Aufruf zur Wende in der Frühbetreuung von Kindern

Die Eltern gehen zur Arbeit, die Kinder in die Kita, schon die ganz Kleinen. Das ist der allgemeine Trend in unserer heutigen Gesellschaft und das wird aus verschiedenen Gründen von Politik und Wirtschaft gefördert und gefordert.
Die institutionelle Betreuung, bereits vom Krippenalter an, scheint die ideale Lösung für alle zu bieten. “Frühe Förderung”, “Kinder brauchen Kinder” ist in aller Munde und Eltern wollen das Beste für ihre Kinder.


Was aber sind die Grundbedürfnisse der Kleinkinder?

Und können sie unter den heutigen Bedingungen in der Krippe befriedigt werden – als Voraussetzung für eine gute kindliche Entwicklung?
Zahlreiche  Psychotherapeuten und Ärzte, darunter angesehene Wissenschaftler, weisen auf Gefahren für die Persönlichkeitsentwicklung von Säuglingen und Kleinkindern in den Kitas hin. Sie zeigen auf, dass vor allem unter 3-Jährige i.d.R. zu früh und zu lange in qualitativ unzureichend ausgestatteten Einrichtungen betreut werden, was mittel- und langfristig mit Risiken für ihre psychische Gesundheit verbunden ist. 
Der Aufruf, der von der Politik eine Wende in der Frühbetreuung von Kindern fordert, befasst sich mit der derzeitigen Situation der Kitas, der Erzieher*innen, der Kinder unter 3 Jahren und ihrer Eltern sowie mit notwendigen Konsequenzen.
Die Arbeitsgruppe Frühbetreuung in der Vereinigung Analytischer Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeuten Deutschland hat diesen Aufruf initiiert.
Erstunterzeichner sind diverse Fachverbände sowie über 200 teilweise namhafte Experten aus den Fachbereichen Psychotherapie, Medizin, Neurobiologie und Pädagogik. 

Die Arbeitsgruppe fordert angesichts des massiven Ausbaus der außerfamiliären (U3-) Betreuung in den letzten Jahren, einem damit verbundenen gesellschaftlichen Kontextwandel für das Aufwachsen in den ersten Lebensjahren und den daraus resultierenden psychischen, körperlichen und sozialen Auswirkungen auf die nachwachsenden Generationen rasch wirksame und fachlich fundierte Veränderungen der Rahmenbedingungen in den Kitas.

Die Situation der Kitas

Die einzigen zwei größer angelegten Studien, die es in den vergangenen Jahren über die Qualität in deutschen Kitas gibt, offenbaren alarmierende Missstände:
Schon bevor der Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz ab einem Jahr umgesetzt wurde, stellte die NUBBEK-Studie aus dem Jahr 2012 fest, dass lediglich 3,2% der Kitas für unter 3-Jährige einen guten bis sehr guten Qualitätsstandard aufwiesen.
Zum Deutschen Kitaleitungskongress (DKLK) im März 2019 und im März 2020 wurden die sogenannten DKLK-Studien veröffentlicht, zu denen jeweils 2.628 bzw. 2795 Kita-Leitungen aus ganz Deutschland zur Qualität ihrer Einrichtungen befragt wurden. Die Personalsituation in deutschen Kitas wird als dramatisch bezeichnet. Mehr als 90 % mussten in den vergangenen 12 Monaten zumindest zeitweise mit einer bedenklichen Personalunterdeckung arbeiten, sodass die Aufsichtspflicht nicht mehr gewährleistet war. Die Ergebnisse der Studien zeigen weiter, dass ein Großteil der Erzieherinnen an ihrer Belastungsgrenze arbeiten. Fast 70% bezeichnen die Arbeitsbelastung als akut gesundheitsgefährdend (DKLK 2020). In dieser Situation verbringen Babys und Kleinkinder viel Zeit – häufig acht Stunden und mehr – in zu großen Gruppen mit häufig wechselnden Erzieherinnen.
Die Studien zeigen, dass die tatsächliche Fachkraft-Kind-Relation bei unter 3-Jährigen in den letzten beiden Jahren bei weit über 90% schlechter war als die wissenschaftlich geforderte Zielgröße von 1:3. Insgesamt habe sich der Fachkräftemangel in der Frühpädagogik im letzten Jahr weiter verschärft.
In der Praxisrealität wird häufig der Begriff “Personalschlüssel” verwendet. Dieser aber lässt außer Acht, dass mind. 1/3 der Arbeitszeit der Erzieherinnen nicht der unmittelbaren Beschäftigung mit dem Kind zu Gute kommt, sondern sich aufgrund von Krankheitszeiten Urlaub, Fortbildungen, Elterngesprächen, Verwaltungsaufgaben, Dokumentation, Vor- und Nachbereitung, Teambesprechungen, Übergabe und Anleitung von Mitarbeiterinnen deutlich verringert. Daher bildet die Zahl auf dem Papier nicht die Wirklichkeit der realen Fachkraft-Kind-Relation ab.
Wissenschaftliche Studien zeigen: Eine feinfühlige, verlässliche Beziehung zwischen Erzieher*in und Kind ist der zentrale Faktor für eine gute Betreuungsqualität.
Aus entwicklungspsychologischen Gründen ist es daher notwendig, dass die Fachkraft- Kind Relation von 1:3 für Kinder unter 3 Jahren nicht überschritten und möglichst ohne Betreuerwechsel bei einer Gruppengröße von 6, höchstens 8 Kindern gewährleistet wird.

Die Situation der Erzieherinnen

Die grundsätzliche Problematik des Fachkräftemangels wurde in den letzten Jahren vor allem durch die rasche Erweiterung der Krippenplätze, aber auch durch vergleichsweise geringe Bezahlung und anhaltenden Stress am Arbeitsplatz verursacht. Der hohe Krankenstand, die große Fluktuation und das häufige Aufgeben des Berufs sprechen für sich. Bisher gibt es keine verlässliche Perspektive für eine Lösung des massiven Erzieherinnen Mangels.
Nach einer Studie des Deutschen Jugendinstituts (DJI) mit der TU Dortmund 4 wird es bis 2025, selbst ohne Qualitätsverbesserungen, voraussichtlich eine Personallücke von insgesamt fast 330 000 Erzieherinnen geben. Wenn Qualitätsverbesserungen eingerechnet werden, wäre es sogar eine Personallücke von insgesamt ca. 600 000 Erzieherinnen.
Wörtlich heißt es in der Studie: “… Es wären fast genauso viele, wie es heute schon gibt (…) eine Größenordnung, die unter den heutigen Rahmenbedingungen nicht wirklich vorstellbar ist.”
Die Wirkung des Gute-Kita-Gesetzes wird von den Kita-Leitungen als kritisch bewertet, weil oft falsche Prioritäten gesetzt würden. Für die Mehrheit ist das Gute-Kita-Gesetz nur “ein Tropfen auf den heißen Stein” (DKLK 2020).
Aufgrund des Personalmangels mussten u.a. 75% der Befragten im vergangenen Jahr auf Fort- und Weiterbildung verzichten.

Eine gute Qualität in Krippen hängt neben regelmäßigen, auch internen Weiterbildungen, hauptsächlich von einer verlässlichen, bedürfnisorientierten Begleitung der Kinder durch die Erzieherinnen ab.

Unbenommen ihrer pädagogischen Kompetenz, wie der Fähigkeit zu Empathie, Geduld, Übersetzung der kindlichen Sprache, sind die Erzieherinnen auf Rahmenbedingungen angewiesen, die ihnen ermöglichen, sich sowohl auf einzelne Kinder als auch auf die Gruppe zu konzentrieren. Sie müssen Zeit und Raum haben, die Kinder kennenzulernen und sich ihnen individuell zuwenden zu können. Nur so sind sie fähig, die Stress-Signale des Kindes zu erkennen und diese möglichst zeitnah und angemessen zu regulieren. Dies ist unter den derzeitigen Rahmenbedingungen kaum möglich.

Von außen ist die Qualität der pädagogischen Arbeit für Eltern nicht einfach zu beurteilen: z.B. ob das Kind als Persönlichkeit wahrgenommen und individuell auf seine Bedürfnisse und Emotionen eingegangen wird.

Die Situation der Kinder

Ein elementares, stabiles Selbstgefühl sowie die emotionale Sicherheit eines Menschen
entsteht am Anfang des Lebens durch eine sichere Bindung an erwachsene Bezugspersonen. Die damit verbundenen emotionalen Erfahrungen prägen im Kind intensiv und nachhaltig alle körperlichen und psychischen Systeme, wie z.B. die Fähigkeit zur Selbst- und Affektregulation, das Interesse an der Welt und die Auseinandersetzung mit anderen
Menschen und Dingen. Entwicklung, Lernen und Bildung können nur dann gelingen, wenn die Kleinsten der Gesellschaft emotional reguliert und ohne Stress ihre soziale, kulturelle und sachliche Umwelt erleben und erkunden können.
Die bedeutenden Entwicklungsschritte im zweiten Lebensjahr gehen gleichzeitig mit emotionaler Verunsicherung einher und brauchen weiterhin intensive Zuwendung und dyadischen Austausch mit erwachsenen Personen, die dem Kind vertraut sind und die das Kind gut kennen. Insbesondere die Umwandlung von primitiven körperlichen Stressreaktionen in Gefühle, die später gedanklich und sprachlich bewusst gesteuertes Verhalten ermöglichen, wird in dieser frühen Zeit im Umgang mit einfühlsamen und vertrauten Bezugspersonen gebahnt.

Eine sichere Bindung zu wenigen, verlässlichen und feinfühligen erwachsenen
Bezugspersonen in den ersten drei Lebensjahren fördert:

  • Entstehung und Stabilisierung von Urvertrauen
  • Regulation der noch überwältigenden emotionalen Zustände
  • Entwicklung eines eigenen Gefühls- und Stressregulations-Systems
  • Aufbau eines positiven Selbstwertgefühls
  • Entwicklung von nachhaltiger Autonomie mit Interesse an anderen Menschen, an den Dingen und an der Welt
  • Entwicklung von Empathie und Sozialkompetenz
  • die Chancen für Eltern, Erzieher und Lehrer die Entwicklung der Kinder positiv zu begleiten (Erziehung und Bildung)
  • Hinsichtlich des veränderten Aufwachsens in den ersten Lebensjahren in außerfamiliärer Gruppenbetreuung bleibt aus entwicklungspsychologischer Sicht ein Mangel, der in der neurobiologischen Besonderheit des Babys bzw. Kleinkindes und in der besonderen Beziehung von Eltern und Kind liegt.
  • Die emotionalen Bedürfnisse, die u.a. zu Selbst- und Stressregulation sowie zu Empathiefähigkeit führen, lassen sich in einem Gruppenkontext auch mit großem materiellen und personellen Einsatz kaum befriedigen.
  • Der massive Erzieher*innen-Mangel in den Krippen verschärft diese Problematik noch.
  • Unbenommen der Anregung durch Gleichaltrige können sich Babys und Kleinkinder gegenseitig noch nicht das notwendige Sicherheitsgefühl und die emotionale Stabilität geben, die eine erwachsene Bezugsperson in einer dyadischen Beziehung vermitteln kann.
  • Durch einen zu frühen und zu lang andauernden Aufenthalt in einer Krippe sind die Unter Dreijährigen anhaltendem frühkindlichen Stress ausgesetzt. Das sind die Ergebnisse der Neurobiologie und vieler Studien, die sich auf objektive Messungen des Stresshormons Cortisol beziehen. Hinzu kommen die Erkenntnisse aus der Entwicklungspsychologie und Bindungsforschung, die auf die Problematik von (zu) früher Trennung hinweisen. Diese zählt zu einem der wichtigsten Stressoren in der frühen Kindheit und kann für das Kleinkind einen bedrohlichen Verlust der Lebenssicherheit bedeuten.

Im Blick auf das gesamte Leben werden so ungünstige Stressverarbeitungsgrundlagen gelegt, die die körperliche und untrennbar verbunden, die psychische Gesundheit nachhaltig beeinträchtigen können.

Uns Ärzte und Therapeuten beunruhigen zutiefst die grundsätzlichen Mängel in der öffentlichen Frühbetreuung, weil wir forschend und behandelnd Einblicke in Lebensanfänge und frühe Erfahrungen erhalten und die Wirkungen einer zu frühen, zu langen und unzureichenden außerfamiliären Betreuung kennen lernen mit den Risiken für eine stabile und gesunde Persönlichkeitsentwicklung. Die Fähigkeit von Säuglingen und Kleinkindern zu enormen Anpassungsleistungen kann über die innerpsychische Problematik mit ihren möglichen späteren Folgen vorerst hinwegtäuschen.

Unmittelbar können Verhaltensmuster beobachtet werden, wie anhaltende Trennungsängste, eine beschleunigte Autonomieentwicklung, Lockerung der Bindung gegenüber den Eltern, Distanzlosigkeit gegenüber Fremden, motorische Unruhe mit Aufmerksamkeitsdefiziten, impulsives Verhalten und Aggressivität, verminderte Konzentrationsfähigkeit, gesteigerte Ängstlichkeit und depressives Rückzugsverhalten.

Zu den Langzeitfolgen gehören z.B. eine erhöhte Anfälligkeit für Angststörungen und Depressionen, eine geringere Lebenszufriedenheit, sowie eine Reihe körperlicher Erkrankungen, die die Lebenserwartung einschränken können. Ausdrücklich sei auf die psychischen, körperlichen und gesundheitlichen Langzeitfolgen und die damit verbundenen Kosten hinzuweisen.

