73 – Personalmangel und Mitarbeitergewinnung

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Lea Wedewardt
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Bernd Leitsoni

Der Personalmangel ist immens. Viel zu wenige Fachkräfte müssen sich um viel zu viele Kinder kümmern. Die Bertelsmann Stiftung belegt immer wieder, wie gravierend die Personalsituation ist, wie viele Fachkräfte fehlen und wie wenig es gelingt, qualifiziertes Personal zu finden.

Auf was es in diesen Zeiten also ankommt, ist eine durchdachte Mitarbeiter:innenacquise. Bei diesem hohen Fachkräftemangel reicht es nicht mehr aus, ein einfache Stellenazeige aufzugeben. Darauf melden sich „Wenn ich glück habe zwei Bewerber:innen“ hörte ich letztens frustriert eine Leiterin einer Kita sagen.

Diesmal habe ich Bernd Leitsoni zu Gast. Er ist Geschäftsführer der Marketingfirma Riffbird und des Unternehmens Kita Mitarbeiter (https://www.kitamitarbeiter.de/). Im Interview erzählt er, wie es möglich ist, Erzieherinnen und Erzieher zu gewinnen, die kompetent sind und „zu einem passen“, die die gleichen Werte leben. Er berichtet, wie die Mitarbeiteracquise effektiver und nachhaltiger möglich ist und somit eine Entlastung für die Leitungskräfte bieten kann.

Viel Freude beim Anhören!

Kita Mitarbeiter: https://www.kitamitarbeiter.de/

Riffbird: https://www.riffbird.com/

Mail: bo.kinderbetreuung@gmail.com Webseite: https://www.beduerfnisorientierte-kinderbetreuung.de/ BO Akademie: www.bo-akademie.de, kontakt@bo-akademie.deInstagram: @derkitapodcast Facebookgruppe: „Bedürfnisorientierte Kinderbetreuung“

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72 – Morgenkreise bedürfnisorientiert gestalten- Fragenfolge mit Kathrin Hohmann

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Lea Wedewardt
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Kathrin Hohmann

In dieser Folge beleuchten Kathrin Hohmann und ich gemeinsam das Thema Morgenkreis und wie er bedürfnisorientiert und entspannt gestaltet werden kann. Es handelt sich um eine Fragenfolge, in der wir ausschließlich auf eure Fragen eingegangen sind. Relevant waren folgende Fragen:

  1. Welche Tücken kann ein Morgenkreis haben?
  2. Kann ein Morgenkreis freiwillig sein oder soll ein Kind teilnehmen?
  3. Muss ein Morgenkreis überhaupt sein?
  4. Warum mache ich einen Morgenkreis? Welche Erwartungen habe ich?
  5. Welche Werte sind mir dabei wichtig und warum?
  6. Ist ein Morgenkreis bei U3 Kindern sinnvoll?
  7. Was kann ich tun, wenn im Morgenkreis übegriffiges oder grenzüberschreitendes Verhalten beobachtet wird?

Viel Freude beim Anhören!

Kontakt zu Kathrin:

  • https://kathrinhohmann.de/
  • https://kindheiterleben.de/
  • Facebook: https://www.facebook.com/Kindheiterleben/
  • Instagram: @kindheiterleben

Kontakt zu mir:

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Herausforderung Kita

Kommt ein Kind in die Krippe oder den Kindergarten endet eine Zeit enger Beziehung. Das eng auf einander bezogene Leben wird von einer neuen Phase für Eltern und Kinder abgelöst. Weil der Einstieg in die familienergänzende Betreuung für alle so unbekannt ist, wird sie von einer Bandbreite an unterschiedlichsten Gefühlen begleitet:

Es kann Erleichterung mit sich bringen, wieder mehr Freiraum für die Eltern, Raum für Eigenständigkeit, Autonomie und Selbstwirksamkeit. Auch das Kind kann den Einstieg in die Betreuung als eine Bereicherung erleben und mit Vorfreude genießen. Es kann Stolz empfinden, fühlt sich nun „größer“ und bekommt neue Anregungen, um zu lernen.

Gleichzeitig blicken viele Eltern auch sorgenvoll auf diese Zeit der außerfamiliären Betreuung ihres Kindes. Sie ist mit Angst verbunden, mit einem Gefühl von Traurigkeit und manchmal auch Ohnmacht. Das erste Mal wird das Liebste, das man hat, in „fremde“ Hände gegeben. Nicht zu wissen, wie sehr man selbst die Bezugsfachkraft mag, wie es dem Kind in der Einrichtung geht, es nicht mehr beschützen zu können und es für die Betreuungszeit „aus dem Auge“ zu verlieren bringt ein Gefühl von Kontrollverlust und Ohnmacht mit sich.

Es braucht also eine ordentliche Portion an Vertrauen. Um loszulassen und Vertrauen aufzubauen, hilft es jedoch nicht, zu hören: „Du musst mal loslassen!“ oder „Tränen gehören dazu!“. Um Vertrauen entwickeln zu können, braucht es Vertrauen, nicht weil ich es mir einrede, sondern weil ich es entwickeln konnte.

