wertschätzung und Verständnis entgegenbringen kann, ob sie das Kind „versteht“, seine Bedürfnisse wahrnimmt und beantwortet. Nicht zuletzt kommt es darauf an, wie die Fachkraft die Gefühle des Kindes auffangen und welchen Grad an Nähe sie zulassen kann.

In pädagogischen Einrichtungen müssen Kinder sich sehr oft von lieb gewonnenen, ihnen nahe stehenden Bezugspersonen verabschieden. An manchen Tagen warten Kinder vielleicht sogar vergeblich auf sie.

Szenarien, in denen die lieb gewonnene Bezugsperson für das Kind abwesend ist, können zum Beispiel folgende sein:

  • sie geht in die Pause
  • sie geht Vor- oder Nachbereitungen durchführen
  • sie muss in einer anderen Grupp aushelfen
  • sie ist im Urlaub
  • sie ist krank
  • sie ist selbst Auszubildende oder Paktikantin, die nur an bestimmten Tagen in der Einrichtung ist oder ihr Praktikum beendet

In solchen Situationen kann es vorkommen, dass Kinder weinen, schluchzen, verhaltener sind, nicht ins Spiel finden, traurig aussehen oder an keiner Aktivität teilnehmen wollen. Kurz gesagt, sie trauern um ihre für sie so wichtige Bezugsperson, eben wie bei den Eltern.

Diese Trauer um die Bindungsperson ist völlig in Ordnung und normal. Wir weinen auch am ehesten bei Menschen, die uns sehr nahe stehen als bei solchen, die uns nicht so wichtig sind.

Das bestätigt auch die Bindungsforschung: es hat sich gezeigt, Kinder, die sicher gebunden sind, weinen häufiger beim Weggang der Bindungsperson als unsicher gebundene Kinder.

Wenn ich als Fachkraft also in die Pause gehe und das Kind weint, ist das ein gutes Zeichen dafür, dass eine sichere Bindung zwischen mir und dem Kind besteht. Das Kind trauert um mich.

Diese Trauer ist völlig in Ordnung. Wichtig ist nur, dass das Kind eine andere ihm vertraute Person um sich hat, die sich um es kümmert, die es mit seiner Traurigkeit auffängt:

„die Christin ist jetzt in die Pause gegangen. Das macht dich ganz schön traurig stimmt’s? Das kann ich gut verstehen. Soll ich dich mal in den Arm nehmen und trösten? Schau mal, wenn der große Zeiger auf der 12 ist, dann kommt Christin wieder. Wollen wir solange ein Puzzle (oder was das Kind sonst gerne spielt) zusammen machen?“

Eine starke Beziehung bedeutet folglich also nicht, dass ich mit dem Kind zu eng bin und deshalb lieber weniger Nähe mit dem Kind aufbauen sollte. Der geringere Kontakt könnte zwar dazu führen, dass das Kind weniger traurig ist, gleichzeitig würde dem Kind eine verlässliche, Sicherheit bietende Bezugsperson fehlen. Man könnte die Trauer des Kindes also durch weniger Nähe vermeiden, allerdings hätte es folglich vermutlich keine tiefe, stabile, verlässliche, Trost spendende, regulierende Beziehung, die es so dringend braucht, um sich sicher in der Einrichtung bewegen zu können und entspannt durch den Kitaalltag zu kommen.

Falsch verstandene professionelle Distanz kann für’s Kind schädlich sein

Die professionelle Distanz gibt es in der Bedürfnisorientierten Kinderbetreuung nicht. In der Bedürfnisorientierten Kinderbetreuung treten Menschen unterschiedlichen Alters in Beziehung. Alle Beziehungspartner teilen (auf ihre Art) ihre Grenze mit und gehen achtsam mit der Grenze des jeweils anderen um. 

Ein Kind, das die Nähe der Erzieherin nicht mag, zeigt dies durch individuelle Signale, die die Fachkraft bemerkt, spiegelt und darauf adäquat reagiert.