Die Situation der Eltern


Die Sicherung der Existenz, die Gefahr ins berufliche und persönliche Abseits zu geraten, drohende Altersarmut besonders für Frauen, der gesellschaftliche Druck sowie die einseitige, meist unkritische Darstellung von Vorteilen einer frühkindlichen außerfamiliären Betreuung in den Medien und sozialen Netzwerken veranlassen Eltern, ihr Kind nach Ablauf des Elterngeldes bereits mit ca. einem Jahr oder auch früher in außerfamiliäre Betreuung zu geben. Für manche Kinder aus belasteten Lebensverhältnissen, mag diese Entscheidung vorteilhaft sein. Eine sinnvolle Unterstützung von Eltern und Kindern gelingt aber nur mit qualitativ gut ausgebildeten Betreuungskräften und entsprechenden Rahmenbedingungen.
Mit der Ankunft eines Kindes erleben Mütter und Väter eine radikale Wandlung ihres Lebens. Denn sie übernehmen von nun an die (Mit)Verantwortung für ein weiteres Leben. Diese Verantwortung kann als Belastung erlebt werden, ist aber gleichzeitig eine Entwicklungschance für die Eltern. Die damit verbundenen emotionalen und sozialen Prozesse benötigen ausreichend Zeit.
Die frühe und umfangreiche außerfamiliäre Betreuung schränkt die Möglichkeit für Eltern und Kinder, durch gemeinsame Erfahrungen zu lernen und miteinander vertraut zu werden sowie sich mit den natürlichen Problemen zu Beginn der Elternschaft auseinander zu setzen, bedenklich ein. Das behindert den Aufbau einer sicheren und stabilen Bindung zwischen Eltern und Kind. So beobachten Pädiaterinnen, Kinderpsychotherapeutinnen, Erzieher*innen und Hebammen, dass die intuitive Fähigkeit der Eltern, Bedürfnisse kleiner Kinder zu erkennen sowie die Bereitschaft und Ausdauer sich zu engagieren, erheblich abnehmen.
Im Sinne einer nachhaltigen frühen Förderung für Kinder ist es deshalb sinnvoll, auch die Eltern-Kompetenzen zu stärken. Ein Beispiel dafür sind die seit vielen Jahren bestehenden staatlich geförderten Playcenter-Einrichtungen in Neuseeland und in Japan für Eltern und Kinder. In der Schweiz ist die entwicklungspsychologische Begleitung der Eltern traditionell, weit verbreitet und unentgeltlich.
In Deutschland könnten auch bereits vorhandene, wissenschaftlich gut fundierte und erprobte Angebote in größerem Umfang gefördert werden.

Notwendige Konsequenzen In Kurzform

  • Beginn der außerfamiliären Betreuung möglichst erst ab 24. Lebensmonat für wenige Stunden am Tag. Das könnte neben dem Entwicklungsaspekt auch eine zeitnahe Entspannung der derzeitigen Situation in Kita und Krippe bedeuten.
  • Verlängerung des vollen Elterngeldes oder eines angemessenen Grundgehalts auf mindestens 2 (besser 3) Jahre. (Man bedenke, dass ein Krippen-Platz derzeit ca.1300€ im Monat kostet – reine Betriebskosten, also deutlich höher liegt als das durchschnittliche Elterngeld).
  • Finanzielle und soziale Anreize für Väter, die Versorgung und Erziehung der Kinder mit zu verantworten im Sinne eines neuen Rollenverständnisses.
  • Entwicklungspsychologische Begleitung und Beratung von Müttern/Vätern zur Stärkung ihrer Elternkompetenz von der Schwangerschaft an (wie kostenlose Gruppenarbeit und individuelle Eltern-Kind-Angebote).
  • Flexible Arbeitszeiten von Arbeitgeberseite, wie Erleichterung von Teilzeitarbeit für Eltern und Home-Office-Arbeitsplätze bei gleichzeitigem Karriereschutz.
  • Leichterer Zugang zu praktischen Hilfen, wie Haushaltshilfen für Notsituationen und erziehungsbegleitende Familienhilfen.
  • Rahmenbedingungen in Kitas, welche die Grundbedürfnisse der Kinder berücksichtigen. Bei unter 3-Jährigen bedeutet das z.B. möglichst keine Betreuerwechsel, Gruppengröße von 6, höchstens 8 Kindern und einer realen ErzieherInnen-Kind-Relation von höchstens 1:3.
  • Verbesserte Arbeitsbedingungen für pädagogische Fachkräfte wie z.B. obligatorische, regelmäßige Fall- und Teamsupervisionen, begleitende Selbsterfahrung, Aufwertung sozialer Berufe u.a. durch bessere Bezahlung, sowie hochwertige Aus- und Fortbildung.
  • Ausweitung der Studiengänge für Frühpädagogik (bzw. entsprechende Weiterbildungen )und Familien- und Elternbildung.
  • Förderung psychophysiologischer und sozialer Forschung in fachübergeifenden Forschungsprojekten über die Auswirkungen früher institutioneller Betreuung auf die Persönlichkeitsentwicklung, psycho-somatische Gesundheit und Stabilität in Stresssituationen.

Ihre Zustimmung zum Aufruf können Sie datengeschützt abgeben auf unserer webseite
www. wende-in-der-fruehbetreuung.de

Die Literaturnachweise zum Aufruf findest du hier

Kontakte:
Dr.med. Agathe Israel, Fachärztin für Neurologie/Psychiatrie/Kinder-u. Jugendpsychiatrie,
Psychosomatische Medizin/Psychoanalytikerin DGPT/VAKJP; kontakt@fruehbetreuung.de
Gisela Geist, analytische Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeutin, Stuttgart; VAKJP;
kontakt@fruehbetreuung.de

Gewalt von Fachkräften gewaltfrei verhindern

Gastbeitrag von Barbara Leitner

Im Herbst 2019 erschienen gleich zwei Bücher, die auf Übergriffe und Grenzverletzungen durch pädagogische Fachkräfte gegenüber Kindern in der Kita aufmerksam machten. Sie brachen gewissermaßen ein Tabu und eröffneten in der Fachwelt die Auseinandersetzung zu dem Thema und machen eine bisher nicht ausreichende beantworte Frage dringlicher: Wie kann Gewalt gegen Kinder gewaltfrei verhindert und der Kreislauf von Gewalt und Gegengewalt unterbrochen werden? Was heißt tatsächlich Gewaltfreiheit in der Kita?


Über „Gewaltfreiheit“ wird in Kitas seit einigen Jahren gesprochen. Zum einen wurde mit der Änderung im Bürgerlichen Gesetzbuch aus dem Jahre 2000 das Recht von Kindern, gewaltfrei erzogen zu werden, unterstrichen. Dieses Recht gilt natürlich uneingeschränkt in der Kita. Diese Gesetzesänderung, das daraufhin verabschiedete Kinderschutzgesetz und die Veränderungen im SGBVIII sensibilisieren pädagogische Fachkräfte und andere Beteiligte deutlich für die Formen von Gewalt und Übergriffen gegenüber Kindern. In den Auseinandersetzungen wird deutlich, wie viel zu tun bleibt, um für ein gleichwürdiges Verhältnis zwischen Kindern und Erwachsenen auch in der Kita zu sorgen.


Zum anderen ist auch das Modell der Gewaltfreien Kommunikation (GFK) von Marshall Rosenberg seit einigen Jahren in vielen Kitas bekannt. Pädagogische Fachkräfte lernen das auf der humanistischen Psychologie beruhende Vier-Schritte-Modell, um sich gegenüber Kindern, Eltern und den Kolleginnen auszudrücken und ihnen zuzuhören: Was ist Dir wichtig? Was mir? Wo können wir verbindende Linien finden? Damit ist jedoch das Potenzial der GFK und das der Gewaltfreiheit für die Kita noch lange nicht erschöpft. Es lohnt sich, sich den Quellen der GFK zuzuwenden. Seitdem ich mich damit befasse, umschreibe ich das Herangehen von Marshall Rosenberg nicht mehr eher verschämt als wertschätzende, verbindende oder empathische Kommunikation, um die Negation „Gewaltfrei“ im Begriff zu vermeiden. Vielmehr betone ich nunmehr: „Ja, ich wünsche mir eine gewaltfreie Kita!“ In dieser Betonung liegt meines Erachtens eine Kraft, die der frühpädagogischen Landschaft gut tut.

Was heißt Gewaltfreiheit?

Das Wort „Gewalt“ leitet sich vom Althoch-deutschen „waltan“ „stark sein, beherrschen“ ab. Gewalt auszuüben heißt, jemanden den eigenen Willen zu unterwerfen und diesen Menschen in seinem Potenzial einzuschränken. Gewaltfreiheit heißt für mich dann auch, allen Beteiligten zu ermöglichen, ihr tatsächliches Potenzial zu leben. Marshall Rosenberg nannte seinen Ansatz in Reverenz zu Mahatma Gandhi „Gewaltfreie Kommunikation“. Der indische Freiheitskämpfer bekam den Namen „Mahatma“ („Große Seele“), weil er mit gewaltlosen Aktionen für die Anliegen der unterdrückten indischen Bevölkerung stritt. Er wollte mit „Satyagraha“ überzeugen, mit „Gütekraft“. Dieses Wort wurde später mit Gewaltfreiheit übersetzt. Gandhi war davon überzeugt, dass eine Person sich selbst schädigt, wenn sie passiv bleibt und nichts gegen Unrecht tut. Zum einen, weil sie Unrecht an sich selbst zulasse. Zum anderen, weil sie sich mit Selbstvorwürfen plage. Er definiert „Gewaltfreiheit“ als „Festhalten an der Wahrheit, Kraft der Wahrheit“ oder „Liebes- oder Seelenkraft“. Sie verlange, dem Gegner keine Gewalt anzutun. „Er muss vielmehr durch Geduld und Mitgefühl von seinem Irrtum abgebracht werden.“ Dafür war Gandhi bereit, einiges auf sich zu nehmen: „dass man die Wahrheit verteidigt, indem man nicht dem Gegner, sondern sich selbst Leiden zufügt“ (Gandhi 1991, 6). „Leid“ auf sich nehmen, weil man seinen ganzen Mut zusammennimmt, Ängste und Unsicherheiten überwindet, vielleicht auch Einsamkeit oder Anfechtungen aushält, um sich zu zeigen und für eine Sache zu streiten. Ähnlich beschrieb der afro-amerikanische christliche Prediger Martin Luther King sein friedvolles Handeln. Er nahm die Rassentrennung in den USA nicht widerstandslos hin, sondern führte während der Rassenauseinandersetzung in den USA der 1960er Jahre den Widerstand ohne Gewalt an. Dabei setzte er auf „Agape“, uneigennützige Liebe. Sie sucht das Beste in den anderen, löst sich vom Freund-Feind-Denken und entwickelt Mitgefühl selbst für die Peiniger: „Bringt so viel Liebe auf, dass ihr Böses hinunterschlucken könnt, und so viel Verständnis, dass aus Feinden Freunde werden⌊ ⌋… Wir sind in einem unentrinnbaren Netz wechselseitiger Abhängigkeit verfangen und in ein einziges Gewand gemeinsamen Schicksals verwoben. Was den einen unmittelbar betrifft, betrifft alle anderen mittelbar“ (zitiert nach Härtel 2009, 47 sowie 65 – aus King Freiheit, 132). King war wie Gandhi davon überzeugt, „dass Gewaltlosigkeit nicht unfruchtbare Passivität ist, sondern eine mächtige moralische Kraft, die gesellschaftliche Wandlungen herbeiführt“ (zitiert nach ebenda, 106). Gewaltfreiheit ist nicht einfach die Abwesenheit von Gewalt. Gewaltfreiheit bedeutet für mich, diese moralische Stärke zu nutzen und eine große, vor allem innere Kraft aufzubringen, um auf das Gegenüber einzuwirken. Gelingt es, in dem anderen Menschen seinen positiven Wesenskern zu berühren und ihn in seiner Würde anzusprechen, damit auch er im Interesse der Verbundenheit und des Wohlergehens der Gemeinschaft umdenkt und anders handelt?

Gelingt es, die gewaltvoll handelnde Fachkraft als Subjekt zu sehen?

Was bedeutet diese Definition für die Auseinandersetzung mit der Gewalt durch pädagogische Fachkräfte in der Kita?

Aus Sicht der GFK ist als erstes eine authentische Selbstmitteilung gegenüber der/dem gewaltvoll handelnden Kollegin notwendig. Es gilt, auszusprechen, was wir wahrnehmen und dieses Verhalten nicht mehr schweigend hinzunehmen. Diese Rückmeldung wird wirkungsvoller sein und eher gehört werden können, wenn sie ehrlich, aus einem friedlichen Herzen, ohne Anspannung und Ärger ausgesprochen wird, vielleicht in den vier Schritten.

Beispielsweise:
“Ich sehe oder höre, wie Du Max aufforderst, Spinat zu essen, obwohl er gesagt hat, dass er den nicht mag (Beobachtung)
Ich bin ziemlich durcheinander (Gefühl), weil mir Respekt vor dem Willen des Kindes und seine Selbstbestimmung (Bedürfnis) wichtig sind.”

Dazu gehört außerdem, eine Bitte zu äußern. Das kann eine Handlungsbitte sein:
“Kannst Du einfach mal durchatmen…/Ist es Dir lieber, wenn ich hier übernehme?
Oder eine Beziehungsbitte: “Ich würde gern wissen, wie es Dir gerade geht.”

Vielleicht muss ich auch ehrlich zugeben, dass ich gerade so empört bin, dass ich meine Urteile kaum in Zaum halten kann, es auch nicht schaffe, mit ruhiger Stimme zu sprechen, weil dieses Handeln so meinen Werten widerspricht.
In diesem Sinne wird die Mitteilung auf jeden Fall deutlicher ausfallen, wenn ein Übergriff beobachtet wurde, wenn Kinder von Fachkräften geschupst, gezogen, gestoßen, gehänselt wurden o.ä.. Dann braucht es das klare Stopp und Nein, schützende Macht im Interesse des Lebens, mit eindeutiger Stimme gesprochen:

„So geht es nicht. Mir ist körperliche und seelische Unversehrtheit wichtig. Lass das Kind los/ tritt einen Schritt zurück/sei still…“ 

Es ist eine riesige Herausforderung, nicht in der Entrüstung stecken zu bleiben, sie vielmehr zu verwandeln, in das, was mir wichtig ist und eine Bitte zu formulieren, die nicht besserwisserisch ist und nun die Würde jener Fachkraft verletzt.
Dabei ist das nur der Anfang. So wichtig und notwendig es ist, übergriffiges und grenzverletzendes Verhalten zu stoppen, ist es aus der Warte der GFK nämlich nicht das Ziel, dass sich eine Person mit seiner Position durchsetzt. Vielmehr geht es darum, nach dem Stopp in solch eine Verbindung miteinander zu kommen, dass die Bedürfnisse beider Seiten gesehen und berücksichtigt werden können und Frieden möglich ist.