Was es braucht, um Vertrauen entwickeln zu können:

  • eine gute Beziehung zu den Fachkräften
  • als Eltern mit den eigenen Gefühlen erst genommen zu werden
  • als Eltern mit den eigenen Bedürfnissen gesehen zu werden
  • als Eltern mit den eigenen Grenzen gesehen zu werden
  • als Eltern auch eigene Werte mit einbringen zu dürfen
  • die Möglichkeit Konflikte konstruktiv zu besprechen und Kompromisse zu schließen

Der größte Konflikt, der sich in der Kinderbetreuung anbahnen kann, besteht darin, dass die eigenen Werte eines beispielsweise bedürfnisorientierten Umgangs auf die Werte der Einrichtung stoßen und diese wenig vereinbar sind. Wird das eigene Kind in der Kita belohnt, bestraft, manipuliert, verglichen, beschämt oder in irgendeiner Weise nicht so angenommen, wie es ist, kann das für Eltern sehr belastend sein. Sie befinden sich dann nicht nur in einem Konflikt mit den Fachkräften, sondern tragen andauernd einen eigenen, inneren Konflikt mit sich. Es werden innere Stimmen laut, die den eigenen Kopf zum Platzen bringen können oder den Bauch zum schmerzen.

Innere Fragen von Eltern im Wertekonflikt

  1. Kann ich meinem Kind diese Einrichtung zumuten?
  2. Wird es trotz anderer Werte in der Einrichtung psychisch gesund aufwachsen können?
  3. Welche Verhaltensweisen von Fachkräften sind ok und welche nicht?
  4. Wie kann ich Konflikte ansprechen?
  5. Wie veränderbar ist die Haltung der Fachkräfte?
  6. Ab wann sollte ich mein Kind aus der Einrichtung nehmen?
  7. Gibt es alternative Einrichtungen?
  8. Kann und will ich mein Kind zuhause lassen?

Eine gute Beziehung zwischen Fachkräften, Kindern und Eltern ist möglich und die entscheidende Voraussetzung für eine vertrauensvolle Zusammenarbeit. In unserem Buch „Kinder achtsam und bedürfnisorientiert begleiten“ (Wedewardt/Hohmann 2021) zeigen wir auf, dass eine achtsame, gewaltfreie und bedürfnisorientierte Pädagogik möglich ist.

Werden in der Einrichtung des eigenen Kindes jedoch keine bedürfnisorientierten Werte gelebt, gibt es verschiedene Wege damit umzugehen. Je nachdem, wie die familiären Verhältnisse sind, welche Bedürfnisse Eltern haben, welche Persönlichkeit das Kind hat und wie schwerwiegend die Wertekonflikte zwischen zuhause und der Einrichtung sind, können individuelle Strategien erarbeitet werden, um einen gemeinsamen, glücklichen Weg zu finden. Die Möglichkeiten reichen vom Ansprechen eigener Bedürfnisse im vier-Augen-Gespräch mit der Fachkraft bis hin zur Meldung beim Träger aufgrund von beobachtetem, grenzverletztendem Verhalten in der Kita.

Gelingt es, die Bindungs- und Bedürfnisorientierung auch in den Einrichtungen nicht nur im Hinblick auf das Kind, sondern auch in der Beziehung zwischen Fachkräften und Eltern zu leben, kann die Krippen- und Kindergartenzeit eine wichtige und bereichernde Phase im Leben einer Familie darstellen. Sie muss nur für alle gesund sein.

Woran erkenne ich eine gute Kita?

Viele Eltern fragen sich, woran eine gute Kita erkennbar ist. Auch wenn die meisten nur wenig Wahlmöglichkeit haben und froh sind, wenn sie überhaupt eine Betreuungsmöglichkeit finden, wollen sie die Einrichtung doch so bewusst wie möglich auswählen. Ihnen ist es wichtig, die zur Verfügung stehenden Möglichkeiten zu nutzen, um eine Einrichtung ausfindig zu machen, die gut ist. Sie wollen sich sicher fühlen und wissen, dass ihr Kind in der gewählten Einrichtung gut aufgehoben ist. Manchmal fehlt es jedoch an Ideen und Anhaltspunkten, woran gute Qualität in Kitas festgemacht und von außen ermittelt werden kann.

Dieser Artikel soll dabei behilflich sein, Kita-Qualität besser zu verstehen und zu ermitteln. Es werden die Parameter von Kita Qualität aufgeschlüsselt und erklärt. Außerdem wird die Relevanz und Gewichtigkeit der einzelnen Elemente genauer beleuchtet. Zuletzt bekommen Eltern Strategien an die Hand, mit denen sie die Qualität ihrer favorisierten Kita feststellen können.

Strukturqualität, Orientierungsqualität und Prozessqualität

Kita-Qualität lässt sich in drei verschiedenen Bereichen feststellen: Im Bereich der Rahmenbedingungen (Strukturqualität), der Konzeption (Orientierungsqualität) und der konkreten pädagogischen Arbeit also der individuellen menschlichen Interaktionen (Prozessqualität).

  1. Strukturqualität: Gruppengröße, Fachkraft-Kind-Schlüssel und Erzieherausbildung
  2. Orientierungsqualität: Bild vom Kind, pädagogische Grundwerte meist in der Konzeption und auf der Webseite zu sehen.
  3. Prozessqualität: Die konkrete Interaktionsgestaltung zwischen Fachkraft und Kind sowie zwischen Fachkraft und Eltern

Strukturqualität

Für eine gute Interaktionsqualität ist auch ein guter Fachkraft-Kind-Schlüssel wichtig. Gibt es zu wenig Personal macht sich Überforderung und Stress bei Fachkräften bemerkbar. Das wirkt sich wiederum auf die unmittelbare pädagogische Arbeit mit den Kindern aus. Relevant ist auch, wie viele Kinder sich in einer Gruppe befinden und wie viele Räume zur Verfügung stehen. Je nach Persönlichkeit des Kindes kann es sehr wichtig sein, zu erfahren, wie klein oder groß Räume sind und wie viel Rückzugsmöglichkeiten bereitstehen.

