“Das macht man doch nicht” – aggressives Spiel unter Kindern

Kennt ihr diese Situation? Ein fünfjähriger Junge rammt mit dem Laufrad ein zweijähriges Mädchen auf einem Dreirad. Das Mädchen wird bei jedem Aufprall durchgeschüttelt. Es lacht dabei immer wieder laut auf. Eine Fachkraft schimpft mit dem größeren Kind und ermahnt es damit aufzuhören “das macht man nicht Tim”. Der Junge schaut erschrocken zur Erzieherin, dreht sich nach kurzer Zeit wieder um und rammt das Kind erneut. Nun läuft die Fachkraft mit wütendem Schritt auf den Jungen zu und nimmt ihm forsch das Laufrad weg. Tim steht etwas betröppelt da. 

Was ist passiert?

Die Fachkraft empfindet das Auffahren vermutlich als für sie selbst unangenehm, ihr würde das evtl. nicht gefallen, wenn sie das Kind wäre. In ihr laufen blitzschnell innere Stimmen ab, die ihr sagen: “das macht man doch nicht”. “Rammen ist unerhört”, “aggressiv”, “wenn der Junge das noch macht wenn er größer wird, bin ich vielleicht daran Schuld weil ich ihn nicht erzogen habe”. Während dieser unbewusst sorgenvollen Vermutungen, verliert sie den Blick für die tatsächlichen Bedürfnisse der Kinder und handelt schlicht aus ihrem ersten Impuls heraus, der sich ihrer naheliegendsten Handlungsstrategien bedient. Sie greift ein, “das kann ich so nicht durchgehen lassen!”.

Man kann ihr dieses Vorgehen nicht vorwerfen, denn sie hat getan, was sie tuen konnte, sie hat ihr bestes gegeben.

Zurück bleiben zwei Kinder im luftleeren Raum

Den Kindern hingegen wurde damit Unrecht getan und zwar nicht nur Tim sondern auch dem Mädchen. Beide hatten sehr viel Freude an dem Spiel und zeigten keinerlei Anzeichen, dass ihre Grenzen überschritten wurden, ganz im Gegenteil! 

  • zurück bleibt ein Junge, der vermutlich traurig ist weil er ein lustiges Spiel nicht weiter verfolgen konnte und das obwohl Lachen das Gesündeste der Welt ist.
  • zurück bleibt ein Junge, der vermutlich verwirrt ist weil er nicht versteht, warum er mit dem Rammen aufhören sollte, obwohl das Mädchen sehr viel Spaß gezeigt hatte.
  • zurück bleibt ein Junge, der vermutlich verärgert ist weil er nun sein geliebtes Laufrad weggenommen bekommen hat. Er ist zudem verwirrt, da es doch immer wieder heißt, er selbst solle nichts wegnehmen.
  • zurück bleiben zwei Kinder, die aus einem wunderbaren Spiel gerissen wurden und sich nun im luftleeren Raum bewegen. Sie sind auf der Suche nach einem neuen für sie passenden Spiel, bei dem sie etwas lernen können. Bis dahin sind sie erstmal damit beschäftigt innerlich mit ihrem Frust, ihrer Enttäuschung und ihrer Wut umzugehen.

Ich stelle mir zu der Situation noch eine Frage: wäre die Fachkraft auch eingeschritten, wenn das kleine süße Mädchen den “Raufbold” Tim gerammt hätte? Wir folgen bei sanktionierendem Verhalten oft unseren inneren Vorurteilen. “Der Junge kann das schon ab aber das kleine süße zerbrechliche Mädchen doch nicht. Ihr muss ich helfen!”

Was hätte man tun können?

  • Die Situation aus der Ferne beobachten. Die verbalen und mimischen Ausdrücke der Kinder verraten, ob ihre Grenze noch gewahrt ist.
  • Selbsteinfühlung: wie geht es mir dabei, was empfinde ich? Übertrage ich mein ungutes Gefühl auf die Kinder? Ist nur meine Grenze überschritten oder auch die der Kinder?
  • Auch unser Bedürfnis spielt in der bedürfnisorientierten Kinderbetreuung eine wichtige Rolle. Wenn ich Angst habe, sie könnten sich verletzen oder die Spielgeräte könnten dabei kaputt gehen, darf ich einschreiten. Ich könnte dann sagen: “oh ich sehe, ihr zwei wollt gerade ineinander fahren. Wisst ihr, ich habe Sorge, dass dabei die Fahrzeuge kaputt gehen. Helft mir mal, vielleicht könnt ihr noch mit etwas anderem ineinander fahren? Oder laufen?

Wir wissen schließlich nicht, was bei dem Spiel die Lernabsicht der Kinder war! Auch ein vermeindlich “aggressives” Spiel kann durchaus lustvoll für Kinder sein. Mehr als sonst sollte dabei darauf geachtet werden, dass die Grenzen aller Beteiligten gewahrt bleiben.

