Was ist Bedürfnisorientierte Kinderbetreuung? Der Versuch, ein komplexes Thema so kurz wie möglich zu erfassen

In der Bedürfnisorientierten Kinderbetreuung stehen die Bedürfnisse aller Beteiligten in der Kinderbetreuung im Zentrum der Aufmerksamkeit. Das heißt jeder Einzelne steht mit seiner Individualität, mit seinen Bedürfnissen, seinen Gefühlen und seinen individuellen Grenzen im Mittelpunkt. Bedürfnisorientierte Kinderbetreuung nimmt insbesondere die Bedürfnisse der Kinder, der Fachkräfte aber auch der Eltern als Ausgangspunkt der Interaktionen und der Gestaltung der Kinderbetreuung. Jedes Bedürfnis und jedes Gefühl hat seine Berechtigung und seinen Platz, wird gesehen und gewertschätzt. 

Das bedeutet nicht automatisch, dass jedes Bedürfnis ungefiltert ausagiert werden bzw. sofort seine Befriedigung findet kann, das wäre – insbesondere unter den aktuellen Rahmenbedingungen – nicht möglich. Es geht viel mehr darum, sein Feingefühl zu schulen und sich als Fachkraft dafür zu sensibilisieren, das Bedürfnis, die Absicht, das Gefühl oder die Grenze des Kindes, der Eltern oder auch die von uns selbst wahrzunehmen und zu formulieren. 

Der erste Schritt ist also zunächst die Wahrnehmung der Bedürfnisse. Der Fokus liegt darauf, eine Situation hinsichtlich der Bedürfnisse der unterschiedlichen (kleinen und großen) Menschen achtsam wahrzunehmen und zu benennen. Häufig ist es so, dass allein das Formulieren (Spiegeln) und damit das Verständnis für ein Bedürfnis ausreicht, um eine Beruhigung, Befriedigung und Regulierung der Situation zu ermöglichen. Was fühlst du gerade? Was willst du gerade? Was ist deine Idee? Was denkst du gerade? Was ist dein Fokus? Ziel ist es dabei, die Gefühls- und Bedürfnislage der Kinder und der Fachkräfte für sich selbst offenzulegen, bewusst zu machen. 

Erst im zweiten Schritt geht es um die Frage, wie können die einzelnen Bedürfnisse erfüllt werden? Stellen wir uns mal das Beispiel einer Kindergartengruppe vor. Jeder hat ein anderes Bedürfnis zu einem bestimmten Moment. Jeder hat andere Gefühle, jeder möchte etwas anderes tun. Es ist somit notwendig, die verschiedenen Bedürfnisse gegeneinander abzuwägen weil sonst die Gruppe nicht handlungsfähig wäre. Es beginnt ein Aushandlungsprozess zwischen den Bedürfnissen. 

Der größte Kritikpunkt an der Bedürfnisorientierung besteht darin, dass es nicht möglich sei, alle Bedürfnisse aller Kinder jederzeit erfüllen zu können. Es besteht auch die Angst, dass Kinder dann nicht lernen, ihre Bedürfnisse aufzuschieben, wenig Frust aushalten können. Durch Das Aufeinandertreffen der verschiedenen Bedürfnisse in der Gruppe kommt es jedoch automatisch zu einem Aushandlungsprozess, in dem die Beteiligten sich in andere hineinversetzen müssen, in dem sie lernen Empathie zu entwickeln und Kompromisse einzugehen. Die Kinder lernen so ganz automatisch, dass andere Menschen andere Bedürfnisse haben und es wichtig ist diese zu respektieren. Dadurch lernen sie ihre eigenen Bedürfnisse in gewissen Momenten zurückzustellen, Impulse aufzuschieben und Frust auszuhalten. Auf diese Weise fühlen sie sich selbst gesehen und gleichzeitig entsteht ein Gruppengefühl, das auf Empathie beruht und nicht darauf, dass der Erwachsene die Gruppe erzwingt: “das macht man nicht”, “das ist unhöflich!”.