Das könnte auch durch empathisches Zuhören geschehen: „Du hättest so gern, dass Max den Spinat isst. Das wäre so viel leichter für Dich, stimmt das?“


In doppelter Hinsicht ist deshalb jene Person, die eingreift und sich für Gewaltfreiheit einsetzt, herausgefordert, „Leid“ auf sich zu nehmen und Stärke zu beweisen.
Zum einen geht es darum, sich ehrlich durch eine Mitteilung oder das Zuhören zu zeigen – und eben nicht zuzulassen, dass Gewalt tabuisiert und hingenommen wird, sondern aktiv für Kinder einzutreten. Bereits hier gibt es viel Unsicherheit und Angst, wenig Übung, nicht nur in der Kita. (lies dazu gerne auch den Artikel “Gewalt durch pädagogische Fachkräfte – (M)ein Dilemma zwischen Hinsehen und wegsehen”). Zum anderen sind wir darüber hinaus herausgefordert, „Geduld und Mitgefühl“, wie es bei Gandhi heißt, für jene Fachkraft aufzubringen, die gewaltvoll handelte. Ihr gewaltfrei gegenüber zu treten verlangt, „negative Einstellungen, die uns beherrschen, in positive Einstellungen umzuwandeln“, wie Arun Gandhi, der Enkel von Mahatma Gandhi schreibt (Rosenberg 2004, 10).


Wir würden Gewalt mit Gegengewalt beantworten, wenn wir jene Fachkräfte, die Kinder zum Essen zwingen, hänseln, schupsen, beleidigen oder in anderer Form ihre Macht missbrauchen, ebenso gewaltvoll als Objekt behandeln und entmenschlichen, indem wir sie nur zurückweisen und ihnen Einhalt gebieten. Deshalb braucht es das Empowerment der Gewaltfreiheit für die Kollegin, Leiterin, Fachberaterin, Trainerin und alle anderen Beteiligten, um auch die Gefühle und Bedürfnisse der gewaltvoll handelnden Fachkraft sehen zu können. Gewaltfreiheit heißt hier, sie mit Mitgefühl zur Umkehr zu bewegen. Das geht nicht auf die Schnelle. Auf dem Weg dahin sind häufig Urteile und Bewertungen zu überwinden.

Grenzsetzung in Würde

Was denken wir für gewöhnlich über eine Fachkraft, die gewaltvoll handelt? Betrachten wir sie als rücksichtslos, unwürdig, grob, verletzend, unfähig, starr, lernunwillig, schwach…. Oder welche anderen Zuschreibungen gibt es? Bemerken wir, dass wir damit die andere Person zu einem Objekt machen und nicht mit Würde behandeln? Hinter unseren Zuschreibungen verbergen sich Urteile, die auf eigene, unerfüllte Bedürfnisse verweisen und zu einer inneren Anspannung führen.
Wie wäre es, rücksichtsvoll, würdig, feinfühlig und aufmerksam, fähig, beweglich, lernbereit und stark zu sein und genau mit diesen Qualitäten der Fachkraft zu begegnen? Gelingt es, wie Marshall Rosenberg sein eigenes Modell beschrieb, „unser einfühlendes Wesen“ zu entfalten, „wenn die Gewalt in unserem Herzen nachlässt“ (Rosenberg 2004, 22).

Sind wir bereit, einer Fachkraft tief zuzuhören, die will, dass ein Kind den ungeliebten Spinat ist? Was ist ihr wichtig? Können wir für sie offen sein und ihr ermöglichen, über sich zu sprechen. Dabei geht es nicht um eine Rechtfertigung. Vielmehr könnten wir ihren unbewussten Handlungsgrund berühren, verstehen und auflösen. Vielleicht musste sie selbst als Kind Spinat essen, ob sie wollte oder nicht. Oder ist sie unsicher, was sie den (für das Essen in der Kita zahlenden) Eltern sagen soll, wenn die Mahlzeit unberührt bleibt. Oder sie ist überzeugt, dass dieses Kind auch etwas Gesundes essen soll. Sicher hat sie für sich einen „guten Grund“.

An dieser Stelle höre ich Kita-Leiterinnen argumentieren:

Darüber haben wir nun wirklich lang und breit gesprochen. Die Debatte ist für mich beendet. Hier gelten die Kinderrechte. Wir halten uns an die Konzeption.

So wahr das ist, ist diese Realität womöglich bei der/dem betreffenden Kollegin noch nicht voll und ganz angekommen. Möglicherweise haben sie das Wissen, jedoch nicht die innere Überzeugung und Bereitschaft, vielleicht auch nicht die Fähigkeit, genau in der konkreten, auch ange- spannten Situation danach zu handeln. Diese Tatsache zu ignorieren ist genauso Gewalt. Die Kita-Leiterinnen bringen hier ihre Macht zur Geltung und setzen nicht auf Verbindung und Empathie. Sie wollen eine Regel und gesetzliche Verpflichtung durchsetzen, ohne auf die Fachkraft zu blicken.

Akzeptanz für das was ist

Hier kommt eine weitere Quelle für Marshall Rosenberg bei der Entwicklung der GFK ins Spiel: Carl Rogers, der die klientenzentrierte Gesprächstherapie entwickelte. Rogers machte darauf aufmerksam, dass es notwendig ist, etwas zu akzeptieren, ehe es sich ändern kann.

Ist es möglich, erst einmal in einer Situation anzukommen und die Wahrnehmung zu schärfen – dafür wie es dem Kind und der pädagogischen Fachkraft geht? Statt schon wieder zu handeln, zunächst aufmerksam zu werden: Kann die Fachkraft sehen, wie das Kind auf dem Stuhl sitzt, vielleicht wie eingefroren, vielleicht wütend? Kann sie spüren, was das eigene Handeln ausgelöst hat und das auf sich wirken lassen? Was passiert dann? Möglicherweise wird ihr dann bewusst, dass sie eine Grenze über-schritten hat. Oder fällt es ihr schwer, die Kinder feinfühlig in ihrer Befindlichkeit sehen, weil sie müde und erschöpft von der Arbeit am Vormittag ist? Würde es ihr helfen, darüber zu reden, was sie anstrengt, nicht schafft, welches Kind sie auf die Palme bringt und wo sie mit sich selbst unzufrieden ist? Vielleicht ist es möglich, gemeinsam Tempo aus dem Alltag zu nehmen und dem Wunsch, funktionieren zu wollen und stattdessen zusammen achtsam auf die kleinen Momente im Miteinander zu blicken.
Wie viel Zeit bleibt in einer Kita für die Auseinandersetzung mit Fragen, Zweifeln, Ängsten, Widerständen? Gibt es genügend Aufmerksamkeit und Wertschätzung für die Energie, die Fachkräfte aufbringen, um in einem zwar vorstrukturierten, gleichwohl ständig neuen Alltag mit den Kindern spontan und kompetent zu handeln?

Wie unterstützen sich Kolleginnen im Team miteinander zu lernen und an manchen Stellen quasi auch „nachzureifen“, um den Anspruch der Kinderrechtskonvention nach einer Begegnung in gleicher Würde gerecht zu werden? Gerade im Interesse einer gewaltfreien, würdevollen Beziehung zwischen Kindern und pädagogischen Fachkräften müssen dazu meiner Meinung nach diese innersubjektiven Fragen nach Haltungen und Handlungen immer wieder neu und konkret beachtet und besprochen werden. Denn durch den Alltag mit den Kindern werden immer wieder neue, tiefere Schichten der Persönlichkeit auch einer Fachkraft berührt und angesprochen und wollen oft auch geheilt werden. In Kitas, in denen es dafür eine entsprechende Teamkultur gibt, werden Fachkräfte freundlich und klar miteinander sprechen und sich unterstützen, präsent, offen und empathisch gegenüber den Kindern zu sein. Häufig jedoch wird die „richtige“ Haltung nur vorausgesetzt und gefordert, als könne man in sie einfach hineinschlüpfen wie in ein Kleid von der Stange. Wie oft fehlt der Raum zum Lernen und zum Austausch, um die für den Menschen und die Situation passende Haltung immer wieder zu finden und zu überprüfen? Hier geht es um Maßschneiderei in der Beziehungsarbeit.

Gemeinsames Eintreten für bessere Bedingungen in der Kita

Seitdem 2001 die Ergebnisse der ersten PISA-Studie veröffentlich wurden, prasselt eine Forderung nach der anderen auf die Kitas ein. Längst ist das „Umsetzungsdilemma“ benannt, das dadurch entstanden ist: Die Verbesserung der Rahmenbedingungen hält nicht mit den Anforderungen Schritt. Daran ändert auch das Gute-Kita-Gesetz, vor allem in den neuen Bundesländern kaum etwas. Jetzt komme ich mit dem Wunsch nach Gewaltfreiheit dazu. Der betrifft für mich eine Grundfeste der Pädagogik: dass eine freundliche, wohlwollende Atmosphäre in der Kita herrscht, damit Kinder gern, frei und froh all das lernen können, was das Leben ausmacht. Dafür ist es notwendig, nach den Fachkräften zu schauen, die dies umsetzen. Wie geht es ihnen? Welchen Bedingungen finden sie für ihre Arbeit in ihrer Kita, bei ihrem Träger, ihrem Land vor? Wie viel Wertschätzung lebt ein Team miteinander? Wie frei und offen sind die Fachkräfte für ihre Arbeit? Ich kenne Kitas, in denen ich gern noch einmal Kind sein würde, weil es spannende Räume, viel Freiraum und dazu eine neugierige, freundliche Begleitung durch die Fachkräfte gibt. Und ich kenne Teams, in denen eine Fachkraft fünf, sechs, sieben von den jüngsten, mit der Kita vollkommen unvertraute Kinder in den Alltag eingewöhnen und sie gleichzeitig beim Essen, Spielen, Schlafen, Anziehen begleiten soll, Einrichtungen, in denen die Fachkräfte nicht wissen, wie sie den Tag überstehen sollen, weil viele Kolleginnen ausgebrannt und krank sind und kein Ersatz da ist.
Gewiss ist hier ein Punkt, die Organisation der Arbeit in der Kita zu überprüfen und sich für neue Formen der Zusammenarbeit zu öffnen. Sich allerdings auch zu öffnen für die Überforderung und Gewalt, die Fachkräften sich unter diesen Umständen antun oder ihnen angetan wird.

Laut einer Umfrage fühlen sich 40 Prozent der Fachkräfte durch die Anzahl der Arbeitsaufgaben überfordert und meinen 33 Prozent der Befragten, keine Pause machen zu können (Kunz 2014). In einem Interview mit Kindern fragte ich einmal, ob sie sich vorstellen könnten, Erzieher*in zu werden. „Nein“, war die Antwort der meisten Sechs bis Achtjährigen. Eine sagte: „Das ist so anstrengend, auf viele Kinder aufzupassen, dass die keinen Quatsch machen.“ Die Kinder erkannten, dass die Fachkräfte an die Grenze kommen und deshalb über ihre Grenzen gehen. Welch fatale Botschaft für die Jüngsten: Mit ihnen zusammen zu sein ist eine Last! Für Gewaltfreiheit in der Kita einzutreten heißt für mich deshalb vor allem, sich gegenseitig zu stärken und sich um die Situationen zu kümmern, in denen Fachkräfte unter Druck geraten und nicht offen für die Kinder sein können. Diese sollten deutlich und gleichzeitig empathisch angesprochen werden und dabei kann die GFK helfen. Für mich geht es aber noch weiter. Wir sollten auch über gute gewaltfreie Aktionen nachdenken, um die Öffentlichkeit und die vor allem die Politik davon überzeugen, dass pädagogische Fachkräfte unbedingt bessere Arbeitsbedingungen brauchen und dass mehr, besser ausgebildetes und bezahltes Personal für die Kinder im Alltag präsent sein muss.


Barbara Leitner ist Trainerin für Gewaltfreie Kommunikation (CNVC) und arbeitet als Prozessbegleiterin und Coach in Berlin und Umgebung. Sie unterstützt vor allem Kita- und Schulen mit den Mittel der GFK bei der Team- und Qualitätsentwicklung und unterstützt Menschen, die mit Kindern arbeiten und leben, ihre Beziehungen mit den Heranwachsenden würdevoll zu gestalten. Sie koordiniert die Kita-Fachtexte und von ihr erscheint gerade im Junfermann-Verlag das Buch “Gewaltfreie Kommunikation in der Kita”

Kontakt: www.gfk-in-kita-und-schule.de und barbaraleitner.de


Quellen:
Gandhi, M. K. (1991): Satyagraha. Navajivan Press, Ahmedaba 14
Härtel, K. D. (2009): Martin Luther King ‚Ich habe einen Traum‘. Brunnen: Gießen. 3. überarbeitete Auflage
Kunz, T. (2014): Psychische Belastungen und Beanspruchungen in
Kindertageseinrichtungen – und was man dagegen tun kann. Verfügbar unter:http://www.universum.de/uploads/607/Psychische_Belastungen_und_Beanspruchungen_in_Kindertageseinrichtungen.pdf, Zugriff am 2.10.2018.
Rosenberg, M.B. (2004): Gewaltfreie Kommunikation. Eine Sprache des Lebens. Paderborn: Junfermann, 5. Überarbeitete und erweiterte Auflage.

Die Rückkehr der Kinder in die Kinderbetreuung bedürfnisorientiert gestalten – einige Fragen

Zu diesem Beitrag gibt es auch einen passenden Podcast

Nehmen wir mal an, in den nächsten Wochen öffnen die Krippen, Kindergärten und Tagespflegestätten wieder. Alle Kinder dürfen wieder in die Kinderbetreuung und alle Eltern dürfen ihre Kinder wieder in die Kinderbetreuung bringen.

Für mich stehen dabei einige FRAGEN im Raum, die ich euch als Fachkräfte, als Eltern aber insbesondere den Kindern gerne stellen würde.

Nehmt die Fragen gerne als REFLEXIONSGRUNDLAGE, um die Bedürfnisse und Perspektiven aller Beteiligten beim Wiedereinstieg berücksichtigen zu können.

Fragen an die Kinder

  • Möchtest du wieder in die Kinderbetreuung oder tut dir das Zuhausesein gut?
  • Vermissst du die Kita und freust dich wieder dort hin gehen zu können oder wird dir die Rückkehr schwer fallen?
  • Wäre ein schneller Wiedereinstieg für dich in Ordnung oder würde er dir etwas ausmachen?
  • Brauchst du eine gemächliche, allmähliche Wiedereingewöhnung?
  • Würde es dir helfen, erstmal ein paar Stunden in die Einrichtung zu kommen und die Zeit dort nach und nach auszuweiten?
  • Sollen Mama oder Papa zu Beginn einige Tage wieder mit in der Einrichtung bleiben? Würde dir das helfen?
  • Brauchst du für den Wiedereinstieg eine/n bestimmte BezugserzieherIn und ist diese/r zum Zeitpunkt der Rückkehr in der Einrichtung?
  • Würde es dir die Rückkehr erleichtern, wenn ein bestimmter Freund in der Einrichtung ist, wenn du wiederkommst?
  • Würde dir der Wiedereinstieg erleichtert, wenn du ein Übergangsobjekt (z.B. Kuscheltier, Schnuffeltuch) mitnehmen darfst
  • Was würde dir helfen, um den Wiedereinstieg leicht nehmen zu können?