“Justus, achtest du bitte immer darauf, ob Greta dieses Spiel noch gefällt”

“Bevor ihr euch streitet bekommt keiner das Spielzeug” – Umgang mit Konflikten unter Kindern

“Bevor ihr euch streitet bekommt keiner das Spielzeug”

Wer kennt diesen Satz nicht?! Er wird in Einrichtungen beinahe inflationär verwendet um Streitsituationen zwischen Kindern zu schlichten. Die Fachkraft nimmt den beteiligten Kindern daraufhin das Spielzeug aus der Hand und sieht den Konflikt als geklärt. 

Was ist jedoch mit den Kindern? Ist für sie der Konflikt auch geklärt? Was sind die FOLGEN dieses Satzes und der daraus resultierenden Handlung der Fachkraft? 

Es bleiben zwei Kinder zurück…

… die bemerken, dass Streit etwas UNANGENEHMES ist, etwas nicht gewolltes ist und, dass Streit möglichst schnell geklärt werden muss. 

… die bemerken, dass die Klärung ihres Streits nicht in ihrer MACHT steht und von außen durch einen Erwachsenen geklärt werden muss. Sie geben die Verantwortung ab.

… die die Chance verpasst haben, zu LERNEN, wie man konstruktiv streitet und eine gemeinsame Lösung herbeiführen kann

… die trotzdem noch WÜTEND und sauer aufeinander sind, die nun alleine mit ihren Gefühlen umgehen müssen. Die negativen Gefühle entladen sich vermutlich zu einem späteren Zeitpunkt z.B. wenn ein erneuter Konflikt aufkommt.

… die nicht verstehen, warum sie anderen Kindern nichts WEGNEHMEN sollen, die Fachkraft genau das aber selbst tut – ihnen das Spielzeug wegnimmt.

… die gerade noch in ein Spiel VERTIEFT waren, dass ihnen ein gutes Gefühl gab, ein Flowereleben, die allerdings nun aus ihrem Spiel gerissen sind und im luftleeren Raum ohne das wichtige Spielzeug schweben.

… die ihr eben angestrebte LERNZIEL nicht weiterverfolgen können und ein neues Spiel (Lernziel) finden müssen.

Wenn durch das Agieren der Fachkräfte immer wieder suggeriert wird, dass Konflikte SCHNELL und von AUßEN geklärt werden, wie sollen Kinder dann lernen, Konflikte konstruktiv zu lösen? Brauchen Kinder nicht eigentlich aber genau das, um in der Welt bestehen zu können?

Brauchen sie nicht eigentlich ein Gegenüber, das dabei UNTERSTÜTZT, den Konflikt zu lösen? Brauchen sie nicht eigentlich einen Partner, der vormacht, wie man gewaltfrei Lösungen finden kann? Brauchen sie nicht eigentlich Vorbilder, die ihnen zeigen, Konflikte sind gut, aushaltbar, man kann an ihnen lernen, man kann sie bewältigen und man kann Lösungen finden, die für alle Beteiligten annehmbar sind. 

Um in der WELT zu bestehen, brauchen unsere Kinder das Wissen, Konflikte kommen immer und überall vor wo Menschen aufeinandertreffen. Sie sollten erfahren, dass Konflikte normal sind, Konflikte müssen nicht schnell beendet werden, Konflikte sind bewältigbar, man muss keine Angst davor haben, Konflikte können so gelöst werden, dass keiner als Verlierer hervorgeht.

Es gibt eine STUDIE, die zeigt, dass Kinder ihr Spiel am ehesten unterbrechen, wenn Erwachsene frühzeitig in einen Konflikt eingreifen und ihn klären (Singer / Hännikäinen, 2002) Es ist also wichtig Konflikte nicht sofort zu unterbinden und sofort zu klären. Denn dadurch sendet man den Kindern die Botschaft: “Konflikte sind nicht erwünscht”. Es ist wichtig, den Kindern einen Raum zur Verfügung zu stellen, in dem sie selbst versuchen können den Konflikt zu lösen. Sie brauchen die Möglichkeit Erfahrungen zu sammeln, welches eigene Handeln sie weiterbringt und welches nicht. Das ist doch eigentlich eine erfreuliche Nachricht für alle Fachkräfte. Ihr könnt euch zurücknehmen.

Wenn die Kinder allerdings selbst nicht in der Lage sind ihren Streit beizulegen, kann die  Fachkraft ihre HILFE ANBIETEN. Gewöhnlicherweise wird der Bedarf an Hilfe in drei Punkten deutlich:

  • wenn die Fachkraft direkt angesprochen wird und um Hilfe gebeten wird
  • wenn ein Kind hilfesuchend durch den Raum schaut
  • wenn Kinder handgreiflich oder aggressiv werden, sollten die Fachkräfte einschreiten weil der Konflikt einerseits nicht mehr konstruktiv ausgetragen wird und andererseits die Strategie eine gesellschaftlich nicht anerkannte ist.