Das Kind windet sich bspw. aus der Umarmung der Fachkraft.

Andersherum teilt die Fachkraft ebenso authentisch und klar ihre eigene Grenze mit.

die Fachkraft möchte bspw. vom Kind nicht auf den Po gehauen werden und sagt dem Kind deutlich mit einer Ich-Botschaft, dass sie das nicht will: „Ich will nicht, dass du mir auf den Popo haust“

Auch die Eltern des Kindes sind Teil des Beziehungsdreiecks. Sie haben ebenso ein Recht darauf, ihre Grenze zu kommunizieren und darin ernst genommen zu werden. Wenn sie es zum Beispiel nicht wollen, dass ihr Kind die Fachkraft küsst, sollte diese Grenze ebenso respektiert und eine gemeinsame Lösung gefunden werden.

Die Grenzen eines jeden Menschen verlaufen sehr unterschiedlich. Je nachdem welche Erfahrungen jemand mit Nähe-Situationen gemacht hat, reagiert er sensibel oder weniger sensibel auf Handlungen anderer Menschen, die mit Nähe zu tun haben. Aus diesem Grund ist eine pauschale Aussage darüber, an welcher Stelle die professionelle Distanz gewahrt werden muss und wo nicht, sehr schwer.

Reflexion: jede Fachkraft sollte für sich selbst reflektieren,

  • wann reagiere ich wie sensibel auf die Nähebedürfnisse der Kinder?
  • Wo verlaufen meine eigenen körperlichen Grenzen? Was will ich körperlich zulassen und was nicht? und warum?
  • Welche eigenen körperlichen Grenzen sind berechtigt oder an welcher Stelle könnte ich die Kinder mit meiner eigenen Körpersensibilität in ihrem Wohlbefinden und ihrer Entwicklung beeinträchtigen?


Falsch verstandene professionelle Distanz kann für ein Kind (insbesondere in der Krippe) durchaus negative Konsequenzen haben. 

Zum Beispiel wenn ein einjähriges Kind weint, auf den Arm und kuscheln möchte, die pädagogische Fachkraft unbewusst jedoch die Angst hat, das Kind zu verwöhnen oder sogar sexuell übergriffig zu sein. Sie möchte die pädagogische Distanz wahren.

In dem Fall bliebe das Kind mit seinem Kummer jedoch alleine und sein innerer Stress könnte nicht abgebaut werden. Wenn eine solche Situation häufiger auftritt und sich keine andere Fachkraft dem Kind annimmt, kann das zu chronischem Stress beim Kind führen. Jörg Maywald würde in seinem Buch „Gewalt durch pädagogische Fachkräfte verhindern“ dieses Verhalten sogar als gewaltvoll einstufen – als unterlassene Hilfeleistung.

Zu viel Nähe gibt es nicht es gibt 3 Ausnahmen!

Neben der Aussage: „zu viel Nähe gibt es nicht“ bestehen jedoch drei wichtige Ausnahmen:

1. Ausnahme: das Kind will die Nähe nicht

Körperliche Nähe ist dann nicht in Ordnung, wenn das Kind zeigt, dass es sie nicht haben will. Durch verschiedenste Signale macht das Kind auf seine Grenze aufmerksam: durch Mimik, Gestik, mit Worten, die deutlich oder auch sehr „leise“ sein können. Es ist dann die Aufgabe der Fachkräfte diese Zeichen wahrzunehmen.

Fachkräfte, die sich z.B. ihr eigenes Nähebedürfnis durch die Kinder befriedigen, handeln tatsächlich nicht ausreichend professionell. In den folgenden zwei Beispielen wird deutlich, dass die Fachkraft die Abwehrzeichen des Kindes nicht wahrnimmt und ihr Bedürfnis nach Nähe über das des Kindes stellt.