Fragen an euch pädagogische Fachkräfte

  • Was kannst du tun, um den einzelnen Kindern den Wiedereinstieg zu erleichtern?
  • Was kannst du in der Raumgestaltung für Anreize schaffen, um die Ankunft der Kinder in die Kindertagesbetreuung spannend zu gestalten und damit zu erleichtern?
  • Was kannst du vorbereiten, um den Kindern möglichst viel Wiedererkennungswert in der Einrichtung zu bieten? bekannte Lieder, Reime, Abläufe usw.?
  • Kannst du flexible Wiedereingewöhnungen anbieten? Kannst du den Kindern je nach Alter, Charakter und Temperament eine individuelle Wiedereingewöhnungszeit einräumen, in der du als BezugserzieherIn ausschließlich für das Kind präsent bist?
  • Könnt ihr ermöglichen, dass die entsprechenden BezugserzieherInnen für die Kinder da sind, um ein Ankommen zu erleichtern?
  • Kannst du mit den Eltern ein Gespräch vereinbaren, in dem die Quarantäne-Zeit reflektiert und die Rückkehr des Kindes in die Einrichtung gemeinsam geplant wird?

Fragen an euch Eltern

  • möchtest du dein Kind wieder in die Kinderbetreuung bringen oder hast du das Zuhausesein genossen und möchtest etwas an der Betreuungssituation ändern?
  • möchtest du dein Kind wieder in die Einrichtung bringen oder musst du dein Kind wieder in die Einrichtung bringen?
  • Gibt es die Möglichkeit, den Wiedereinstieg in die Kinderbetreuung für dein Kind bedürfnisorientiert, flexibel, gemächlich und kindzentriert zu gestalten?
  • Kannst du dir dafür genügend Zeit einplanen? z.B. Urlaub nehmen?
  • Wie kannst du den Wiedereinstieg für dein Kind vorbereiten? Z.B. den Wiedereinstieg besprechen, von Freunden und den BezugserzieherInnen sprechen, ein Bild/ Brief für den/die ErzieherIn malen, etwas Gebasteltes aus der Quarantäne-Zeit mitbringen?

 

Was denkt ihr, welche Fragen sollten noch berücksichtigt werden, wenn die Kinder nach einer solch langen Zeit wieder in die Einrichtungen zurückkehren?

 

Warum werde ich ErzieherIn und was der Berufswunsch mit mir selbst zu tun hat.

Warum will ich ErzieherIn werden? Warum bist du ErzieherIn geworden? Was meinst du? Hast du dir dazu schonmal Gedanken gemacht?

Viele würden vielleicht antworten “na klar weiß ich das, schließlich war das eine Frage, die ich in meinem Motivationsschreiben und in meinem Aufnahmegespräch zur Erzieherin/ zum Erzieher beantworten musste”:

“ich will etwas mit Kindern machen”, “ich möchte etwas mit Menschen machen”, “man kann Kindern etwas beibringen”, “Kinderaugen strahlen einen immer so freundlich an” “Kinder sind immer so ehrlich” “Kinder geben mir so viel” “Kinder bereiten einem einfach Freude”

Das sind zumindest häufige Antworten von angehenden ErzieherInnen. Das zeigt auch eine Befragung von Auszubildenden, warum sie den Erzieherberug gewählt haben (Knauf, 2009).

Was treibt uns wirklich an?

Aber ich frage mich immer was ist es, das uns WIRKLICH ANTREIBT? Warum wählen so viele den Erzieherberuf? Wo hat der Wunsch angefangen, ErzieherIn werden zu wollen und warum? Was ist wirklich unser innerster, unbewusster Antrieb? Was steckt hinter den oberflächlich benannten Motiven?

WAS IST ES?

Um diese Frage klären zu können, müssen wir einen Schritt in unser Seelenleben wagen. Wir dürfen uns in unsere eigene Biografie hineindenken, unseren Gefühlen und unseren eigene Bedürfnissen Raum geben. Unser Unbewusstes weiß eine Antwort aber wissen wir es wirklich auch? Sarah hat im Podcast zu diesem Thema gesagt: “ich wusste da nicht gleich eine Antwort”. Wenn wir uns öffnen und in uns hineinschauen, finden wir vielleicht eine Antwort. Was treibt dich an?

… Vielleicht gibt es dir ein gutes Gefühl, wenn du dich um andere kümmern kannst? Wenn andere dich brauchen? Wenn du dich um andere kümmerst, kümmerst du dich gleichzeitig immer ein wenig auch um dich? Du magst es gebraucht zu werden. “Wenn sie [Kinder] glücklich sind, fühle ich mich wohl”. Dir gibt es ein gutes Gefühl dich für andere aufzuopfern, andere glücklich zu sehen.

… Ganz tief in dir drin sehnst du dich vielleicht nach (körperlicher) Nähe, nach Zuwendung und nach Jemandem, der dir zuhört. Kinder können dir diese Nähe geben, denn sie brauchen deine Nähe und sind auf deine Nähe angewiesen. Du kannst mit den Kindern kuscheln und sie herzen. Es fühlt sich für dich wohlig warm an, wenn Kinder eine innige Nähe zu dir aufbauen, die dir sonst oft fehlte?!

… Hast du vielleicht manchmal das Gefühl, du kannst der Welt nicht trauen?! Erwachsene lügen dich an, du musst immer auf der Hut sein? Sehnst du dich manchmal nach einem vertrauensvollen Umfeld, nach Jemandem, der ehrlich und authentisch zu dir ist?! “Kinder sind immer ehrlich”, sie zeigen dir ein authentische Reaktion. Das magst du sehr und fühlst dich deshalb immer wieder von Kindern angezogen? Endlich musst du nicht mehr mutmaßen, was dein Gegenüber wirklich fühlt?!

… Fühlst du dich wohl, wenn du anderen etwas beibringen kannst, wenn du dich schlau, wissend und kompetent fühlen kannst? Kinder sind aufmerksame Zuhörer, interessiert und geben dir das Gefühl, viel zu wissen und viel zu können. Kinder können dir das Gefühl geben, gut, richtig und kompetent zu sein. Das Gefühl gut genug, wissend genug, kompetent genug zu sein kam dir sonst eventuell öfter mal abhanden?!

… Wenn du ganz ehrlich mit dir selbst bist, magst du es manchmal mächtig zu sein? Wir Erwachsene sind körperlich und intellektuell betrachtet den Kindern in jedem Fall überlegen. Wir können über Kinder bestimmen, sagen was zu tun und zu lassen ist. Dieses machtvolle Handeln gibt dir eventuell Sicherheit? Du hast das Gefühl die Kontrolle bewahren und Herr der Lage sein zu können. Vielleicht ganz anders als du es als Kind erlebt hast?!

… Kann es sein, dass es sich für dich ziemlich gut anfühlt, von den Kindern Respekt verlangen zu können?! Du selbst respektierst und akzeptierst dich nicht immer und auch als Kind wurde nur selten deine Meinung respektiert. Du hattest zu gehorchen. Als ErzieherIn kannst du dir von den Kindern vielleicht das Gefühl zurückholen, Respekt verdient zu haben.

… Bist du manchmal traurig und es schleichen sich immer wieder negative Gedanken in deinen Kopf? Grübelst du viel und gelangst immer wieder in eine depressive Stimmung? Das Zusammensein mit Kindern ist für dich ein Segen. Denn Kinder schaffen es immer wieder dich aufzuheitern oder?! Du willst wahrscheinlich so gerne ErzieherIn werden oder bist es geworden weil “Kinder so fröhlich sind”?

… Abeitest du als ErzieherIn und bist auf der Suche nach dir selbst? Hast du den Erzieherberuf gewählt weil du mit den Kindern “an Reife gewinnen” (Knauf, 2009) und dich persönlich entwickeln kannst? Bist du als ErzieherIn tagtäglich mit den Kindern zusammen und merkst, eigentlich bist du auf der Suche nach deinem eigenen inneren Kind? Du möchtest dich mit deinem inneren Kind versöhnen? Dich mit deinem Schattenkind konfrontieren und dein Sonnenkind suchen? (Stahl, 2015)

Selbsterkenntnis als Chance nutzen

Hast du dich in einer der oben beschriebenen tiefer liegenden Motivationen erkannt? Lösen die Beschreibungen gar Widerstand in dir aus? Das kann durchaus sein und zeigt, dass eine Korrespondenz vorhanden sein kann, dass dich etwas in deinem Unbewussten berührt, das mit dir selbst zu tun hat.

Mir ist es wichtig zu sagen, dass es grundsätzlich keine Schande ist, eine oder mehrere der beschriebenen Motivationen in sich zu tragen. Ich finde es nicht abartig, mächtig sein zu wollen, sich durch Kinder aufheitern zu lassen, sich durch Kinder einen Sinn zu geben, sich eigene Bedürfnisse mithilfe der Kinder zu erfüllen. Irgendwie tun wir das alle, um uns unseren Selbstwert zu erhalten oder zu erhöhen. Wir als Menschen sind alle in gewisser Weise bedürftig, brauchen Bestätigung, Wertschätzung und Anerkennung.

In einer Befragung von Auszubildenden zu der Frage, warum sie ErzieherIn werden wollen, zeigt sich ebenso, dass ihre Haupt Motivation darin liegt, etwas von den Kindern zurückzubekommen (Knauf, 2009). Dieses Ergebnis zeigt, wie wichtig es uns als ErzieherInnen ist, emotional etwas von den Kindern zu erhalten, durch sie genährt zu werden. Es zeigt sich, wie bedürftig wir an vielen Stellen sind.

Anke Ballmann drückt diese Bedürftigkeit von Erwachsenen in ihrem Buch “Seelenprügel” noch deutlich drastischer aus und sagt: “soziale Einrichtungen sind kein Auffangbecken für erwachsene Kinder!” (Seelenprügel 2019).

Reflexion der tiefer liegenden Motivation

Etwas von den Kindern zurückzubekommen, sich mächtig fühlen zu können oder sich durch die Kinder eine heitere Umgebung zu schaffen “darf eine schöne Begleiterscheinung sein” so Sarah Bohnes im Podcastinterview. Allerdings darf es nicht aus einem Mangel heraus entstehen oder aus einem grundlegenden unerfüllten Bedürfnis der Fachkraft”.

Deshalb ist es so wichtig, tief zu schauen. Denn wir sind uns oft nicht bewusst darüber, welche unbefriedigten Bedürfnisse eigentlich in uns schlummern. Wir haben bereits Bewältigungsstrategien entwickelt, mit unseren unerfüllten Bedürfnissen umzugehen. Das bedeutet, wir sind uns oft nicht bewusst darüber, wie wir uns eigentlich unbefriedigte Bedürfnisse erfüllen. Ein Weg kann es sein, die Unbefangenheit, Freude und Resonanz der Kinder für sich zu nutzen.

Gehen wir also diesen Schritt und fragen uns wirklich, was treibt mich an, den Erzieherberuf zu ergreifen? Denn wenn ich meine Motivation nicht reflektiere, wenn wir unseren tatsächlichen inneren Antrieb nicht wahrnehmen können, kann es passieren, dass die Kinder zu Marionetten werden, die unsere unerfüllten Bedürfnisse befriedigen. Das darf nicht sein. Wenn wir uns unseren eigentlichen Motiven nicht bewusst sind, kann es passieren, dass wir uns mit den Kindern verstricken, unsere Machtausübung nicht kontrollieren lernen und die Grenzen der Kinder nicht wahrnehmen können.

Meine Feinfühligkeit kann dadurch geschmälert werden. Ich vermag es nicht mehr, passend auf die Signale der Kinder zu reagieren. Dadurch können Kinder eine unsichere Bindungsqualität zu uns als pädagogischen Fachkräften entwickeln und eine unsichere oder sogar desorganisierte (traumatische) Bindung kann weitreichende Einflüsse auf das Selbstbild sowie den Stresshaushalt eines Kindes nehmen.

Deshalb sollten wir uns als pädagogische Fachkräfte immer wieder fragen:

  • wie bedürftig bin ich momentan selbst?
  • Was erwarte ich von den Kindern?
  • Was sollen sie mir geben?
  • Was und wieviel kann ich ihnen momentan geben?
  • Wie stabil und gewachsen bin ich selbst momentan in meiner Persönlichkeit?

Kinder sind wie ein Spiegel, sie konfrontieren dich mit deinem Innersten, auch mit deinen Wunden. Das kann schmerzhaft sein aber auch Heilung bringen.

Unsere Bedürfnisse als Fachkräfte wahrnehmen

Bereits in der Ausbildung sollten wir uns dazu Gedanken machen, welche unerfüllten Bedürfnisse habe ich selbst? Und nach was suche ich genau?

  • Was brauche ich, um mich gut mit mir selbst zu fühlen?
  • Welche Stärken habe ich? Welche Stärken kann ich sehen?
  • Wie kann ich dafür sorgen, mich unabhängig zu fühlen?
  • Habe ich die Möglichkeit, mich selbstwirksam zu fühlen?
  • Habe ich die Möglichkeit nach einem empathischen Gegenüber, das mir zuhört?

Es gibt unzählige Bedürfnisse, die dabei eine Rolle spielen können. Weitere mögliche Bedürfnisse findest du im Artikel: “die Bedürfnisse des Menschen

Eines dürfen wir nicht vergessen, unsere Aufgabe als Erzieherinnen und Erzieher ist es, für die Kinder da zu sein, sie in ihrer Persönlichkeitsentwicklung zu unterstützen, sie in ihrem SEIN zu sehen, mit all ihren Gefühlen, Bedürfnissen und Grenzen. Die Kinder sind nicht dafür da, uns unsere unerfüllten Bedürfnisse zu stillen.

