Gewaltvolles Verhalten durch pädagogische Fachkräfte – eine Sammlung

„Es kann nicht sein, was nicht sein darf“ (Anke Elisabeth Ballmann)

1. Emotionale Gewalt

Kinder ignorieren

Augen rollen

böse, abwertende Blicke

Kinder als Bestrafung ohne Worte stehen lassen, alleine (stehen) lassen

Manipulation: „nur wenn du das aufisst, wirst du groß und stark“

„Wenn die Lara das Ei nicht bastelt, bekommen ihre Eltern halt kein Ostergeschenk“

„Wenn der Viktor nicht mit reinkommt, bekommt er eben kein Mittagessen“

Beschämung/ Bloßstellen: z.B. Kind hat während der Mittagsruhe eingepullert und wird von der Erzieherin vor den anderen Kindern bloß gestellt: „siehst du Lisa, ich hab’s dir gesagt! Wärst du vorhin auf’s Klo gegangen“. Zu den anderen Kindern: „also so wie der Jan das macht, geht das nicht. Bei ihm dürft ihr das euch nicht abschauen“

Angst machen: „wenn du nicht artig bist, holt deine Mama dich nicht ab“

„hör sofort auf, sonst kommt dein Schnuffi (Kuscheltier) weg“

2. Verbale Gewalt

Im Beisein des Kindes schlecht über es sprechen: mit den Eltern oder einer anderen Fachkraft. „Also die Lina ist ja echt schüchtern, schlimm, mit ihr kannst du nichts unternehmen. Das ist weil ihre Mutter sie noch stillt“ (Während Lina mithörten kann)

Sarkasmus: „man du bist ja echt schlau“ und meint eigentlich „man bist du dumm“

Widersprüchliche Aussagen (Double-bind): in höchst zynischem Ton: “na das hast du ja wunderbar gemacht”, “ganz toll!” “so ein kluges Kind bist du” wenn das Kind eigentlich etwas falsch gemacht hat.

Anschreien, Ausschimpfen: (in sehr lautem aufbrausenden Tonfall): „was steht ihr denn hier rum? Ihr solltet euch doch anziehen. Manuel, du sitzt ja nur da rum, mach, dass du dich anziehst. So wird das nie etwas mit dir werden“

verbale Abwertung: „bist du dumm“, „das schaffst du ja eh nicht“, „so wird nie etwas aus dir!“, „du stellst dich ja an“

3. Körperliche Gewalt

Fixieren: am Stuhl, Lätzchen unter Teller festklemmen, in Hochstuhl festsetzen ohne Bewegungsspielraum und die Möglichkeit aufzustehen, am Bett fixieren, auf dem Töpfchen/Klo festbinden

Zerren, Schubsen, ohne Ankündigung Herumreißen, Hochreißen (bei Krippenkindern)

4. Bestrafung

Strafen androhen
„Wenn du nicht sofort aufräumst, gehst du in die Krippe“

Strafen durchführen: Kind sozial isolieren: auf den stillen Stuhl, stille Treppe, alleine in die Garderobe schicken, Auszeit, Time-out

weitere Beispiele für Bestrafungen: das Kindergartenkind in die Krippe schicken, vor die Tür setzen, zur Strafe als letztes etwas auswählen dürfen, o.ä.

5. Zwang/ Nötigung

Kind zwingen z.B. seinen Schnuller abzugeben, zum Wickeln zwingen

Rigide Schlafenszeiten/ Schlafzwang: Schlafen müssen obwohl nicht müde, liegen bleiben müssen, „Bewachung“ durch Fachkraft, Runterdrücken, Festbinden, still liegen müssen

Zum Essen drängen/ zwingen: Probieren müssen, zum Probieren drängen, aufessen müssen, etwas essen müssen bevor man etwas anderes darf (z.B. den Nachtisch, Aufstehen, Spielen gehen), zum Essen manipulieren: „nur wenn du das Fleisch isst, wirst du groß und stark“

Nötigung zum aufs Töpfchen/ Klo gehen: auf’s Klo gehen müssen, z.B. in der Toilette einsperren bis das Kind auf Toilette gegangen ist, mehrfaches Überreden auf’s Klo zu gehen, lange auf dem Töpfchen/ Klo sitzen müssen (bis etwas kommt)