Bedürfnisse verstehen, Gefühle benennen, Grenzen achtsam wahrnehmen, Aushandlungen, Gegenüberstellungen von Bedürfnissen, Lösungen finden, all das sind Kompetenzen, die wir Menschen für ein gesundes, glückliches Leben benötigen. Das heißt, es ist nicht möglich, alle Bedürfnisse zu jedem Zeitpunkt zu erfüllen aber es gibt ein Platz für jedes Bedürfnis, und das Gefühl dahinter und wenn es nur dadurch ist, dass das Bedürfnis ausgesprochen wird.

Zum Weiterhören:

Podcastepisode: Bedürfniswahrnehmung vor Bedürfniserfüllung

Podcastepisode: Der Regenbogenfisch und die drei Säulen der Kinderbetreuung

Zum Weiterlesen:

Artikel: Das Kind in seinen Bedürfnissen wahrzunehmen ist oft noch wichtiger als die Erfüllung selbst

Artikel: Die Bedürfnisse des Menschen – eine Übersicht

Artikel: Bedürfnisorientiert heißt… Bedürfnisorientiert heißt nicht…

26 – Bedürfnisorientierte Eingewöhnung Teil 1 – ein Interview mit Stefanie von Brück

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Stefanie von Brück

In dieser Podcastepisode spreche ich mit Stefanie von Brück über eine bedürfnisorientierte und bindungsstarke Eingewöhnung. Wir betrachten in diesem ersten Teil die Sinnhaftigkeit von Eingewöhnungskonzepten und legen den Fokus auf die Bedürfnisse aller Beteiligten der Eingewöhnung: der Eltern, Kinder und Fachkräfte. Uns ist es dabei gelungen, etwas tiefer zu blicken und die möglichen emotionalen sowie persönlichen Anliegen während eines Eingewöhnungsprozesses unter die Lupe zu nehmen. Viel Spaß beim Hören.

Kontakte und Infos zu Stefanie von Brück:

Online-Fortbildung für pädagogische Fachkräfte am 22. August 2020 “beziehungsstarke Eingewöhnung leicht gemacht” https://stefanievonbrück.de/kita-eingewoehnung-paedagogische-fortbildung/

1:1 Beratung für Eltern Happy Kita Start https://stefanievonbrück.de/happy-kita-start-erfolgsprogramm/

Instagram: https://www.instagram.com/stefanievonbrueck.de/:

Facebook: https://www.facebook.com/beziehungsstarkeKitaFamilien/

Zum Weiterhören und -lesen von Lea

Link zum Weiterhören: https://www.beduerfnisorientierte-kinderbetreuung.de/19-eingewoehnung-in-der-peer-group

Zum Weiterlesen: Nützliches Wissen zur Eingewöhnung Teil 1 – Wissenschaftliche Erkenntnisse aus der Transitionsforschung

Zum Weiterlesen: Nützliches Wissen zur Eingewöhnung Teil 2 – fünf Fehlannahmen einer abgeschlossenen Eingewöhnung

25 – Achtsamer Umgang mit den körperlichen Grenzen der Kinder in Krippe und Kita.

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Es ist so schnell passiert: wir streicheln über den Kopf des einen Kindes, ziehen dem anderen eben mal schnell von hinten die Hose hoch, wischen dem nächsten Kind ohne Vorankündigung von hinten den Mund ab. Der Alltagsstress in einer Kindertageseinrichtung führt dazu, dass alles schnell und glimpflich ablaufen muss. Oft übersehen wir dabei, dass wir in der Hektik immer wieder über die körperlichen Grenzen der Kinder hinweggehen. Die Kinder zeigen Zeichen aber wir nehmen sie nicht wahr. In dieser Podcastfolge erkläre ich, wo die körperlichen Grenzen der Kinder verlaufen, wie wir sie wahrnehmen und respektieren können. Ich zähle verschiedene Situationen aus dem Kitaalltag auf, in denen wir besonders feinfühlig auf die körperlichen Grenzen der Kinder achten dürfen.

21 – Nein sagen dürfen – Wie Kinder lernen sich abzugrenzen

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Wie lernen Kinder eigentlich “nein” zu sagen? Wie drücken sich die “Neins” der Kinder aus und was können wir dazu beitragen, dass Kinder lernen sich abzugrenzen? Was löst ein Nein der Kinder eigentlich bei uns selbst aus und was können wir tun, wenn unser Nein auf das Nein der Kinder, also Grenze auf Grenze trifft? All diese Fragen beantworte ich in dieser Podcastfolge. Viel Spaß beim Hören.