Ballmann, A.E. (2019): Seelenprügel

Knauf, H. (2009): Ich will Erzieher/in werden. Warum brandenburgische Fachschülerinnen und -schüler sich für den Beruf der/des Erziehers/in entscheiden. In: Kita aktuell, 3/2009, Carl Link Verlag. S. 52-54.

Stahl, S. (2015): Das Kind in dir muss Heimat finden. Der Schlüssel zur Lösung (fast) aller Probleme. Kailash Verlag: München.

Kinder missachten Regeln nicht aus Böswilligkeit

Kinder brechen Regeln, halten sich nicht an Vereinbarungen und hören nicht zu. Wenn wir sie darum bitten, die Regeln einzuhalten, grinsen sie nur frech und ignorieren uns. Das stimmt.

Und es könnte einen selbst zur WEISSGLUT bringen. 
“Was fällt dem Kind ein? Wie ignorant, provokant, frech und aufmüpfig. Wo soll das nur hinführen?!” “dann halte ich mich eben auch nicht mehr an seine Regeln” schwirrt es mir bockig im Kopf herum.

Ich bin verärgert, zornig, empört, 
“DAS KANN JA WOHL NICHT WAHR SEIN!”
.
.
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STOPP!!!, innehalten.
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Einmal tief durchatmen…

Sie tun es NICHT mit ABSICHT, nicht, um uns zu ärgern, nicht um uns zu provozieren!

In dem Moment ging es nicht anders, der IMPULS war STÄRKER als der Kontrollmechanismus, das steuernde Gefühl drängender als die stoppende Beherrschung. Lucas Empörung darüber, dass Isabell seinen Turm umgestoßen hat war präsenter als die rationale Überlegung sich an die vereinbarte Regel zu halten.

Die Regel “wir hauen und treten nicht” fällt Isabell erst viel später wieder ein als ihr Ärger verflogen ist.

Regeln sind dazu da, eine friedvolle Gemeinschaft einzuüben. Und die Betonung liegt auf ÜBEN! Und beim Üben passieren uns immer und immer wieder FEHLER. Das liegt in der Natur der Sache. Wir können ein Verhalten nicht sofort kontrollieren; das ist so beim Fahrradfahren Üben, beim Schreiben Üben, beim Üben des friedlichen Miteinanders und beim Üben der Impulskontrolle.

Sich an Regeln halten ist also ÜBUNGSSACHE!!!

Und zum Üben gehört es dazu, FEHLER zu MACHEN und machen zu dürfen, sonst könnte man ja schon, was man übt und würde das Üben überflüssig machen.

Wenn Kinder also Regeln missachten, dann weil sie die Regel schlicht nicht einhalten konnten.

Vergessen wir nicht, JEDER MENSCH TUT in jedem Moment DAS BESTE, WAS ER KANN. Das sagte Carl Rogers, das sagte Marshall Rosenberg und wie sie alle heißen. Und wenn ein Kind es in dem Moment nicht schafft, sich an die vereinbarte Regeln (z.B. nicht zu hauen) zu halten, dann nur weil es etwas gibt, das es davon abhält.

GRÜNDE dafür gibt es viele und sie variieren von Kind zu Kind und von Situation zu Situation: weil das Kind gekränkt ist, weil es ein unerfülltes Bedürfnis gibt, weil es eine innere Unruhe gibt, weil es überfordert ist, weil es sich nicht verstanden fühlt, weil es so sehr mit sich und seiner Emotion beschäftigt ist, dass die Regel in den Hintergrund rückt – einfach abgekappt ist.

Wenn ein Kind sich nicht an die Regel hält, sollte es also NICHT BESTRAFT werden. Das hilft nicht, es schadet.

Vielmehr sollten wir ihm VERSTÄNDNIS und Wohlwollen entgegenbringen und sagen:
“du weißt, wir haben diese Regel. Ich weiß, dass du weißt, dass es diese Regel gibt. Und wir beide wissen, jetzt gerade war es für dich nicht möglich, dich an die Regel zu halten. Das ist in Ordnung. Fehler passieren, wir üben alle zusammen, uns an die Vereinbarung zu halten. Wir unterstützen uns dabei, du hilfst mir und ich helfe dir, in Ordnung?”

Denn WAS SOLL DAS KIND DENN LERNEN?

Wollen wir, dass es aus der Situation mitnimmt: “ich muss mich an die Regeln halten koste es was es wolle” “”bloß keine Fehler machen” “ich bin schuld, dass ich mich nicht an die Regel halten konnte” “ich bin falsch”, “wenn ich nicht das tue, was von mir verlangt wird, kann es schmerzhaft für mich werden”????

Oder ist es uns lieber, wenn die Kinder für sich mitnehmen: “eine Regel soll eine Unterstützung sein”, “sie hilft uns allen” “ich bin ok auch wenn ich es mal nicht schaffe mich an eine Regel zu halten”, “ich trage keine Schuld”, “ich bekomme Unterstützung, wenn mir etwas noch nicht gelingt”, “wir sind alle Lernende”, “ich bin fähig etwas zu lernen”, “Fehler machen ist ok”??!!

Wir können also BERUHIGT sein. Wenn Kinder sich nicht an vereinbarte Regeln halten, dann nur weil es gerade nicht ging. Wir dürfen entspannt sein und sagen: “na gut, diesmal hat es nicht geklappt, wir üben weiter”. Genauso wie beim Fahrrad fahren.

Es ist NICHT unsere SCHULD, dass das Kind noch nicht Fahrrad fahren kann. Genauso wenig ist es unsere Schuld, wenn das Kind es noch nicht schafft, sich an unsere gemeinsamen Regeln zu halten. Aber wir können üben!

Und seien wir mal ehrlich, schaffen wir es immer uns an die vereinbarten Regeln zu halten?! Sind wir also fehlerfreundlich mit uns und fehlerfreundlich mit den Kindern.

Alles Liebe,
eure Lea

Das Kind in seinem Bedürfnis wahrzunehmen ist oft noch wichtiger als die Erfüllung selbst

Grundbedürfnisse wie Essen, Trinken, Schlafen und Bindung erlauben häufig keinen Aufschub und brauchen eine sofortige Erfüllung. Je nach Alter und Temperament, schaffen Kinder es weniger oder mehr diese Grundbedürfnisse aufzuschieben. Ein sechs monatiges Kind braucht z.B. bei Hunger unmittelbar etwas zu essen, ein fünfjähriges Kind schafft es unter Umständen noch einen Moment zu warten.

Wir Menschen haben noch viele weitere Bedürfnisse, die zu unserem Seelenheil, unserer inneren Zufriedenheit und unserem Glück beisteuern. Eine Auflistung dieser Bedürfnisse sind hier zu finden: https://www.beduerfnisorientierte-kinderbetreuung.de/die-beduerfnisse-des-menschen-eine-uebersicht

Sehr oft ist es so, dass Kinder gar nicht danach streben, sich ein offensichtliches Bedürfnis direkt zu erfüllen. Viel entscheidender ist, dass ihr Bedürfnis wahrgenommen wird. Das zeigt sich auch in folgenden zwei Situationen in einer Kindertagesstätte:

Beispiel Pia und Beispiel Jan

Beispiel 1 (Pia):

Pia sitzt im hinteren Eck des Gartens einer Kindertagesstätte und weint. Die Fachkraft läuft hin. Von weitem zeigt sie mit ihrer Mimik, dass sie mit Pia mitfühlt. Pia erkennt am Gesichtsausdruck der Fachkraft, dass sie verstehen kann, wie sie sich fühlt. Das beruhigt sie bereits ein wenig.

Die Erzieherin vermutet, Pia wird traurig oder verärgert sein oder vielleicht hat sie sich verletzt?!

Die Fachkraft kommt bei Pia an und tröstet sie. “Soll ich dich mal in den Arm nehmen?”. “JA!”. Sie tröstet Pia und hält sie im Arm bis sie sich ein wenig beruhigt. 

Erzieherin: “Was war denn passiert?” “Hast du dich verletzt?” 

Pia: “JA”

Erzieherin: “Wurdest du gehauen?”

Pia: “Nein geschubst. Die Anne hat mich geschubst”

Erzieherin: “Och man. Und jetzt bist du wütend auf sie?”

Pia: “JA!”

Pia hört schlagartig auf zu weinen, spannt auf dem Schoß der Fachkraft ihren Körper an und bekommt einen wütenden Gesichtsausdruck.

Erzieherin: “ich verstehe. Du bist ziemlich sauer auf Anne weil sie dich umgeschubst hat?”

Pia: “JA!”

Erzieherin: “willst du ihr sagen, dass du dich darüber ärgerst, dass sie dich umgeschubst hat?” Und wollen wir sie mal fragen, warum sie das gemacht hat?”

Pia: Nein schon gut. 

Pia springt vom Schoß auf und geht zurück zu ihrer Freundin, um mit ihr fröhlich weiterzuspielen.

Beispiel 2 (Jan):

Jan wird sehr aufbrausend als Lina ihm das Spielpferd aus der Hand reißt, mit dem er gerade gespielt hatte. Er beginnt zu schimpfen und zu meckern und ist kurz davor, Lina vor Wut zu hauen. 

Erzieherin: “Stopp Jan!”. 

Sie geht zu ihm hin, geht in die Hocke auf Augenhöhe, wendet sich ihm freundlich zu und sieht ihn mitfühlend an. Ihre Mimik lässt erkennen, dass sie ihm wohlgesonnen ist und Verständnis für ihn hat.

Erzieherin:du bist ziemlich verärgert weil Mara dir das Pferd aus der Hand genommen hat oder?” 

Jan: “JA!”

Erzieherin: “Du hast gerade etwas so Wichtiges mit dem Pferd gespielt stimmt’s?”

Jan: “JA!”

Erzieherin: “Ich habe das gesehen, du wolltest mit dem Pferd Bauernhof spielen, richtig?

Jan: “JA und jetzt geht das nicht mehr. Ich brauche das Pferd für meinen Pflug”

Erzieherin: “das ist echt ärgerlich”. “Soll ich dich mal in den Arm nehmen und trösten?” oder “wollen wir die Lina fragen, ob sie dir das Pferd zurück gibt?”

Jan: “Nein. Ist nicht so schlimm. Ich nehmen einfach die Kuh”

In beiden beschriebenen Szenen kommt es den Kinder weniger darauf an, sofort eine Lösung zu finden, Vergeltung zu üben oder einen Ausgleich zu schaffen. 

Es gibt noch viele weitere Situationen, die dieses Phänomen beschreiben könnten:

Robert will ein bestimmtes Spielzeug haben

Philipp will dass seine Mama kommt

Frieda will nicht mit raus in den Garten

Lutz mag das Essen nicht

 

Das Bedürfnis hinter dem Bedürfnis

Viel eher brauchen sie Einfühlung und Verständnis. Sie benötigen Jemanden, der sich in sie einfühlt, der einen Versuch unternimmt, ihre Lage zu verstehen und ihnen Trost spendet. Es reicht ihnen sichtlich aus, dass sie in ihrem Bedürfnis wahrgenommen werden. Sie benötigen dabei keine direkte Lösung, keinen Richter, keinen Ritter, keine unmittelbare Aktion, die daraus folgt. Sie benötigen nicht die Erfüllung des im Vordergrund stehenden Bedürfnisses z.B. das Pferd wieder zu bekommen oder Anne wegen des Schubsens zur Rede zu stellen.

Indem wir in den tröstenden Situationen unsere Verbundenheit  und unser Mitgefühl ausdrücken, erfüllen wir bereits ein fundamentales menschliches Bedürfnis, nämlich das Bedürfnis nach Empathie. 

  • Wir wünschen uns, dass jemand mit unserem Gefühl mitschwingt
  • Wir wünschen uns, dass uns jemand zuhört
  • Wir wünschen uns, dass wir verstanden werden
  • Wir wünschen uns, dass wir gesehen werden.
  • Wir wünschen uns, in unsere Situation akzeptiert zu werden
  • Wir wünschen uns Verbundenheit

So auch Pia und Jan.

Hinter einem zunächst vermuteten, offensichtlichen Bedürfnis z.B. nach Gerechtigkeit oder einer konkreten Konfliktlösung, liegt also häufig ein viel tiefer liegendes, emotionales Bedürfnis: das Bedürfnis nach Wertschätzung, Empathie und Gesehen werden. Durch die Wahrnehmung und Spiegelung des vermuteten Bedürfnisses werden also im Hintergrund andere, weniger offensichtliche, viel wichtigere Bedürfnisse des Kindes gestillt, nämlich nach Verbindung und Anerkennung.

Das heißt auch das Verbalisieren eines offensichtlichen Bedürfnisses, erfüllt dem Kind unter Umständen ein anderes viel tiefer liegendes Bedürfnis.

Gewaltvolles Verhalten durch pädagogische Fachkräfte – eine Sammlung

“Es kann nicht sein, was nicht sein darf” (Anke Elisabeth Ballmann)

1. Emotionale Gewalt

Kinder ignorieren

Augen rollen

böse, abwertende Blicke

Kinder als Bestrafung ohne Worte stehen lassen, alleine (stehen) lassen

Manipulation: “nur wenn du das aufisst, wirst du groß und stark”

“Wenn die Lara das Ei nicht bastelt, bekommen ihre Eltern halt kein Ostergeschenk”

“Wenn der Viktor nicht mit reinkommt, bekommt er eben kein Mittagessen”

Beschämung/ Bloßstellen: z.B. Kind hat während der Mittagsruhe eingepullert und wird von der Erzieherin vor den anderen Kindern bloß gestellt: “siehst du Lisa, ich hab’s dir gesagt! Wärst du vorhin auf’s Klo gegangen”. Zu den anderen Kindern: “also so wie der Jan das macht, geht das nicht. Bei ihm dürft ihr das euch nicht abschauen”

Angst machen: “wenn du nicht artig bist, holt deine Mama dich nicht ab”

“hör sofort auf, sonst kommt dein Schnuffi (Kuscheltier) weg”

2. Verbale Gewalt

Im Beisein des Kindes schlecht über es sprechen: mit den Eltern oder einer anderen Fachkraft. “Also die Lina ist ja echt schüchtern, schlimm, mit ihr kannst du nichts unternehmen. Das ist weil ihre Mutter sie noch stillt” (Während Lina mithörten kann)

Sarkasmus: “man du bist ja echt schlau” und meint eigentlich “man bist du dumm”

Widersprüchliche Aussagen (Double-bind): in höchst zynischem Ton: “na das hast du ja wunderbar gemacht”, “ganz toll!” “so ein kluges Kind bist du” wenn das Kind eigentlich etwas falsch gemacht hat.