Eltern lassen sich manchmal jedoch zu sehr vom Äußeren einer Kita blenden. „Die Kita sieht so schön neu aus, die Räume sind so groß, hell, schön gestaltet und es gibt viele Holzspielzeuge“ sind dabei Worte, die fallen.

Damit sich Kinder in einer Kita wohlfühlen, brauchen sie jedoch etwas anderes als eine perfekt gestaltete Einrichtung, die bunt und neu strahlt. Sie brauchen eine Einrichtung, in der sie als Mensch gesehen werden, so sein dürfen wie sie sind, Wertschätzung erfahren, Bindungen eingehen, darüber Stress regulieren können und sich abgrenzen dürfen. Es geht also weniger um Äußerlichkeiten als vielmehr um die Qualität von Beziehungen, als um schön gestaltete Räume.

„Es ist egal, wie die Räume aussehen, solange warmherzige Beziehungen gelebt werden können“

Es ist schon möglich, anhand eines Raumes die pädagogische Haltung und das Bild vom Kind abzulesen. Es ist zu sehen, ob sich adultistische, also kinderfeindliche Strukturen erkennne lassen oder nicht. Ist das Fenster für Kinder zu erreichen, gibt es einen unmittelbaren Zugang zum Garten und die Kinder dürfen auch selbständig in den Garten gehen, sind alle Materialien frei zugänglich und auf Augenhöhe der Kinder, gibt es auch „gefährliches“ Material wie eine Werkecke mit Hammer, Nägeln und Säge? So lässt sich vermuten, dass den Kindern Vertrauen entgegengebracht und sie als kompetente Wesen eingeschätzt werden. Jedoch gilt immer zu bedenken, dass die Einrichtung womöglich durch einen Architekt oder durch die Kita Leitung vorgenommen wurde und nicht die Fachkräfte selbst die Raumgestaltung geplant haben. Somit lässt sich diesbezüglich nur bedingt eine Aussage darüber treffen, welche Haltung tatsächlich gelebt wird.

Orientierungsqualität

Das Konzept einer Einrichtung ist das Herzstück der pädagogischen Arbeit. So heißt es oft. Eigentlich sollte es auch so sein und jedes Team sollte sich regelmäßig mit den Inhalten befassen. Steht im Konzept etwas von Partizipation will man von außen auch davon ausgehen, dass Partizipation drin ist. Die Realität sieht jedoch oft anders aus. Ein Konzept kann noch so schön formuliert sein: Es ist etwas vom Schutzkonzept zu lesen oder von einem individuellen Eingehen auf das Kind. Wie diese Standards jedoch in die Praxis von jeder einzelnen Fachkraft gelebt werden, ist oft sehr unterschiedlich. Das liegt daran, dass jeder Mensch aufgrund seiner eigenen Erfahrungen Begriffe unterschiedlich auslegt und unterschiedlich lebt. Partizipation kann für den einen beispielsweise bedeuten, die Kinder abstimmen zu lassen, was für eine Schaukel gekauft wird, für den anderen bedeutet es, die Kinder auch mitentscheiden zu lassen, wann sie von wem gewickelt werden.

Im Konzept der Einrichtung lässt sich ablesen, welche Schwerpunkte die Kita setzte, worauf sie besonders viel Wert legt, ob auf Sport, Musik oder Natur. Wovon jedoch auch ausgegangen werden sollte ist, dass ein Konzept unterschiedlich verstanden und in der Realität gelebt wird.

Deshalb sollte der Hauptfokus bei der Feststellung von Qualität nicht so sehr auf dem Studieren des Konzepts liegen, als vielmehr auf der Beobachtung von gelebter Beziehungsgestaltung (Prozess Qualität). Eltern sollten beispielsweise die Möglichkeit einer Hospitation in Anspruch nehmen, um zu erleben, wie mit Kindern interagiert, wie mit Bedürfnissen umgegangen wird, wie Konflikte begleitet und Grenzen geachtet werden.

Kriterien einer guten Prozess-Qualität

Eine gute Prozess-Qualität lässt sich daran messen, wie achtsam und feinfühlig Fachkräfte auf die Bedürfnisse von Kindern und Eltern eingehen. Ganz konkret kann die Interaktionsqualität an folgenden Parametern beobachtet werden:

  1. Gestaltung der Begrüßung/Verabschiedung
  2. Umgang der Fachkraft mit herausfordernden Situationen des Kindes
  3. Umgang der Fachkraft mit den Gefühlen der Kinder
  4. Umgang mit Konflikten zwischen Kindern
  5. Umgang mit Konflikten zwischen Fachkraft und Kind
  6. Umgang mit den Grenzen der Kinder
  7. Grad an Partizipation
  8. Umgang mit Eltern
  9. Achtsame Sprache

1. Begrüßung/Verabschiedung

Kinder und Eltern werden freundlich begrüßt, gesehen und angenommen. Kinder und Eltern werden aktiv dabei unterstützt, den Übergang zu bewältigen. Bedürfnisse werden wahrgenommen und beantwortet. Grenzen werden geachtet. Kein Kind wird zum Begrüßen/ Verabschieden gezwungen. Die Gefühle der Trauer und eventuell der Angst dürfen sein und werden liebevoll begleitet. Zeigen Kinder Signale, dass sie eine Hand brauchen, einen Arm oder konkrete Unterstützung beim Abschiednehmen, sollten diese Signale beantwortet werden.