Den passenden Artikel zu dieser Podcastfolge findest du hier.

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20 – Jungenpädagogik – Ein Interview mit Dirk Fiebelkorn

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Dirk Fiebelkorn

Was brauchen denn eigentlich Jungs? Brauchen sie überhaupt etwas anderes als Mädchen? Wie gehen wir in der Praxis damit um wenn Jungen kämpfen, raufen, Waffen bauen oder mit Waffen spielen? Wenn wir uns überlegen wie Jungen sind und was sie brauchen, reproduzieren wir dann eigentlich nur irgendwelche Geschlechterrollen? Und andersherum, wenn wir genderneutral auf Kinder blicken, verlieren wir dann evtl. sogar den bedürfnisorientierten Blick auf Jungen?

Fragen über Fragen. Mein Gast Dirk Fiebelkorn und ich gehen genau diesen Fragen auf den Grund.

Wenn ihr mit Dirk Kontakt aufnehmen wollt, hier sind die nötigen Links:

16 – Gewalt durch pädagogische Fachkräfte verhindern Teil 2 – (M)ein Dilemma zwischen Hinsehen und Wegsehen

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In dieser Podcastfolge spreche ich über meine Gefühle und meinen eigenen inneren Konflikt. Ihr erfahrt wie es mir selbst geht, wenn ich gewaltvolles Handeln von Fachkräften beobachte und miterlebe – diesmal handelt es sich also um ein Stück Seelenleben von mir, meinem Dilemma zwischen Hinsehen und Wegsehen.

Den passenden Blogartikel findest du hier .

13 – Was kommt nach Corona? Die Rückkehr der Kinder in die Kinderbetreuung bedürfnisorientiert gestalten

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Nehmen wir mal an, in den nächsten Wochen öffnen die Krippen, Kindergärten und Tagespflegestätten wieder. Wie würde es den Kindern, Eltern und Fachkräften gehen? Was brauchen alle Beteiligten? Welche Fragen stehen dann möglicherweise im Raum?

Ich habe mir dazu einige Fragen gestellt, an euch Fachkräfte, an euch Eltern aber insbesondere an die Kinder. Was brauchen die Kinder jetzt? Was bedeutet es für sie, nach einer so langen Quarantäne-Zeit zuhause ganz plötzlich wieder in die Einrichtung zu kommen und was können wir Erwachsenen unternehmen, um den Kindern den Einstieg zu erleichtern?

Unter Einbeziehung eurer Ideen, Anmerkungen und kritischen Nachfragen bei Facebook beschäftige ich mich im zweiten Abschnitt mit den Themen Abwägen von individuellen Bedürfnissen, (Wieder-)Eingewöhnung, Zusammenarbeit mit den Eltern, Hygienemaßnahmen wie z.B. das Masken tragen.

Hier der passende Blogartikel, in dem ihr gerne einen Kommentar hinterlassen könnt: https://www.beduerfnisorientierte-kinderbetreuung.de/die-rueckkehr-der-kinder-in-die-kinderbetreuung-verantwortungsbewusst-und-beduerfnisorientiert-gestalten.

SHOWNOTES: Der Artikel ” Die Morgenkreis-Falle”: https://www.beduerfnisorientierte-kinderbetreuung.de/die-morgenkreis-falle

Die Rückkehr der Kinder in die Kinderbetreuung bedürfnisorientiert gestalten – einige Fragen

Zu diesem Beitrag gibt es auch einen passenden Podcast

Nehmen wir mal an, in den nächsten Wochen öffnen die Krippen, Kindergärten und Tagespflegestätten wieder. Alle Kinder dürfen wieder in die Kinderbetreuung und alle Eltern dürfen ihre Kinder wieder in die Kinderbetreuung bringen.

Für mich stehen dabei einige FRAGEN im Raum, die ich euch als Fachkräfte, als Eltern aber insbesondere den Kindern gerne stellen würde.

Nehmt die Fragen gerne als REFLEXIONSGRUNDLAGE, um die Bedürfnisse und Perspektiven aller Beteiligten beim Wiedereinstieg berücksichtigen zu können.