Anschreien, Ausschimpfen: (in sehr lautem aufbrausenden Tonfall): “was steht ihr denn hier rum? Ihr solltet euch doch anziehen. Manuel, du sitzt ja nur da rum, mach, dass du dich anziehst. So wird das nie etwas mit dir werden”

verbale Abwertung: “bist du dumm”, “das schaffst du ja eh nicht”, “so wird nie etwas aus dir!”, “du stellst dich ja an”

3. Körperliche Gewalt

Fixieren: am Stuhl, Lätzchen unter Teller festklemmen, in Hochstuhl festsetzen ohne Bewegungsspielraum und die Möglichkeit aufzustehen, am Bett fixieren, auf dem Töpfchen/Klo festbinden

Zerren, Schubsen, ohne Ankündigung Herumreißen, Hochreißen (bei Krippenkindern)

4. Bestrafung

Strafen androhen
“Wenn du nicht sofort aufräumst, gehst du in die Krippe”

Strafen durchführen: Kind sozial isolieren: auf den stillen Stuhl, stille Treppe, alleine in die Garderobe schicken, Auszeit, Time-out

weitere Beispiele für Bestrafungen: das Kindergartenkind in die Krippe schicken, vor die Tür setzen, zur Strafe als letztes etwas auswählen dürfen, o.ä.

5. Zwang/ Nötigung

Kind zwingen z.B. seinen Schnuller abzugeben, zum Wickeln zwingen

Rigide Schlafenszeiten/ Schlafzwang: Schlafen müssen obwohl nicht müde, liegen bleiben müssen, “Bewachung” durch Fachkraft, Runterdrücken, Festbinden, still liegen müssen

Zum Essen drängen/ zwingen: Probieren müssen, zum Probieren drängen, aufessen müssen, etwas essen müssen bevor man etwas anderes darf (z.B. den Nachtisch, Aufstehen, Spielen gehen), zum Essen manipulieren: “nur wenn du das Fleisch isst, wirst du groß und stark”

Nötigung zum aufs Töpfchen/ Klo gehen: auf’s Klo gehen müssen, z.B. in der Toilette einsperren bis das Kind auf Toilette gegangen ist, mehrfaches Überreden auf’s Klo zu gehen, lange auf dem Töpfchen/ Klo sitzen müssen (bis etwas kommt)

6. Unterlassen von Hilfeleistung

Trost verweigern: Kind weint streckt die Arme nach der Erzieherin aus und sagt: “nein ich nehme dich nicht hoch. Das musst du lernen”

Verweigern von Nähe und Tragen obwohl das Kind deutliche Signale zeigt, dass es getragen werden möchte. Mehr dazu auch in folgendem Artikel: https://www.beduerfnisorientierte-kinderbetreuung.de/zu-viel-naehe-gibt-es-nicht-auch-nicht-im-paedagogischen-kontext

Bedürfnis nicht ernst nehmen und unbeantwortet lassen: “der will nur Aufmerksamkeit” und nötige Hilfe unterlassen “ach ja, der Leon, der macht immer einen Aufstand um nichts”

7. Diskriminieren

Lieblingskinder bevorzugen

Kinder in ihrem Beisein miteinander vergleichen
“schau mal, der Levi kann sich aber schon alleine anziehen. Das müsstest du auch längst können

Kinder diskriminieren:

8. Sexuelle Gewalt

Ungenügende Nähe-Distanz Regulation z.B. wenn Fachkräfte sich ihre eigenen Bedürfnisse nach Nähe und Zuwendung durch die Kinder befriedigen: z.B. kuscheln obwohl das Kind nicht will, das Kind küssen, eine Innigkeit herstellen, die über die Grenze des Kindes geht.

Diese Liste hat keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Es handelt sich um eine Sammlung von selbst erlebten Beispielen, berichteten Beispielen und Beispielen aus den angegebenen Büchern.

Wie es mir damit geht, Fehlverhalten in Kindertagesstätten zu beobachten und nicht zu wissen, wie ich damit umgehen soll, könnt ihr in diesem Artikel von mir nachlesen: https://www.beduerfnisorientierte-kinderbetreuung.de/gewalt-durch-paedagogische-fachkraefte-mein-dilemma-zwischen-hinsehen-und-wegsehen

Literaturangaben:

Jörg Maywald (2019): Gewalt durch pädagogische Fachkräfte verhindern.

Anke Elisabeth Ballmann (2019): Seelenprügel. Was Kindern in Kitas wirklich passiert.

https://www.donbosco-medien.de/gewalt-durch-paedagogische-fachkraefte-ein-tabu-broeckelt/b-1/484

Gewalt durch pädagogische Fachkräfte – (m)ein Dilemma zwischen Hinsehen und Wegsehen

Ich sitze gerade in einer Kita, begleite eine Erzieherfachschülerin in ihrem Praxisabschnitt. Ich war bis eben mit meiner Aufmerksamkeit ganz bei ihr.

Doch dann höre ich plötzlich wie es im Nachbarraum laut wird. Ich bekomme mit, wie dreijährige Kinder angeschrien werden. Ich höre wie die Erzieherin lautstark brüllt: 

“du bist ja immer noch nicht angezogen!” “Geh da sofort von der Tür weg” “alle anderen Kinder sind bereits angezogen und du stehst hier immernoch rum” “Das kann ja wohl nicht wahr sein” “so wird das mit der Schule aber nie was” 

Ich zucke zusammen. Das Blut gefeiert in meinen Adern. Mein Denken verschwindet, ich erstarre innerlich.

Mir geht es sehr schlecht. Ich fühle mich klein und ohnmächtig. 

Was soll ich tun?! 

Eins ist klar, das Kind braucht Hilfe!!!!

Ich grübele, wie muss es wohl dem Kind gehen, das so beschimpft und runtergemacht wird? Wenn ich schon so erschrecke, wie hilflos, schuldig und klein muss sich das Kind erst fühlen?

Schrecklich. Ich bin empört. Mein Puls steigt.

Das Kind ist so sehr abhängig von dieser Erzieherin.

Ich selbst habe jeder Zeit die Chance zu gehen, mich zu empören und die Einrichtung zu verlassen. Und das würde ich tun, wenn ich so angeschrien werde. Ich bin der Erzieherin nicht ausgeliefert, ich kann mich schützen. Ich gehe raus und fahre nachhause.

Aber das Kind kann sich nicht schützen, es kann sich nicht wehren. Wenn es sich empört, gerät die Erzieherin vermutlich erst richtig in Rage und sein Schmerz wird vermutlich noch verstärkt. Aus Angst lässt das Kind es lieber sein.

Es kennt die Situation womöglich gar nicht anders, hat diesen Umgangston vielleicht sogar bereits als normal verinnerlicht.

ETWAS BEGINNT IN MIR ZU BRODELN. Ganz leise, tief in meinem Bauch. Keiner bekommt es mit.

ICH WILL SOFORT aufstehen, zu der Erzieherin hingehen und sie schütteln, ich würde sie am liebsten an den Schultern fassen, ihr in die Augen blicken und sagen: “Sie tun dem Kind weh” “Sie üben Gewalt aus!” Sie sorgen dafür, dass das Kind seine Selbstachtung, seinen Selbstwert, sein Selbstbewusstsein, das Vertrauen zu sich und in seine Umwelt verliert!”

ICH WÜRDE AM LIEBSTEN sofort zur Leitung laufen und wutentbrannt erzählen, welch unsagbare Dinge in ihrer Einrichtung passieren. 

ICH WÜRDE AM LIEBSTEN zu meiner Fachschülerin gehen und sagen: “so bitte niemals handeln! Auf diese Art fügst du den Kindern enormes Leid zu”

ICH WILL SOFORT zu meiner Fachschule rasen und ihr befehlen, diese Einrichtung als Kooperationseinrichtung zu kündigen

ICH WILL SOFORT, das Kind in meine Arme schließen und es trösten. Ich würde ihm gerne sagen: “du trägst keine Verantwortung, du hast keine Schuld, du bist richtig wie du bist, du darfst weinen wenn du möchtest. Deine Erzieherin wollte dir eigentlich sagen, dass sie gerne mit euch raus gehen will und ihr euch dafür anziehen sollt. Sie ist ungeduldig weil sie so gerne raus möchte und es kaum abwarten kann. Sie konnte es dir gerade nur nicht anders sagen” 

ICH WÜRDE am liebsten sofort rausrennen und in die Luft schreien: “bitte liebe Eltern, schickt eure Kinder nicht in diese Einrichtung, zu dieser Erzieherin. Sie tut euren Kindern nicht gut!”

Nun sitze ich da. Das alles passiert in meinem Kopf, in meinem Herz.

Und jetzt?

Eigentlich sollte ich genau das alles, was ich fühle, was mein Bauch mir sagt, tun, sonst ändert sich nichts!!!

Doch irgendwas in mir lässt mich am Stuhl festfrieren, schubst mein Gesicht zurück zur Auszubildenden, lenkt meinen Blick auf das vor mir liegende Formular. Irgendetwas in mir lässt mich meinen Stift wieder in die Hand nehmen und fortfahren.

Alles geht so schnell, schwupps sind die Kinder draußen im Garten, die schreckliche Erzieherin irgendwo im Nirgendwo.

Alles beim Alten, wie immer, zurück zum Alltag, beobachten, schreiben, rückmelden.

War irgendetwas? VERDRÄNGT.

“es kann nicht sein, was nicht sein darf” (Anke E. Ballmann)

Ich verlasse das Gebäude, fahre nachhause. 

SCHULD steigt in mir auf. 

Es kann doch nicht sein, dass ich solche schrecklichen Dinge sehe und das beinahe wöchentlich und ich dabei nichts unternehme, “schimpfe ich innerlich mit mir”. Ich bin doch genau diejenige, die etwas ändern kann. Ich bin tagtäglich in Krippen, Kitas und Horten. Ich habe die Verantwortung. Ich sehe die Gewalt. Ich habe es in der Hand!!! 

Diese Schuldgefühle zermürben mich. Aber was soll ich tun?

Und vor allem: was hält mich davon ab etwas zu tun?

ANGST. ANGST. ANGST. ANGST. ANGST. ANGST. ANGST. ANGST. ANGST. ANGST.

Ich habe ANGST davor, andere vor den Kopf zu stoßen

Ich habe ANGST davor, andere anzukreiden

Ich habe ANGST davor, andere zu kränken

Ich habe ANGST davor, dass andere mich beschimpfen

Ich habe ANGST davor, dass andere meine Kompetenz anzweifeln

Ich habe ANGST davor, alleine da zu stehen

Ich habe ANGST davor, enttäuscht zu werden und dass trotz meiner Mühe alles beim Alten bleibt 

Ich habe ANGST davor, dass ich in meinem Selbstwert angegriffen werde

Ich habe ANGST davor, wieder in diese Einrichtung gehen zu müssen und von allen böse Blicke zu bekommen

Ich habe ANGST davor, dass ich nicht ernst genommen werden und ich den Fehler letztlich bei mir suche: “ich bin einfach zu sensibel”

Ich habe ANGST davor, verhört zu werden

Ich habe ANGST davor, mich der Erzieherin oder gar mehreren Erzieherinnen stellen zu müssen

Ich habe vor den Konsequenzen ANGST, die mich davon abhalten, zu sagen: “das ist Gewalt und darf nicht sein!”

Ich habe ANGST vor dem was kommt.

All das kann ich doch ganz einfach vermeiden, indem ich nichts sage. Das ist in jedem Fall der einfachere und bequemere Weg. Ich gehe wieder meiner Wege, komme in eine Einrichtung und gehe wieder. Schau mir das Handeln der Fachkräfte an und gehe wieder, stumpfe mit der Zeit ab, ertrage es schon irgendwie.

Dann ändert sich nur nichts!

Und die SCHULDGEFÜHLE bleiben

Ich habe nicht verändert, was verändert werden muss!

Also lasst uns alle MUTIG sein und hinschauen, verändern was nicht sein darf. Gemeinsam können wir verändern, was bisher als “normal” galt und doch so mies ist.

Gibt es ein zu viel an Nähe im pädagogischen Kontext?

Dieser Beitrag kann auch als Podcastfolge angehört werden

Es hält sich in der pädagogischen Praxis zum Teil immer noch hartnäckig der Glaube, dass zu viel körperliche und emotionale Nähe den Kindern schaden könnte. Die Angst ist groß, dass Kinder bei zu enger Bindung zu den Fachkräften viel weinen, sich nicht lösen und nicht selbständig werden könnten. Pädagogische Fachkräfte sollten die professionelle Distanz wahren, um ein Kind nicht zu sehr an sich zu binden. Zu viel emotionales “Gedusel” sei wenig professionell und würde das Kind in seiner Entwicklung hemmen, so immer wieder die Meinung.

Aber gibt es wirklich zu viel Nähe? Eine zu enge Bindung zwischen Fachkraft und Kind?

Im familiären Kontext hat es sich mittlerweile rumgesprochen, dass Kinder nur schwer verwöhnt werden können, dass sie von körperlicher und emotionaler Nähe profitieren, eine innere Stärke aufbauen, dass sie gesünder und stressresistenter sind als Kinder, die in emotional kühler Atmosphäre groß werden.

Pädagogische Fachkräfte sind verunsichert

Pädagogische Fachkräfte sind allerdings immer wieder verunsichert: wie viel Nähe darf ich zulassen? Wie viel Nähe ist in Ordnung, um immer noch professionell zu handeln, um die professionelle Distanz zu wahren? Schließlich bin ich nicht die Mutter oder der Vater. Ich arbeite doch nur ergänzend zur Familie und möchte den Eltern keine Konkurrenz machen. Auch werde ich sonst von meinen Kolleginnen komisch angeschaut.

“meine Kollegen sagen dann zu mir, ich wäre zu eng mit den Kindern weil sie weinen wenn ich in die Pause gehe”

Gibt es ein zu viel an körperlicher Nähe im beruflichen Kontext?”

“man muss doch die professionelle Distanz wahren. Aber wenn die Kinder immer wieder von mir auf den Arm genommen werden wollen?! Was soll ich dann tun?”