2. Umgang der Fachkräfte mit herausfordernden Situationen des Kindes

Kommen Kinder in herausfordernde Situationen oder stehen vor einem Problem, gibt die Fachkraft den Kindern Raum zum Wachsen. Sie nimmt Kindern nicht alles ab oder vermeidet Frustrationen. Wenn Frustration aufkommen begleitet die Fachkraft die Kinder liebevoll. Kommt das Kind alleine nicht weiter, reagiert die Fachkraft feinfühlig und gibt passende Unterstützung, findet gemeinsam mit dem Kind Lösungen und unterstützt so, dass das Kind Erfolgserlebnisse hat.

3. Umgang der Fachkraft mit den Gefühlen der Kinder

Besonders wichtig für die Interaktionsqualität ist der Umgang der Fachkräfte mit den Gefühlen der Kinder. Können sie Gefühle wahrnehmen, differenzieren und benennen? Sind sie fähig, auch starke Gefühle wie Ärger und Frust achtsam zu begleiten ohne selbst überfordert zu werden, sich abzuwenden, zu drohen oder zu strafen? Wie reagieren Fachkräfte auf Gefühle der Kinder? Zugewandt und feinfühlig oder fallen Sätze wie: „Zick nicht rum!“, „So schlimm ist das auch nicht!“ oder „Jetzt hör mal auf mit dem Drama!“? Begleiten Fachkräfte aufkommende Gefühle von Kindern zugewandt und in Beziehung ist im Gefühlsaspekt von einer guten Prozess-Qualität auszugehen.

4. Umgang mit Konflikten zwischen Kindern

Der Umgang der Fachkraft mit Konflikten zwischen Kindern ist ein guter Indikator dafür, wie gut die Interaktionsqualität in dieser Gruppe ist. In einer Konfliktsituation kann abgelesen werden, ob Gefühle zugelassen, Bedürfnisse verbalisiert und eine moderierende Aushandlung stattfindet oder ob Konflikte als etwas Schlechtes bewertet werden, indem sie schnell beendet, Kinder auseinandergenommen, schnell durch die Fachkraft geklärt werden. Fallen Worte wie: „Hört mal auf damit!“ oder „Wir streiten hier nicht!“ ist davon auszugehen, dass Konflikte für die Fachkräfte nicht willkommen sind. Wenn die Fachkraft hingegen dazu in der Lage ist, die Perspektiven und Interessen der Kinder ernst zu nehmen, ihre Gefühle zu begleiten und bei der Lösungsfindung unterstützend zur Seite zu stehen, zeugt das von einer guten Prozess-Qualität.

Umgang mit Konflikten zwischen Fachkraft und Kind

Geraten die Fachkraft und ein Kind in einen Konflikt, ist ebenso gut abzulesen, wie hoch die Interaktionsqualität ist. Übergeht die Fachkraft ein „Nein“ des Kindes, nimmt sie seine Meinung nicht ernst, bestimmt sie, entscheidet sie über den Kopf des Kindes hinweg, ist sie bei Verweigerungen des Kindes gekränkt, reagiert patzig oder geht aus der Beziehung, bedeutet das keine gute Prozess-Qualität. Kann eine Fachkraft jedoch die Meinung des Kindes ernst nehmen, in einen gleichwürdigen Dialog zwischen Interessen eintreten, bei dem beiden Parteien der gleiche Wert zugesprochen wird und in einem Aushandlungsprozess gemeinsame Lösungen erarbeitet sowie Kompromisse geschlossen werden, kann in dem Punkt von einer guten Prozess-Qualität gesprochen werden.

Umgang mit den Grenzen der Kinder

Inbesondere in den Strandardsituationen zeigt sich, ob Grenzen von Kindern gewahrt werden: Essen, Schlafen, Wickeln/Toilette, Anziehen. Dürfen die Kinder bei diesen Routinen mitbestimmen, werden ihre körperlichen Grenzen geachtet und ihr „Nein“ akzeptiert? Darf ein Kind beispielsweise mitentscheiden, von wem es, wo und wann gewickelt wird? Wenn ein Kind die Matschhose nicht anziehen will, gibt es Raum für Aushandlung oder wird über das Kind bestimmt und seine Grenzen übergangen? Muss ein Kind in der Essenssituation etwas bestimmtes essen bevor es den Nachtisch essen darf? Muss ein Kind in der Ruhephase liegen bleiben obwohl es nicht müde ist? Darf ein Kind“Nein“ sagen zu Anweisungen von Erwachsenen oder wird dann gedroht oder gar bestraft? All das sind Schlüsselmomente, in denen eine gute oder weniger gute Prozess-Qualität sichtbar werden kann.

Grad der Partizipation

Der Umgang mit Grenzen der Kinder ist eng verzahnt mit der Partizipation der Kinder. Es reicht nicht aus, Partizipation im Konzept verankert zu haben und regelmäßige Kinderkonferenzen einzuberufen, in denen Kinder über etwas abstimmen können. Eine gelebte Partizipation bedeutet, in Fachkraft-Kind-Interaktionen beobachten zu können, dass das Kind in Entscheidungen, die es selbst betreffen, miteinbezogen wird und seine „Beschwerden“ wahrgenommen werden. Bereits im Krippenalter „beschweren“ sich Kinder beispielsweise darüber, dass ihre Lieblingsbezugsperson nicht da ist, indem sie weinen. Entscheidend ist, ob die Fachkräfte diese Beschwerden wahrnehmen, ernst nehmen und feinfühlig begleiten.