Fragen an die Kinder

  • Möchtest du wieder in die Kinderbetreuung oder tut dir das Zuhausesein gut?
  • Vermissst du die Kita und freust dich wieder dort hin gehen zu können oder wird dir die Rückkehr schwer fallen?
  • Wäre ein schneller Wiedereinstieg für dich in Ordnung oder würde er dir etwas ausmachen?
  • Brauchst du eine gemächliche, allmähliche Wiedereingewöhnung?
  • Würde es dir helfen, erstmal ein paar Stunden in die Einrichtung zu kommen und die Zeit dort nach und nach auszuweiten?
  • Sollen Mama oder Papa zu Beginn einige Tage wieder mit in der Einrichtung bleiben? Würde dir das helfen?
  • Brauchst du für den Wiedereinstieg eine/n bestimmte BezugserzieherIn und ist diese/r zum Zeitpunkt der Rückkehr in der Einrichtung?
  • Würde es dir die Rückkehr erleichtern, wenn ein bestimmter Freund in der Einrichtung ist, wenn du wiederkommst?
  • Würde dir der Wiedereinstieg erleichtert, wenn du ein Übergangsobjekt (z.B. Kuscheltier, Schnuffeltuch) mitnehmen darfst
  • Was würde dir helfen, um den Wiedereinstieg leicht nehmen zu können?

Fragen an euch pädagogische Fachkräfte

  • Was kannst du tun, um den einzelnen Kindern den Wiedereinstieg zu erleichtern?
  • Was kannst du in der Raumgestaltung für Anreize schaffen, um die Ankunft der Kinder in die Kindertagesbetreuung spannend zu gestalten und damit zu erleichtern?
  • Was kannst du vorbereiten, um den Kindern möglichst viel Wiedererkennungswert in der Einrichtung zu bieten? bekannte Lieder, Reime, Abläufe usw.?
  • Kannst du flexible Wiedereingewöhnungen anbieten? Kannst du den Kindern je nach Alter, Charakter und Temperament eine individuelle Wiedereingewöhnungszeit einräumen, in der du als BezugserzieherIn ausschließlich für das Kind präsent bist?
  • Könnt ihr ermöglichen, dass die entsprechenden BezugserzieherInnen für die Kinder da sind, um ein Ankommen zu erleichtern?
  • Kannst du mit den Eltern ein Gespräch vereinbaren, in dem die Quarantäne-Zeit reflektiert und die Rückkehr des Kindes in die Einrichtung gemeinsam geplant wird?

Fragen an euch Eltern

  • möchtest du dein Kind wieder in die Kinderbetreuung bringen oder hast du das Zuhausesein genossen und möchtest etwas an der Betreuungssituation ändern?
  • möchtest du dein Kind wieder in die Einrichtung bringen oder musst du dein Kind wieder in die Einrichtung bringen?
  • Gibt es die Möglichkeit, den Wiedereinstieg in die Kinderbetreuung für dein Kind bedürfnisorientiert, flexibel, gemächlich und kindzentriert zu gestalten?
  • Kannst du dir dafür genügend Zeit einplanen? z.B. Urlaub nehmen?
  • Wie kannst du den Wiedereinstieg für dein Kind vorbereiten? Z.B. den Wiedereinstieg besprechen, von Freunden und den BezugserzieherInnen sprechen, ein Bild/ Brief für den/die ErzieherIn malen, etwas Gebasteltes aus der Quarantäne-Zeit mitbringen?

 

Was denkt ihr, welche Fragen sollten noch berücksichtigt werden, wenn die Kinder nach einer solch langen Zeit wieder in die Einrichtungen zurückkehren?

 

12 – Gibt es ein zu viel an Nähe im pädagogischen Kontext?

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Es hält sich in der pädagogischen Praxis immer noch hartnäckig der Glaube, dass zu viel körperliche und emotionale Nähe den Kindern schaden könnte. Die Angst ist groß, dass Kinder bei zu enger Bindung zu den Fachkräften viel weinen, sich nicht lösen und nicht selbständig werden könnten. Pädagogische Fachkräfte sollten die professionelle Distanz wahren, um ein Kind nicht zu sehr an sich zu binden. Aber gibt es wirklich ein zu viel an Nähe? Eine zu enge Bindung zwischen Fachkraft und Kind? Um diese Frage geht es in dieser Podcastfolge.