Lehnen alle beteiligten Kinder allerdings das Angebot der Unterstützung ab, sollte das respektiert werden (auch wenn sie handgreiflich sind). Es sollte dabei jedoch niemand Unbeteiligtes zu Schaden kommen, gestört werden oder etwas dabei kaputt gemacht werden. In diesem Fall müsste die Fachkraft auch einschreiten weil unter Umständen die Grenzen anderer nicht gewahrt werden können.

Wenn nun Hilfe benötigt wird, kann man die Situation mit den beteiligten Kindern reflektieren, das Geschehene Revue passieren lassen, die Gefühle benennen, vermitteln und moderieren. 

Wenn zwei Kinder sich z.B. um einen Ball streiten, könnte man wie folgt vorgehen: 

  1. Situation beschreiben: du wolltest den Ball haben richtig (das eine Kind)? Und du wolltest auch den Ball haben kann das sein (andere Kind)? Wenn beide zustimmen kann man zum nächsten Schritt gehen, ansonsten weiter nachfragen und dabei unterstützen die Situation zu reflektieren. Die Kinder können auch nacheinander ihre Sichtweise schildern und wir Erwachsenen moderieren.
  2. Gefühle benennen: “du hast dich wahrscheinlich sehr geärgert weil du unbedingt mitspielen wolltest oder? Nein? Du wolltest alleine mit dem Ball spielen? Verstehe”. “Und du (anderes Kind) bist sehr wütend weil Karl dir den Ball weggenommen hat oder?” “Ja…”
  3. Lösungsorientierung: “Mh, was können wir da denn jetzt machen?” Je nach Alter die Kinder in die Lösungsfindung einbeziehen. Kinder haben oft sehr kreative Ideen, wie man Konfliktsituationen lösen kann. Falls keine Ideen vorgeschlagen werden, kann man selbst Ideen vorschlagen: “vielleicht könnt ihr zusammen spielen” oder “wie wäre es wenn ich auf die Uhr schaue und erst der eine für 5 Minuten mit dem Ball spielt und dann der andere?” Wichtig ist, dass beide Parteien mit der Lösung einverstanden sind. Erst dann ist die Konflikt Besprechung beendet.

Aus dieser Art der Konfliktmoderation lernen die Kinder eine Strategie, wie sie Konflikte lösen können, die sie womöglich noch ihr ganzes Leben nutzen können.

Singer, E. / Hännikäinen, M. (2002): The teacher’s role in territorial conflicts of two to three year old children. In: Journal of
Research in Childhood, 17. S 5-18.

Auszeit in der Garderobe ist Kindeswohlgefährdung!

Heute geht es um ein nicht sehr erfreuliches Thema, aber eins, das mir sehr am Herzen liegt. Ich habe in meinem beruflichen Alltag bereits ein paar Mal gesehen, wie Kinder als Strafe für ein unerwünschtes Verhalten alleine in der Garderobe sitzen mussten. Die anderen Kinder haben derweil weiter im Gruppenraum gespielt oder sind als Gruppe rausgegangen. Das heißt, die betroffenen Kinder waren für einen längeren Zeitraum auf sich gestellt.

Zunächst möchte ich klar feststellen, der Ausschluss aus einer sozialen Gruppe als Bestrafung ist KINDESWOHLGEFÄHRDUNG und nicht erlaubt! Der Paritätische Gesamtverband hat eine Arbeitshilfe zum Kinderschutz herausgegeben, in dem erklärt wird, dass “vor die Tür stellen” eine Form der Gewalt ist – also in der Garderobe sitzen, in eine Ecke stellen, vor die Tür stellen. Diese Art der Gewalt, nämlich der soziale Ausschluss aus einer Gruppe, steht in dieser Erklärung in der Schwere gleichrangig neben dem Zwang zum Aufessen, zum Schlafen, der verbalen Erniedrigung, Beschämung und der körperlichen Gewalt.https://www.paritaet-berlin.de/fileadmin/user_upload/Dokumente/2016/September/2016_09_29_kinder-und-jugendschutz-in-einrichtungen_web.pdf

WARUM ist nun der Ausschluss aus der Kindergartengruppe für ein Kind so verheerend?

Man könnte ja sagen, das Kind sitzt doch an einem sicheren Ort, hat seine Ruhe und kann für sich spielen. Aber was in dem Kind passiert, kann auf Dauer negative Auswirkungen auf die Entwicklung und das Wohlbefinden des Kindes haben.