Umgang mit Eltern

Prozess Qualität bedeutet auch, feinfühlig mit den Eltern umzugehen. Eltern sollen mit ihren Gefühlen und Bedürfnissen gesehen und ernst genommen werden. Auch die Grenzen der Eltern sollten in der Erziehungspartnerschaft eine Rolle spielen. Werden die Gefühle der Eltern beispielsweise in der Eingewöhnung nicht ausreichend ernst genommen, werden Anliegen von Eltern abgetan und Grenzen übergangen, zeugt dies von keiner guten Kita Qualität. Manchmal kommt es jedoch vor, dass Fachkräfte sehr feinfühlig mit Kinder sein können, jedoch weniger mit den Eltern. Wenn das festzustellen ist und keine andere Kita zur Verfügung steht, kann es sinnvoll sein, die eigenen Bedürfnisse und Gefühle hinten anzustellen zugunsten des Kindes. Wichtig ist in aller erster Linie, dass sich das Kind wohlfühlt.

Achtsame Sprache

Ein wichtiger Hinweis für eine gute Prozess-Qualität ist die Wortwahl der Fachkräfte. Sprechen sie zugewandt, wertschätzend und wertfrei oder bewerten, stigmatisieren, vergleichen, manipulieren oder drohen sie sogar? Bei der Wahl der Worte werden die psychischen Grenzen der Kinder geachtet oder übergangen. Aus diesem Grund ist es so wichtig darauf zu achten, wie Fachkräfte mit Kindern sprechen. Bei einer gleichwürdigen, bedürfnisorientierten, authentischen, gefühlsbetonten und wertschätzenden Sprache ist von einer guten Interaktionsqualität auszugehen.

In 4 Schritten die Kita-Qualität feststellen

Mit den folgenden Schritten können Eltern die Qualität einer Kita ermitteln:

  1. Webseite betrachten (Struktur/ Orientierungsqualität)
  2. Konzeption lesen (Orientierungsqualität)
  3. Gespräch vereinbaren (Struktur-/ Orientierungs- / Prozessqualität)
  4. Hospitation vereinbaren (Prozessqualität)

1. Webseite betrachten

Zunächst können Eltern die Webseite einer Kita betrachten, um erste Anhaltspunkte darüber zu finden, welchen Werten die Kita folgt und wo der Schwerpunkt der pädagogischen Arbeit liegt: Ist sie eher Sport-fokussiert, musisch-kreativ, naturnah, arbeitet sie nachhaltig, mit einer bestimmten pädagogischen Ausrichtung wie Waldorf, Montessori oder Freinet, sind die Gruppen offen gestaltet oder arbeitet die Kita geschlossen in Stammgruppen mit festen Bezugspersonen. Die pädagogischen Ausrichtungen können bereits wichtig sein, um herauszufinden, ob die Einrichtung zur Persönlichkeit des Kindes passt.

Nicht jede Kita ist für jedes Kind geeignet. Kinder sind sehr unterschiedlich. Je nachdem, welches Temperament sie haben, welche Persönlichkeitseigenschaften, braucht ein Kind gewisse Rahmenbedingungen, um sich wohlzufühlen. Für sensible Kinder sind meist offen arbeitende Kitas weniger zu empfehlen. Für sehr interessierte, neugierige Kinder, die weniger bindungsbezogen sind, kann eine offen arbeitende Kita dienlicher sein, da sie dort mehr Bewegungsfreiraum und mehr materielles Angebot vorfinden. Sensible Kinder fühlen sich hingegen oft bei gleichbleibenden Bezugspersonen, in kleinen und gleichbleibenden Räumen sicherer.

2. Konzeption lesen

Die Konzeption kann Anhaltspunkte dafür bieten, zu erfahren, welche pädagogische Haltung und welches Kindbild die Kita vertritt. Allerdings ist bei der Konzeption Vorsicht geboten, da die Auslegungsvarianz der verfassten Haltung in der Praxis sehr breit ist. Konzeptionen klingen oft schön, jedoch wird nur selten einheitlich gelebt, was geschrieben ist (vgl. Orientierungsqualität).

„Die Auslegungsvarianz einer Konzeption ist oft sehr breit. Sie wird in der Praxis sehr unterschiedlich verstanden und gelebt.“

3. Gespräch

In einem Erstgespräch können bereits viele individuelle Fragen gestellt werden. Auch die eigenen Werte und Erwartungen können darin zum Tragen kommen und Gehör finden.

Ob ein Erstgespräch gewährt wird und wie die Reaktion der Fachkräfte im Gespräch ist, kann ein guter Hinweis dafür sein, wie gut die Kita arbeitet. Wird ein Erstgespräch verweigert, ist das bereits ein schlechtes Zeichen und eine andere Kita sollte ausfindig gemacht werden. Wird ein Gespräch ermöglicht, können darin bereits erste Anhaltspunkte dafür gesammelt werden, wie die Fachkräfte auf mich als Eltern reagieren, wie ernst sie mich mit meinen Anliegen nehmen und wie relevant eigene Erwartungen und Bedürfnisse für sie sind.

Für das Gespräch können folgende Fragen und Anliegen hilfreich sein:

  • wie ist die Personalsituation? (Wichtig, um den Stressfaktor für das Kind zu ermitteln)
  • Wie groß sind die Gruppen?
  • Wie hoch ist die Fluktuation von Fachkräften? Wie stabil ist das Team (Wichtig um herauszufinden, wie stabil Beziehungen sein können und wie hoch das Konfliktpotenzial im Team ist)
  • Kann ich (in der Eingewöhnung) mit einer relativ konstanten Bezugsperson rechnen?
  • Wie lange darf ich mir für die Eingewöhnung Zeit nehmen?
  • Werde ich an den Schritten der Eingewöhnung beteiligt?