Beispiel 1: ein Kind weint. Die Fachkraft zieht das Kind ohne es vorher anzukündigen oder zu „besprechen“ auf ihren Schoß und knuddelt es. Sie drückt es an ihre Brust. Das Kind kann sich kaum wehren. Nur durch die Mimik wird deutlich, dass es diese Art des Tröstens nicht mag.

Beispiel 2: der Mann einer Fachkraft ist verstorben. Sie befindet sich in der Trauerphase und hat Anzeichen einer Depression. Sie bemerkt die Anzeichen jedoch nicht und geht weiter in der Kita arbeiten. Unbewusst verarbeitet sie ihre Trauer, indem sie einem Mädchen lange und hingebungsvoll die Zöpfe flechtet. Sie übersieht dabei die Zeichen des Kindes, die zeigen, „ich will das nicht“.

Die Fachkraft reguliert in beiden Beispielen mit ihrem Verhalten ihre eigene innere Unruhe, die mit dem Gefühl Trauer in Verbindung steht. Im übertragenen Sinne tröstet sie mit diesem Handeln eher sich als das Kind.

Die verstrickte emotionale Situation der Fachkraft verhindern, dass diese die Zeichen des Kindes wahrnimmt, Zeichen, die zeigen, meine Grenze ist überschritten. In diesem Fall ist der Körperkontakt also eine Grenzüberschreitung und die professionelle Distanz wird hier tatsächlich nicht gewahrt. 

2. Ausnahme: die Fachkraft will die Nähe nicht

in der Bedürfnisorientierten Kinderbetreuung stehen die Personen im Mittelpunkt, die miteinander in Beziehung treten. Das heißt, die Fachkraft trifft mit ihren Bedürfnissen, Gefühlen und Grenzen auf die Bedürfnisse, Gefühle und Grenzen des Kindes. Wenn das Kind sehr viel Nähe benötigt und dies durch verschiedene Anzeichen zeigt, gilt es abzuwägen, ob für mich als Fachkraft damit eine eigene körperliche Grenze überschritten ist.

Zum Beispiel:

  • das Kind will seine Hand in den Ausschnitt schieben
  • das Kind will die Brust anfassen
  • das Kind will mir einen Kuss geben
  • das Kind will mit mir aufs Klo kommen

Wenn das Kind eine dieser körperlich nahen Verhaltensweisen zeigt, gilt es sehr sensibel abzuwägen:

  1. welches Bedürfnis hat das Kind? Was steckt dahinter? Welches Gefühl steckt dahinter?
  2. Was möchte das Kind mir mit dem Verhalten sagen?
  3. Will ich das? Ich spüre in mich hinein und fühle, ob eine eigene Grenze erreicht ist.

Wenn meine körperliche Grenze vom Kind eindeutig überschritten wurde, ist es folglich meine Verantwortung als Fachkraft dem Kind (egal welchen Alters) diese Grenze offen, klar und freundlich zu kommunizieren und zu begründen.

„Lisa ich will nicht, dass du mich küsst. Das ist mir unangenehm“

Gleichzeitig gilt es immer abzuwägen wie schwer das Bedürfnis des Kindes nach körperlicher Nähe wiegt? Ist es unbedingt notwendig, dem Bedürfnis des Kindes nachzukommen? Stelle ich das Bedürfnis des Kindes vielleicht sogar über mein eigenes Bedürfnis nach Abgrenzung weil ich weiß, dass es die einzige Strategie des Kindes ist, sich effektiv zu beruhigen? Oder gibt es einen anderen Weg das Kind in seiner Regulation zu unterstützen und ich kann meine körperliche Grenze wahren

Nach Benennen der eigenen Grenze sollte das Kind in seinen darauf folgenden Gefühlen begleitet werden. Lese dazu auch gerne meinen Artikel zum Umgang mit Wut

Zum Beispiel kann das Kind wie folgt in seinen Gefühlen begleitet werden, wenn ich als Fachkraft meine Grenze deutlich gemacht habe:

„Du ärgerst dich ganz doll weil du so gerne mit mir kuscheln möchtest. Gleichzeitig mag ich nicht so gerne, wenn du deine Hand in meinen Ausschnitt steckst. Schau mal, vielleicht können wir einfach so miteinander kuscheln und ich streichele dir die Hand. Oder was hast du für eine Idee?“

3. Ausnahme: Die Eltern wollen die Nähe nicht

Bei sehr intimen Bedürfnissen des Kindes nach Körperkontakt (wie oben beschrieben) ist es unbedingt notwendig dieses Bedürfnis des Kindes mit den Eltern zu besprechen und zu fragen:

  1. Darf ich so nah an euer Kind ran?
  2. Wenn nein. Was ist eure Angst dahinter?
  3. Gibt es alternative Beruhigungsmöglichkeiten?
  4. Wie kann ich als Fachkraft mit dem Nähe-Bedürfnis des Kindes eurer Meinung nach umgehen?

Die Einbeziehung der Eltern in solche intimen Fragen schafft Nähe und Vertrauen.

Letztlich ist es egal ob zuhause oder in der Einrichtung, Kinder brauchen Menschen, die ihre Signale wahrnehmen und ihnen ihre Bedürfnisse erfüllen. Wenn das Bedürfnis der Kinder Nähe und Zuneigung ist, sollten wir ihnen dieses Bedürfnis erfüllen. Dann ist es egal ob wir die Eltern sind oder Fachkräfte in den Einrichtungen.

Hörmann, K. (2013): https://www.kita-fachtexte.de/de/fachtexte-finden/die-entwicklung-der-fachkraft-kind-beziehung (Letzter Zugriff am 22.02.2020)

Maywald, J. (2019): Gewalt durch pädagogische Fachkräfte verhindern: Herder Verlag. (Amazon)

Onlinequelle: https://www.brain-effect.com/magazin/oxytocin-wirkung


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Nützliches Wissen zur Eingewöhnung Teil 2 – fünf Fehlannahmen einer abgeschlossenen Eingewöhnung

Während der Eingewöhnung werden oft Fehlannahmen getroffen, die eine abgeschlossene Eingewöhnung vermuten lassen. Es handelt sich jedoch häufig um Fehlinterpretationen der kindlichen Signale. Hier eine Zusammenfassung von fünf möglichen Fehleinschätzungen einer abgeschlossenen Eingewöhnung:

1. Das Kind spielt ununterbrochen

Das Kind spielt während der Eingewöhnung beinahe ununterbrochen. Es ist so sehr damit beschäftigt den Raum und die Spielsachen zu erkunden, dass es die Abschiede der Bezugsperson kaum wahrnimmt. Aus diesem Grund springt das Bindungsverhaltenssystem nicht oder kaum an. Das Interesse für das Neue steht in dem Moment im Zentrum und über der Trauer und dem Verlust der Bindungsperson. Man hat das Gefühl, das Kind bräuchte keine Eingewöhnung mehr. 

Das ändert sich jedoch, sobald der Raum ausreichend erkundet wurde und eine erste Langeweile aufkommt. Wenn die Bindungsperson für lange Zeit weg bleibt, kann der Abschiedsschmerz wieder aufflammen.

2. das Kind ist offen, zugänglich und kommunikativ

Die Fachkräfte freuen sich, wie offen, zugänglich und kommunikativ das Eingewöhnungskind ist. Schon vor der Eingewöhnung wird von vielen Seiten vermutet, dass das Kind schnell eingewöhnt sein wird. Dieses offene Verhalten zeigt das Kind allerdings nur, wenn die Bindungsperson (Mutter oder Vater) anwesend ist oder nur für kurze Zeit den Raum verlässt.

Dann kommt die Vermutung auf, die Eingewöhnung würde nicht lange dauern. Man bekommt als Fachkraft schnell den Eindruck, die Eingewöhnung sei fast abgeschlossen.