  • Der Ausschluss aus sozialen Gruppen fügt Kindern psychischen STRESS zu. Wir Homo Sapiens sind neurowissenschaftlich gesehen darauf gepolt, immer in der Nähe der sozialen Gruppe zu bleiben. Wenn wir früher alleine in der Wildnis unterwegs gewesen wären, hätten wir vermutlich ohne unsere Gruppe nicht lange überlebt. Es kann also ein Gefühl von verlassen sein, allein gelassen sein oder sogar ein Gefühl von Todesangst einsetzen. Das bedeutet im Gehirn massiven Stress. Und eine hohe Cortisolausschüttung im Gehirn kann auf Dauer eine chronische Cortisolüberfunktion oder eine chronische Cortisolunterfunktion hervorrufen und die Entwicklung beeinträchtigen.
  • Die BEZIEHUNG zur strafenden Fachkraft wird durch den Ausschluss aus der Gruppe erschüttert. Das Kind fühlt sich in der Umgebung der Bezugsperson nicht mehr sicher: “dieser erwachsenen Person kann ich nicht vertrauen. Sie schützt mich nicht, sondern bringt mich in Gefahr”. Ein solcher verinnerlichter Glaubenssatz kann mehrere Auswirkungen haben, z.B. dass das Kind nicht mehr in den Kindergarten gehen möchte weil es sich dort nicht sicher fühlt.
  • Wie jede andere Bestrafung ist der Ausschluss aus der Gruppe hochgradig BESCHÄMEND. In diesem Fall wird die Scham allerdings noch verstärkt. Wenn ein Kind wieder zur Gruppe zurückkommen darf, sind alle Augen auf das “Übeltäter”-Kind gerichtet. Unter Umständen kann die Beschämung beim Zurückkommen noch gravierender sein als beim Verhängen der Strafe. Eine solche Art der Beschämung kann dazu führen, dass das Selbstbild des Kindes langfristig erschüttert wird und es bei wiederkehrendem Ausschluss ein negatives Selbstbild aufbaut: “ich bin böse”. Eine solche häufig auftretende Beschämung kann traumatische Auswirkungen für das Kind bedeuten (https://www.traumaheilung.de/trauma-und-scham/)
  • Einfühlungsbeispiel: wie würden wir uns fühlen, wenn wir bei unseren Verwandten zu einer Geburtstagsfeier eingeladen wären, wir schütten ausversehen ein Glas um und unsere Mutter würde uns vor die Tür setzen, uns also von der Gesellschaft ausschließen. Es würde alles in uns erschüttern: das Vertrauen in unsere Mutter, die Unsicherheit unseren Verwandten gegenüber und das Gefühl zu uns selbst. Zurückbleiben würde eine riesengroße WUT und das Bedürfnis zu FLIEHEN.
  • Fachkräfte wollen mit ihrer bestrafenden Handlung erzielen, dass ein Kind das ungewünschte Verhalten nicht mehr zeigt. Es kann auch sein, dass der gewünschte Effekt kurzzeitig eintritt. Der Ausschluss aus der Gruppe wird das Kind allerdings eher dazu veranlassen in Widerstand zu gehen und seinem ÄRGER über die Bestrafung Luft zu machen. Solche Kinder werden dann häufig als “schwierige Kinder” betrachtet. Langfristig gesehen ist der Ausschluss aus der Gruppe also für beide Seiten ineffektiv und ungesund.
  • Die Reaktion auf die Bestrafung und der entstandene Schaden ist allerdings stark vom Temperament des Kindes abhängig. Manche Kinder würden sich z.B. eher zurückziehen und autoaggressive, depressive Anzeichen zeigen.
  • Auch die Reaktion der ELTERN zuhause spielt eine entscheidende Rolle. Nehmen die Eltern ihr Kind ernst, trösten sie oder bleibt das Kind mit seinem Kummer alleine bzw. wird noch zusätzlich bestraft für sein “böses” Benehmen.

Meine Haltung ist klar: ganz egal, was ein Kind “anstellt”, der Ausschluss aus der Kindergartengruppe darf NIE ein Mittel der Erziehung sein!