Was ich mir für mein Kind in der Kita wünsche:

Mir ist es wichtig, dass …

… mein Kind selbst bestimmen darf, was auf seinen Teller kommt, was es isst und wie viel. Es soll auch einen Nachtisch bekommt, wenn es nichts von der Hauptspeise gegessen hat.

… mein Kind nicht bestraft wird, nicht als Auszeit an den Tisch oder in die Garderobe gesetzt wird.

… meinem Kind bei Fehlverhalten Verständnis entgegengebracht wird und es nicht bestraft oder vorgeführt wird.

… mein Kind mitentscheiden darf, ob es schläft oder nicht.

… mein Kind mitbestimmen darf, wann es von wem und wo gewickelt wird/ auf Toilette gehen mag.

… mein Kind selbst entscheiden darf, an welchen Angeboten es teilnimmt und an welchen nicht.

… mein Kind mit all seinen Gefühlen ernst genommen wird und sein darf, dass es getröstet wird und auch mit seinem Ärger und seiner Angst gesehen wird.

… mein Kind sich abgrenzen und „Nein“ sagen darf

Die Reaktionen auf die formulierten Anliegen gibt Aufschluss darüber, wie zugewandt und familienorientiert in der Einrichtung gearbeitet wird.

„Die Hospitation ist der wichtigste Schritt, um die Qualität einer Einrichtung festzustellen!“

4. Hospitation: Die Hospitation ist der wichtigste Schritt, um die Qualität einer Einrichtung festzustellen. Denn letztlich bringt kein Konzept und keine ausreichend guten Rahmenbedingungen etwas, wenn die festgeschriebene Haltung nicht tatsächlich gelebt wird. In einer Hospitation, möglichst in der vorgesehen Gruppe können Eltern beobachten, wie die potenziellen Bezugspersonen die Kriterien der Prozessqualität in der Praxis umsetzen (vgl. Prozessqualität). Eltern können beobachten, wie Fachkräfte die Gefühle der Kinder begleiten, wie sie mit ihren Gefühlen umgehen, Konflikte moderieren und wie sie ihre Grenzen achten. Empfehlenswert für die Beobachtung sind die klassischen Standardsituationen wie Essen, Schlafen und Rausgehen. Darin entstehen häufiger Konflikte als in entspannten Spielsituationen und eigenen sich deshalb hervorragend, um zu beobachten, wie achtsam mit den Bedürfnissen der Kinder umgegangen wird.

Wird Eltern eine Hospitation verweigert oder zumindest kritisch beäugt, kann die Kita als nicht ausreichend gut bewertet und abgehakt werden. Jede Einrichtung sollte dazu bereit sein, Eltern einen Einblick in ihre pädagogische Arbeit zu geben. Ist das nicht der Fall ist davon auszugehen, dass sie auch künftig wenig transparent arbeiten, die Bedürfnisse von Eltern wenig ernst nehmen sowie wenig Offenheit zeigen für Impulse von außen.

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70-Schützende Gewalt und Konsequenz

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Lea Wedewardt

Wenn es nicht gelingt, durch gewaltfreie Methoden Grenzen zu schützen (wie in den Folgen 68 und 69), ist es manchmal notwendig, körperlich einzuschreiten und dabei bewusst Grenzen eines Kindes zu überschreiten. Die schützende Gewalt beschreibt ein Vorgehen aus der Gewaltfreien Kommunikation, bei dem Grenzen überschritten werden um die Grenzen anderer zu schützen und dabei wichtige Bedürfnisse zu erfüllen.


In drei Beispielen erkläre ich in dieser Folge, was ihr tun könnt, wenn Kinder auf eure Bitte, Grenzen zu respektieren, nicht eingeht. Wenn ein Kind z.B. mit einem Stein auf ein anderes Kind werfen möchte, wenn ein Kind wiederholt sehr laut mit dem Löffel auf den Tisch klopft, so dass andere Kinder sich die Ohren zuhalten müssen oder wenn ein Kind beleidigende Sätze zu einem anderen Kind sagt trotz achtsamen Kommunizierens nicht damit aufhört.


In dieser Folge wird verdeutlicht, worauf es bei der schützenden Gewalt oder dem Anwenden einer Konsequenz ankommt und wie die Würde des Kindes trotzdem erhalten bleiben kann. Ihr erfahrt, wie das Kind seine Grenzen achten lernt auch wenn wir in manchen Situationen über seine Grenzen gehen müssen.

Kontakt zu mir: bo.kinderbetreuung@gmail.com und über die Webseite: https://www.beduerfnisorientierte-kinderbetreuung.de/

BO Akademie: www.bo-akademie.de, kontakt@bo-akademie.de

Instagram: @derkitapodcast Facebookgruppe: „Bedürfnisorientierte Kinderbetreuung“

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5 Alternativen für eine Auszeit als Strafe

Bekannte und manchmal noch angewandte Formen der Auszeit sind beispielsweise das “time out”, der  Auszeitstuhl, die Auszeit in der Garderobe oder die Auszeit vor der Tür. Diese Erziehungsmethoden sind eine Form der Bestrafung, für die kindliche Psyche ungesund und für die kindliche Entwicklung schädigend. Begründungen dafür beschreibe ich in meinem Artikel: „die Auszeit in der Garderobe ist Kindeswohlgefährdung!“. Um eine Auszeit als Bestrafung zu vermeiden können nun folgende Alternativen in der Praxis angewandt werden:

  1. Klares Signal und Schutz

Bei körperlichen oder psychischen Übergriffen sollte ein klares Signal gesendet („Stopp!“) und schützend eingegriffen werden (Kind und sich selbst schützen). Dabei eine wertschätzende, wertfreie, zugewandte Haltung einnehmen. Nicht aus dem Kontakt gehen.