Der Fokus der Beobachtung in der Eingewöhnung sollte jedoch nicht auf den Momenten liegen, in denen die Mutter oder der Vater mit dabei sind, sondern vielmehr auf den Reaktionen des Kindes, wenn die Bezugsperson den Raum verlässt. Kann das Kind dann seine offene, kommunikative, zugängliche Art behalten oder wird es verschlossener, gehemmter und spielt weniger?

Diese offenen kommunikativen Kinder sollten über längere Zeit weiter beobachtet werden, um herauszufinden, ob die Eingewöhnung für sie tatsächlich abgeschlossen ist.

3. Die Trauerphase des Kindes setzt später ein

Es gibt Kinder, die reagieren während der Eingewöhnung nur wenig auf die Trennungen von ihren Bezugspersonen. Die Eingewöhnung scheint sehr gut zu laufen. Das Kind kann sich ohne große Widerstände zu zeigen, von seiner Bindungsperson trennen. Die Eingewöhnung scheint schnell zu gehen. Auch wenn die Eltern nach der Trennung wiederkommen, freut sich das Kind und begrüßt sie.

Es kann bei diesem Kind sein, dass der Trauerprozess erst später einsetzt. Vorher augenscheinlich „einfach“ einzugewöhnende beginnen plötzlich viel zu weinen, zu wüten, werden aggressiver, beginnen zu beißen, werden anhänglicher.

Kinder, die eher abrupt eingewöhnt werden, zeigen häufig erst später Gefühle der Trauer so Beller (2002) in seiner Studie zur Eingewöhnung von Kindern. Lies dazu auch gerne meinen Blogartikel: Nützliches Wissen zur Eingewöhnung Teil 1: Wissenschaftliche Erkenntnisse aus der Transitionsforschung : https://www.beduerfnisorientierte-kinderbetreuung.de/nuetzliches-wissen-zur-eingewoehnung-wissenschaftliche-erkenntnisse-aus-der-transitionsforschung

Wenn der Trauerprozess des Kindes erst später einsetzt, kann es unter Umständen Sinn machen, die Eltern nochmal dazuzuholen und die Eingewöhnung zurückzuschrauben. Dazu ist eine auf das Kind und die individuelle Situation abgestimmte Entscheidung zu treffen.

4. Das Kind spielt nicht

Die Eingewöhnung scheint abgeschlossen zu sein, denn das Kind weint nur kurz bei der Übergabe, beruhigt sich dann aber schnell. Oft heißt es, das seien die Kriterien für eine abgeschlossene Eingewöhnung.

Es ist allerdings wichtig, das Kind über den gesamten Tag hinweg zu beobachten. Wenn auffällig ist, dass das Kind..

  1. viel (vor sich hin) jammert
  2. das Kind kaum oder gar nicht spielt
  3. viel schnullert
  4. dauerhaft auf den Arm genommen werden will

… dann ist die Eingewöhnung für das Kind noch nicht abgeschlossen. Es zeigt Stresszeichen, die auf ein erhöhtes Stresslevel hinweisen. Die Eltern sollten darauf hin informiert und wieder dazugeholt werden.

Zum Wohle des Kindes sollte dann eine gemeinsame Lösung gefunden werden zum Beispiel:

  • Eingewöhnung zurückdrehen
  • Krippenbesuch nach hinten verschieben
  • kürzere Trennungszeiten
  • Wenn keine Lösung mit den Eltern gefunden werden kann, das Kind durch intensiven Körperkontakt mit der Krippenerzieherin darin unterstützen den Stress zu regulieren. Das Kind sollte dabei so wenig wie möglich abgesetzt werden. Eine Erleichterung bietet dabei eine Babytrage. Darin fühlen sich die Kinder sicher.

5. Das Kind ist unsicher vermeidend an die Eltern gebunden

Das Kind scheint mit der Eingewöhnung keine Schwierigkeiten zu haben. Die Eltern verlassen den Raum ohne dass das Kind weint. Sie kommen wieder und das Kind spielt einfach weiter ohne die Eltern zu beachten. Es scheint ein Kind zu sein, dass sich problemlos an die Situation anpassen kann. 

