40 – Bedürfnisorientierte Kinderbetreuung. Was ist das genau? Ein Gespräch mit Kathrin Hohmann.

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Lea Wedewardt

Was ist die bedürfnisorientierte Kinderbetreuung (BOK) eigentlich ganz genau? Worauf liegt der Fokus? Heißt Bedürfnisorientierung, dass alle Wünsche erfüllt werden? Welche Rolle spielen Gefühle? Auf welcher theoretischen Grundlage fußt die BOK? Wo beginnt die BOK und wo hört sie auf? Welche Haltung und welche Rolle nimmt die pädagogische Fachkraft im bedürfnisorientierten Modell genau ein? Diese und weitere Fragen stellen sich Kathrin Hohmann von Kindheiterleben und ich in einem Brainstorming Gespräch. Viel Spaß beim Hören!

Kontakt zu Kathrin Hohmann: www.kindheiterleben.de, https://www.facebook.com/mitkindernheiterleben

Meine Webseite: www.beduerfnisorientierte-kinderbetreuung.de

Was ist Bedürfnisorientierte Kinderbetreuung? Der Versuch, ein komplexes Thema so kurz wie möglich zu erfassen

In der Bedürfnisorientierten Kinderbetreuung stehen die Bedürfnisse aller Beteiligten in der Kinderbetreuung im Zentrum der Aufmerksamkeit. Das heißt jeder Einzelne steht mit seiner Individualität, mit seinen Bedürfnissen, seinen Gefühlen und seinen individuellen Grenzen im Mittelpunkt. Bedürfnisorientierte Kinderbetreuung nimmt insbesondere die Bedürfnisse der Kinder, der Fachkräfte aber auch der Eltern als Ausgangspunkt der Interaktionen und der Gestaltung der Kinderbetreuung. Jedes Bedürfnis und jedes Gefühl hat seine Berechtigung und seinen Platz, wird gesehen und gewertschätzt. 

Das bedeutet nicht automatisch, dass jedes Bedürfnis ungefiltert ausagiert werden bzw. sofort seine Befriedigung findet kann, das wäre – insbesondere unter den aktuellen Rahmenbedingungen – nicht möglich. Es geht viel mehr darum, sein Feingefühl zu schulen und sich als Fachkraft dafür zu sensibilisieren, das Bedürfnis, die Absicht, das Gefühl oder die Grenze des Kindes, der Eltern oder auch die von uns selbst wahrzunehmen und zu formulieren. 

Der erste Schritt ist also zunächst die Wahrnehmung der Bedürfnisse. Der Fokus liegt darauf, eine Situation hinsichtlich der Bedürfnisse der unterschiedlichen (kleinen und großen) Menschen achtsam wahrzunehmen und zu benennen. Häufig ist es so, dass allein das Formulieren (Spiegeln) und damit das Verständnis für ein Bedürfnis ausreicht, um eine Beruhigung, Befriedigung und Regulierung der Situation zu ermöglichen. Was fühlst du gerade? Was willst du gerade? Was ist deine Idee? Was denkst du gerade? Was ist dein Fokus? Ziel ist es dabei, die Gefühls- und Bedürfnislage der Kinder und der Fachkräfte für sich selbst offenzulegen, bewusst zu machen. 

Erst im zweiten Schritt geht es um die Frage, wie können die einzelnen Bedürfnisse erfüllt werden? Stellen wir uns mal das Beispiel einer Kindergartengruppe vor. Jeder hat ein anderes Bedürfnis zu einem bestimmten Moment. Jeder hat andere Gefühle, jeder möchte etwas anderes tun. Es ist somit notwendig, die verschiedenen Bedürfnisse gegeneinander abzuwägen weil sonst die Gruppe nicht handlungsfähig wäre. Es beginnt ein Aushandlungsprozess zwischen den Bedürfnissen. 