Nähe ist für die pädagogische Arbeit wichtig

Ich kann alle Zweifelden beruhigen, auch im pädagogischen Kontext gibt es kein zu viel an körperlicher und emotionaler Nähe. Ich spreche nicht von übergriffiger, sexualisierter Nähe, sondern einer Bedürfnis gerechten Nähe, die auf die Signale der Kinder angepasst ist – eine Nähe, die von Kuscheln, auf den Arm nehmen, gut zureden, zugewandt sein geprägt ist. Eine Nähe, bei der die Grenzen aller Beteiligten gewahrt werden (siehe dazu unten den Abschnitt : “zu viel Nähe gibt es nicht – drei Ausnahmen”)

Insbesondere im Krippenbereich sind kleine Kinder sogar auf die emotionale Zuwendung von Erwachsenen angewiesen. Sie bauen eine Bindung auf, die davon geprägt ist, dass die Bindungsperson ihre Signale versteht und ihnen diese Signale mit einer passenden Handlung beantwortet. Dabei zeigen Kleinkinder für gewöhnlich sehr häufig Zeichen, die darauf schließen lassen, dass sie körperliche Nähe benötigen. Es ist ihr Grundbedürfnis durch emotionale und körperliche Nähe zum Erwachsenen Sicherheit und Regulation zu erfahren. Auch durch pädagogische Fachkräfte.

Der Stress-Regulations-Behälter – je voller desto entspannter

Durch emotionale Regulation und Körperkontakt wird das Bindungshormon Oxytocin ausgeschüttet. Dieses Hormon wiederum sorgt dafür, dass Stress, also Cortisol im Blut, abgebaut wird (Onlinequelle)

Stellen wir uns vor, ein Kind hätte ein inneres Behältnis, das je nach Menge der Nähe und Zuwendung stark oder weniger stark gefüllt ist. Bekommt ein Kind viel Körperkontakt, ist das Behältnis gut gefüllt. Dieses gefüllte Behältnis ist gleichzusetzen mit innerer Entspannung und Ausgeglichenheit. Je voller das Glas also an Zuwendung ist, umso entspannter ist das Kind. Im Umkehrschluss bedeutet das, wenn ein Kind lange Zeit keine Co-Regulation z.B. durch Körperkontakt erfahren hat, bleibt sein Stress-Regulations-Becher leer und das Kind ist stark gestresst.

Nähe tanken = Stress regulieren = Entspannung

Emotionale und körperliche Nähe durch Fachkräfte tragen dazu bei, dass das innere Nähe-Behältnis des Kindes stets gut gefüllt ist und es somit entspannt durch den Tag kommt.

Man sollte bedenken, dass der Nähebedarf der Kinder sehr individuell ist. Das eine Kind hat z.B. insgesamt viel Bedarf an körperlicher Zuwendung und muss regelmäßig viel Körpernähe “tanken” durch Tragen, Kuscheln, Hautkontakt o.ä. Andere Kinder wiederum haben nur ein inneres schmales Reagenzglas, das sehr schnell wieder aufgefüllt werden kann, z.B. durch kurzes Drücken und ein paar schöne Worte. Sie brauchen im Kitaalltag also weniger Kontakt als andere Kinder.

Wenn kindlicher Nähebedarf verwehrt oder nicht bemerkt wird, kommt es dazu, dass Kinder nach und nach die Reserven ihres Nähehaushalts aus dem Behältnis aufbrauchen. Sie werden mit der Zeit dann immer gestresster und unglücklicher.

Kinder benötigen Fachkräfte, die ihr Nähebedürfnis feinfühlig wahrnehmen. Zeichen der Kinder dafür können vielfältig sein: sehr deutlich, unmissverständlich, zaghaft, undeutlich oder kaum wahrnehmbar.

Zeichen, die ein Nähebedürfnis zeigen

  • auf den Schoß klettern
  • Kinder sagen: “hoch” oder “Arm”
  • strecken die Arme aus
  • weinen und lassen sich durch Sprache o.ä. nicht beruhigen
  • wirken apathisch, gehemmt
  • sind wenig fröhlich
  • Spielen nicht
  • uvm.

Bindung und Trauer

wir gehen mit den Kindern als pädagogische Fachkraft eine “bindungsähnliche Beziehung” (Hörmann, 2013) ein. Die Fachkraft-Kind Beziehung ist von ähnlichen Merkmalen geprägt wie die Beziehung zwischen Eltern und Kind. Gleich ist, dass die Beziehung durch ein feinfühliges Verhalten der Erwachsenen aufgebaut wird und sie darüber ihre Qualität entwickelt. Auch bei der Fachkraft-Kind Beziehung entwickeln sich Bindungsqualitäten, die sicher oder unsicher sein können. 


Durch das feinfühlige Beantworten kindlicher Signale bauen wir als Fachkräfte eine bindungsähnliche Beziehung auf. Kinder zeigen auf ihre Art, wann sie emotionale oder körperliche Nähe benötigen um Stress zu regulieren und ihr inneres Gleichgewicht wiederzufinden.

Wenn die Signale des Kindes nach Nähe von Fachkräften immer wieder fehlinterpretiert und nicht mit Körperkontakt beantwortet werden, kann die Bindungsqualität zwischen Fachkraft und Kind unsicher sein.

Kinder brauchen also die feinfühlige und emotionale Nähe zur Fachkraft damit sie sich sicher fühlen, Vertrauen aufbauen und entspannt durch den Kitaalltag kommen.


Kinder trauern um ihre Bezugsperson

Wenn das Kind sich eine bestimmten Person in der Einrichtung als Bindungsperson ausgesucht hat, kann es vorkommen, dass es um diese trauert, wenn sie nicht da ist. Das ist ganz normal und sehr gesund. Das kann unter Umständen auch die Praktikantin sein oder eine Fachkraft, die eigentlich gar nicht als Bezugsperson vorgesehen war.

Wir Menschen weinen zum Abschied am ehesten bei Personen, die wir am meisten ins Herz geschlossen haben, die wir mögen, bei denen wir uns wohl fühlen, die uns helfen in der Not.

In den Einrichtungen suchen Kinder sich Bezugspersonen nach sehr unterschiedlichen Merkmalen aus. Häufig spielt Sympathie eine Rolle. Wichtig ist auch, wie feinfühlig die Person dem Kind Zuwendung, Wertschätzung und Verständnis entgegenbringen kann, ob sie das Kind “versteht”, seine Bedürfnisse wahrnimmt und beantwortet. Nicht zuletzt kommt es darauf an, wie die Fachkraft die Gefühle des Kindes auffangen und welchen Grad an Nähe sie zulassen kann.

In pädagogischen Einrichtungen müssen Kinder sich sehr oft von lieb gewonnenen, ihnen nahe stehenden Bezugspersonen verabschieden. An manchen Tagen warten Kinder vielleicht sogar vergeblich auf sie.

Szenarien, in denen die lieb gewonnene Bezugsperson für das Kind abwesend ist, können zum Beispiel folgende sein:

  • sie geht in die Pause
  • sie geht Vor- oder Nachbereitungen durchführen
  • sie muss in einer anderen Grupp aushelfen
  • sie ist im Urlaub
  • sie ist krank
  • sie ist selbst Auszubildende oder Paktikantin, die nur an bestimmten Tagen in der Einrichtung ist oder ihr Praktikum beendet

In solchen Situationen kann es vorkommen, dass Kinder weinen, schluchzen, verhaltener sind, nicht ins Spiel finden, traurig aussehen oder an keiner Aktivität teilnehmen wollen. Kurz gesagt, sie trauern um ihre für sie so wichtige Bezugsperson, eben wie bei den Eltern.

Diese Trauer um die Bindungsperson ist völlig in Ordnung und normal. Wir weinen auch am ehesten bei Menschen, die uns sehr nahe stehen als bei solchen, die uns nicht so wichtig sind.

Das bestätigt auch die Bindungsforschung: es hat sich gezeigt, Kinder, die sicher gebunden sind, weinen häufiger beim Weggang der Bindungsperson als unsicher gebundene Kinder.

Wenn ich als Fachkraft also in die Pause gehe und das Kind weint, ist das ein gutes Zeichen dafür, dass eine sichere Bindung zwischen mir und dem Kind besteht. Das Kind trauert um mich.

Diese Trauer ist völlig in Ordnung. Wichtig ist nur, dass das Kind eine andere ihm vertraute Person um sich hat, die sich um es kümmert, die es mit seiner Traurigkeit auffängt:

“die Christin ist jetzt in die Pause gegangen. Das macht dich ganz schön traurig stimmt’s? Das kann ich gut verstehen. Soll ich dich mal in den Arm nehmen und trösten? Schau mal, wenn der große Zeiger auf der 12 ist, dann kommt Christin wieder. Wollen wir solange ein Puzzle (oder was das Kind sonst gerne spielt) zusammen machen?”

Eine starke Beziehung bedeutet folglich also nicht, dass ich mit dem Kind zu eng bin und deshalb lieber weniger Nähe mit dem Kind aufbauen sollte. Der geringere Kontakt könnte zwar dazu führen, dass das Kind weniger traurig ist, gleichzeitig würde dem Kind eine verlässliche, Sicherheit bietende Bezugsperson fehlen. Man könnte die Trauer des Kindes also durch weniger Nähe vermeiden, allerdings hätte es folglich vermutlich keine tiefe, stabile, verlässliche, Trost spendende, regulierende Beziehung, die es so dringend braucht, um sich sicher in der Einrichtung bewegen zu können und entspannt durch den Kitaalltag zu kommen.

Falsch verstandene professionelle Distanz kann für’s Kind schädlich sein

Die professionelle Distanz gibt es in der Bedürfnisorientierten Kinderbetreuung nicht. In der Bedürfnisorientierten Kinderbetreuung treten Menschen unterschiedlichen Alters in Beziehung. Alle Beziehungspartner teilen (auf ihre Art) ihre Grenze mit und gehen achtsam mit der Grenze des jeweils anderen um. 

Ein Kind, das die Nähe der Erzieherin nicht mag, zeigt dies durch individuelle Signale, die die Fachkraft bemerkt, spiegelt und darauf adäquat reagiert.

Das Kind windet sich bspw. aus der Umarmung der Fachkraft.

Andersherum teilt die Fachkraft ebenso authentisch und klar ihre eigene Grenze mit.

die Fachkraft möchte bspw. vom Kind nicht auf den Po gehauen werden und sagt dem Kind deutlich mit einer Ich-Botschaft, dass sie das nicht will: “Ich will nicht, dass du mir auf den Popo haust”

Auch die Eltern des Kindes sind Teil des Beziehungsdreiecks. Sie haben ebenso ein Recht darauf, ihre Grenze zu kommunizieren und darin ernst genommen zu werden. Wenn sie es zum Beispiel nicht wollen, dass ihr Kind die Fachkraft küsst, sollte diese Grenze ebenso respektiert und eine gemeinsame Lösung gefunden werden.

Die Grenzen eines jeden Menschen verlaufen sehr unterschiedlich. Je nachdem welche Erfahrungen jemand mit Nähe-Situationen gemacht hat, reagiert er sensibel oder weniger sensibel auf Handlungen anderer Menschen, die mit Nähe zu tun haben. Aus diesem Grund ist eine pauschale Aussage darüber, an welcher Stelle die professionelle Distanz gewahrt werden muss und wo nicht, sehr schwer.

Reflexion: jede Fachkraft sollte für sich selbst reflektieren,

  • wann reagiere ich wie sensibel auf die Nähebedürfnisse der Kinder?
  • Wo verlaufen meine eigenen körperlichen Grenzen? Was will ich körperlich zulassen und was nicht? und warum?
  • Welche eigenen körperlichen Grenzen sind berechtigt oder an welcher Stelle könnte ich die Kinder mit meiner eigenen Körpersensibilität in ihrem Wohlbefinden und ihrer Entwicklung beeinträchtigen?


Falsch verstandene professionelle Distanz kann für ein Kind (insbesondere in der Krippe) durchaus negative Konsequenzen haben. 

Zum Beispiel wenn ein einjähriges Kind weint, auf den Arm und kuscheln möchte, die pädagogische Fachkraft unbewusst jedoch die Angst hat, das Kind zu verwöhnen oder sogar sexuell übergriffig zu sein. Sie möchte die pädagogische Distanz wahren.

In dem Fall bliebe das Kind mit seinem Kummer jedoch alleine und sein innerer Stress könnte nicht abgebaut werden. Wenn eine solche Situation häufiger auftritt und sich keine andere Fachkraft dem Kind annimmt, kann das zu chronischem Stress beim Kind führen. Jörg Maywald würde in seinem Buch “Gewalt durch pädagogische Fachkräfte verhindern” dieses Verhalten sogar als gewaltvoll einstufen – als unterlassene Hilfeleistung.

Zu viel Nähe gibt es nicht es gibt 3 Ausnahmen!

Neben der Aussage: “zu viel Nähe gibt es nicht” bestehen jedoch drei wichtige Ausnahmen:

1. Ausnahme: das Kind will die Nähe nicht

Körperliche Nähe ist dann nicht in Ordnung, wenn das Kind zeigt, dass es sie nicht haben will. Durch verschiedenste Signale macht das Kind auf seine Grenze aufmerksam: durch Mimik, Gestik, mit Worten, die deutlich oder auch sehr “leise” sein können. Es ist dann die Aufgabe der Fachkräfte diese Zeichen wahrzunehmen.

Fachkräfte, die sich z.B. ihr eigenes Nähebedürfnis durch die Kinder befriedigen, handeln tatsächlich nicht ausreichend professionell. In den folgenden zwei Beispielen wird deutlich, dass die Fachkraft die Abwehrzeichen des Kindes nicht wahrnimmt und ihr Bedürfnis nach Nähe über das des Kindes stellt.

Beispiel 1: ein Kind weint. Die Fachkraft zieht das Kind ohne es vorher anzukündigen oder zu “besprechen” auf ihren Schoß und knuddelt es. Sie drückt es an ihre Brust. Das Kind kann sich kaum wehren. Nur durch die Mimik wird deutlich, dass es diese Art des Tröstens nicht mag.

Beispiel 2: der Mann einer Fachkraft ist verstorben. Sie befindet sich in der Trauerphase und hat Anzeichen einer Depression. Sie bemerkt die Anzeichen jedoch nicht und geht weiter in der Kita arbeiten. Unbewusst verarbeitet sie ihre Trauer, indem sie einem Mädchen lange und hingebungsvoll die Zöpfe flechtet. Sie übersieht dabei die Zeichen des Kindes, die zeigen, “ich will das nicht”.

Die Fachkraft reguliert in beiden Beispielen mit ihrem Verhalten ihre eigene innere Unruhe, die mit dem Gefühl Trauer in Verbindung steht. Im übertragenen Sinne tröstet sie mit diesem Handeln eher sich als das Kind.