Darin liegt jedoch die Tücke. Es kann sein, dass das Kind unsicher vermeidend an seine Eltern gebunden ist. In der Bindungsforschung ist das eine unsichere Bindungsqualität, die sich daran erkennen lässt, dass Kinder trotz innerer Anspannung diese nicht nach außen tragen. 

Zum Beispiel: wenn das Kind in der Eingewöhnung beim Abschied durch die Bezugsperson Angst, Trauer oder inneren Stress verspürt, kann es sie dennoch nicht nach außen tragen. Das Kind versucht, diese negativen Gefühle zu vermeiden, „herunterzuschlucken“. Es hat die Erfahrung gemacht, dass es seine tatsächlichen Gefühle lieber verdrängen sollte.

Man weiß allerdings aus der Bindungsforschung, dass Kinder, die unsicher vermeidend gebunden sind, innerlich am meisten Stress verspüren. Der Cortisolwert im Blut ist sehr hoch obwohl sie nach außen hin wenig gestresst wirken. 

In der Eingewöhnung lässt sich eine unsicher vermeidende Bindungsqualität meist daran erkennen, dass die Kinder beim Abschied der Eltern keine Bindungszeichen zeigen (Weinen, Klammern, Arme hoch, winken o.ä.). Noch deutlicher wird die unsicher vermeidende Bindungsqualität bei der Wiederkehr der Bezugsperson. Das Kind zeigt dann keine Freude über die Wiederkehr, meidet den Blickkontakt zur Bezugsperson, wendet sich eher ab und spielt weiter.

Wenn das Kind unsicher vermeidend gebunden ist, ist es umso wichtiger, dass die Eingewöhnung behutsam und ausgedehnt durchgeführt wird. Die betreuende Fachkraft kann dann die vermuteten Gefühle des Kindes spiegeln und verbalisieren:

“deine Mama geht jetzt. Vermutlich bist du traurig darüber?”

“macht es dir ein wenig Angst wenn dein Papa geht?” 

“das können wir gut verstehen”

“wir passen auf dich auf und trösten dich”

“wenn du magst, darfst du zu mir kommen und ich nehme dich in den Arm”

Eine bedürfnisorientierte kurze Eingewöhnung gibt es auch!

Selbstverständlich kann es auch sein, dass Eingewöhnungskinder und die Bezugspersonen sich gut voneinander lösen können. Das Kind ist offen, fasst schnell Vertrauen zu einer Bezugsperson und trauert kaum beim Abschied von der Bezugsperson. Die Eltern können ebenfalls gut loslassen und hadern kaum mit der Trennung von ihrem Kind. Bei weiterer Beobachtung des Kindes lässt sich feststellen, dass die Trennung auch langfristig für es in Ordnung ist.

Unter diesen Voraussetzungen kann es sein, dass eine Eingewöhnung auch bedürfnisorientiert kurz sein kann!

Wir sollten uns jedoch immer vor Augen halten, dass eine für die Bedürfnisse des Kindes nicht ausreichend gestaltete Eingewöhnung dazu führen kann, dass das Kind häufiger krank ist, viel jammert und es in seiner Entwicklung beeinträchtigt wird (Grosch/ Schmidt-Kolmer (1979).

Grosch, Ch./ Schmidt-Kolmer, E. (1979): Untersuchungen in der DDR. In: Schmidt-Kolmer, E (Hrsg.): die soziale Adaption der Kindern bei der Aufnahme in Einrichtungen der Vorschulerziehung. Berlin: Volk und Gesundheit.

Beller, K. (2002): Eingewöhnung in die Krippe. Ein Modell zur Unterstützung der aktiven Auseinandersetzung aller Beteiligten mit Veränderungsstress. Frühe Kindheit. 2(5), S. 9-14.


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