  1. Gefühle und Bedürfnisse sehen

Die Gefühle des/der Kinde/r verbalisieren („du scheinst dich sehr zu ärgern“) und die Bedürfnisse hinter dem Verhalten entschlüsseln („kann es sein, dass du das Auto haben wolltest?“). Bei der Erfüllung der Bedürfnisse unterstützung anbieten („wollen wir mal gemeinsam fragen, ob du das Auto haben darfst?!“).

  1. Hilfe holen

Den eigenen Notstand wahrnehmen und erkennen. Eine andere Fachkraft fragen, ob sie helfen kann/ übernehmen kann? Achtsam das innere Stresslevel wahrnehmen (an innerem Ampelssystem ablesen: „bin ich auf gelb oder schon auf rot?!“, einführen von Codewörtern: wenn ich „Tannenbaum“ sage, brauche ich unbedingt deine Hilfe!“

  1. Selbstfürsorge

In Situationen, in denen Strafen verhängt werden wollen, sind Erwachsene selbst voller Wut. Diese Wut macht auf ein eigenes unerfülltes Bedürfnis aufmerksam. Dann sollten die Erwachsenen sich um sich selbst kümmern, tief durchatmen und sich wertfrei fragen: Wie geht es mir? Was fühle ich? Was denke ich? Was brauche ich? Ich darf mir selbst eine Auszeit gönnen und mir erlauben eine Pause zu machen.

  1. Eigene Triggerpunkte reflektieren

Die Vehaltensweisen der Kinder sind nicht die Ursache für die heftige Reaktion des Erwachsenen, nur der Auslöser. Deshalb sollten Erwachsene sich im Nachhinein reflektieren: “welche Situationen bringen mich an meine Grenzen und warum, welche Situationen triggern mich? Sind es immer wieder die gleichen Situationen? Und womit hat das zu tun, dass an der Stelle so ein innerer Knopf gedrückt wird? Mit eigenen konflikthaften Themen, Erfahrungen in der eigenen Biografie?”


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45 – Theater- und Zirkuspädagogik in der Kita

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Mark Kitzig

In dieser Folge habe ich den Theater- und Zirkuspädagogen Mark Kitzig zu Gast. Er beantwortet mir Fragen rund um das Thema „Theater und Zirkuspädagogik in der Kita“. Ich frage ihn, wie er ein Zirkusprojekt genau durchführt, welche Spiele er mit Kindern spielt, wie er ihre Kreativität anregt, was man tun kann, wenn Kinder nicht beim Projekt mitmachen wollen und vieles mehr.

Viel Freude beim Anhören!

Benannte Links: www.zirkuspaedagogik.de, https://zutp.de/akrobatik-mit-kinder-spiele-uebungen-und-stundenplan/, www.zutp.de/

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Was ist Bedürfnisorientierte Kinderbetreuung? Der Versuch, ein komplexes Thema so kurz wie möglich zu erfassen

In der Bedürfnisorientierten Kinderbetreuung stehen die Bedürfnisse aller Beteiligten in der Kinderbetreuung im Zentrum der Aufmerksamkeit. Das heißt jeder Einzelne steht mit seiner Individualität, mit seinen Bedürfnissen, seinen Gefühlen und seinen individuellen Grenzen im Mittelpunkt. Bedürfnisorientierte Kinderbetreuung nimmt insbesondere die Bedürfnisse der Kinder, der Fachkräfte aber auch der Eltern als Ausgangspunkt der Interaktionen und der Gestaltung der Kinderbetreuung. Jedes Bedürfnis und jedes Gefühl hat seine Berechtigung und seinen Platz, wird gesehen und gewertschätzt. 

Das bedeutet nicht automatisch, dass jedes Bedürfnis ungefiltert ausagiert werden bzw. sofort seine Befriedigung findet kann, das wäre – insbesondere unter den aktuellen Rahmenbedingungen – nicht möglich. Es geht viel mehr darum, sein Feingefühl zu schulen und sich als Fachkraft dafür zu sensibilisieren, das Bedürfnis, die Absicht, das Gefühl oder die Grenze des Kindes, der Eltern oder auch die von uns selbst wahrzunehmen und zu formulieren. 

Der erste Schritt ist also zunächst die Wahrnehmung der Bedürfnisse. Der Fokus liegt darauf, eine Situation hinsichtlich der Bedürfnisse der unterschiedlichen (kleinen und großen) Menschen achtsam wahrzunehmen und zu benennen. Häufig ist es so, dass allein das Formulieren (Spiegeln) und damit das Verständnis für ein Bedürfnis ausreicht, um eine Beruhigung, Befriedigung und Regulierung der Situation zu ermöglichen. Was fühlst du gerade? Was willst du gerade? Was ist deine Idee? Was denkst du gerade? Was ist dein Fokus? Ziel ist es dabei, die Gefühls- und Bedürfnislage der Kinder und der Fachkräfte für sich selbst offenzulegen, bewusst zu machen. 

Erst im zweiten Schritt geht es um die Frage, wie können die einzelnen Bedürfnisse erfüllt werden? Stellen wir uns mal das Beispiel einer Kindergartengruppe vor. Jeder hat ein anderes Bedürfnis zu einem bestimmten Moment. Jeder hat andere Gefühle, jeder möchte etwas anderes tun. Es ist somit notwendig, die verschiedenen Bedürfnisse gegeneinander abzuwägen weil sonst die Gruppe nicht handlungsfähig wäre. Es beginnt ein Aushandlungsprozess zwischen den Bedürfnissen. 