Die verstrickte emotionale Situation der Fachkraft verhindern, dass diese die Zeichen des Kindes wahrnimmt, Zeichen, die zeigen, meine Grenze ist überschritten. In diesem Fall ist der Körperkontakt also eine Grenzüberschreitung und die professionelle Distanz wird hier tatsächlich nicht gewahrt. 

2. Ausnahme: die Fachkraft will die Nähe nicht

in der Bedürfnisorientierten Kinderbetreuung stehen die Personen im Mittelpunkt, die miteinander in Beziehung treten. Das heißt, die Fachkraft trifft mit ihren Bedürfnissen, Gefühlen und Grenzen auf die Bedürfnisse, Gefühle und Grenzen des Kindes. Wenn das Kind sehr viel Nähe benötigt und dies durch verschiedene Anzeichen zeigt, gilt es abzuwägen, ob für mich als Fachkraft damit eine eigene körperliche Grenze überschritten ist.

Zum Beispiel:

  • das Kind will seine Hand in den Ausschnitt schieben
  • das Kind will die Brust anfassen
  • das Kind will mir einen Kuss geben
  • das Kind will mit mir aufs Klo kommen

Wenn das Kind eine dieser körperlich nahen Verhaltensweisen zeigt, gilt es sehr sensibel abzuwägen:

  1. welches Bedürfnis hat das Kind? Was steckt dahinter? Welches Gefühl steckt dahinter?
  2. Was möchte das Kind mir mit dem Verhalten sagen?
  3. Will ich das? Ich spüre in mich hinein und fühle, ob eine eigene Grenze erreicht ist.

Wenn meine körperliche Grenze vom Kind eindeutig überschritten wurde, ist es folglich meine Verantwortung als Fachkraft dem Kind (egal welchen Alters) diese Grenze offen, klar und freundlich zu kommunizieren und zu begründen.

“Lisa ich will nicht, dass du mich küsst. Das ist mir unangenehm”

Gleichzeitig gilt es immer abzuwägen wie schwer das Bedürfnis des Kindes nach körperlicher Nähe wiegt? Ist es unbedingt notwendig, dem Bedürfnis des Kindes nachzukommen? Stelle ich das Bedürfnis des Kindes vielleicht sogar über mein eigenes Bedürfnis nach Abgrenzung weil ich weiß, dass es die einzige Strategie des Kindes ist, sich effektiv zu beruhigen? Oder gibt es einen anderen Weg das Kind in seiner Regulation zu unterstützen und ich kann meine körperliche Grenze wahren

Nach Benennen der eigenen Grenze sollte das Kind in seinen darauf folgenden Gefühlen begleitet werden. Lese dazu auch gerne meinen Artikel zum Umgang mit Wut

Zum Beispiel kann das Kind wie folgt in seinen Gefühlen begleitet werden, wenn ich als Fachkraft meine Grenze deutlich gemacht habe:

“Du ärgerst dich ganz doll weil du so gerne mit mir kuscheln möchtest. Gleichzeitig mag ich nicht so gerne, wenn du deine Hand in meinen Ausschnitt steckst. Schau mal, vielleicht können wir einfach so miteinander kuscheln und ich streichele dir die Hand. Oder was hast du für eine Idee?”

3. Ausnahme: Die Eltern wollen die Nähe nicht

Bei sehr intimen Bedürfnissen des Kindes nach Körperkontakt (wie oben beschrieben) ist es unbedingt notwendig dieses Bedürfnis des Kindes mit den Eltern zu besprechen und zu fragen:

  1. Darf ich so nah an euer Kind ran?
  2. Wenn nein. Was ist eure Angst dahinter?
  3. Gibt es alternative Beruhigungsmöglichkeiten?
  4. Wie kann ich als Fachkraft mit dem Nähe-Bedürfnis des Kindes eurer Meinung nach umgehen?

Die Einbeziehung der Eltern in solche intimen Fragen schafft Nähe und Vertrauen.

Letztlich ist es egal ob zuhause oder in der Einrichtung, Kinder brauchen Menschen, die ihre Signale wahrnehmen und ihnen ihre Bedürfnisse erfüllen. Wenn das Bedürfnis der Kinder Nähe und Zuneigung ist, sollten wir ihnen dieses Bedürfnis erfüllen. Dann ist es egal ob wir die Eltern sind oder Fachkräfte in den Einrichtungen.

Hörmann, K. (2013): https://www.kita-fachtexte.de/de/fachtexte-finden/die-entwicklung-der-fachkraft-kind-beziehung (Letzter Zugriff am 22.02.2020)

Maywald, J. (2019): Gewalt durch pädagogische Fachkräfte verhindern: Herder Verlag. (Amazon)

Onlinequelle: https://www.brain-effect.com/magazin/oxytocin-wirkung

Nützliches Wissen zur Eingewöhnung Teil 2 – fünf Fehlannahmen einer abgeschlossenen Eingewöhnung

Während der Eingewöhnung werden oft Fehlannahmen getroffen, die eine abgeschlossene Eingewöhnung vermuten lassen. Es handelt sich jedoch häufig um Fehlinterpretationen der kindlichen Signale. Hier eine Zusammenfassung von fünf möglichen Fehleinschätzungen einer abgeschlossenen Eingewöhnung:

1. Das Kind spielt ununterbrochen

Das Kind spielt während der Eingewöhnung beinahe ununterbrochen. Es ist so sehr damit beschäftigt den Raum und die Spielsachen zu erkunden, dass es die Abschiede der Bezugsperson kaum wahrnimmt. Aus diesem Grund springt das Bindungsverhaltenssystem nicht oder kaum an. Das Interesse für das Neue steht in dem Moment im Zentrum und über der Trauer und dem Verlust der Bindungsperson. Man hat das Gefühl, das Kind bräuchte keine Eingewöhnung mehr. 

Das ändert sich jedoch, sobald der Raum ausreichend erkundet wurde und eine erste Langeweile aufkommt. Wenn die Bindungsperson für lange Zeit weg bleibt, kann der Abschiedsschmerz wieder aufflammen.

2. das Kind ist offen, zugänglich und kommunikativ

Die Fachkräfte freuen sich, wie offen, zugänglich und kommunikativ das Eingewöhnungskind ist. Schon vor der Eingewöhnung wird von vielen Seiten vermutet, dass das Kind schnell eingewöhnt sein wird. Dieses offene Verhalten zeigt das Kind allerdings nur, wenn die Bindungsperson (Mutter oder Vater) anwesend ist oder nur für kurze Zeit den Raum verlässt.

Dann kommt die Vermutung auf, die Eingewöhnung würde nicht lange dauern. Man bekommt als Fachkraft schnell den Eindruck, die Eingewöhnung sei fast abgeschlossen.

Der Fokus der Beobachtung in der Eingewöhnung sollte jedoch nicht auf den Momenten liegen, in denen die Mutter oder der Vater mit dabei sind, sondern vielmehr auf den Reaktionen des Kindes, wenn die Bezugsperson den Raum verlässt. Kann das Kind dann seine offene, kommunikative, zugängliche Art behalten oder wird es verschlossener, gehemmter und spielt weniger?

Diese offenen kommunikativen Kinder sollten über längere Zeit weiter beobachtet werden, um herauszufinden, ob die Eingewöhnung für sie tatsächlich abgeschlossen ist.

3. Die Trauerphase des Kindes setzt später ein

Es gibt Kinder, die reagieren während der Eingewöhnung nur wenig auf die Trennungen von ihren Bezugspersonen. Die Eingewöhnung scheint sehr gut zu laufen. Das Kind kann sich ohne große Widerstände zu zeigen, von seiner Bindungsperson trennen. Die Eingewöhnung scheint schnell zu gehen. Auch wenn die Eltern nach der Trennung wiederkommen, freut sich das Kind und begrüßt sie.

Es kann bei diesem Kind sein, dass der Trauerprozess erst später einsetzt. Vorher augenscheinlich “einfach” einzugewöhnende beginnen plötzlich viel zu weinen, zu wüten, werden aggressiver, beginnen zu beißen, werden anhänglicher.

Kinder, die eher abrupt eingewöhnt werden, zeigen häufig erst später Gefühle der Trauer so Beller (2002) in seiner Studie zur Eingewöhnung von Kindern. Lies dazu auch gerne meinen Blogartikel: Nützliches Wissen zur Eingewöhnung Teil 1: Wissenschaftliche Erkenntnisse aus der Transitionsforschung : https://www.beduerfnisorientierte-kinderbetreuung.de/nuetzliches-wissen-zur-eingewoehnung-wissenschaftliche-erkenntnisse-aus-der-transitionsforschung

Wenn der Trauerprozess des Kindes erst später einsetzt, kann es unter Umständen Sinn machen, die Eltern nochmal dazuzuholen und die Eingewöhnung zurückzuschrauben. Dazu ist eine auf das Kind und die individuelle Situation abgestimmte Entscheidung zu treffen.

4. Das Kind spielt nicht

Die Eingewöhnung scheint abgeschlossen zu sein, denn das Kind weint nur kurz bei der Übergabe, beruhigt sich dann aber schnell. Oft heißt es, das seien die Kriterien für eine abgeschlossene Eingewöhnung.

Es ist allerdings wichtig, das Kind über den gesamten Tag hinweg zu beobachten. Wenn auffällig ist, dass das Kind..

  1. viel (vor sich hin) jammert
  2. das Kind kaum oder gar nicht spielt
  3. viel schnullert
  4. dauerhaft auf den Arm genommen werden will

… dann ist die Eingewöhnung für das Kind noch nicht abgeschlossen. Es zeigt Stresszeichen, die auf ein erhöhtes Stresslevel hinweisen. Die Eltern sollten darauf hin informiert und wieder dazugeholt werden.

Zum Wohle des Kindes sollte dann eine gemeinsame Lösung gefunden werden zum Beispiel:

  • Eingewöhnung zurückdrehen
  • Krippenbesuch nach hinten verschieben
  • kürzere Trennungszeiten
  • Wenn keine Lösung mit den Eltern gefunden werden kann, das Kind durch intensiven Körperkontakt mit der Krippenerzieherin darin unterstützen den Stress zu regulieren. Das Kind sollte dabei so wenig wie möglich abgesetzt werden. Eine Erleichterung bietet dabei eine Babytrage. Darin fühlen sich die Kinder sicher.

5. Das Kind ist unsicher vermeidend an die Eltern gebunden

Das Kind scheint mit der Eingewöhnung keine Schwierigkeiten zu haben. Die Eltern verlassen den Raum ohne dass das Kind weint. Sie kommen wieder und das Kind spielt einfach weiter ohne die Eltern zu beachten. Es scheint ein Kind zu sein, dass sich problemlos an die Situation anpassen kann. 

Darin liegt jedoch die Tücke. Es kann sein, dass das Kind unsicher vermeidend an seine Eltern gebunden ist. In der Bindungsforschung ist das eine unsichere Bindungsqualität, die sich daran erkennen lässt, dass Kinder trotz innerer Anspannung diese nicht nach außen tragen. 

Zum Beispiel: wenn das Kind in der Eingewöhnung beim Abschied durch die Bezugsperson Angst, Trauer oder inneren Stress verspürt, kann es sie dennoch nicht nach außen tragen. Das Kind versucht, diese negativen Gefühle zu vermeiden, “herunterzuschlucken”. Es hat die Erfahrung gemacht, dass es seine tatsächlichen Gefühle lieber verdrängen sollte.

Man weiß allerdings aus der Bindungsforschung, dass Kinder, die unsicher vermeidend gebunden sind, innerlich am meisten Stress verspüren. Der Cortisolwert im Blut ist sehr hoch obwohl sie nach außen hin wenig gestresst wirken. 

In der Eingewöhnung lässt sich eine unsicher vermeidende Bindungsqualität meist daran erkennen, dass die Kinder beim Abschied der Eltern keine Bindungszeichen zeigen (Weinen, Klammern, Arme hoch, winken o.ä.). Noch deutlicher wird die unsicher vermeidende Bindungsqualität bei der Wiederkehr der Bezugsperson. Das Kind zeigt dann keine Freude über die Wiederkehr, meidet den Blickkontakt zur Bezugsperson, wendet sich eher ab und spielt weiter.

Wenn das Kind unsicher vermeidend gebunden ist, ist es umso wichtiger, dass die Eingewöhnung behutsam und ausgedehnt durchgeführt wird. Die betreuende Fachkraft kann dann die vermuteten Gefühle des Kindes spiegeln und verbalisieren:

“deine Mama geht jetzt. Vermutlich bist du traurig darüber?”

“macht es dir ein wenig Angst wenn dein Papa geht?” 

“das können wir gut verstehen”

“wir passen auf dich auf und trösten dich”

“wenn du magst, darfst du zu mir kommen und ich nehme dich in den Arm”

Eine bedürfnisorientierte kurze Eingewöhnung gibt es auch!

Selbstverständlich kann es auch sein, dass Eingewöhnungskinder und die Bezugspersonen sich gut voneinander lösen können. Das Kind ist offen, fasst schnell Vertrauen zu einer Bezugsperson und trauert kaum beim Abschied von der Bezugsperson. Die Eltern können ebenfalls gut loslassen und hadern kaum mit der Trennung von ihrem Kind. Bei weiterer Beobachtung des Kindes lässt sich feststellen, dass die Trennung auch langfristig für es in Ordnung ist.

Unter diesen Voraussetzungen kann es sein, dass eine Eingewöhnung auch bedürfnisorientiert kurz sein kann!

Wir sollten uns jedoch immer vor Augen halten, dass eine für die Bedürfnisse des Kindes nicht ausreichend gestaltete Eingewöhnung dazu führen kann, dass das Kind häufiger krank ist, viel jammert und es in seiner Entwicklung beeinträchtigt wird (Grosch/ Schmidt-Kolmer (1979).

Grosch, Ch./ Schmidt-Kolmer, E. (1979): Untersuchungen in der DDR. In: Schmidt-Kolmer, E (Hrsg.): die soziale Adaption der Kindern bei der Aufnahme in Einrichtungen der Vorschulerziehung. Berlin: Volk und Gesundheit.

Beller, K. (2002): Eingewöhnung in die Krippe. Ein Modell zur Unterstützung der aktiven Auseinandersetzung aller Beteiligten mit Veränderungsstress. Frühe Kindheit. 2(5), S. 9-14.