6. Unterlassen von Hilfeleistung

Trost verweigern: Kind weint streckt die Arme nach der Erzieherin aus und sagt: „nein ich nehme dich nicht hoch. Das musst du lernen“

Verweigern von Nähe und Tragen obwohl das Kind deutliche Signale zeigt, dass es getragen werden möchte. Mehr dazu auch in folgendem Artikel: https://www.beduerfnisorientierte-kinderbetreuung.de/zu-viel-naehe-gibt-es-nicht-auch-nicht-im-paedagogischen-kontext

Bedürfnis nicht ernst nehmen und unbeantwortet lassen: „der will nur Aufmerksamkeit“ und nötige Hilfe unterlassen „ach ja, der Leon, der macht immer einen Aufstand um nichts“

7. Diskriminieren

Lieblingskinder bevorzugen

Kinder in ihrem Beisein miteinander vergleichen
„schau mal, der Levi kann sich aber schon alleine anziehen. Das müsstest du auch längst können

Kinder diskriminieren:

8. Sexuelle Gewalt

Ungenügende Nähe-Distanz Regulation z.B. wenn Fachkräfte sich ihre eigenen Bedürfnisse nach Nähe und Zuwendung durch die Kinder befriedigen: z.B. kuscheln obwohl das Kind nicht will, das Kind küssen, eine Innigkeit herstellen, die über die Grenze des Kindes geht.

Diese Liste hat keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Es handelt sich um eine Sammlung von selbst erlebten Beispielen, berichteten Beispielen und Beispielen aus den angegebenen Büchern.

Wie es mir damit geht, Fehlverhalten in Kindertagesstätten zu beobachten und nicht zu wissen, wie ich damit umgehen soll, könnt ihr in diesem Artikel von mir nachlesen: https://www.beduerfnisorientierte-kinderbetreuung.de/gewalt-durch-paedagogische-fachkraefte-mein-dilemma-zwischen-hinsehen-und-wegsehen

Literaturangaben:

Jörg Maywald (2019): Gewalt durch pädagogische Fachkräfte verhindern.

Anke Elisabeth Ballmann (2019): Seelenprügel. Was Kindern in Kitas wirklich passiert.

https://www.donbosco-medien.de/gewalt-durch-paedagogische-fachkraefte-ein-tabu-broeckelt/b-1/484


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Auszeit in der Garderobe ist Kindeswohlgefährdung!

Heute geht es um ein nicht sehr erfreuliches Thema, aber eins, das mir sehr am Herzen liegt. Ich habe in meinem beruflichen Alltag bereits ein paar Mal gesehen, wie Kinder als Strafe für ein unerwünschtes Verhalten alleine in der Garderobe sitzen mussten. Die anderen Kinder haben derweil weiter im Gruppenraum gespielt oder sind als Gruppe rausgegangen. Das heißt, die betroffenen Kinder waren für einen längeren Zeitraum auf sich gestellt.

Zunächst möchte ich klar feststellen, der Ausschluss aus einer sozialen Gruppe als Bestrafung ist KINDESWOHLGEFÄHRDUNG und nicht erlaubt! Der Paritätische Gesamtverband hat eine Arbeitshilfe zum Kinderschutz herausgegeben, in dem erklärt wird, dass “vor die Tür stellen” eine Form der Gewalt ist – also in der Garderobe sitzen, in eine Ecke stellen, vor die Tür stellen. Diese Art der Gewalt, nämlich der soziale Ausschluss aus einer Gruppe, steht in dieser Erklärung in der Schwere gleichrangig neben dem Zwang zum Aufessen, zum Schlafen, der verbalen Erniedrigung, Beschämung und der körperlichen Gewalt.https://www.paritaet-berlin.de/fileadmin/user_upload/Dokumente/2016/September/2016_09_29_kinder-und-jugendschutz-in-einrichtungen_web.pdf

WARUM ist nun der Ausschluss aus der Kindergartengruppe für ein Kind so schlimm?

Man könnte ja sagen, das Kind sitzt doch an einem sicheren Ort, hat seine Ruhe und kann für sich spielen. Aber was in dem Kind passiert, kann auf Dauer negative Auswirkungen auf die Entwicklung und das Wohlbefinden des Kindes haben.