Maywald, J. (2019): Gewalt durch pädagogische Fachkräfte verhindern: Herder Verlag. (Amazon)

Hier findest du den passenden Artikel zum Podcast: https://www.beduerfnisorientierte-kinderbetreuung.de/zu-viel-naehe-gibt-es-nicht-auch-nicht-im-paedagogischen-kontext

Warum werde ich ErzieherIn und was der Berufswunsch mit mir selbst zu tun hat.

Warum will ich ErzieherIn werden? Warum bist du ErzieherIn geworden? Was meinst du? Hast du dir dazu schonmal Gedanken gemacht?

Viele würden vielleicht antworten “na klar weiß ich das, schließlich war das eine Frage, die ich in meinem Motivationsschreiben und in meinem Aufnahmegespräch zur Erzieherin/ zum Erzieher beantworten musste”:

“ich will etwas mit Kindern machen”, “ich möchte etwas mit Menschen machen”, “man kann Kindern etwas beibringen”, “Kinderaugen strahlen einen immer so freundlich an” “Kinder sind immer so ehrlich” “Kinder geben mir so viel” “Kinder bereiten einem einfach Freude”

Das sind zumindest häufige Antworten von angehenden ErzieherInnen. Das zeigt auch eine Befragung von Auszubildenden, warum sie den Erzieherberug gewählt haben (Knauf, 2009).

Was treibt uns wirklich an?

Aber ich frage mich immer was ist es, das uns WIRKLICH ANTREIBT? Warum wählen so viele den Erzieherberuf? Wo hat der Wunsch angefangen, ErzieherIn werden zu wollen und warum? Was ist wirklich unser innerster, unbewusster Antrieb? Was steckt hinter den oberflächlich benannten Motiven?

WAS IST ES?

Um diese Frage klären zu können, müssen wir einen Schritt in unser Seelenleben wagen. Wir dürfen uns in unsere eigene Biografie hineindenken, unseren Gefühlen und unseren eigene Bedürfnissen Raum geben. Unser Unbewusstes weiß eine Antwort aber wissen wir es wirklich auch? Sarah hat im Podcast zu diesem Thema gesagt: “ich wusste da nicht gleich eine Antwort”. Wenn wir uns öffnen und in uns hineinschauen, finden wir vielleicht eine Antwort. Was treibt dich an?

… Vielleicht gibt es dir ein gutes Gefühl, wenn du dich um andere kümmern kannst? Wenn andere dich brauchen? Wenn du dich um andere kümmerst, kümmerst du dich gleichzeitig immer ein wenig auch um dich? Du magst es gebraucht zu werden. “Wenn sie [Kinder] glücklich sind, fühle ich mich wohl”. Dir gibt es ein gutes Gefühl dich für andere aufzuopfern, andere glücklich zu sehen.

… Ganz tief in dir drin sehnst du dich vielleicht nach (körperlicher) Nähe, nach Zuwendung und nach Jemandem, der dir zuhört. Kinder können dir diese Nähe geben, denn sie brauchen deine Nähe und sind auf deine Nähe angewiesen. Du kannst mit den Kindern kuscheln und sie herzen. Es fühlt sich für dich wohlig warm an, wenn Kinder eine innige Nähe zu dir aufbauen, die dir sonst oft fehlte?!

… Hast du vielleicht manchmal das Gefühl, du kannst der Welt nicht trauen?! Erwachsene lügen dich an, du musst immer auf der Hut sein? Sehnst du dich manchmal nach einem vertrauensvollen Umfeld, nach Jemandem, der ehrlich und authentisch zu dir ist?! “Kinder sind immer ehrlich”, sie zeigen dir ein authentische Reaktion. Das magst du sehr und fühlst dich deshalb immer wieder von Kindern angezogen? Endlich musst du nicht mehr mutmaßen, was dein Gegenüber wirklich fühlt?!

… Fühlst du dich wohl, wenn du anderen etwas beibringen kannst, wenn du dich schlau, wissend und kompetent fühlen kannst? Kinder sind aufmerksame Zuhörer, interessiert und geben dir das Gefühl, viel zu wissen und viel zu können. Kinder können dir das Gefühl geben, gut, richtig und kompetent zu sein. Das Gefühl gut genug, wissend genug, kompetent genug zu sein kam dir sonst eventuell öfter mal abhanden?!