Der größte Kritikpunkt an der Bedürfnisorientierung besteht darin, dass es nicht möglich sei, alle Bedürfnisse aller Kinder jederzeit erfüllen zu können. Es besteht auch die Angst, dass Kinder dann nicht lernen, ihre Bedürfnisse aufzuschieben, wenig Frust aushalten können. Durch Das Aufeinandertreffen der verschiedenen Bedürfnisse in der Gruppe kommt es jedoch automatisch zu einem Aushandlungsprozess, in dem die Beteiligten sich in andere hineinversetzen müssen, in dem sie lernen Empathie zu entwickeln und Kompromisse einzugehen. Die Kinder lernen so ganz automatisch, dass andere Menschen andere Bedürfnisse haben und es wichtig ist diese zu respektieren. Dadurch lernen sie ihre eigenen Bedürfnisse in gewissen Momenten zurückzustellen, Impulse aufzuschieben und Frust auszuhalten. Auf diese Weise fühlen sie sich selbst gesehen und gleichzeitig entsteht ein Gruppengefühl, das auf Empathie beruht und nicht darauf, dass der Erwachsene die Gruppe erzwingt: “das macht man nicht”, “das ist unhöflich!”.

Bedürfnisse verstehen, Gefühle benennen, Grenzen achtsam wahrnehmen, Aushandlungen, Gegenüberstellungen von Bedürfnissen, Lösungen finden, all das sind Kompetenzen, die wir Menschen für ein gesundes, glückliches Leben benötigen. Das heißt, es ist nicht möglich, alle Bedürfnisse zu jedem Zeitpunkt zu erfüllen aber es gibt ein Platz für jedes Bedürfnis, und das Gefühl dahinter und wenn es nur dadurch ist, dass das Bedürfnis ausgesprochen wird.

Zum Weiterhören:

Podcastepisode: Bedürfniswahrnehmung vor Bedürfniserfüllung

Podcastepisode: Der Regenbogenfisch und die drei Säulen der Kinderbetreuung

Zum Weiterlesen:

Artikel: Das Kind in seinen Bedürfnissen wahrzunehmen ist oft noch wichtiger als die Erfüllung selbst

Artikel: Die Bedürfnisse des Menschen – eine Übersicht

Artikel: Bedürfnisorientiert heißt… Bedürfnisorientiert heißt nicht…


Dir hat der Artikel gefallen und du möchtest mir deine Wertschätzung ausdrücken? So würde ich mich über eine Spende freuen. Ich schreibe alle Artikel ehrenamtlich und bin dankbar für deine Unterstützung.

26 – Bedürfnisorientierte Eingewöhnung Teil 1 – ein Interview mit Stefanie von Brück

Der Kita Podcast
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Stefanie von Brück

In dieser Podcastepisode spreche ich mit Stefanie von Brück über eine bedürfnisorientierte und bindungsstarke Eingewöhnung. Wir betrachten in diesem ersten Teil die Sinnhaftigkeit von Eingewöhnungskonzepten und legen den Fokus auf die Bedürfnisse aller Beteiligten der Eingewöhnung: der Eltern, Kinder und Fachkräfte. Uns ist es dabei gelungen, etwas tiefer zu blicken und die möglichen emotionalen sowie persönlichen Anliegen während eines Eingewöhnungsprozesses unter die Lupe zu nehmen. Viel Spaß beim Hören.

Kontakte und Infos zu Stefanie von Brück:

Online-Fortbildung für pädagogische Fachkräfte am 22. August 2020 „beziehungsstarke Eingewöhnung leicht gemacht“ https://stefanievonbrück.de/kita-eingewoehnung-paedagogische-fortbildung/

1:1 Beratung für Eltern Happy Kita Start https://stefanievonbrück.de/happy-kita-start-erfolgsprogramm/

Instagram: https://www.instagram.com/stefanievonbrueck.de/:

Facebook: https://www.facebook.com/beziehungsstarkeKitaFamilien/

Zum Weiterhören und -lesen von Lea

Link zum Weiterhören: https://www.beduerfnisorientierte-kinderbetreuung.de/19-eingewoehnung-in-der-peer-group

Zum Weiterlesen: Nützliches Wissen zur Eingewöhnung Teil 1 – Wissenschaftliche Erkenntnisse aus der Transitionsforschung

Zum Weiterlesen: Nützliches Wissen zur Eingewöhnung Teil 2 – fünf Fehlannahmen einer abgeschlossenen Eingewöhnung

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25 – Achtsamer Umgang mit den körperlichen Grenzen der Kinder in Krippe und Kita.

Der Kita Podcast
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Lea Wedewardt

Es ist so schnell passiert: wir streicheln über den Kopf des einen Kindes, ziehen dem anderen eben mal schnell von hinten die Hose hoch, wischen dem nächsten Kind ohne Vorankündigung von hinten den Mund ab. Der Alltagsstress in einer Kindertageseinrichtung führt dazu, dass alles schnell und glimpflich ablaufen muss. Oft übersehen wir dabei, dass wir in der Hektik immer wieder über die körperlichen Grenzen der Kinder hinweggehen. Die Kinder zeigen Zeichen aber wir nehmen sie nicht wahr. In dieser Podcastfolge erkläre ich, wo die körperlichen Grenzen der Kinder verlaufen, wie wir sie wahrnehmen und respektieren können. Ich zähle verschiedene Situationen aus dem Kitaalltag auf, in denen wir besonders feinfühlig auf die körperlichen Grenzen der Kinder achten dürfen.

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