Bedürfnisorientiert heißt … Bedürfnisorientiert heißt nicht…

Bedürfnisorientiert heißt…

  • sich ganz auf die Bedürfnisse der Kinder einzustellen
  • Die Grenzen der Kinder zu wahren
  • die Bedürfnisse der Kinder ernst zu nehmen
  • Kinder in Entscheidungen mit einbeziehen
  • feinfühlig “Beschwerden” von Kindern wahrzunehmen
  • Vertrauen aufzubauen

Bedürfnisorientiert heißt NICHT…

  • Kindern alle Wünsche zu erfüllen
  • Kindern alle Wünsche sofort zu erfüllen
  • Kindern alle Schwierigkeiten aus dem Weg zu räumen
  • Konflikte zu umgehen
  • Kindern jeglichen Ärger und Frust zu ersparen
  • eigene Bedürfnisse zu übergehen
  • eigene Bedürfnisse zu leugnen
  • eigene Bedürfnisse zu verdrängen
  • eigene Grenzen zu übergehen
  • nie NEIN zu sagen

Bedürfnisorientiert bedeutet VIEL MEHR

  • auch NEIN zu sagen!
  • Bedürfnisse von Kindern UND Fachkräften wahrzunehmen
  • Grenzen von Kindern UND Fachkräften wahrzunehmen
  • Bedürfnisse von Kindern UND Fachkräften ernst zu nehmen
  • Grenzen von Kindern UND Fachkräften ernst zu nehmen
  • Bedürfnisse von Kindern UND Fachkräften zu verbalisieren
  • Grenzen von Kindern UND Fachkräften zu verbalisieren

→ Bedürfnisse ALLER Beteiligten (von Kindern UND Fachkräften) gegeneinander abzuwägen

→ Kompromisse zwischen den verschiedenen Bedürfnissen ALLER zu finden

→ Empathie für die eigenen und die Bedürfnisse anderer zu entwickeln.

→ aus einer “erlernten Hilflosigkeit” in die VERANTWORTUNG zu kommen

“du hast so schön…” – Sensibler Umgang mit Sprache

“du hast so schön ruhig gelegen, du darfst früher aufstehen”

“du hast so schön aufgegessen, du darfst schon einen Nachtisch haben”

“du hast so schön aufgeräumt, du darfst als erster das Essen bekommen”

“du hast dich so schnell angezogen, du darfst als erster rausgehen”

All diese Sätze sind Alltag in deutschen Kindergärten. Sie haben alle dasselbe Ziel: das Kind zu einem bestimmten Handeln zu bewegen. Ich möchte, dass das Kind in der Schlafenszeit ruhig ist, schnell isst, alles aufisst, sich schnell anzieht usw. 

Ich kann gut nachvollziehen, dass es häufig eine Herausforderung ist, den Tagesplan einzuhalten. Wenn Kinder nicht mitmachen wollen und nach der eigenen Vorstellung handeln, kann der Ablauf schon mal hinken. Wahrscheinlich ist man sehr hilflos und muss sich etwas einfallen lassen, um den Ablauf reibungsloser hinzubekommen. Ich finde es allerdings wichtig sich die möglichen Folgen der oben beschriebenen Sätze klar zu machen: 

Mögliche Folgen: 

  1. das Kind verhält sich entsprechend der VORGABE der Fachkraft: schneller, ruhiger usw. 
  2. das Kind lernt, nur wenn ich das mache, was die Fachkräfte von mir wollen, BIN ICH RICHTIG. Nur wenn ich ruhig liege, mich schnell anziehe, aufessen etc. bin ich gut.
  3. Es geht nicht darum, was ich IN MIR FÜHLE, sondern darum, was das Umfeld von mir verlangt. Es ist wichtig die Vorgaben einzuhalten.
  4. Möglicherweise VERLIERT das Kind das GEFÜHL zu seinen eigenen Bedürfnissen (ruhig liegen obwohl der Körper sagt, ich bin nicht müde; mehr essen als der Bedarf, schneller essen als der Bedarf, hetzen obwohl ich Zeit brauche um mich auf die neue Situation einzustellen, innerer Stress.
  5. Dadurch dass ein Kind “BELOHNT” wird, fühlen sich die anderen Kinder automatisch herabgesetzt. “ich bin nicht so gut weil ich langsamer esse, ich habe nicht so gute Fähigkeiten weil ich mich langsamer anziehe und nicht ruhig liegen kann”. Das beeinflusst das Selbstwertgefühl des Kindes. 
  6. Dadurch können WUT/ ÄRGER auf das belohnte Kind oder auf die Fachkraft entstehen. Auch FRUST darüber, dass man noch keinen Nachtisch bekommt oder NEID weil das andere Kind bereits einen Nachtisch haben durfte können die Folge sein. Man fördert dadurch negative Gefühle und Streit.
  7. Förderung des LEISTUNGSGEDANKE und des KONKURRENZKAMPFES unter den Kindern. Sie lernen schnell, es geht darum, wer etwas am besten kann und wer nicht (Meistens sind das immer die gleichen Kinder: zB. die Ältesten gewinnen, die Jüngeren verlieren). Das schafft bereits in diesem Moment eine Chancenungleichheit. Am ehesten bestehen kann derjenige, der die Anforderungen der Fachkräfte erfüllt. Entweder du kannst dich gut anpassen oder du bist nicht so wertig wie die anderen weil du es nicht so “schön” nach den Wünschen der Pädagogen erfüllen kannst. Es gibt dadurch bereits im Kindergarten auf den ersten Blick nur schwer erkennbare Leistungs- und Persönlichkeitsbewertung.