… Wenn du ganz ehrlich mit dir selbst bist, magst du es manchmal mächtig zu sein? Wir Erwachsene sind körperlich und intellektuell betrachtet den Kindern in jedem Fall überlegen. Wir können über Kinder bestimmen, sagen was zu tun und zu lassen ist. Dieses machtvolle Handeln gibt dir eventuell Sicherheit? Du hast das Gefühl die Kontrolle bewahren und Herr der Lage sein zu können. Vielleicht ganz anders als du es als Kind erlebt hast?!

… Kann es sein, dass es sich für dich ziemlich gut anfühlt, von den Kindern Respekt verlangen zu können?! Du selbst respektierst und akzeptierst dich nicht immer und auch als Kind wurde nur selten deine Meinung respektiert. Du hattest zu gehorchen. Als ErzieherIn kannst du dir von den Kindern vielleicht das Gefühl zurückholen, Respekt verdient zu haben.

… Bist du manchmal traurig und es schleichen sich immer wieder negative Gedanken in deinen Kopf? Grübelst du viel und gelangst immer wieder in eine depressive Stimmung? Das Zusammensein mit Kindern ist für dich ein Segen. Denn Kinder schaffen es immer wieder dich aufzuheitern oder?! Du willst wahrscheinlich so gerne ErzieherIn werden oder bist es geworden weil “Kinder so fröhlich sind”?

… Abeitest du als ErzieherIn und bist auf der Suche nach dir selbst? Hast du den Erzieherberuf gewählt weil du mit den Kindern “an Reife gewinnen” (Knauf, 2009) und dich persönlich entwickeln kannst? Bist du als ErzieherIn tagtäglich mit den Kindern zusammen und merkst, eigentlich bist du auf der Suche nach deinem eigenen inneren Kind? Du möchtest dich mit deinem inneren Kind versöhnen? Dich mit deinem Schattenkind konfrontieren und dein Sonnenkind suchen? (Stahl, 2015)

Selbsterkenntnis als Chance nutzen

Hast du dich in einer der oben beschriebenen tiefer liegenden Motivationen erkannt? Lösen die Beschreibungen gar Widerstand in dir aus? Das kann durchaus sein und zeigt, dass eine Korrespondenz vorhanden sein kann, dass dich etwas in deinem Unbewussten berührt, das mit dir selbst zu tun hat.

Mir ist es wichtig zu sagen, dass es grundsätzlich keine Schande ist, eine oder mehrere der beschriebenen Motivationen in sich zu tragen. Ich finde es nicht abartig, mächtig sein zu wollen, sich durch Kinder aufheitern zu lassen, sich durch Kinder einen Sinn zu geben, sich eigene Bedürfnisse mithilfe der Kinder zu erfüllen. Irgendwie tun wir das alle, um uns unseren Selbstwert zu erhalten oder zu erhöhen. Wir als Menschen sind alle in gewisser Weise bedürftig, brauchen Bestätigung, Wertschätzung und Anerkennung.

In einer Befragung von Auszubildenden zu der Frage, warum sie ErzieherIn werden wollen, zeigt sich ebenso, dass ihre Haupt Motivation darin liegt, etwas von den Kindern zurückzubekommen (Knauf, 2009). Dieses Ergebnis zeigt, wie wichtig es uns als ErzieherInnen ist, emotional etwas von den Kindern zu erhalten, durch sie genährt zu werden. Es zeigt sich, wie bedürftig wir an vielen Stellen sind.

Anke Ballmann drückt diese Bedürftigkeit von Erwachsenen in ihrem Buch “Seelenprügel” noch deutlich drastischer aus und sagt: “soziale Einrichtungen sind kein Auffangbecken für erwachsene Kinder!” (Seelenprügel 2019).

Reflexion der tiefer liegenden Motivation

Etwas von den Kindern zurückzubekommen, sich mächtig fühlen zu können oder sich durch die Kinder eine heitere Umgebung zu schaffen “darf eine schöne Begleiterscheinung sein” so Sarah Bohnes im Podcastinterview. Allerdings darf es nicht aus einem Mangel heraus entstehen oder aus einem grundlegenden unerfüllten Bedürfnis der Fachkraft”.