Der größte Kritikpunkt an der Bedürfnisorientierung besteht darin, dass es nicht möglich sei, alle Bedürfnisse aller Kinder jederzeit erfüllen zu können. Es besteht auch die Angst, dass Kinder dann nicht lernen, ihre Bedürfnisse aufzuschieben, wenig Frust aushalten können. Durch Das Aufeinandertreffen der verschiedenen Bedürfnisse in der Gruppe kommt es jedoch automatisch zu einem Aushandlungsprozess, in dem die Beteiligten sich in andere hineinversetzen müssen, in dem sie lernen Empathie zu entwickeln und Kompromisse einzugehen. Die Kinder lernen so ganz automatisch, dass andere Menschen andere Bedürfnisse haben und es wichtig ist diese zu respektieren. Dadurch lernen sie ihre eigenen Bedürfnisse in gewissen Momenten zurückzustellen, Impulse aufzuschieben und Frust auszuhalten. Auf diese Weise fühlen sie sich selbst gesehen und gleichzeitig entsteht ein Gruppengefühl, das auf Empathie beruht und nicht darauf, dass der Erwachsene die Gruppe erzwingt: “das macht man nicht”, “das ist unhöflich!”.

Bedürfnisse verstehen, Gefühle benennen, Grenzen achtsam wahrnehmen, Aushandlungen, Gegenüberstellungen von Bedürfnissen, Lösungen finden, all das sind Kompetenzen, die wir Menschen für ein gesundes, glückliches Leben benötigen. Das heißt, es ist nicht möglich, alle Bedürfnisse zu jedem Zeitpunkt zu erfüllen aber es gibt ein Platz für jedes Bedürfnis, und das Gefühl dahinter und wenn es nur dadurch ist, dass das Bedürfnis ausgesprochen wird.

Zum Weiterhören:

Podcastepisode: Bedürfniswahrnehmung vor Bedürfniserfüllung

Podcastepisode: Der Regenbogenfisch und die drei Säulen der Kinderbetreuung

Zum Weiterlesen:

Artikel: Das Kind in seinen Bedürfnissen wahrzunehmen ist oft noch wichtiger als die Erfüllung selbst

Artikel: Die Bedürfnisse des Menschen – eine Übersicht

Artikel: Bedürfnisorientiert heißt… Bedürfnisorientiert heißt nicht…


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die Bedürfnisse des Menschen – eine Übersicht

Um in der Kinderbetreuung bedürfnisorientiert arbeiten zu können, kann es hilfreich sein, sich die wichtigsten Bedürfnisse eines jeden Menschen nochmal vor Augen zu führen.

Mit dem umfangreichen Themenkomplex Bedürfnisse des Menschen haben sich bereits mehrere Wissenschaftler auseinandergesetzt. Die bekanntesten sind: A. Maslow, T.B. Brazelton und M.B. Rosenberg. In Anlehnung an ihre Konzepte habe ich nachfolgend die wichtigsten Bedürfnisse des Menschen zusammengetragen.

Alle drei Fachleute sind sich darüber einig: wenn der Mensch sich einen oder mehrere Bedürfnisse über lange Zeit nicht erfüllen kann, wird er unglücklich oder krank. Bei bestimmten Bedürfnissen kann die nicht Erfüllung sogar zum Tod führen.

1. Physiologische Grundbedürfnisse: jeder Mensch hat das Bedürfnis nach Schlaf, Essen, Trinken, auf Toilette gehen, Gesundheit und Sexualität

2. Bedürfnis nach Beziehung: jeder Mensch braucht für sein Wohlbefinden beständige liebevolle Beziehungen. Bindung ist eines der grundlegendsten Bedürfnisse, die wir als Menschen haben. In unseren Beziehungen finden wir Schutz, Sicherheit und eine vertrauensvolle Person, die uns hilft, wenn es uns nicht gut geht. Wir können uns sicher sein, dass sie uns respektvoll behandelt, uns vertraut und uns unterstützt.

3. Bedürfnis nach Sicherheit: Jeder Mensch hat das Bedürfnis nach körperliche Unversehrtheit, Sicherheit und Schutz. Wir brauchen die Gewissheit in einer behaglichen Atmosphäre angstfrei sein zu dürfen

4. Bedürfnis nach Kontakt und Zugehörigkeit: wir Menschen sind “Herdentiere”. Wir suchen den Kontakt zu unserer sozialen Gruppe und wollen ein fester Bestandteil der Gruppe sein. Um uns wohl zu fühlen, brauchen wir ein Gefühl von Nähe, Liebe, Zusammensein und Gemeinschaft mit anderen. Freundschaften machen uns glücklich. Wenn wir mit Menschen zu tun haben, die ähnliche Interessen verfolgen, wir etwas mit ihnen teilen können, erfüllt das eines unserer wesentlichen Bedürfnisse.