  • Der Ausschluss aus sozialen Gruppen fügt Kindern psychischen STRESS zu. Wir Homo Sapiens sind neurowissenschaftlich gesehen darauf gepolt, immer in der Nähe der sozialen Gruppe zu bleiben. Wenn wir früher alleine in der Wildnis unterwegs gewesen wären, hätten wir vermutlich ohne unsere Gruppe nicht lange überlebt. Es kann also ein Gefühl von verlassen sein, allein gelassen sein oder sogar ein Gefühl von Todesangst einsetzen. Das bedeutet im Gehirn massiven Stress. Und eine hohe Cortisolausschüttung im Gehirn kann auf Dauer eine chronische Cortisolüberfunktion oder eine chronische Cortisolunterfunktion hervorrufen und die Entwicklung beeinträchtigen.
  • Die BEZIEHUNG zur strafenden Fachkraft wird durch den Ausschluss aus der Gruppe erschüttert. Das Kind fühlt sich in der Umgebung der Bezugsperson nicht mehr sicher: “dieser erwachsenen Person kann ich nicht vertrauen. Sie schützt mich nicht, sondern bringt mich in Gefahr”. Ein solcher verinnerlichter Glaubenssatz kann mehrere Auswirkungen haben, z.B. dass das Kind nicht mehr in den Kindergarten gehen möchte weil es sich dort nicht sicher fühlt.
  • Wie jede andere Bestrafung ist der Ausschluss aus der Gruppe hochgradig BESCHÄMEND. In diesem Fall wird die Scham allerdings noch verstärkt. Wenn ein Kind wieder zur Gruppe zurückkommen darf, sind alle Augen auf das “Übeltäter”-Kind gerichtet. Unter Umständen kann die Beschämung beim Zurückkommen noch gravierender sein als beim Verhängen der Strafe. Eine solche Art der Beschämung kann dazu führen, dass das Selbstbild des Kindes langfristig erschüttert wird und es bei wiederkehrendem Ausschluss ein negatives Selbstbild aufbaut: “ich bin böse”. Eine solche häufig auftretende Beschämung kann traumatische Auswirkungen für das Kind bedeuten (https://www.traumaheilung.de/trauma-und-scham/)
  • Einfühlungsbeispiel: wie würden wir uns fühlen, wenn wir bei unseren Verwandten zu einer Geburtstagsfeier eingeladen wären, wir schütten ausversehen ein Glas um und unsere Mutter würde uns vor die Tür setzen, uns also von der Gesellschaft ausschließen. Es würde alles in uns erschüttern: das Vertrauen in unsere Mutter, die Unsicherheit unseren Verwandten gegenüber und das Gefühl zu uns selbst. Zurückbleiben würde eine riesengroße WUT und das Bedürfnis zu FLIEHEN.
  • Fachkräfte wollen mit ihrer bestrafenden Handlung erzielen, dass ein Kind das ungewünschte Verhalten nicht mehr zeigt. Es kann auch sein, dass der gewünschte Effekt kurzzeitig eintritt. Der Ausschluss aus der Gruppe wird das Kind allerdings eher dazu veranlassen in Widerstand zu gehen und seinem ÄRGER über die Bestrafung Luft zu machen. Solche Kinder werden dann häufig als “schwierige Kinder” betrachtet. Langfristig gesehen ist der Ausschluss aus der Gruppe also für beide Seiten ineffektiv und ungesund.
  • Die Reaktion auf die Bestrafung und der entstandene Schaden ist allerdings stark vom Temperament des Kindes abhängig. Manche Kinder würden sich z.B. eher zurückziehen und autoaggressive, depressive Anzeichen zeigen.
  • Auch die Reaktion der ELTERN zuhause spielt eine entscheidende Rolle. Nehmen die Eltern ihr Kind ernst, trösten sie oder bleibt das Kind mit seinem Kummer alleine bzw. wird noch zusätzlich bestraft für sein „böses“ Benehmen.

Meine Haltung ist klar: ganz egal, was ein Kind “anstellt”, der Ausschluss aus der Kindergartengruppe darf NIE ein Mittel der Erziehung sein!

Welche alternativen Handlungsweisen Fachkräfte anstatt einer Auszeit nutzen können, erkläre ich in dem Artikel: „5 Alternativen für eine Auszeit als Strafe“


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