Deshalb ist es so wichtig, tief zu schauen. Denn wir sind uns oft nicht bewusst darüber, welche unbefriedigten Bedürfnisse eigentlich in uns schlummern. Wir haben bereits Bewältigungsstrategien entwickelt, mit unseren unerfüllten Bedürfnissen umzugehen. Das bedeutet, wir sind uns oft nicht bewusst darüber, wie wir uns eigentlich unbefriedigte Bedürfnisse erfüllen. Ein Weg kann es sein, die Unbefangenheit, Freude und Resonanz der Kinder für sich zu nutzen.

Gehen wir also diesen Schritt und fragen uns wirklich, was treibt mich an, den Erzieherberuf zu ergreifen? Denn wenn ich meine Motivation nicht reflektiere, wenn wir unseren tatsächlichen inneren Antrieb nicht wahrnehmen können, kann es passieren, dass die Kinder zu Marionetten werden, die unsere unerfüllten Bedürfnisse befriedigen. Das darf nicht sein. Wenn wir uns unseren eigentlichen Motiven nicht bewusst sind, kann es passieren, dass wir uns mit den Kindern verstricken, unsere Machtausübung nicht kontrollieren lernen und die Grenzen der Kinder nicht wahrnehmen können.

Meine Feinfühligkeit kann dadurch geschmälert werden. Ich vermag es nicht mehr, passend auf die Signale der Kinder zu reagieren. Dadurch können Kinder eine unsichere Bindungsqualität zu uns als pädagogischen Fachkräften entwickeln und eine unsichere oder sogar desorganisierte (traumatische) Bindung kann weitreichende Einflüsse auf das Selbstbild sowie den Stresshaushalt eines Kindes nehmen.

Deshalb sollten wir uns als pädagogische Fachkräfte immer wieder fragen:

  • wie bedürftig bin ich momentan selbst?
  • Was erwarte ich von den Kindern?
  • Was sollen sie mir geben?
  • Was und wieviel kann ich ihnen momentan geben?
  • Wie stabil und gewachsen bin ich selbst momentan in meiner Persönlichkeit?

Kinder sind wie ein Spiegel, sie konfrontieren dich mit deinem Innersten, auch mit deinen Wunden. Das kann schmerzhaft sein aber auch Heilung bringen.

Unsere Bedürfnisse als Fachkräfte wahrnehmen

Bereits in der Ausbildung sollten wir uns dazu Gedanken machen, welche unerfüllten Bedürfnisse habe ich selbst? Und nach was suche ich genau?

  • Was brauche ich, um mich gut mit mir selbst zu fühlen?
  • Welche Stärken habe ich? Welche Stärken kann ich sehen?
  • Wie kann ich dafür sorgen, mich unabhängig zu fühlen?
  • Habe ich die Möglichkeit, mich selbstwirksam zu fühlen?
  • Habe ich die Möglichkeit nach einem empathischen Gegenüber, das mir zuhört?

Es gibt unzählige Bedürfnisse, die dabei eine Rolle spielen können. Weitere mögliche Bedürfnisse findest du im Artikel: “die Bedürfnisse des Menschen

Eines dürfen wir nicht vergessen, unsere Aufgabe als Erzieherinnen und Erzieher ist es, für die Kinder da zu sein, sie in ihrer Persönlichkeitsentwicklung zu unterstützen, sie in ihrem SEIN zu sehen, mit all ihren Gefühlen, Bedürfnissen und Grenzen. Die Kinder sind nicht dafür da, uns unsere unerfüllten Bedürfnisse zu stillen.

Ballmann, A.E. (2019): Seelenprügel

Knauf, H. (2009): Ich will Erzieher/in werden. Warum brandenburgische Fachschülerinnen und -schüler sich für den Beruf der/des Erziehers/in entscheiden. In: Kita aktuell, 3/2009, Carl Link Verlag. S. 52-54.

Stahl, S. (2015): Das Kind in dir muss Heimat finden. Der Schlüssel zur Lösung (fast) aller Probleme. Kailash Verlag: München.