5. Bedürfnis nach Erholung: nach Anstrengung, Stress oder vielen Eindrücken haben wir das Bedürfnis nach Ruhe und Erholung. Wir brauchen zwischendurch freie Zeit, die Möglichkeit etwas selbstbestimmt zu tun, sich körperlich und geistig „aufzutanken“ oder alleine zu sein. Menschen haben das Bedürfnis nach Urlaub und nach Ferien. Jeder Mensch nutzt andere Strategien, um sich zu entspannen.

6. Bedürfnis nach Grenzen und Strukturen: Menschen suchen nach Kontinuität. Sie nutzen Rituale, um ihr Leben zu strukturieren. Gleichbleibende Abläufe können uns Halt geben. Wir haben das Bedürfnis, die eigenen Möglichkeiten und Grenzen zu erfahren und zu verstehen.

7. Bedürfnis nach Autonomie: Wir Menschen wollen Erfahrungen machen, raus in die Welt, uns verwirklichen, unsere Potenziale entfalten, selbstbestimmt sein. Wir wollen uns ausdrücken und uns entwickeln. Dazu brauchen wir Möglichkeiten, Erfahrungen zu machen, die für uns und unsere Kompetenzen passend sind. Wir wollen Verantwortung übernehmen und so leben, wie wir möchten. Wir wollen uns selbst Ziele stecken, Träume entwickeln und uns selbst Werte wählen, die für uns passen. Wir brauchen das Recht auf Individualität, Freiräume für schöpferisches Arbeiten und Kreativität. Wir brauchen die Autonomie, um authentisch leben zu können.

8. Bedürfnis nach Anerkennung: Wir suchen danach, Anerkennung für unsere Leistung zu bekommen. Wir wollen wichtig sein, wertvoll sein, eine Geltung haben. Wir suchen nach Zustimmung und Resonanz. Anerkennung sollte nicht mit Belohnung verwechselt werden.

9. Bedürfnis nach Spiel: der Mensch hat das Bedürfnis nach Spiel, nach freiem, zweckfreiem Tun.

10. Bedürfnis nach Feiern und Spiritualität: wir Menschen wollen Freude erleben, lachen und die Schönheit des Lebens genießen. Wir haben das Bedürfnis über philosophische Fragen nachzudenken, die mit unserem Leben zu tun haben. Wir wollen beispielsweise darüber nachdenken, wie Leben entsteht oder was der Tod ist. Wir wollen uns mit den Themen Abschied Übergänge, Frieden und Glaube auseinandersetzen.

11. Bedürfnis nach Empathie: nach Rosenberg haben wir ein Bedürfnis nach Empathie. Das bedeutet, wir suchen nach einem Gegenüber, das uns versteht, sich in uns hineinfühlen kann, uns sieht und hört. Wir suchen danach, Verständnis und Wertschätzung von unserem Gegenüber für unsere Gefühle, für unser Handeln zu erhalten. Wir wünschen uns Respekt und Akzeptanz.

12. Bedürfnis nach Würde und Sinn: wir wollen uns in unserem Sein angenommen fühlen und uns selbst als wertvoll betrachten. Wir wollen in unserem Tun einen Sinn erkennen, einen Beitrag zum großen Ganzen leisten, etwas bewegen und unser Tun als bedeutend erleben. Der Mensch möchte gebraucht werden.

  • Brazelton, T. Berry, Greenspan, Stanley I. (2002): Die sieben Grundbedürfnisse von Kindern. was jedes Kind braucht, um gesund aufzuwachsen, gut zu lernen und glücklich zu sein. Weinheim [u.a.]: Beltz.
  • Maslow, A. (1943): A theory of human motivation. In: Psychological Review, 50(4), 370-396
  • Rosenberg, Marshall, B. (2016): Gewaltfreie Kommunikation: Eine Sprache des Lebens.


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