Was soll jedoch das Ziel unseres Handelns als Fachkräfte in Krippe, Kita und Hort sein? Wollen wir angepasste Menschen hervorbringen, die ihr Leben nur danach ausrichten, was andere von ihnen verlangen, wie andere sie bewerten, ob sie etwas richtig, falsch, schnell oder langsam getan haben?! Wollen wir, dass Menschen gegeneinander arbeiten, sich gegenseitig neiden? 

Mir wäre es viel lieber, glückliche Menschen zu haben, die aufeinander acht geben, individuelle Eigenheiten und Fähigkeiten tolerieren lernen (langsames Essen, langsames Anziehen), die sich Zeit und Raum geben, die sich gegenseitig helfen, die sich ihren Bedürfnissen bewusst sind. Das macht glückliche Menschen doch aus oder nicht?

Mir ist es wichtig die Komplexität dieser eben mal schnell daher gesagten Sätze deutlich zu machen. Was meint ihr, ist da etwas viel reininterpretiert oder seht ihr das genauso? Was könnten weitere Folgen sein? Habe ich welche vergessen?

Ich freue mich auf eure Kommentare, eure Lea

Flexibilität im Tagesablauf – Wahrnehmung kindlicher Lernsituationen

Ich möchte euch heute wieder von einer Szene aus einer Kita berichten, die mich zum Nachdenken angeregt hat: eine Kindergartengruppe geht vom Außenbereich rein, die Kinder ziehen sich aus und sollen in den Waschbereich gehen, um sich die Hände zu waschen.

Während wir im Waschraum sind und alle Kinder ihren Aufgaben nachgehen, beobachte ich ein Kind, das sehr VERTIEFT mit dem Handtuchständer spielt. Der Junge versucht konzentriert und ausdauernd das Handtuch durch ein Loch zu ziehen. Er scheint wie weggetreten, ganz versunken, mit sich eins, wie im Flow zu sein, als hätte er alles um sich herum vergessen. Während die anderen Kinder bereits alle fertig sind, spielt er noch immer am Handtuchständer.

Die Erzieherin ruft den Jungen, er solle mit in den Gruppenraum kommen, sie ERMAHNT ihn mehrere Male aber der Junge reagiert nicht. Sie kommt nach kurzer Zeit in den Raum, erst als sie ihn direkt anspricht, “erwacht” der Junge aus seinem Spiel. Er ist ganz verwirrt weil seine Erzieherin ihn zum Waschbecken schiebt und ihm die Hände wäscht.

Mich hat die Situation traurig gemacht. Ich war so beeindruckt, wie vertieft er an dem Handtuchständer seine Fähigkeiten erprobte, sich eine Aufgabe gestellt und ohne Unterlass an der Lösung gearbeitet hat. Meine Erfahrung ist, dass in der Praxis oft für solche Situationen keine Zeit, keine Wahrnehmung oder schlicht keine Flexibilität im Tagesablauf vorhanden ist. Alles ist getaktet.

Wäre es für den Jungen nicht grandios gewesen, von der Fachkraft zu hören oder zu spüren: “oh ich sehe, du bist noch sehr beschäftigt. Lass dir Zeit, du kannst im Bad bleiben bis du fertig bist. Danach kannst du zu uns in den Gruppenraum kommen”. Mit diesen Worten würde man gleich mehrere positive Botschaften an das Kind senden:


1. ich sehe, was dir gerade wichtig ist

2. du hast ein Recht darauf deinem Lernbedürfnis zu folgen.

3. ich sehe, dass du noch Zeit brauchst

4. ich vertraue dir, dass du hier alleine bleiben kannst

5. ich vertraue dir, dass du selbständig den Weg in den Gruppenraum findest

6. du darfst selbst über dich bestimmen und selbst entscheiden, wann du kommst


Der Junge hätte zudem die Möglichkeit, selbständig zu werden, ein selbstgestelltes Problem zu lösen, Lösungsstrategien zu entwickeln, Ausdauer zu üben, Fingerfertigkeit, Konzentration, Empathie und Selbstvertrauen zu entwickeln. Sind das nicht alles Fähigkeiten, die wir unseren Kindern näher bringen wollen?!

“Na Süße…” wenn Fachkräfte Kinder mit Worten liebkosen

“Na Süße…” so nannte ein Erzieher ein vierjähriges Mädchen. Spontan musste ich mich innerlich schütteln. Es kam ein Gefühl von EKEL in mir auf. Habe nur ich diese Abscheu gespürt oder auch das Mädchen selbst? Hätte ich mich vielleicht nicht so geekelt wenn es eine Erzieherin und kein Erzieher gewesen wäre?! Bin ich doch etwas zu sensibel? Warum reagierte ich so? Fragen, Fragen, Fragen. 

Eines beobachte ich jedenfalls immer wieder: Kinder werden in der Kindertagesbetreuung beinahe inflationär mit Kosenamen benannt:

“Püppi”, “Mäuschen”, “Schätzchen”, “Hase”, “Schnecke” usw.

Es rutscht uns plötzlich raus, die Kleinen sind ja auch zu süß, wir meinen es doch nur gut. Kennt ihr das? 

Die meisten denken sich nichts dabei, meinen es nicht böse, ist doch nur nett gemeint und schafft Nähe zum Kind. Das mögen die Kinder doch und mich mögen sie dann auch lieber. Auf diese Weise kann ich eine Beziehung aufbauen, die für die pädagogische Arbeit doch so wichtig ist. Aber ist das wirklich so? 

Kinder mögen meist keine Kosenamen

Die meisten Kinder, die ich frage, ob sie Kosenamen mögen, antworten mir mit einem klaren NEIN! Es wird dabei ihre Grenze überschritten.

Ihre Mimik, Gestik, ihr Verhalten, ein Wegdrehen, ein Gesicht verziehen, ein danach schnell Wegrennen lässt dann vermuten, dass ihnen diese Art der sprachlichen Zuwendung zu eng und grenzüberschreitend ist.

Wenn Kinder mit “Süße” oder “Püppi” angesprochen werden, hat das für mich doch ein wenig etwas von einem Kuscheltier, von etwas Kleinem, Niedlichen, einem Objekt, das liebkost wird.

Kinder wollen gleichwertig behandelt werden

Kinder wollen jedoch GLEICHWERTIG als vollwertige Persönlichkeiten gesehen werden, als Subjekte, die ihr Leben selbst gestalten können, die über sich selbst bestimmen können. Sie wollen als Karl, Louis, Mia, Fred und Emma gesehen und geschätzt werden. Sie wollen hingegen nicht als kleine süße Püppchen behandelt oder wie Objekte betätschelt werden. Sie wollen wie sie SELBST behandelt werden – mit all ihren Interessen, Fähigkeiten und Persönlichkeitseigenschaften. 

Wir können Kinder FRAGEN, ob sie die Liebkosungen mögen. Manche Kinder verlangen vielleicht sogar danach. Wenn sie ihr Einverständnis dafür geben, sind die verniedlichenden Bezeichnungen keineswegs zu kritisieren. Aber wenn Kinder sie allerdings nicht mögen, muss das respektiert werden! 

Und wenn es uns doch passiert?

Wenn uns doch eine gut gemeinte Liebkosung über die Lippen rutscht, haben wir die Möglichkeit unser BEDAUERN darüber auszudrücken.

“Oh ich weiß, eigentlich magst du so nicht genannt werden. Das kann ich gut verstehen. Ich bedauere dich “Mäuschen” genannt zu haben weil ich weiß, dass du das gar nicht magst. Ich versuche nächstes Mal darauf zu achten, denn mir ist es wichtig, dass deine Grenzen respektiert werden”

Auf dieser Grundlage können tolle Gespräche entstehen, die Kinder für ihr Leben bereichern. Ich kann mit dem Kind über seine eigenen GRENZEN und über das Wahrnehmen eigener Grenzen sprechen. Anhand dieses Alltagsbeispiels haben wir die Möglichkeit, Kinder darin zu bestärken, ihre eigenen Grenzen zu wahren und NEIN zu sagen.

Mehr zum Thema Grenzen und Wahrnehmung von kindlichen Grenzen findest du hier: https://www.beduerfnisorientierte-kinderbetreuung.de/nein-sagen-duerfen

Meine Motivation – die Praxis der Kinderbetreuung verändern

ich freue mich sehr, dass du den Weg zu meinem Blog “Bedürfnisorientierte Kinderbetreuung” gefunden hast. Ich freue mich, dass du gemeinsam mit mir neue Ideen entwickeln möchtest, wie man die Betreuung in Krippe, Kita, Hort und in der Kindertagesbetreuung zugunsten des Kindeswohls verbessern kann.

Ich bin Kindheitspädagogin (M.A.) und habe in meiner Arbeit im Qualitätsmanagement in Kitas und als Dozentin in der ErzieherInnenausbildung viele Krippen, Kitas und Horte sehen dürfen. Ich bin nach wie vor erschrocken, wie Kinder in manchen Einrichtungen betreut werden. Es werden Gefühle bagatellisiert, individuelle Entwicklungsbedarfe der Kinder ausgeblendet, Kinder beschämt, bestraft und ihre Bedürfnisse werden übergangen. Meine Einschätzung wird jüngst durch das Buch “Seelenprügel” von A. E. Ballmann bestätigt. Auch das Niedersächsische Institut für frühkindliche Bildung veröffentlichte kürzlich einen Artikel zu Übergriffen im Kita-Alltag (https://www.nifbe.de/infoservice/aktuelles/1605-uebergriffe-im-kita-alltag?fbclid=IwAR3KUfHFCCzhL7ushN8mzh8PASwcfXDmsKCwgps17k1dNoRmoCJBwduR_XY)

Selbstverständlich gibt es auch hervorragende Einrichtungen und ErzieherInnen, die täglich ihr bestes geben. Ich ziehe meinen Hut vor engagierten PädagogInnen, die eine wirklich wichtige Arbeit leisten innerhalb schlechter Rahmenbedingungen und mangelnder Anerkennung. Das möchte ich in meinem Blog auch keines Wegs in Zweifel ziehen!

Dennoch bin ich der Meinung, dass es an vielen Stellen in der Kindertagesbetreuung ein Umdenken braucht! Es ist mir ein inneres Anliegen, die Grenzüberschreitungen in der Kindertagesbetreuung zu verringern und die Qualität der Kindertagesbetreuung maßgeblich zu verbessern. Dafür ist eine Bindungs- und bedürfnisorientierte Pädagogik die Grundlage und ein absolutes Muss!

Die Bindungs- und Bedürfnisorientierte Erziehung in der Familie erhält dank vieler mir hoch geschätzter KollegInnen (Geborgen Wachsen, das gewünschteste Wunschkind, Dr. Herbert Renz Polster, Nora Immlau, die Artgerecht-Bücher von Nicola Schmidt uvm.) immer mehr Aufmerksamkeit und immer mehr Anhänger. Neben der Bedürfnisorientierten Erziehung in der Familie, vergrößert sich die Bewegung zum achtsamen Leben und auch die Glücksforschung gerät immer mehr in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit.

Was mir bei der Beobachtung von Bewegungen, Blogs und Communities allerdings noch auffällt ist, dass es sehr viel Kritik und Unzufriedenheit dieser Anhänger hinsichtlich der öffentlichen Kinderbetreuung gibt. “jetzt habe ich mein Kind mehrere Jahre bedürfnisorientiert begleitet und nun kommt es in einen Kindergarten, der nicht nach den Maximen einer Bindungs- und Bedürfnisorientierten Erziehung arbeitet”. Die Community der “Kindergartenfrei” Bewegung nimmt deshalb meiner Einschätzung nach rasant zu und die Kritik an der öffentlichen Kinderbetreuung wird lauter. Eltern sehen ihre Kinder in den Einrichtungen nicht mehr gut betreut. Sie nehmen eine Haltung der Fachkräfte wahr, die nicht den Bedürfnissen der Kinder entspricht, nehmen wenig feinfühliges und zum Teil auch kindeswohlgefährdendes Verhalten der Fachkräfte wahr. Das deckt sich auch mit meinen Erafahrungen in meiner Arbeit.

Eine Bindungs- und Bedürfnisorientierte Kindertagesbetreuung ist bisher eine Ausnahme. Vereinzelte Einrichtungen beginnen nun ihre Konzepte danach auszurichten. Vereinzelte Eltern wollen bedürfnisorientierte Einrichtungen.

Ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, die Bindungs- und Bedürfnisorientierte Begleitung von Kindern auf die Kindertagesbetreuung zu übertragen. Ich habe das Ziel, Fachkräfte für die Bedürfnisse der Kinder zu sensibilisieren, Eltern darin zu bestärken, bestimmte Verhaltensweisen von Fachkräften nicht hinnehmen zu müssen und Auszubildenden als Start in ihren Beruf eine Haltung mitzugeben, die die Kompetenz der Kinder und ihre Bedürfnisse in den Mittelpunkt stellt. Ich möchte Einrichtungen darin unterstützen, bedürfnisorientierte (BO) Pädagogik zum Hauptfokus ihres Konzeptes zu machen. Ich möchte mit Fachkräften in den Dialog gehen, um Haltungen und die Sicht auf Kinder zu verändern. Mir ist es ein steter Wunsch das Feingefühl (die Feinfühligkeit) pädagogischer Fachkräfte für die Bedürfnisse der Kinder zu sensibilisieren.

In unserer Gruppe “Bedürfnisorientierte Kinderbetreuung” https://www.facebook.com/groups/803032766817595/ auf Facebook möchte ich mit euch gemeinsam überlegen, was es bedeutet, die bedürfnisorientierte Erziehung in Krippen, Kitas und Horte zu bringen. Also sei dabei und verändere mit mir die Kinderbetreuung.

Liebe Grüße, eure Lea